Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 65 (28.3.1929)
- Date
- 1929-03-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE STIMME sm y »t^ttÄRS OP THP GÖlONIFSOFtKE- •äAftONEDMONDE br ROTHSCHILD '* ^»SKOM lt llON paustine ' KARHsi ist derjenige Wein auf dessen Güte und Naturreinheit der Weltruf der Pafäsftna-Weine berufrt Vereinigte Jüdische Weinbauern-Genossenschaft RISCHON LE ZION (Propr. Baron Edmondo de RotschUd) En gros Gustav Wilder, Wien, IV„ Blechthurmgasse Nr, t2, Telephon Nr, U 43-849 Auslieferung ab Kellereien, Wien, V.f Stolberggasee Wr. t7 / Hr* m_ Das arbeitende Palästina Von Frite Naphtali (Berlin). Dar Verfasser dieses Aotsätees, «teer tter ®Qbrt«den Vertreter der deutschen Soziaiktemodctatte« gehört zugleich dem Vorstände der 0k)nisit}8cfhen VereiniK'Uing für Deutschland an. Seine A/usfüihfliwigicii, welche den heute bereits «t weitesten Kreisen auehkannton Wirtschaftstbeoretflter In seSner Beeleteing crom Arbeätspncfblem ki Erecs Israel zeigen, dürften woM aftgeraeines Interesse erwecken* Dor Sozialismus ringt überall in der Welt um die Lebensformen, in denen sich die Schöpferischen Kräfte der arbeitenden Menschen voll und frei entfalten können. Er beruht auf der Ueherzeugung, daß die höchste und fruchtbarste Entfaltung der produktiven menschlichen Kräfte stets von der Bildung der Gemeinschaft abhängt, daß auch die höchste individuelle Leistung nur dann möglich ist und nur dann fruchtbar werden kann, wenn sie tief in der Gemeinschaft ruht. Unter den Gemeinschaftsbildungen, die die Voraussetzung einer vollen Entfaltung der Kräfte sind, steht die Nation, diese Schicksalsgemeinschaft aus gemeinsamem Erleben, gemeinsamer Geschichte, an erster Stelle. Die Frage, wie weit das jüdische Volk, bei dem das Gefühl für die Zusammengehörigkeit seiner Glieder, für ihre Schicksalsgemeinschaft in großen Massen trotz ihrer Zerstreuung über die Länder des Erdballs lebendig geblieben ist, den Charakter einer Nation behalten hat, wie weit ihm auf Grund seiner Zerstreuung, auf Grund seiner geschichtlich bedingten unnormalen sozialen Struktur und auf Grund des Einlebens in den Wohnländern der Charakter einer sogenannten geschichtslosen Nation gegeben ist, mag unerörtert bleiben. Auf jeden Fall wird der Sozialist hier, wie überall sonst in der Welt, eine Bewegung mit dem Ziel der nationalen Regeneration, eine Bewegung, die um das Erwachen zu neuem schöpferischen Dasein ringt, die ein Volk von einer einseitigen sozialen Gliederung zu einer allseitigen Entfaltung seiner Kräfte führen will, als eine Bewegung anerkennen müssen, die dem großen internationalen Ziel der höchsten Entfaltung der produktiven Kräfte im Rahmen nationaler Gemeinschaften mit differenzierten Arbeitsfeldern und Arbeitsaufgaben zustrebt. Der besonderen, einzigartigen und deshalb in kein Schema einzuordnenden Lage der Juden in der Welt entspricht es, daß ihre Erneuerungsbewegung nur die konkrete Form eines kolonisatorischen Werks in dem Land einnehmen konnte, das einst die nationale Heimat der Juden war, das damals in voller Blüte stand, dessen produktive Kräfte aber in den Jahrhunderten, die seit der Zerstreuung der Juden vergangen sind, verfallen oder mindestens weit hinter der Entwicklung in anderen Teilen der Welt zurückgeblieben sind. So ergab es sich, daß eine nationale Erneuerungsbewegung die Gestalt einer Kolonisationsaufgabe angenommen hat, dio unmittelbar nur von einer aktiven Minderheit des Volkes gelöst werden kann. Der Erfolg und die Fruchtbarkeit dieses kolonisatorischen Aufbaues in Palästina für die Erneuerung der nationalen Kräfte der Juden in der gesamten Welt werden Besuch bei Marianne Hainisch Anläßlich des 90. Geburtstages der berühmten Vorkämpiferin der Enauenbewegttng. Es ist ungefähr ein Jahr her, daß ich anläßlich der Gründung des Pro-Palästinakomitees von Marianne Hainisch, der Mutter des damaligengen Bundespräsidenten, zu einer Unterredung empfangen wurde. In ihrem schlichten,., berühmt gewordenen Bürgerhause fand ich die fast 90jährige tief versunken in den alten Lehnstuhl, das feine, scharfkonturierte, kluge Gesicht von tausend Falten und Fältchen durchquert* Gütig begrüßte sie mich und stellte mir ihren Enkel, Sohn des Bundespräsidenten, vor, dann brachte sie selbst das Gespräoh auf den Gegensand, der mich hergeftthrt: Palästina. Sie habe sehr, sehr viel Sympathie dafür und volles Verständnis, wie für jede ideale Freiheitsbestrebung, erklärte sie. Und um so viel mehr, als sie Ja den Schöpfer des Zionismus, Theodor Herzl, persönlich gekannt und geschätzt und Vorträge von ihm gehört habe. So sei es ihr ungemein lehrreich und interessant, heute, nach 30 Jahren, zu hören, was daraus geworden sei. Und — was die Frauen dabei für eine Rolle spielen ... Nun — ioh konnte ihr da gar manches erzählen und ich erzählte es ihr. Damals, noch unmittelbar