Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 64 (21.3.1929)
- Date
- 1929-03-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 64 DIE STIMME Seifet! ALTER KRAM (Erzählung eines Purimrabbi. Die übliche Einleitung ist auch nicht vergessen) Von J. L. PEREZ .1. Ihr habt mich zum Purimrabbi gemacht; also bin ich ea! Hättet ihr mich zu Gott weiß welchem Amt erwählt, zum Vorsteher einer frommen Bruderschaft, .zum Führer oder Spiritus rector einer Partei, ich könnte all das seinl Auch wenn ihr mich zum Mittler einer frommen chassidischen Gemeinde gemacht hättet, — ich wäre es. Ich bin, was man will. Ihr glaubt, man muß Fähigkeiten besitzen? Nicht im mindesten! Denn nicht in der Auserwähl theit steckt die Kraft! Wen man auf die Schultern hebt, der ist erhoben; wer das Strejmel*) trägt, ist Rabbi! Zu wem man fährt, der führt seine Gemeinde. Und — allen Ernstes! — jeder einzelne aus der Gemeinde hat ein kleines Stückchen Glauben, einen Brocken Vertrauen, ein Körnchen Willen. Wenn man das alles säuberlich in eine Tasche legt, so wird der Besitzer der Tasche ein großer Mann, eine Festtagsseele, eine Sonne, die Glauben und Vertrauen ausstrahlt . . . Und er bekommt die Kraft, Mauern zu stürzen. Umgekehrt: Zerflattert die Menge, so wird der Große wieder klein, man sieht ihm die Vergangenheit nicht mehr an; er verliert sich. So geht’s auch mit dem Purimrabbi. Glaubt ja nicht, er müsse von Natur aus ein Spaßkobold sein, der Wortspiele und Neckereien aus dem Aermel schüttet. Wenn die Menge es will und kann, genügt es, daß der Purimrabbi mit dem Finger winkt — und das Volk wälzt sich vor Lachen. Wollen sie aber nicht und können sie es nicht, dapn helfen die raffiniertesten Weisheiten nichts. Das ist die Wahrheit; nun muß ich euch aber gestehen, ihr habt es mit mir getroffen! So ein bißchen Spötterei steckt in mir von Kindheit an: Auch wenn ich wirklich ernst werde, wenn ich in ureigener Größe auf dem hohen Roß — meines Besens — sitze, wenn ich schon wie was Rechtes aüssehe — in mir da drinnen sitzt etwas und lacht! . . . Und gerate ich in Zorn, schreie * „Mörder! Dieb!“ und derlei Dinge, — in mir da drinnen sitzt etwas und lacht. Es lacht, auch wenn ich weine, wenn das Herz schon zu zerspringen droht ... ’s ist ein bitteres Lachen, doch es lacht. „Es ist doch nur ein Purimspiel!“ — lacht es das ganze Jahr! — Und, was die Hauptsache ist: Bei mir werdet ihr sicher nicht wissen, was Hamans und was Mordechai’s ist. Denn, denn — ich selbst weiß es nicht! Solange ich in die Megillah**) hineinsehe, solange der Vorbeter betet, sehe ich’s und höre ich’s. Wie ich aber die Megillah weglege, wie der Vorbeter zu Ende ist — vergesse ich alles und weiß nichts mehr! Das kommt davon, weil man — groß sind wahrhaft unsre Sünden! — die Sonne stehen hieß und — die Erde sich drehen! Seither dreht sich mein Kopf!... Der Mensch hat keinen festen Boden unter den Füßen! Der einfache Bürger eines kleinen Städtchens sitzt schon nicht mehr so angenagelt wie einst... Der Weg von der Wiege bis zum Grabe ist schon nicht mehr gerade, sondern krumm, gewunden: Ein Mensch wird im Westen geboren, gibt seiner Frau nördlich den Scheidebrief, bankrottiert südwärts, verändert sich nach Osten und so geht’s fort! Kann man da wissen, wer Haman und wer — wenn der Vergleich gestattet ist — Mordechai ist? Die Welt ist so durchgemengt! Alles ist durcheinandergeraten. Und nun soll mir einer unterscheiden und wissen, was gut und böse ist... Na, Leute, nur nicht einschlafen! Die Einleitung ist zu Ende. Nehmt einen Schluck und gebt mir auch was! Was soll ich euch aber erzählen? Wenn ich euch etwas Trauriges erzähle, lacht ihr; mir brennt Herz und Hirn, der Teufel und seine Gesellen reißen an allen Fäden meines Herzens — und ihr haltet euch die Bäuche vor Lachen. Was ist für euch passend am Purim? Ich schaue da durchs Fenster und sehe weite Wiesen, bewachsen mit Blumen und Dornen. Die Blumen sind die herzlieben Geschichten und die Dornen, das sind Geschichten, die Stechen und brennen. Was soll ich für euch pflücken? Eine Blume? Natürlich! Wie heißt es ln dem brannten Liedchen? — „Der Rabbi heißt uns fröhlich sein,.,.