Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 66 (4.4.1929)
- Date
- 1929-04-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 6G Diese und andere Tatsachen beweisen zur Genüge, daß die Juden in Deutschland heute in einer weit ungünstigeren Situation sich befinden als je zuvor. Dies ist keine Uebertreibung, sondern die volle traurige Wahrheit. D i c J u d c n f r a g e D e u t schlands ist gegen w artig weit weniger ein Problem der politischen Herrschaft der jüdischen Kapitalisten, als vielmehr eine Frage derarmen, besitzlosen Juden, der jüdischen Arbeiter und Beamten. Und eben diese Erkenntnis, das Bewußtsein von der ■ ' . ökonomischen Gefahr, die den jüdischen Arbeiter auf dem internationalen Arbeitsmarkt bedroht, macht es mir, dem Juden und Sozialisten, . zur doppelten Pflicht, die Förderung des jüdischen Paiasfinawerkes durch den internationalen Sozialismus, wie sie in der Gründung des Pro- Palästina-Komitees der sozialistischen Internationale zum Ausdruck kommt, wärmstens zu begrüßen. Denn es ist meine Ueberzeugung, daß die Idee einer jüdischen Heimstätte in Palästina, ohne daß ich an die Möglichkeit und Wünschbarkeit der Verdrängung der Araber glauben würde, mit den gegenwärtig in der ganzen Welt herrschenden politischen und wirtschaftlichen Bedingungen vollkommen im Einklang steht. Die Schaffung der jüdischen Heimstätte soll auch { der Welt beweisen, was jüdische Gemeinschaftsarbeit auch unter den ungünstigsten Ümständen zu vollbringen vermag. Man sagt, daß die Verwirklichung^ des Zionismus durch gewisse sentimentale Emotionen des über die ganze Welt zerstreuten jüdischen Volkes wesentlich gefördert wurde. Allein diese gefühlsmäßige Fundierung des jüdischen Aufbauwillens bedeutet für eine sozial-progressive Erneuerung des jüdischen Volkes keinerlei Hindernis und kann überdies mit Hilfe der sozialistischen Aufklärung zu einem Faktor internationaler Verständigung und Versöhnung werden. Der jüdische Richter; und das Kruzifix Eine eigenartige Frage beschäftigt : seil kurzem die deutschen Justizbehörden und zugleich auch die jüdische Oeffentlicbkeit Deutschlands: Darf ein. jüdischer Richter während eines Prozesses, den er leitet, aus religiösen Gründen das Kruzifix vom Verhandlungstisch entfernen lassen? Der Sachverhalt i<=t folgender: t Der jüdische Richter Dr.Treun d, Sohn eines bekannten Rabbiners aus Hannover, erhielt vor .einigen Wochen den Auftrag, einer Schw&rgerichtsverhandlung in Bzing zu präsidieren. Gleich;in der ersten Sitzung ließ der jüdische Richter, der konsei vatlvreligiöser Gesinnung ist, das .Kruzifix . vom, Verhandlungstisch entfernen. Er ging hiebet von der Ueberlegung aus, daß die deutsche Prozeßordnung im Sinne der durch die Reichsverfassung ausgesprochenen Trennung von Kirche und Staat die Beibehaltung des Kruzifixes nicht vorschreibt und daß es itim, als einem religiösen Juden, widerstrebt, angesichts des Kreuzes die Verhandlung zu führen. Auf diesen «frechen .Üöbergriff»- d£s jüdischen Richters stürzte sich natürlich -die gesamte klerikale Presse Deutschlands, die die' sofortige strafweise Suspendierung des «Rabbinersohnes*- forderte. Tatsächlich bescfiied der Präsident des Landesger>chtcs den jüdischen Richter zu sich, sprach ihm seine Mißbilligung aus und entzog iiim den Ger chtsvorsitz für eine ganze Verhandlnngssession. Aber der Sturm gegen den jüdischen Richter wollte sich noch lange nicht beruhigen. Es regnete von allen Seiten Proteste und Beschwerden und auch die jüdische Gemeinde des Ortes sah sich- «loyalerweise» zu einer Kundgebung gegen Dr. Freund veranlaßt, in der der Gemeind e'vorstaml gerade vom jüdisch-religiösen Standpunkt das Vorgehen des jüdischen