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Die Stimme · 1929-03-28 · Heft 65 (28.3.1929) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 65 (28.3.1929)
Date
1929-03-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Sette 2 DIE STIMME Nr. 65 Das Sterben der jüdischen Wirtschaft Wiens Die Bedeutung des Handels ist im Leben und in der Wissenschaft ebenso unbestritten, wie die Wertung dies Einflusses der Juden auf das allgemeine Wirtschaftsleben. Ebenso wie man noch allgemein irrtümlicherweise in der Ueberfragung der Güter von einer Hand Ln die andere eine unproduktive, parasitäre Tätigkeit erblickt, Ln dem Gewann des Kaufmannes unbedingt den Verlust eines anderen wittert, stellt man sich den Juden als unliebsames* schmarotzendes Wirtschaftsorgan vor. Wie unrichtig diese Ansicht ist, lehrt uns die Emtwickkingsgescfoiicshfe des sogenannten «Kaiviertels» in Wien. Hier liefen bis zum Kniegsziusammenbruch döe Fäden der gesamten Textil Produktion afeer Länder der seinearzeitigen Doppelmonarrfwe zusammen und hier wurden dann diese Fäden zu cvvem das ganze Gebiet des Reiches umfassenden Netz gesponnen. Das Ka[viertel beherbergte bis zum Kriegsende die Zentralbüros und Niederlagen der Textilfabriken Oesterreich- Ungarns, sein wirkliches Gepräge jedooh wurde ihm von den großen jüdischen Handelshäusern verliehen, die die Erzeugnisse der Fabriken an die 50 Millionen Einwohner der Monarchie vermittelten. Die Größe dieser Handelshäuser tag in der Kapitals kraft Sie kauften die Produkte der Textilfabriken für bares Ge'lid, übernahmen das Risiko, das in der Krediterteilung an der» Kleinhandel lag, dafür aber wurden sie mit einem Gewinn von 10 bis 15 Prozent entschädigt Im Laufe der Zeit wuchs ihre Bedeutung immer mehr. Aus den Zwäschenh ändlem wunden Auftraggeber, die auf Grund der genauen Bedarfskenntnisse jene# Absatzgebiete, die sie geradezu monopolarü’g beherrschten, den Fabriken Bestellungen überwiesdn. Sie erweiterten aber auoh ihren Besch äftigungsradkus, indem sie die von den Textilwerken gekauften Produkte selbst — hauptsächlich durch Heimarbeiter — verarbeiten ließen. Es gab auch Farmen, die nach der Saison che übriggebliebenen Lagerbestände der Fabriken übernahmen tmd so diese im die Lage versetzten, in die neue Saison Ohne Sorgenlast überzugehen. So arbeiteten Produzenten und Großkaufleute Hand in Hand und so blühte aus Saat und Ernte ein kolossaler Reichtum empor. Der Zerfall dar Oestenreidbisch-u aga-rischen Monarchie riß dieses feingesponnene Netz in Fetzen. Öte Zol'imauern, mit denen die Nachfolgestaaten sich umgaben, verbarrikadierten die Wege, die von den Erzeugumgsstätten au dem Wiener Sarnmelreservoir geführt hatten. Die Handelshäuser am Kaivtertel Ständen plötzlich ohne Ware da. Die geringen Bestände, die sie sridh dämm doch beschaffen kannten, stießen sie noch mehr ins Verderben; sie verloren infolge des mittlerweile eimgetretenen Währungsverfalles ungeheure Summen bei den Kunden in Ungarn, Jugoslawien und Rumänien, wo man die Valorisierung der alten Verbindiliohkeltien ebenso verweigerte wie ln Oesterreich. Allmählich gingen aber auch diese Kunden ganz verloren. In den Nationalstaaten wurden eigene Textilfabriken errichtet — den Eine neue Palästina-Geographie Von Rabbiner Dr. David Feuchtwang Wir haben es hier mit dem ersten Versuche einer wissenschaftlichen Geographie des heutigen Palästina zu tun. Dieser Versuch ist ganz vortrefflich