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Die Stimme · 1929-04-11 · Heft 67 (11.4.1929) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 67 (11.4.1929)
Date
1929-04-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 67 darauf, ob sie rechtmäßig oder auf illegalem Wege ins Land gekommen sind. Diesen böswilligen Verleumdungen zweier Nationen traten die jüdischen Mandatare und die jüdische Presse der Vereinigten Staaten in schriftlichen Publikationen und öffentlichen Versammlungen schärfstens entgegen und nun erst legte sich der so wild entfesselte Sturm, nachdem die erwähnte überpatriotische „Evening Post“ in einem etwas verschämt und kleinlaut gehaltenen Rückzugsartikel selbst zugab, daß ihre Informationen einigermaßen ungenau waren und daß sie besonders hinsichtlich der durch gewisse Kreise verbreiteten Falschmeldungen, die von einem groß angelegten jüdischen Einigrationsschmuggel in die Vereinigten Staaten wissen wollen, ihre bisherige Meinung gründlich revidieren müssen... Das Problem des österreichischen Zionismus Vor einigen Wochen wurde an dieser Stelle versucht — es geschah unter dem kennzeichnenden Titel „Desorganisation“ — die Aufmerksamkeit der Leser auf die Probleme der österreichisch-zionistischen Arbeit im Hinblick auf den bevorstehenden Delegiertentag zu lenken. Es sollte der Auftakt zu einer Diskussion sein, die aber ausgeblieben ist. Wir haben in den Wald gerufen — aber es hallt nichts zurück. Das hängt zu gutem Teil damit zusammen, daß es einen solchen Wald nicht gibt; wir glaubten ihn zu sehen, aber es sind bloß „lauter Bäume“. Die österreichisch-zionistische Organisation ist a t o m i s i e r t, nicht organisch gegliedert und dieser Umstand erschwert eine einheitliche Willensbildung. Wir haben keinen Mangel an organisatorischen Gebilden; im Gegenteil: Es gibt eine Unzahl von Sektionen, Sondergruppen und -Vereinigungen und darüber ein Landeskomitee, einen Parteirat, einen Klub der Mandatare, ein Präsidium des Keren Kajemeth, ein solches des Keren Hajessod, eine Ersparungs- und Kontrollkommission und wohl noch allerhand Funktionäre. Aber was es nicht gibt, ist das selbstverständliche Ineinandergreifen aller dieser Instanzen und Gruppen, ist eine organische zionistische Arbeit, ist eine eindeutige zionistische Willensbildung und damit erst eine echte zionistische Demokratie, die sich nicht an der Fülle der Instanzen, an dem gelegentlichen Funktionieren der Abstimmungsmaschine, sondern ah dem echten Verhältnis zwischen Führern und Gefolge, an der aus diesem Verhältnis heraus erwachsenden Gruppen- und Willensbildung ermessen läßt. Man soll nicht glauben, daß der Zionismus, sofern man darunter eine Gesinnung versteht, in Oesterreich kleiner geworden ist; aber die Organisation ist geschwächt, während an der Peripher io, unter den von uns gar nicht „erfaßten“ Menschen die pro-zionistische Stimmung viel größer geworden ist. Der österreichische Zionismus hat immer über Meuschen verfügt, die für Führung und Vorderfront mehr oder minder geeignet waren und sie mußten sich hei einigem Bemühen auch heute finden lassen. Daß sich so mancher gute, altbewährte Kämpfer in das inaktive Verhältnis selbst versetzt hat, liegt an den unerfreulichen Zuständen, die wiederum eine Folge unserer Desorganisation sind, weil nur diese das Ueberhandnehmen von Kleinlichkeiten, von Unsachlichkeit und das Aufkommen von allerlei Gegensätzen begünstigt, welche erst zum Schaden für das Ganze werden, sobald das p e rsönliehe Moment zu den sachlichen Differenzen hinzutritt. Und mit dieser Desorganisation hängt es wieder zusammen, daß dem besten und gewissenhaftesten Menschen, den wir wählen, eine Bürde aufgehalst und eine Opferwilligkeit gnädigst konzediert wird, die über die Kraft des einzelnen geht. . Es gibt eine Assimilation, der auch kein Zionismus zu entgehen vermag: die gewisse Anpassung ans Milieu. Darum ist z. B. der Zionismus in Deutschland so sachlich, geschlossen und anziehend und darum ist im Wiener Zionismus die Lust an der Nörgelei, die Freude am Spektakel so stark in die Höhe geschossen. Darum vielleicht bei uns der so betrübliche Mangel an organisatorischen Begabungen! Aus allen diesen Gründen