Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 65 (28.3.1929)
- Date
- 1929-03-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. 6. Preis 35 Groschen jtettoog vom Verleger versendet Journal expedte par r&fiteur Abomienientpreise: Für Oesterreich: Mona«. S 1.50, viertelj. S 4.20, ganzj. 16.— / Deutschland: Monati. Goldnvanc 1.—, vierielj. Gokhnarlc 3.— / Tschechoslowakei: Monatlich Kc 7.—, vierteljährlich Kc 19.— / Jugoslawien: Monatlich Dinar 14.—, vierteljährlich Dinar 40.— Jiidisdte Zeitung UtedaftHon und Jfdministtoüon; Wimm» f., ^tauA«iulein^o§se V — (Tel. R Z0~3-8k Polen: MotvaÜ Zloty 2^0, viertelj. Zloty 6.50 / Ungarn: Monaitl. Pengö 1J50, viertelj. Pengö 420 / Rumänien: Momatf. Lea 45:—, viertelj- Lei 125*— / Bulgarien: Monati. Lewa 30*—, vierte^. Lewa 80.— / Belgien: Monatl. Belga 2.—, viertel]. Beiga 5.— / Uebriges Ausland: Monatl. Schweizer Franken 1.50 2. Jahrgang Wien, 28. März 1929 (16* Weadar 5689) Nummer 65 Darf ein jüdischer Arzt, der noch dazu aus Polen stammt, in Oesterreich den Krebs bekämpfen? Weihwasser und venia legendi — immer wieder: Dar Judi — Der naive Philantrop und die hakenkreuzleriscften Belange Durch die Wiener Tageszeitungen ging jüngst die erfreuliche Nachricht, daß der bekannte Wiener Arzt Dr. Adolf Edelmann von dem amerikanischen Ptollantropen Cannings Childs den Betrag von hunderttausend Dollar zur Schaffung eines Krebsinstitutes in Wien erhielt. Der amerikanische Spender, der mit dem Wiener Arzt.vor zwei Jahren als «hoffnungsloser Fall» in Verbindung trat und zu seiner freudigen Ueberraschcrnsg vollständig geheilt wurde, wotäte hieimif seihe große Dankesschuld an den ärztlichen Lebensretter und indirekt wdhl auch an die «Wiener Medizin» abstatlen und er: glaubte, seine menschenf reu hdliohe Gesinnung am sinnfälligsten und zweckmäßigsten dadurch zu betätigen, daß er auch anderen ’ unglücklichen Kranken durch die Schaffung des Krebsinstitutes seine Hilfe darreichen wollte. So weit, so gut. Der Fall ist-von wohltuender Menschlichkeit und Einfachheit und scheint überhaupt wenig Raum für Komplikationen zu haben. Aber die Verwirrung beginnt, wie immer, erst im Oesterreichischen. Der Amerikaner, großzügig und vielleicht auch etwas naiv, glaubte wohl, daß zur Errichtung eines sozialen Hilfswerkes nur Geld und guter Wille not-, wendig sind und er dachte natürlich überhaupt nicht an die «Belange» der Wiener hakenkreuzlerischen Universität, an jene spezifisch neuösterreichische Einrichtung, für di ernan jenseits des .großen. Teiches (fas erforderliche Verständnis scheinbar noch nicht aufgebracht hat. Mr. Childs stellte dem Wiener Arzt Dr. Edelmann die hunderttausend Dollar, zur Verfügung, .ohne sich vorher nach Rasse, Volkszugehörigkeit und Stammbaum seines ärztlichen Lebensretters zu erkundigen, nach jenen PersonaikJafen, die für die Wiener medizinische Fakultät von entscheidender Bedeutung sind — und hier tritt nun eben die landesübliche Komplikation in Ihre Rechte. . Dr. Edelmann hat es versäumt, aus Innsbruck zu stammen und der arischen Rasse anzugehören, sondern hat sich vielmehr damit begnügt* efei volksbewußter Jude zu sein, dessen Wiege in einem kleinen jüdischen Städtchen Polens stanid. : . , . Dieser Umstand war seiner wissenschaftlichen Karriere schon einmal hinderlich, als sich Dr. Edelmann um die venia legendi an der Wiener Universität bewarb. Damals wurde dem jüdischen Arzt die Ernennung zuni Dozenten unter der Vorbedingung der Taufe in Aussicht gestellt. Diese Bedingung lehnte aber Dr. Edelmann entrüstet ab und mußte daher auch auf das angestrebte akademische Lehramt verzichten. Und nun erfahren wir, daß hinter den* Kulissen der gewissen hakenkreuzlerischen Universifcätsclique bereits zarte Intrigen gegen das im Entstehen begriffene Krebsinstitut gesponnen werden, dessen Leiter, nach den Bestimmungen des amerikanischen Stifters, der jüdische Arzt Dr. Edelmann werden sollte Die Im redaktionellen Teil -befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet. undfür dessen Ausbau utn/d Erhaltung der ostjüdische Großindustrielle Dr. O.Kre'rsberg eine große Aktion unternommen hat. Bekämpfung des Krebses? Aber der eigentliche Krebsschaden ist ja doch immer wieder — dar Jud! Man wird daher