Richters tadelte. Im gleichen Sinne äußerten sich mehrere jüdische Richter Deutschlands, die in der Entfernung des Kruzifixes eine Verletzung dpr religiösen Gefühle der Nichtjuden erblickten. Dagegen beharrt Dr. Freund auf seinem Standpunkt, der allein in sozialistischen und in den Kreisen der Freidenker Unterstützung fand. Der jüdische Richter erhob letztens in einer Eingabe an das Reichsjustizministerium Beschwerde gegen die unrechtmäßige Verfügung des Landesgerichtspräsldenten und nun erwartet man in jüdischen Kreisen Deutschlands die Entscheidung des Reichsjustizministers über die interessante Frage, ob ein jüdischer Richter aus religiösen Gründen während der Prozeßführung das Kruzifix vom Verhandlungstisch entfernen lassen darf. . Neueinführung bei Lissiansky 200'. 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A 41-8-6* Talmud und Numerus clausus Eine ungarische Prozeßwoche Vor zwei Jahren veröffentlichte Alfons Luzsönßky eine angebliche Uebetrsetzung des Talmud, Der Prospekt wurde auch dem Prokuristen einer Pecser Firma, Ladislaus Fried, eingeisandt, der hierauf den Verfasser ln . einer Postkarte einen «Talimidfälscher» und einen «Verbreiter der Zwietracht» nannte. Luzsenßky strengte einen Verleuindungsprozeß an, in dem Fried ziu einer, Geldstrafe von 24 Pengrt verurteilt wurde. Infolge Appellation des Verteidigers wurde dieses Urteil des Strafbezirksgerichtes annulliert und die Durchführung ,desr Wahrheitsbeweises angeordnet. In,der.jüngst; stattgefundenen Verhandlung beschloß der .Gerichtshof, die Budapester Peter-Päzmäny-Universität zu ersuchen, den. Rektor des Budapester Rabbinerseminars, Dr. Ludwig Blau, als Sacnverständigen über die sogenannte «Tal'mudübersetzung»:;zu befragen. b' * . Am gleichen Tag£ verhandelte der berüchtigte Töreky-Senat des Budapester Strafgerichtshofes einen politischen Verleumdungsprozeß, den der gewesene Die in ihrer Qualität unübertroffenen, unverfälschten Original Ealästina-Weine aus den bestrenommierten alten unter strengster ritueller Aufsicht stehenden Kellereien der Chewra- Misrachi aus Jaffa sind bereits eingetroffen.! *k Verkauf: Sta<UgutlceUejr,J Wien, II., Große Stadtgutg. 36, Tel. R 29-7 34 En gips und en detail Ministerpräsident Graf Paul Te 1 e kl, der.Ehrenpräsident der rechtsradikalen Burschenschaftsverbände, gegen den jüdischen Chefredakteur des «Pestef Lloyd», Josef V e s z i, angestrengt hatte, weil Veszi im. September 1927, zur Zeit der antisemitischen Unruhen au den Budapester Hochschulen, in einem Leitartikel behauptete, Graf Teleki verleite die Jugend auf einen Weg, der dem 'Gesetz widerspricht, indem er die ungarische Studentenschaft aufgefordert hat, mit allen Mitteln für däle Verdrängung der jüdischen Hörer von den ungarischen Universitäten zu kämpfen. Für die Verhandlung gab sich großes Interesse kund,fzumal der 70jährige Publizist he.ute zum erstenmal in seinem Leben a|s Angeklagter vor Gericht stand. Die Verhandlung war1 von außerordentlich kurzer Dauer.Veszi bot den Wahrheitsbeweis für seine Behauptung an.Das Gericht lehnte aber sämtliche Beweisanträge Veszis ab und verurteilte ihn.wegen. Verleumdung zu einer Geldstrafe von 1000 Pengö, bedingt auf drei Jahre. Der tschechoslowakische Studentenverband gegen Numerus clausus Vor kurzem fand in B r a t i fl a v a die Jahreskonferenz des „Verbandes der tfchechoflowakifchcn Studentcnfchaft“ ftatt, bei welcher hauptfächlich über die Frage der Einführung eines Numerus claufus an'den Hodifdiulen verhandelt wurde.