“ Ich strecke meine Hand aus — werd’ ich’s treffen? Es ist doch Purim! Daß ich mich nur nicht vergreife!... II. Ich strecke meine Hand aus, die lange Hand eines Purimrabbi, mitten hinein in die weite •) Pelzkappe. **) MegilÄnh-Rolle. Bezeichnung für du'-e Estherfeschlc'hte, die den Anlaß zitm Purimfeste gegeben hat Purimwelt und lange, nach China und pflücke eine Blume — eine Geschichte. Hört sie an: Es war einmal ein chinesischer Weiser: Der hatte alle strengen Weisheitsprüfungen bestanden, hatte alle Bücher gelesen und kannte sie auswendig, gedruckte und geschriebene, heilige und unheilige, kurz alles, was je ein Chinese in ein kleines chinesisches Wort gezaubert und darin versperrt hatte. Unser Weiser brauchte nur den Mund zu öffnen und sofort kollerten ganze Handschriften und Bücher heraus samt Kommentaren und Zitaten und Redeblumen, wie sie in China Mode sind... Der Mann hörte nicht mehr; es gab für ihn nichts Neues mehr zu hören, auch nichts zu sehen; — in China sind „Gestern“, „Heute“ und „Morgen“ einander so ähnlich wie Zwillingsbrüder. So legte er sich denn schlafen. In seiner ganzen Gelehrtengala, wie sie in China getragen wird, legte er sich auf sein Lager, zog eine Schlafmütze über die Ohren und Augen und schlief ein... Von Zeit zu Zeit schnarchte er. Manchmal gab er auch Weisheitsbrocken im Schlaf von sich. Einige Male im Tage öffnete er den Mund, damit man ihm ein paar Reiskörner hineinschütte..., nicht einmal die Augen öffnete er dazu und schlief weiter. So schlief er zwei, drei, vielleicht auch hundert Jahre — in einem Lande, das eine hunderttausendjährige Geschichte hat, ist ein Jahr dasselbe wie hundert Jahre. Plötzlich sprang er von seinem Lager auf; eine zwölfpfündige japanische Kanone weckte ihn... In der Zeit, wo der Chinese schlief, ging der Japaner in die Schule und lernte schießen. Bum, bum — er schoß. Das hatte der große Weise nicht gewußt; in keinem Buche stand etwas davon. Also, der Weise sprang auf, riß die Schlafmütze herab — „Bum, bum! Krach!“ — dröhnen die Kanonen nahe und schrecklich. Er schaute sich um; — im Zimmer war keine Seele; die ganze Dienerschaft war entlaufen wie bei einem Brande und hatte ihn, den Herrlichen, Weisen, den größten Gelehrten — vergessen... Er läuft zum Fenster, schaut in die Gasse: Daß Gott erbarm! Wär’ er wohl betrunken? Oder gibt es ein Erdbeben? Häuser, mächtige Häuser und Paläste, für die Ewigkeit, für die chinesische Ewigkeit gebaut, zittern, wanken, neigen sich, stürzen!. . Auch der Weise wankte und fiel um vor Schreck. Da lag er und dachte nach, wohl das erstemal im Leben. Denn seit er lebte, hatten ihm Confucius und Lao-Tse und ihresgleichen alle Fragen beantwortet. Nun dachte er zum erstenmal, damals, als die Zwölfpfünder das Herz von China bombardierten. „Gott, mein Gott!“ — weinten die alten Augen verzweifelt — „Eine neue Weisheit, Schießweisheit!... Wie kann man sich und China retten?“ Doch lange nachzudenken ist das Chinesengehirn nicht imstande und der große Weise liegt auf der Erde, ohnmächtig, verschmachtend... Er liegt da und ich sehe, die Geschichte gefällt euch nicht!... „Was soll das heißen?“ — fragt ihr. — „In unserer Zeit eine Geschichte aus der Fremde, nicht aus unserer Welt!“ Habt doch Geduld! Hört weiter zu! Es wird auch ein Jude Vorkommen! Ihr kennt doch den Klang: Handeln! Handeln! Verdienst braucht der Jude, sei es in Europa oder in China oder in Buxtehude. In der Weltstadt oder im Krähwinkel: Handeln! Handeln! Im Donner und Blitz, unter Japanerkugeln, beim Erdbeben: Handeln! Handeln! Man muß essen und Chedergeld bezahlen! Ein Jude kauft alten Kram, Dinge, die andere schon auf den Mist werfen, das, was man nicht mehr in die Hand nimmt vor Ekel. Alles Schmutzige, Zerrissene, Zerschlissene, das kauft erst der Jude und verkauft es dann. Nur um zu handeln! In China allerdings, wo gerade alter Kram heilig gehalten wird, geht das Geschäft schlecht. Dort tragen Enkel aas, was Großvater und Großmutter schon ererbt haben. Es ist schwer, ein Geschäft zu machen! Doch der Jude kriecht durch Gassen und Straßen und — verläßt sich auf den, der die Würmer im Felde speist, und schreit nur: Handeln! Handeln! — Und dieses heisere, krächzende „Handeln“ schrillt durch den dumpfen Donner der, Zwölfpfünder und ächzt an aas Ohr des ohnmächtigen chinesischen Weisen. Der springt auf: Ein Jude ist da! Ein Jude; kein französischer, deutscher, japanischer, chinesischer Weiser, sondern ein Weltweiser! Der Jude, der aus jedem Ofen sein Brot holte und auf jeder Folterbank gepeitscht wurde.,. Der kann raten und helfen! Mit allem handelt er und alles weiß er!... „Jude!