gut tun, die. gebührende Vorsicht , walten zu lassen und .die Dinge ihren instartöehmäßigen Weg laufen zu lassen. Der amerikanische Philanthrop war mit seiner -Menschenfr eundlichikei t und, seinem Geld allzu rasch zur Hand. Er hat wohl nur an die unglücklichen Krankem gedacht, denen er helfen will, hat aber den «völkischen Belangen», die es auch in der Krebsbehamdlung zu wahrem gilt, nicht die erforderliche Aufmerksamkeit geschenkt. Die von E m i g d i r e c t in Berlin herausgegebene Zeitschrift «Die jüdische Emigration» schildert unter der Ueberschrift «Vogel fr ei» die Behandlung jüdischer Auswanderer durch verschiedene Konsulate, besonders durch die Konsulate der Vereinigten Staaten und Kanadas. Darüber einige Beispiele: Die Frau eines amerikanischem Bürgers will mit ihren vier Kindern m ihrem Mann nach Amerika reisen. Alle Formalitäten sind erfüllt Der Warschauer amerikanische Konsul aber erklärt sie für geisteskrank, obwohl hierfür nicht der geringste Anlaß vorhanden ist, und verweigert ihr das Einreisevisum. — Das amerikanische Konsulat im R i g a hat bei der medizinischen Untersuchung der Wanderer die folgende Prozedur eingeführt: Der Arzt läßt Männer und Frauen zehn Minuten lang im Ordinationszimmer hin und heT laufen, untersucht sie diänn und erklärt sie allesamt für herzkrank. De* gleiche Arzt (ieß eihmal einen Wanderer Vor kurzem ereignete sich rn Poten der Ball, daß die antisemitische Verwaltung eines kleinen jüdischen Provinzstädttchens ein Legat von hunderttausend Dollar, die eine amerikanische Erblasserin für die armen, hungernden Juden dieses Städtchens, ihrer ehemaligen Heimat, gewidmet hat, mit der Begründung zwrüekwfes, es gäbe in diesem Orte; wo das jüdische Elend geradezu zum Himmel.schrie, überhaupt keine armen Juden... SoÜWe die hakenkreuzterische Glique der Wiener medizinischen Fakultät nicht von. ihren antisemitischen Gesinnungsfreunden in Polen lernen dürfen? Wie wäre es eigentlich mit der Feststellung, daß der Krebs eigentlich mehr eine Erfindung der Weisen, von Ziem ist, in Oesterreich überhaupt nicht vorkommt und daß daher, die. ganze «jüdische» Krebsbekämpfung als gegenstandslos ad atca zu legen ist? sich auf den Rücken fegen und ttampcl te mit seinen Füßen auf deseen Leib herurn, bis dier Wanderer erklärte, dies nickt mehr ertragen zu können. Der Asrzt erklärte ihn für schwächt! c h und verweigerte ihm das für die Einwanderung erforderliche Gesundheitszeugnis. — Zwei Jüdinnen wandten sich an das Wiener Büro der C a n adianPacitficum Rat wegen Visum und Arbeit, Das Büro erklärte, es nehme nur Meldungen von Katholiken und Protestanten entgegen; würden sie aus der jüdischen Religion austreten, so würden auch sie in die Liste der Einwanderer eingetragen werden. Die jüdische OeffentJichkeit hat wohl ein Anrecht darauf, von der Canadian Pacific-GeseHschaft restlose Aufklärung über dieses sonderbare Vorgehen ihrer Wiener Abteilung zu erwarten. Bundespräsident Miklas über die Gleich berechtigung der Juden in Oesterreich Bundeispräsident Miklas empfing jüngst die Mitglieder des Präsidiums der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, Prof. Pick, Dr. Löwen herz und Dr. Ornstein, die ihm anläßlich seiner Wahl zum Bundespräsidenten die Glückwünsche der Gemeinde entboten und dabei den Wunsch aussprachen, der Bundespräsident möge sich bei der Bundesregierung dafür einsetzen, daß den Forderungen der Kultusgemerade betreffend eine Staatsdotierung für die kulturellen und religiösen Bedürfnisse der Kultusgemeinde stattgegeben werde. Sie wiesen darauf hin, daß, während die jüdische Religion übergangen wird, die’ Posten für die katholische und die evangelische Kirche im Staatsbudget erhöht worden sind. Bundespräsident MiMas erkannte die jüdischen Forderungen, die sich aut der Basis des Gleichberecbtigungsprinzips bewegen, als berechtigt an, erklärte aber, der österreichische Bundespräsident sei auf Grund der Verfassung außerstande, in die Regierungsmaschwie einzugreifen. Er sei nichtsdestoweniger bereit, sich bei den zuständigen Ministern dafür einzusetzen, daß die berechtigten Wünsche der Israelitischen Kultusgemeinde erfüllt werden. Eine Wiener Schiffahrtsgesellschaft propagiert die Taufe Jüdische Wanderer vogelfrei