- Der Landespräfident für die Slowakei, Drobriy, fowic der Rektor der .Univerfität Pr.cßburg, Dr. Prazak, fprachcn lieh g e g e n die Einführung eines Numerus claufus - aus. In einer Refolution,, wurde zum Ausdruck gebracht, daß fidi die tfchedioflowakifche Studcntenfchaft mit-'aller Energie gegen die Einführung des Numerus' claufus wahren werde, und Vcrfuche in diefer Richtung, die an der Prager Hödifchule für Elektrotechnik und Mafchineobau unternommen Würden, fcharf verurteile. . Gilt im heutigen Spanien das Judenvertreibungsdekret vom Jahre 1492? Aus Sofia lpeldet die J. T. A.: Der Präsident der jüdischen V öj r b ü n d 1 i g a i n B ii 1 g a r i e,b jGhr>- S a ul Mezan hat infHinblick auf die'im Mai d. J.-in M .i d r i d stattfindende . Y.ollkonferenz der internationalen . Völkerbundgesellschaften a$i den P r ä s i d e n t e n "d e r;\J n-Lb n d e r V ö I k e r b u n cj.1 i ge n das folgende .Schreiben-., .gerichtet: Herr Präsident, Sie wissen, daß auf Grund des Edikts der spanischen Könige Ferdinand und Isabella vom J.ahre; 1 4 92 alle Juden Spaniens, die ihren Glauben nicht abschwören wollten, aus dem l!ände vertrieben wurden. Seit Anbruch der konstitutionellen Aera. haben jüdisch-politische Gruppen versucht, die A u fh e b u n g dieses Ediktes zu erwirken; die spanischen Regierungen w.e i g e r t e n sich aber, dies zu tun und erklärten, daß die heutige spanische Verfassung die Glaubensfretheir sichere und daß .durch sie das * Edikt von 1492, außer .Kraft gesetzt erscheint. Heute aber, wp in Spanien die Verfassung außer Kraft gesetzt ist, darf man sich mit Recht fragen, ob Spanien alle Garantien für die -Abhaltung eines internationalen und interkonfessionellen Kongresses, wie es die Plenarversammlung der Völkerbundligen ist, bietet. Ich bitte Sie also, Herr Präsident, wenn möglich, die gegenwärtig^ spanische Regierung zu. der Abgabe „einer "präzisen Erklärung'zu veranlassen, ob sie das Austreibungsedikt von 1492 aiseffektiv aufgeh o- ' b e n betrachtet?' Ohne eine solche Erklärung erscheint mir ein Garantieminimum für die Teilnahme jüdischer Gesellschaften an der Madrider Konferenz-nicht gegeben. Schach den Abtrünnigen! Dem leichtfe|tigen Treiben der Renegaten aller Religionen, die aus Gründen materieller Natur ihren Glauben wechfcln, toll in Polen mit Zuhilfenahme eines, fppzi?llen Gefetzes ein Riegel vorgefdioben werden. Diefer Gefetzentwurf, der demnach!!: im Sejm eingebracht werden foll, yerfpricht, den Uebcrtritt, aus einer Religion in die andere einzu&immcn. Die Ucberläufer follcn nämlich dazu verhalten werden, (amtlichen Verpflichtungen, die aus ihrer Zugehörigkeit zur früheren Religionsgemcinfdiaft rufultieren, auch nach dem Uebcrtritt voll und ganz nachzukommen. Wenn alfo jemand infolge einer.zu hoch bemeffenen Kultusftcuer .aus dem .Judentum austritt, wird er hindurchkeinesfalls von feinen ZählÜhgsVerpflichtungen enthoben fein. Ein ähnliche^ Gefetz wäre in Oefterreich, wo der Austritt aus dem Judentum fchon einen epid^mifchcn Charakter angenommen hat, .fehr' zu begrüßen. In Philantropie führen die Juden.;., Nach ehfer kürzlich veröffentlichten -Statistik haben die amerikanischen Juden' im letzten Jahre zweihundertvierzig Millionen Dollar für verschiedene Wohltätigkeitszwecke aufgebracht. Diese recht ansehnliche Summe bedeutet sechzig Dollar pro Kopf und Jahr für jeden der 4,000,000 Juden Amerikas. Ein großes englisches Blatt stellt fest, -daß die Juden in der Wohltätigkeit nodh immer führend sind und von keinem anderen Volke bisher übertroffen werden' konnten.' Predigten in den israelitischen; Qemeindetempeln. Freitag, den 5.' April 1929, worden bei dem um/G Uhr 15 l\|iq, beginneiirden 'Äbciidgottesdiienst in folgenden Gemeindetempehi Predigten abgehalten; '.un*d .zwar; ■ I!., Tempeigasqeß (Rabbiner Dr.-J. M; Bach); XVII! SchopenhauemtiraJle,20 (Rabbiner Dr. D, Feuchtwang).