unter dem Eindruck des Landes stehend, schilderte ich in sehnsuchtsstarken Farben Land und Leute, Einrichtungen und Sitten, und vergaß natürlich keineswegs, der Frauenarbeit allerdings von dem Grad der Verbundenheit der Juden, die nicht unmittelbar an der palästinensischen Arbeit teilnehmen, mit dem Werk dieser Vorkämpfer abhängen. Die Entwicklung seit dem Krieg, die Palästina äus dem türkischen Herrschaftsbereich loslöste und es zum Mandatsland des Völkerbundes werden ließ, unter ausdrücklicher Anerkennung der Bestimmung, es zur nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes zu machen, gaben den bescheidenen Anfängen der jüdischen Kolonisation in Palästina, die vor dem Krieg bestanden, einen starken Impuls, der mit diesem Werk verbundenen jüdischen nationalen Erneuerungsbewegung eine Chance, an deren Ausnutzung sie jotzt ihre Kraft erproben muß. Das nationale Ziel der jüdischen Kolonisation in Palästina macht von vornherein alle kolonialen Formen, die auf der Ausbeutung eingeborener Arbeitskräfte durch eine einwandernden ihr gebührenden Platz in meiner Erzählung einzuräumen. Sie hörte aufmerksam, mit wachsendem Interesse zu lind nahm besonders an dem Typus der jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen (Chaluzoth), die Straßen bauen und das Feld bearbeiten, lebhaftesten Anteil. „Wirklich, gibt es das — finden sich junge Leute aus Intelligenzkrciseü, die freiwillig Landarbeit treiben?“ „Das freut mich, freut mich aufrichtig! Denn ich habe;— offen gestanden — bei Herzls Vorträgen immer am meisten gezweifelt, ob sich solche junge Leute bei den Juden finden werden. Und nun sagen sie gar, daß viel mehr sich dazu drängen, als angesiedelt werden können. Ja, das ist eine wundervolle Sache, die dem Judentum sehr nützen wird. Und gar heute, wo wieder so viel Antisemitismus in der Welt ist! Ich selbst bin ja ganz ein Kind des Liberalismus, wio Sie vielleicht wissen, ich habe mich immer mit Leidenschaft für die volle und tatsächliche Gleichberechtigung der Juden bei uns eingesetzt und darüber sogar oft und oft mit meinem lieben Freund Leopold K o m p e r t zerstritten. Er (selbst ein Jude, wie Sie ja wissen, aus Preßburg, das er so schön in seinen Erzählungen schildert) er war mir darin zu — wie soll ich sagen? —-zu — leisetreterisch. Er war dagegen, daß Juden öffentliche Aemter bekleiden oder wenigstens nur in sehr geringem Ausmaße. Einmal habe ich mich für einen jüdischen Volksschullehrer bei ihm verwendet und mich sehr mit ihm herumgerauft. Ich war viel entschiedener als er in der Judenfrage — das dürfen Sie de Herrenschicht beruhen, wertlos. Es soll auch nicht die in Palästina lebende arabische Bevölkerung verdrängt werden; einzelne Stimmen, die gelegentlich1 in einer Art ertönen, als ob es sich in Palästina; um eine Eroberung des Landes mit äußerer, Macht, anstatt um die Erweiterung des Lebensspielraumes durch produktive Arbeit handeln könnte, verhallen von, selbst: ganz abgesehen von der grundsätzlichen Ablehnung des Gedankens jeder Unterdrükkung der Mitbewohner des Landes durch die Mehrheit der Zionisten und durch die zionistischen Sozialisten im besonderen. Der Aufbau der jüdischen Heimstätte und die erstrebtet nationale Regeneration erfordern eine Kolonie sation der Siedlung, die ausschließlich auf eigener jüdischer Arbeit aufgebaut sein muß. Aus dieser Situation folgte ohne weiteres, daß die wichtigsten Träger des Palästinawerks,, mir glauben. Und ich war überzeugt, daß deri Liberalismus sich durchsetzen wird. Freilich“, fügt sie fast resigniert hinzu und senkt ein! wenig den dünnen Kopf, „freilich, wenn manj von heute aus zurückblickt, so sieht es ja fast aus, als ob er recht behalten hätte mit seinem! Pessimismus, er bat immer, den großen Antisemitismus gewittert“. £ „Aber sprechen wir lieber von Palästi-, na. Erzählen Sie mir mehr davon, von der Ju-;j gend, den Frauen, den Schulen. Was für. Mäd-j chenschulen gibt es dort?“- ji Und nun bin ich mitten drin im gewohnten; j Fahrwasser und kann Frau Hainisch unter anderem sogar von den Schulen der W. I. Z. 0, in Nahalal und dem „Hostel“ erzählen ... „Wirklich“, erklärt mir Frau Hainisch zum Schluß, „ich möchte dem Pro-Palästina^ k o m i t e e sehr gerne beitreten. Aber da sind Gründe privater Art — kurz ich kann nicht. Aber ein paar Zeilen möchte ich Ihnen zu dieser Gründung schreiben“. Und hurtig setzt sieh die jugendliche Greisin an den Schreibtisch und schreibt einige herz^ liehe Worte der Zustimmung und Anerkennung für das Pro-Palästinakomitee. Heute ist diese seltene Frau nun wirklich' 90 Jahre alt geworden. Sie, die auf dem Gebiete der Autoemanzipation der Frau bahnbrechend gewirkt hat — nicht nur in Oesterreich, sondern für alle Frauen der zivilisierten Welt. Und darum schulden auch wir Zionistinnen dieser Vorkämpferin Dank und dauernde Anerkennung. Martha Hoffmann