gelungen, Brawers Buch*) ist ausgezeichnet Die bereits vorhandene, reiche Literatur, die in einen» bibliographischen Anhang dem Buche beigegeben Ist, zeigt, daß Brawer das ganze Gebiet souverän beherrscht und kritisch benützt hat. Stil und Darstellung sind bei aller wissenschaftlichen Sachlichkeit und Verläßlichkeit geschmackvoll und schön. Das Hebräische ist das eines Gelehrten, dem die Sprache unseres Volkes wieder Muttersprache geworden ist. Es ist eine wahre Freude, das Buch zu lesen und zu studieren. Es gibt dem Kenner unendlich viel und dem Lernenden in gedrängter Zusammenfassung alles, was er über Erez Israel wissen soll und will. Und für Lernende, Lehramtskandidaten, Maturanten und gebildete Menschen Ist das Buch geschrieben. Es wird seinen Zweck ahne Zweifel erreichen. Ganz besonders muß hervorgehoben werden, daß Brawer alle Quellen auf das gewissenhafteste befragt und benützt und alle Ergebnisse kritischer Forschung auf allen einschlägigen Gebieten berücksich tilgt, ahne i/hnen sklavisch zu folgen. Angefangen von Bibel, Mischnah, Talmud und Midrasch bis auf die Ergebnisse der Grabungen und Inschriften neuester Zeit ist alles wohl erwogen und geprüft, ln 23 Abschnitten wird eine Beschreibung ( Palästinas nach seiner geologischen Gestaltung gegeben; daran schließen sich: Klima, Flora und Fauna, die Geschichte des Landes, die jetzigen Bewohner, wirtschaftliche Verhältnisse, die heutigen Siedlungen; schließlich eine Bibliographie und instruktive Bemerkungen, Register. Alles mit Sorgfalt und Vorsicht gearbeitet. *> Haare«, Vorlag «D’w.tn>, Td Aviv, 5688. Wir schenken unsere Schuhe nicht her. Aber Sie zahlen Ixä «ns für erstklassige handgearbeitete ModeHschuhe in verschiedenen Variationen und imffvicluelten Fonmen derart billige Engros-Preise, daß Sie sich bewußt werden, viel Geld erspart zu haben. Jßissiansky- Schuhe Direkt in der Fabrik VH., KAISERSTRASSE Hr. 46, IN STOCK Tschechen, die vor der Beherrschung des Texfiilmanktes Im ganzen Donaubecken geträumt hatten, wurde so ein dicker Strich durch diie Rechnung gemacht —, überall entstand ein eigener nationaler Zwischenhandel, der die Vermittlung des Wiener Kaiviertds total überflüssig. machte. Diesem btiefo nichts anderes übrig als der «n*ändteohe Markt, doch auch hier wurden die Entfaltungsmöglichkeiten stark beeinträchtilgt, weil die Industrie in der letzten Zeit überall und a-uch Ln Wien die Tendenz verfolgt, den Zwischenhandel ganz auszuschaäter»; sie schockt selbst Reisende zu den Kleinhändler und entzieht so den Großikauflauten die Daseinsberechtigung. Verstärkt wird dieses Moment noch durch die Konzernbüdungen, bei dienen sfe+s der Jude den Kürzeren m ziehen gezwungen ist. Das stolze Gebäude des österreichischen Handels, ein großartiges Werk jüdischen Fleißes und jüdischer Emsigkeit, wurde bis in seine Fundamente erschüttert Das jüdische Wien hat zum alten Friedhof in der Seegasse einen neuen daiziubökommen: Das Lelobenfetlid des Kaiiviertels. Einen „heiligen Schekel“ für jüdische Finsterlinge —o— Der Präsident der Weltorganisation Agudas Israel hat jüngst in einer Unterredung mit einem Journalisten zur größten Ueberraschung der zionistischen Oeffentlichkeit erklärt, daß die Agudas Israel bereit ist, unter gewissen Voraussetzungen in die erweiterte Jewish Agency einzutreten. Dieses Anerbieten der Agudas Israel, die bekanntlich im Gegensatz zu anderen nichtzionistiscben jüdischen Körperschaften zum Eintritt in die Jewish Agency nicht auf gef ordert wurde, macht nun die Agudas Israel, ohne eine Ablehnung durch die zionistische Organisation abzuwarten, selbst illusorisch, indem sie mit ihrer haßerfüllten Propaganda für den Austritt aus den jüdischen Gemeinden in Erez Eine große Anzahl von Tabellen über Klima, Statistik, Wirtschaft, Industrie und Handel gibt genauen Aufschluß. 