bleibt für den bevorstehenden Delegiertentag das K e r n p r o b 1 e m die Frage des Auf- und Ausbaues unserer Organisation, die Frage der Betrauung der Arbeitswilligen und Befähigten mit den verschiedenen Agenden der Führung. Was uns nottut, ist eine Sanierung unserer Zusammenhangs form und ausihrheraus eine Sanierung im G e i s t e. Unsere Devise für diesen Delegiertentag und über ihn. hinaus muß lauten: Organisation und strengste Sachlichkeit; sachliche Bereinigung oder Behandlung sachlicher Gegensätze; keine Politikasterei, die im Zionismus keinen Platz haben darf, sondern aufrechte zionistische Politik. Vergessen wir nicht, daß der Zionismus die große jüdische Bewe- Das Programm, mit welchem die zionistische Partei Oesterreichs am 2. Dezember 1928 um die Stimmen der Wähler geworben hat, bedeutet in seiner Durchsetzung «die Umgestaltung» der jüdischen Gemeinde auf volkstümilcher Grundlage, den Aufbau eines geistigen, religiösen, sozialen und kulturellen Zentrums der Wiener Judenschaft, einer jüdischen Volksgemeinde, die den anerkannten Mittelpunkt pulsierenden jüdischen Lebens und den Stolz der Wiener Judenschaft bilden soll. Gegen diese Umgestaltung der Kultusgemeinde in die Volksgemeinde hat die frühere Majorität der Union-Aguda fruchtlos den heftigsten Kampf geführt. Sieht man sich nunmehr das Budget, das der Finanzreferent am 9. April 1. J. vorgelegt hat, näher an, so erkennt man auf den ersten Blick, daß der von der Union- Aguda geführte Kampf nicht nur wie der eines Don Quichotte anmutet, sondern daß ihre Behauptung, daß die Kultusgemeinde ausschließlich eine Religionsgemeinde zu bilden hat, durch die Tatsachen vollkommen widerlegt erscheint Jedes Budgetjahr bringt uns immer mehr eine Verschiebung des Anteiles der Ausgaben, die für religiöse Zwecke gemacht werden, gegenüber den Ausgaben, die für soziale und kulturelle Zwecke gemacht werden. Nichtsgestoweniger liegt für uns gar kein Grund vor, mit dem jüdischen Leben in unserer Gemeinde zufrieden zu sein. Die Notwendigkeit unserer Mandatare, ihre Zionistisches Landeskomitee für Österreich Donnerstag, den 11. April d. J., 8 Uhr abends, im Cafe Silier, I., Schwedenplatz Vortragsabend DR. LEO GOLDHAMMER: „Probleme des XVI. Zionistenkongresses“ ganze Energie immer wieder darauf verwenden zu müssen, um das, wogegen sich die Union-Aguda vergebens stemmt, durchzusetzen, besteht nach wie vor. Der im Wiener Judentum konstatierte Abbröckelungsprozeß nimmt von Tag zu Tag an Umfang und Ausdehnung zu. Ihm gegenüber steht die Union- Aguda vollkommen apathisch gegenüber. Was schert es sie, wenn das Matrikenamt immer wieder ein erschreckendes Ansteigen der Todesfälle, ein bedrohliches Sinken der Geburten, ein symptomatisches Anwachsen der Austrittsziffer, eine stetige Steigerung der Zahl der Mischehen feststellt? Die Union-Aguda gibt vor, lediglich die Sorge zu haben, woher die Einnahmen zu schaffen wären, ohne sich zu sagen, daß, wenn die Zahl der Juden von Jahr zu Jahr geringer wird, und noch außerdem durch die spezifisch jüdische Wirtschaftsnot materiell immer mehr geschwächt wird, die selbst noch so stark verringerten Ausgaben keine Deckung finden können und rinden werden. Wenn es uns nicht gelingen wird, die heute noch vonkommen uninteressiert abseits stehenden jüdischen Massen zu gewinnen, was einzig und allein die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes bewirken kann, wenn wir nicht in irgend einer Weise die Stoßkraft des jüdischen Gedankens innerhalb unserer Gemeinde zu stärken vermögen, wenn wir nicht einen erheblichen Teil unserer dem Judentum vollkommen \itfremdeten Jugend zurückgewinnen, ist der Niedergang der Wiener jüdischen Großgemeinde unaufhaltbar. Der Etat pro 1929, den Regierungsrat Herr Dr. Oppenheim am 9. April 1. J. vorgelegt hat und auf welchen wir noch zurückkommen werden, schließt mit einer Endsumme von ungefähr 5% Millionen Schilling. Den präliminierten Gesamteinnahmen von 5,650.450 Schilling stehen die Gesamtausgaben von 5,839.786 Schilling gegenüber, so daß das diesjährige Budget mit einem Defizit von 189.336 Schilling abschließt. Interessant ist das Verteiiungsverhältnis zwischen sachlichen und personellen Ausgaben, die letzteren betragen nämlich 2,394.440 Schilling, das sind 41 Prozent, die sachlichen Ausgung ist, die nicht zur Plattform für gewisse allzu menschliche Emotionen degradiert werden darf. Und daß der Wiener Zionismus ©ine besondere Verpflichtung hat, Theodor Herzls großes Erbe zu wahren. Iwri. gaben 3,445.346 Schilling, das sind_59 Prozent. Bei den wichtigsten Kapiteln stellt sich die Verteilung wie folgt: Pemn*I- SwshUch« Angaben Ausgaben Kultus- und rituelle Angelegenheiten . 