“ schreit der Chinese aus dem Fenster. „Da bin ich, großer Gelehrter!“ — antwortet der Jude und springt aus dem heilen Teil der Straße zum Fenster. Wäre nicht die Scheibe dazwischen gewesen, so hätten beide einander gar geküßt! „Alter Kram zu verkaufen?“ — fragt der Jude. „Ja, eine ganze Menge ...“ „Alles zu verkaufen?“ „Nein, nicht zu verkaufen, wenigstens nicht für Geld; sondern zu tauschen!“ „Gegen anderen alten Kram?“ — fragt der Jude. „Tausch ist auch ein Geschäft“ — denkt er bei sich. „Nein, gegen weisen Rat, eine Weisheit, die die Japaner noch nicht wissen. China muß gerettet werden durch Weisheit.“ „Weisheit habe ich nicht auf Lager“ — antwortet der Jude. „Wo ist sie zu haben?“ — schreit der, Chinese verzweifelt. „Die Quelle weiß ich!“ — antwortet der Jude. „Mäklerei ist auch ein erträgliches Geschäft“ — setzt er bei sich hinzu. „Nenne sie!“ „Was bekomme ich dafür?“ „Was du willst! — All meinen alten, Kram!“ „Spottest du?“ „Nein! Ich gehe dir mein Wort!“ Doch der Jude glaubt dem Worte nicht. Er will erst den alten Kram, dann erst will er die Quelle nennen. „Wirst du mich aber nicht prellen?“ — fragt der Chinese furchtsam. „Ich schwöre bei Gott!“ „Ist mir nicht sicher!“ „Bei der Thora!“ „Unsinn!“ „Bei ganz Israel!“ — Der Chinese lacht auf. „Bei meinem Bart und meinen Schläfenlocken!“ Der Schwur dünkt dem Chinesen kräftig genug. Flugs ist der Jude im Zimmer, sein Sack ist offen und die Geräte und die Kleider der, Dienerschaft sind bereits darin verschwunden. „Nun rede!“ — schreit der Weise ungeduldig. „Noch nicht!“ — antwortet der Jude. Er will erst die Schlafmütze, denn sie ist alt. Er will das Galakleid am Leibe des Chinesen, es ist ja noch älter als die Schlafmütze. Als der Gelehrte sich des Leibrockes entkleidet, merkt der Jude, die Wäsche auf dem Leibe des Weisen sei auch alt. Der Chinese gibt alles willig her. „Bist du zufrieden?“ — fragt er. und steht splitternackt da. Noch nicht!“ — antwortet der Jude gelassen. „Auch den Zopf mußt du mir lassen; er ist so alt wie ganz China.“ In dumpfer Verzweiflung läßt sich der Chinese den Zopf abschneiden und auch der verschwindet in des Juden Sack... „So, jetzt will ich dir die Quelle nennen!“ — beginnt der Jude. — „Doch vergiß nicht: Ich garantiere nur dafür, daß an dem Ort, den ich dir nenne, die Ware zu haben ist, die du brauchst! Ich hin aber nicht verpflichtet, dich dorthin zu führen und stehe auch nicht dafür ein, daß man dir die Ware gibt!“ „Gut, schön; nur die Quelle nenn’ mir, die Quelle!“ Im Paradies, auf dem Baum der Erkenntnis!“ — antwortet der Jude und springt eilends durchs Fenster. Der Chinese fiel in Ohnmacht. Der Weg zum Paradiese stand in allen seinen Büchern beschrieben, die Engel, die Wächter des Paradieses, ließen sich vielleicht bestechen; — doch wie kommt man ins Paradies ohne Zopf? Lacht, Brüder, lacht! Noch einen Schluck! Die Flasche ist leer? Schickt sie zum Schanker! Scherz und Humor Das Wiedererkennen Ein armer Talmudfchüler erhält im Haufe des Rabbi das Effen, wofür er (ich in der Wirtfchaft und auch fonft nützlich machen muß. Er wird nicht gerade gut beköftigt, indes, er harrt feine Lehrjahre getreulich aus. Bevor er nun feinen Lehrer verläßt, um fich nach einer Stelle umzufehen, unterzieht ihn der Rabbi einer Prüfung. Um fich zu überzeugen, ob der Schüler die talmudifchen Beftiraraungen über die Speifcgefetzc beherrfcht, läßt er den Schächter mit einer Kuh kommen und ftellt vor einer Korona von Schriftgelehrtcn allerlei fchwierige Fragen an de» Bocher: „Und nun zeig mir, wo die Kuh die Bruft hat.* Der junge Menfch bückt fich und taftet an den Beinen de« Tieres herum. Endlich erfaßt er ein Knie der Kuh und antwortet: