Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 66 (4.4.1929)
- Date
- 1929-04-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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S0Pte 6 DIE STIMME Nr. 68 Herrenand Damen-Htelder nach Naß Bsieh« Stsffesnrahl. Zahltag aaeh Uehnatakaaaiaa. Johann laclna Wien, TI., Mariahilferstraße 1<W, Tel. B 87.2-88 Das arbeitende Palästina Vom Fritz Naiphtali (Berlin)* II. Audi als di.e verstärkte Einwamcterunig kleiimbürgcriichör Zionisten neiben der 1 andwirtsehaftHdhen Kolörlrsation den städtischen Airftrieb vorantrieb, als in Tel- Aviv die erste große rein jüdische Stadt des Landes heranwaichs und in Jerusalem und Haifa neue jüdische Stadtteile entstanden, wurde das Erlernen der neuartigen Arbeit, kn besonderen der Bauarbeit, kn großen Umfang mit dem Versuch verknüpft, besondere gew erksch af tH di -gen osse nscshaf fliehe Unternehmungsformen und neuartige Formen des Gemeinschaftslebens zu entwickeln. Je weiter sich das jüdische Leben in Palästina entfaltete (nach dem Kriege wuchs die Anzahl der Juden in Palästina von 60.000 auf etwa 160.000 an), desto mehr zeigte sich, daß auch in dem neuen jüdischen Palästina nicht eine Insel geschaffen werden konnte, in der neue und bessere soziale Formen unbestritten die Vorherrschaft erringe n k onnten. Die Einwanderung setzte sich aus Juden der verschiedensten sozialen Schichten zusammen, und auch die zionistische Weltbewegung, die hinter dem Palästina-Werk steht, schloß in sich bei der Gemeinsamkeit des nationalen Zieles die verschiedensten sozialen Auffassungen ein. So prägte sich immer mehr aus, daß die Arbeiter ihr Pioniertum in der kolonisatorischen Arbeit mit einem Kampf um die Erhaltung und Durchsetzung der ihnen eigenen sozialen Ideen zu verbinden hatten. Die Schwierigkeit, die aus dieser Situation für die jüdischen sozialistischen Arbeiter erwuchs, liegt, darin, daß sie im gleichen Augenblick, in dem sie für die Durchsetzung der von ihnen erstrebten sozialen Formen kämpfen, den Zustrom von Kapital aus Kreisen, die ihnen in ihrer sozialen Gesinnung fern stehen, und die Einwanderung von Menschen mit Kapital, und mit dem Willen zur privatwirtschaftlichen Gestaltung in jeder Form begrüßen und mit allen Mitteln erstreben müssen. Denn die Arbeiter in Palästina wissen, daß es für sie nicht darauf ankommt, dort eine Insel der Seligen für eine kleine Schar von liebenswerten Menschen zu schaffen, sondern daß es gilt, Ln dieser historischen Situation möglichst schnell ein möglichst großes und vielfältiges jüdisches Gemeinwesen in Palästina aufzubauen. Die Arbeiter haben deshalb stets, auch in Jahren der Krise, in denen sie mit der Arbeitslosigkeit schwer zu ringen hatten, das Prinzip der freien Einwanderung verteidigt. Sie haben auch stets die Bemühungen unterstützt, nichtzionistische Kreise der Juden aus Amerika und Europa zur Mitarbeit und Finanzierung des Palästina-Werkes heranzuziehen, obwohl sie sich bewußt sein mußten, daß die hier zu gewinnenden Kreise, die demnächst mit den Zionisten zusammen in der Jewish Agency die offizielle Vertretung gegenüber der Mandaitsregierumg bilden werden, den sozialen Idealen der Arbeiterklasse überwiegend fremd, wenn nicht feindlich gegenüberstehen werden. Dieser realistische Sinn entspricht auch auf lange Sicht dem sozialistischen Interesse an dem Aufbau der nationalen Heimstätte in höherem Maße als es eine sich.absperrende Konzentration auf einzelne, gewiß wichtige soziale Experimente täte. Aber gerade weil jetzt in der palästinensischen Arbeiterschaft die Hoffnung lebt, daß wieder eine stärkere Welle des Zustroms an Kapital und Arbeitskräften nach Palästina beginnen wird, und gerade weil die Arbeiter seihen, daß jetzt der Einfluß von Juden, die der amerikanischeuropäischen Finanzwelt angelhören, sich in der Leitung des Palästina-Werkes erweitern wird, sehen sie sich gezwungen, auch alle jüdischen Kräfte in der Welt zu sammeln, die bereit sind, innerhalb des Aufbauwerkes den sozialistischen Geist lebendig zu erhalten. Es geht bei diesem Ringen um die Formen der Kolonisation in Palästina, um die Erhaltung einer Reihe von Grundsätzen und Institutionen. In erster Linie steht dabei das Prinzip des nationalen Besitzes andern zu besiedelnden Boden, das durch den Jüdischen Nationalfonds repräsentiert wind. Des weiteren geht es um die Freiheit der Siedler in der Wahl der Wirtschafts- und Lebensformen, im besonderen um die Erhaltung der Form der Kwuzah, die auf kollektiver Bewirtschaftung des Bodens und kollektivistischen Verbrauchsformen beruht. Schließlich geht es auch um die Anerkennung der Histadrut'h, der gemeinsamen Organisation der landwirtschaftlichen und städtischen Arbeiter im Kolonisationswerk. Je weiter sich privatwirtschaftliche und gewerbliche Betriebe im Lande ausddhnem werden, desto wichtiger werden auch die Kämpfe um den Aufbau eines modernen Arbeitsrechtes, um Arbeiterschute, Arbelterverstehemtng ond Mitbestimmungsredlte der Arbeiter in der Wirtschaft innerhalb der palästinensischen Gesellschaft werden. Der jüdische Sozialist, der die Bedeutung des nationalen Brneuerungswerkes erkennt, hat gleichzeitig das brennende Interesse daran, daß dieses Erneuerungswerk im höchstmöglichen Maß mit sozialistischem Geist durchdrungen wird. Der Vorrang der Arbeit vor dem Kapital, der Vorrang der Gemeinschaft vor der Einzelwirtschaft, die freie Entfaltung neuer sozialer Lebensformen, auch dann, wenn sie mit Experimenten verbunden sein mögen, deren Erfolge ungewiß sind: das alles sind Dinge, um die unsere Genossen in Palästina zu ringen habet», und bei denen sie die Unterstützung des internationalen Sozialismus, besonders aber aller sozialistischen Juden, finden sollten. Diese Hiflfsstellung durch Aufklärung über die Ideen, durch Information über die Tatsachen des palästinensischen Werkes, durch enge persönliche Verbindung mit den palästinensischen Geflossen materiell und geistig fruchtbarer zu gestalten als es bisher der Fall war: das ist die Aufgabe der neu errichteten Liga für das arbeitende Palästina. Es gibt Jüdische Sozialdemokraten, denen es an Verständnis und Interesse für das Werk des Palästina- Aufbaues an sich vielleicht nicht fehlt, die sich aber in der aktiven Förderung dieses Werkes geihemmt fühlen, weil sie glauben, daß diese Einreihung sie in Konflikte bringen könnte mit ihren Aufgaben und ihrer Stellung in Deutschland! und gerade auch innerhalb der deutschen Sozialdemokratie, der ihre Lebensarbeit gehört. Diesen Genossen möchte ich zum Schluß sagen, daß es nach meiner festen Ueberzeuguug das unentrinnbare Schicksal des emanzipierten Juden in der Welt ist, daß er zugleich in verschiedene Schicksalsgemeinschaften verknüpft «st. Er gehört zu dem Jüd. Angestelltenverband „Emunah“ Montag, den 8. d. M,. 8 Uhr abends, im Klubsaal des Cafg Produktenbörse, II., TaboiStraße 10 konstlt. Versammlung. Anschließend Vortrag des Herrn Dr. Leo Goldhammer: . *Die gegenwärtige Wirtschaftslage u. die jüd. Angestellten“. Gäste willkommen! Land, dessen Bürger er ist, in dem ex lebt, in dem er kämpft, und er gehört gHchzeittg zum jüdischen Volk, dem er durch Stammes- und Schic'ksal6gemei>nschaft untrennbar verbunden ist Diese zwiefachen Bindungen sind gewiß nicht frei von Problematik. Aber es ist eine Illusion, und eine Illusion, die gefährlich ist, weil sie zur Unaufrichtigkeit und zum Mangel an Würde führen kann, wenn der Jude dieser Problematik durch ein Verleugnen oder Verstecken seines Judentums ausweichen zu können glaubt Für den Juden, der Sozialist ist, ergibt sieh aus der Eigenart der jüdischen Situation, daß das Schicksal ihn Im Kampf für die Verwirklichung seiner sozialistischen Ideale an zwei Fronten gestellt hat: an die Front des Landes, in dem er lebt, und an die Front des Volkes, dem er angehört, und dessen Arbeiterpioniere um nationale und soziale Erneuerung in Palästina kämpfen. Gerade wenn der Jude seine Eigenart nicht verleugnet gerade wenn er innerhalb der deutschen Sozialdemokratie kämpfen will, nicht obgleich er Jude ist, sondern als J u d e, dann wird für seine Zusammenarbeit mit den nichtjüdischen Genossen die ehrlichste und deshalb auch die gesündeste und fruchtbarste Basis gefunden werden. Es ist ganz besonders des Sozialisten, der sich der Bedeutung aller nationalen Gemeinschaften für die Entfaltung der schöpferischen Kräfte bewußt ist, unwürdig, die Rolle des verschämten Juden zu spielen, der nur ein Produkt bürgerlichen gesellschaftlichen Ehrgeizes ist. Als selbstbewußter Jude muß er in die gemeinsame Kampffront eintreten. Dann w-ird es ihm zur Lust werden, daß das Schicksal ihn bestimmt hat, für die Verwirklichung seiner sozialistischen Ideale an zwei Fronten zu kämpfea Hervorragender Kantor musikalisch ausgebildete fenorstimme, beste Zeugnisse und Referenzen, sucht Posten. Äußerst bescheidene Ansprüche. Zuschriften an Israel Deutsch, II., Große Schiffgasse 24 10. Palästina-Regierung und Einwanderung In der palästinensischen Arbeiterrevue «K untres» behandelt Schafi Probleme der Einwanderung. Er wirft der zionistischen Exekutive vor, daß sie in dieser zionistischen Kernfrage versagt habe: In Zeiten starker Einwanderung habe sie nicht verstanden, die Einwanderung zu dirigieren; in den Zeiten, da die Regierung die Tore des Landes geschlossen habe, sei sie darin durch die Exekutive noch bestärkt worden. Weder in der zionistischen Organisation noch im Jischuw beweise man genügendes Verständnis für die Frage. Die großen Regierungsarb ei ten ständen vor derTür und keine jüdischen Arbeiterständen zur Verfügung. Iahrelang bereiteten sich Chaluzim im Ausland auf ein Leben der Arbeit in Palästina vor, und jetzt, wo Arbeiter benötigt würden, seien sie nicht vorhanden. Es sei eine Utopie, zu glauben, daß die Einwanderung «reguliert» werden könne. Niemals könne man mit Bestimmtheit Voraussagen, wieviele Arbeitskräfte das Land aufzunehmen imstande sei; denn das Land stehe im Anfang seiner Entwicklung und die Arbeitskräfte schüfen sich die \rbeit. Und was die Politik der Regierung in der Einwanderungsfrage anlange, so müsse endlich verstanden werden, daß die Regierung sich nicht etwa vom Interesse des Landes leiten lasse, sondern nur von der Befürchtung, daß die R egierungskasse für Einwanderungszwecke in Anspruch genommen werden könne. Die letzte Zeit habe mit aller Deutlichkeit diese Regierungspolitik enthüllt und gezeigt, was