50.60 % 44.40 % Schul- und Unterrichtsangelegenheiten .. 50.78% 49.22% Fürsorgewesen. 25.62 % 74.38 % Die diesjährigen präliminierten Ausgaben für Kultus- und rituelle Angelegenheiten betragen 988.760 Schilling, während die für Schul- und Unterrichtsangelegenheiten sowie für das Fürsorgewesen in Aussicht genommenen Ausgaben 1,439.584 Schilling betragen. Diese beiden Posten sind daher um 45.1 Prozent höher als die für Kultus- und rituelle Angelegenheiten vorgesehenen Ausgaben. ♦ Unsere Stellungnahme zum Gesaumtbudget wird von unseren Generalrednern Herrn Dr. Desider F r i c d m a n n und Herrn Dr. Jakob Ehrlich auseinandergesetzt werden. Zu den einzelnen Kapiteln werden sodann von den zionistischen Mandataren sprechen, und zwar: zum Kapitel Fürsorge Herr Dr. K1 a b e r und Herr Dr. Körner, zum Kapitel Schul- und Unterricht Herr Dr. Goldhammer und Herr Prof. Rath, zum Kapitel Kultus- und rituelle Angelegenheiten Herr Viktor Bnurai n g e r, zum Friedhofswesen Herr W a 11 u c h. Blutlüge im finsteren Bayern Am 24.' März wurde in M a n a u bei Hofhei.m in Bayern ein fünfjähriges Kind vermißt, das man spät abends in einem Wald mit durchschnittener Kehle auffand. Die Polizei nahm sich sofort der Sache an und leitete eine energische Untersuchung ein. Die Nürnberger Wochenschrift der «Stürmer» bemächtigte sich der Angelegenheit und suchte das Verbrechen in einen Ritualmord umzubiegen. Diese Nummer des «Stürmer» wurde in einer großen Anzahl von Exemplaren in der Gegend verteilt, nationalsozialistische Agitatoren erregen die Bevölkerung. Drei Versammlungen, die die Nationalsozialisten am 3. April in Hofheim veranstalteten, waren lange vor Beginn überfüllt Die Vorstandschaft der Bayerischen Rabbinerkonferenz, gezeichnet Dr. Freudenthal-Nümberg, Dr. Hart over-Würzburg, Dr. Stein-Schweinfurth, Dr. Salonv>n- Bayreuth, Dr. Baerwald-MUnchen, Dr. Wohlgemut- Kittzingen, Dr. Ephraim-Burgpreppach, veröffentlicht eine Erklärung, in welcher die Verleumdung des Judentums feierlich zurückgewiesen wird. Ritualmordpanik in Wilna Am Abend des 2. April entstand plötzlich ln der Hetmän« gasse und ki der Breiten Oasse in Wilna ein Ritualmordtumult. Der jüdische Friseur Hirsch Nigus und seine Frau stießen beim Verlassen des Haustors ihres Wohnhauses aus Versehen im Dunklen ein kleines christliches Mädchen um, ohne ihm ernstlich Schaden anzutun. Die Mutter des Kindes erhob ein Geschrei, die Juden wollten ihr Kind töten, um sein Blut für das Pessachfest zu benutzen. Sofort sammelte sich eine fanatisierte Menge vor dem Hause an. Das Ehepaar Nigus wurde fürchterlich mißhandelt, Es rettete sich in eine benachbarte Konditorei, worauf die Konditorei von der Menge zwei Stunden lang belagert wurde. Endlich erschien Polizei, befreite das schwerverletzte Ehepaar aus dem Keller, wo es sich versteckt hielt, und ltfhm ein Protokoll auf. Von den Huligans wurde seitens der Polizei keiner festgestellt. Ein Denkmal für Heinrich Heine in Deutschland Seit Jahren besteht bekanntlich in Deutschland ein Komitee, das sich die Errichtung eines Denkmals für Heinrich Heine in seiner Geburtsstadt Düsseldorf zur Aufgabe gemaoht hat. Das Denkmal ist bereits seit längerer Zeit fertiggestellt und doch wurde von dessen Aufstellung bis jetzt Abstand getrommen. Wie wir von dem Dichter Herbert Eulenberg, dem Vorsitzenden des Denkmalkomitees, erfahren, dürfte das Heine-Denkmal nun endlich in den näohsten Monaten zur Enthüllung gelangen, da man der Ansicht ist, daß die politischen Hindernisse, die vor Jahren der Denkmalenthüllung im Wege standen, gegenwärtig als überwunden anzusehen sind. Das Budget der Wiener Kultusgemeinde im Lichte der Tatsachen

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