81 Abbildungen illustrieren das Buch., das zweifellos verdient, in den hebräischen Schulen und Lehranstalten eingeführt zu werden und das überall Auklang finden und beste Erfolge erzielen wird. Das „Volk des Buches“ und der „Tag des Buches“ Lange ehe es eine Schrift gegeben hat, ist die Kultur der Menschheit entstanden und die meisten Völker sind mit ihrer Eigenart in die Weltgeschichte eingetreten, ehe sie die Kunst des Schreibens erlernt hatten. Das jüdische Volk tritt dagegen mit der Kunst des Sehr erbe ns in die Weltgeschichte. Ja, man darf 9agen, daß ein Buch es war, das dem jüdischen Volke erst die Existenz verliehen hat. Denn es ist doch eine Tatsache, daß ohne die Thora Israel nie entstanden wäre, am wenigsten aber eine Dauer gehabt hätte. Und tatsächlich bedeutet dieses Buch des Bundes das Leben und die Seele des jüdischen Volkes. Der große Prophet des stammverwandten arabischen Volkes nannte Israel «Ahl-ai-kftäb», «das Volk des Buches». Er wollte damit sagen, daß dieses eine Buch, das dem jüdischen Volke von seinem Stifter ln die Wiege gelegt worden war, das Volk vor allen anderen Völkern auszeichnet. Die Bedeutung des jüdischen Buche« wuchs aber im» Ungemessene, als eine rohe Gewalt das Volk aus seinem Heimabende hinaueschleuderte und e6 Uber alle Länder hin zerstreute. Nun wurde das Buch die Heimat des Volkes. Und wenn auch Israel durch viele Sprachen hinclurchgegangen ist, die alle ihre Spuren Irgendwie hinterlassen haben, so war es doch das hebräische und hebräisch-aramäische Buch, das dem jüdischen Volke den Halt gab. Diese Bücher waren nicht bloß die Begleiter der jüdischen Geschichte. Sie teilten in jeder Welse die Israel aus eigenem die Argumente für ihre Nichtzulassung zur Störung der Arbeit der Jewish Agency beistellt. Nach dem zwischen Weizmann und Marshall getroffenen Uebereinkommen können nur organisierte jüdische Körperschaften unter Ausschließung von Einzelpersonen in die Jewish Agency eintreten, da man in der Tatsache der Sozialität eine innere Tendenz zur jüdischen^ Gemeinschaft erblickt, die nebst anderen Voraussetzungen die AufnahmsWürdigkeit der betreffenden Gruppe dokumentiert. So sehr man aber auf den Gemeinschaftscharakter der Auf zunehmenden Wert legt, wird man sich aber dennoch hüten müssen, einer Kongregataion von Trennungserthodoxen, und sei sie noch so straff organisiert, den Charakter einer jüdischen Gemeinschaft zuzuerkennen. Wenn man den triumphalen Berichten der Agudas Israel Glauben schenken darf, sind bereits 50.000 agudistische Seelen aus den „gottlosen“ jüdischen Gemeinden Erez Israels, der durch die Mandatskonstitution vorgesehenen autonomen Knesseth Israel ausgetreten, was sich natürlich als eine maßlose Uebertreibung erweist. Diese ausgetretenen Seelen haben sich bereits als selbständige Märtyrergenossenschaft etabliert, als Opfer des Zionismus, und gehen nun daran, einen gar nicht ironisch gemeinten „heiligen Schekel“ einzuführen, aus dessen Erträgnissen eine Art Ehrenpfründe für die frommen Denunzianten geschaffen