die Regiefung mit dem Geld anfange, das sie vom jüdischen Volk erhalte Und wir hülfen ihr dabei, indem wir die Ideologie für die Sperrung der Einwanderung zur Verfügung stellten. D i e letzte Krise wäre in ganz anderer Weise zu beseitigen gewesen, wenn wir gewußt hätten, wie es in Wahrheit mit den Regierungsfinanzen bestellt war. Unsere Haltung gegenüber der Regierung müsse durch diese neuen Erkenntnisse bestimmt werden. Das Regierungsbudget verlange genaues Studium und auf dessen Grundlage müßten wir unsere Forderungen erheben, vor allem aber ln bezug auf eine völlig veränderte Einwanderungspolitik. Zum Hafenbau in Haifa Die arabische Zeitung «El Gar m eb (Haifa) wirft der Regierung in einem längeren Artikel die dauernde V e rschi-ebung des Halenbaues in Haifa vor. Wenn der Hafenbau nicht jetzt sofort, sondern erst im Juni begonnen werde, so bedeute das wiederum, daß der eigentliche Beginn der großen Artr'ten erst im Jahre 1930 stattfinden würde, da infolge der Herbststürme eine Fortsetzung der Arbeiten durch das ganze Jahr hindurch unmöglich sei. Für das Land erwachse aus dieser dauernden Verschiebung schwerer Schaden, da die A n 1 e i h e, aus der die Kosten des Hafenbaues bestritten werden sollten, bereitsseit!927 verzinst werden müßte, ohne daß die Mittel ihrer Bestimmung zugeführt werden konnten. Der Chajes-Wald in Palästina Der Chajes-Wald wird, wie uns gemeldet wird, nächst der Kolonie Ben Schemen errichtet werden, rechts vom Jaar Austria, dem von den österreichischen Juden gestifteten, über 100.000 Bäume umfassenden Wald Oesterreich. Diese Siedlung liegt an der Bahnstrecke Jaffa—Jerusalem und ist für Einheimische und Touristen leicht zugänglich. Die Lage des Chajes-Waldes ist eine bevorzugte, da in Ben Schemen die allerersten Baumpflanzungen angelegt und zunächst als Standplatz für den Herzl-Wald bestimmt worden waren. Für den Chajes-Wald sind nun in Oesterreich 3300 Bäume gestiftet worden. (Die Kosten der Pflanzung und Erhaltung eines Baumes betragen S 10.50.) An alle Verehrer des so früh Verblichenen, an alle, denen sein Andenken teuer ist, ergeht der Appell, unermüdlich für den Chajes-Wald zu werben, damit der tote Führer ehestens das Denkmal erhalte, das sein rastloses Wirken für die jüdische Volkssache aufs sinnfälligste und würdigste veranschaU' liehen soll! Messeausstellung in Tel Aviv Im April d. J. findet bekanntlich in Tel Awiw eine Messe und eine Ausstellung der Palästina-Produkte statt. Im Anschluß daran wird auch eine Konferenz aller Interessenten stattfinden, die sich für die Verbreitung der Tozereth-Haarez (Palästina-Produkte) in der ganzen Welt interessieren. Die Messeleitung hat von den wichtigsten Schiffahrtsgesellschaften bedeutend!; Fahrpreisermäßigungen für diejenigen Personen erlangt, d|e Zur Messe nach Palästina kommen. Die Ermäßigungen betragen 25 bis 40 Prozent und gelten bis inklusive 15. Mai d. J. Messekarten sowie Anweisungen auf Fahrpreisermäßigung sind im Palästinaamte, Wien, I., Kärntnerstraße 28, erhältlich, und zwar täglich vom 9 bis 1 Uhr vormittags. Wochen-Kalender April 1929 Gedenktage "HKl B"snn 4 Donnerstag l; — der borühmte Philosoph Prof. Hermnn Cohen In Berlin gestorbeD. 88-33 5 Freitag 84--D 6 , Samstag 1875 — Moses HeQ gestorben. 25 t-,13 7 Sonntag 26-13 8 Montag 1700 — die bebrfiisebe Dichterin Raohel Mospurgo in Triest geboren. 87-t3 9 Dienstag 28-ns 10 1 Mittwoch 1015 — der Jiddische Dlobter Jizohak Leib Perez in Warschau gestorben. 89—