werden soll, die in letzter Zeit nich* genug entrüstet tun können über das „himmelschreiende Unrecht“, das „parteimäßig informierende jüdische Kreise gegen die englische Mandatarmacht verübt haben“, indem sich diese jüdischen Kreise für die Schaffung autonomer jüdischer Gemeinden in Erez Israel einsetzten. Diese und ähnliche Auslassungen, die wir dem Zentralorgan der Agudas Israel entnehmen, dürften nur wenig geeignet sein, dem Agency-Anerbieten ihres Führers hei der zionistischen Organisation die erforderliche Gegenliebe zu sichern. Pogrompropaganda in Litauen Anis Kowno meldet die J. T- A-: In mehreren Provinzstädten wurden Ln den letzten Tagen Ln immenser Zahl antisemitische Flugblätter verbreitet, In welchen die Bevölkerung aufgeiordert wird, unteT der jüdischen Bevölkerung ein Blutbad anzurichten. Die Flugschriften haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Namentlich ln den Städtchen des Kreises Schaki wird die jüdische Bevölkerung von den aufgehetizten christlichen Massen sehr terrorisiert. Die Kownocr jüdische Oeffentlichkeit fordert strenge Maßnahmen gegen die Verbreiter der Pogromschriften, die, wie festgestellt, Mitglieder eines von der Regierung geschaffenen Jugendbundes sind. OQaC^XXXXXJQOOOOOOQOOQCOCGOOeCQQOOOOOOO Redaktionsschluß und Schluß der Inseratenannahme Dienstag um 12 Uhr mittags. Später einlangende Einsendungen können keine Aufnahme in die laufende Nummer finden. Geschicke des Volkes, sein Glück und sein Unglück. Wo Israel verfolgt wurde, da galt die Verfolgung den Büchern Israels um nichts weniger als den Juden selbst. Der Talmud wurde genau so zum Feuertode verurteilt wie die Juden, die aus ihm «lernten», umd Tausende von Wagenladungen hebräischer Bücher haben auf den Scheiterhaufen den Ketzertod erlitten. Mehr als andere Gemeinschaften — führt Professor, Heinrich Löwe im «Israelitischen Faim'liembla'tt» aus — haben die Juden zu allen Zeiten Wert auf ihre Bücher gelegt. Als die meisten der heute herrschenden Kulturvölker die Kunst des Lesens noch nicht erlernt hatten, besaß das jüdische Volk eine unübersehbare Literatur, die durch alle Jahrhunderte und Jahrtausende angenommen hat. Alber weit mehr als die Juden dem Buche gegeben haben, haben sie von ihrem Buche und ihren Büchern empfangen. In ihnen trugen sie ihre Seele, ihr geistige« Leben und ihr tiefstes Empfinden mit sich überall hin, wohin stie verschlagen wurden. ln diesem Monat veranstaltete das deutsche Volk einen «Tag des Buches». Es bestand der Plan, auch das jüdische Buch an diesem Tage in die öffentliche Erscheinung treten au lassen. Man ist von diesem Gedanken wieder abgekommen. Aber die jüdische Gemeinde in Berlin hat den Beschluß gefaßt, im kommenden Herbste den zweihunclertjährigen Gedenktag eines für das Geistesleben besonders der deutschen Juden bedeutenden Ereignisses zu einem solchen Tage des jüdischen Buches au gestalten. Der Geburtstag Moses Mendelssohns war für das Wiedererwachen des deutschen Judentums von Bedeutung. Damals begann auch eine neue Geschichte des jüdischen Buches. Diesen Gedenktag zu feiern und zugleich dazu zu benutzen, das jüdische Buch dem jüdischen Hause wieder lieb und wert zu machen, soll die Aufgabe des jüdischen Buchfcages sein. Er soll den Zweck haben, die Verbindung zwischen dem Judentum und seinem Buche wieder enger zu knüpfen. Dem Volke des Buches das Buch des Volkes!

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