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Die Stimme · 1929-03-21 · Heft 64 (21.3.1929) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 64 (21.3.1929)
Date
1929-03-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seit* 2 DIE STIMME Wr.U Wir schenken unsere Schuhe nicht her. Aber Sie zahlen bei uns für erstklassige handgearbeitete Modellschuhe in verschiedenen Variationen und individuellen Formen derart billige Engrospreise, daß Sie sich bewußt werden, viel Geld erspart zu haben. LISSIANSKY-SCHUHE Direkt in der Fabrik VII., KaiserstraBe 46 im Stock von Saint Trinite besucht», oder «meine Tochter ist die einzige jüdische Schülerin der Sankt Annenod?f Sankt Eli&abethschu'Ie». Diese Juden sind nicht so borniert und verdorben, daß sie etwa stolz wären auf diese Situation. Aber sie haben ein Gefühl der Unsicherheit, das ihre Moral zerstört, das Gefühl jemandes, der nicht weiß, was «htm der Morgen bringen wird. Augenblicklich ist der Ku-Klux-Klan niedergeschlagen, u-nd Henri Ford hat seine Beschuldigungen einige Monate, bevor er sein neues Automodell «A» heraiusbrachte, zurückgezogen. Aber der Jude weiß, daß bald auch jemand anders Besdnuddigungen gegen die Juden erheben und, da er keine Automobile zu verkaufen hat, nicht zairückziehen wind. Dieser furchtbare Zustand ist die wirkliche Wunde des jüdischen Lebens. Die portugiesischen Juden verabscheuen in Wirklichkeit nicht die deutschen Juden, die deutschen Juden verabscheuen nicht die Ostjuden, die Ostjuden verabscheuen sich untereinander nicht, aber jede dieser Gruppen ist in ihrer Art und zu ihrer Zeit durch die Ankunft der anderen erschreckt worden. Man hatte Angst, daß diese Ankunft dieses Hereinströmen großer Massen von Juden ihre Situation noch weniger sicher machen würde, ihre Situation, die ohnehin keineswegs sicher und angenehm wair. Anläßlich der schlechten Aufnahme, die die portugiesischen Juden den deutschen Juden bereitet haben, sei mir gestattet, eine Anekdote zu erzählen, dre ich bereits vor zehn Jahren bei der Einweihung einer New Yorker Synagoge, in der ich Rabbiner war, erzählt habe. Diese New Yorker Synagoge ist von portugiesischen Juden errichtet worden, aber nicht für sie selbst, sondern für die deutschen Juden. Die portugiesischen Juden wollten ihre alte und verhältnismäßig elegante Synagoge von Neuankömmlingen frei halten und insbesondere von dieser wachsenden Masse deutscher, englischer und holländischer Juden, die «Asch-kenasim» waren, und bei dieser Gelegenheit hat einer der «portugiesischen Granden» ein Geschenk von 10.000 Dollar z*>- gunsten der deutschen Juden gemacht, damit diese ihre eigene Synagoge haben könnten. Die vorgeschobene Begründung lautete, daß ihre hebräische Aussprache nicht ganz mit der sephardischen oder spaniolischen übereinstimmte. So wurden die deutschen Juden in den 20er-Jahren des 19. Jahrhunderts von den portugiesischen Juden behandelt. Die portugiesischen Juden hatten einfach Ein Romancier des jüdischen Lebens in Rußland Von Valentin Patriae Welche Einbildungskraft könnte Erscheinungen schaffen, die mannigfaltiger und gräßlicher sind als jene, welche die Wirklichkeit uns bietet? Die stille Inquisition des russischen 20. Jahrhunderts, ohne Autodafe, ohne Parade, aber um wieviel reicher an jüdischen Leichen, als es einst die in Spanien war. Die Annalen des jüdischen Lebens im alten russischen Kaiserreich sind übervoll von Geschehnissen, welche zugleich Tragödien und Grotesken sind. Man frage irgendeinen russischen Juden nach Einzelheiten a<u® seiner Lebensgeschichte und man wird sofort etwas zu hören bekommen, was in gleicher Weise Empörung und Ironie herausfordert. Geboren in Odessa, in einer Familie kleiner jüdi- •scher Kaufleute hatte Isak Babel nicht weit nach den Stoffen für seine tragisch-grotesken Geschichten zu suchen. Wie Gorki die Untiefen Rußlands enthüllte, So beschwor Babel in seinen «Geschichten aus Odessa» die ganze, den Europäern fast völlig unbekannte Welt seiner Glaubensgenossen, unter denen man Gestalten findet, die geradezu phantastisch erscheinen. Seine Abenteurer und seine Apachen würden denen aus Marseille und Neapel gleichen, wenn sie nicht das Kennzeichen des jüdischen Schmerzes tragen würden. Es ist charakteristisch, daß der Führer einer Bande, dessen Porträt Babel nach dem berühmten «Mischkale, der kleine Japaner» gekennzeichnet hat, ausruft: «Warum sind wir nicht in einem ordentlichen Lande geboren? Warum wohnen wir nicht an den Ufern eines hübschen Schweizer Sees, anstatt hier wie die Galeerensklaven zu leiden oder wie die Verdammten in der Hölle?» Die Jugend unseres Autors lernen wir in seinen autobiographischen Erzählungen kennen, wo er mit einer Aufrichtigkeit, wie sie nur in einem Gefängnis großgezogen werden kann, über die unvergeßlichen Ereignisse seines Lebens berichtet. Sogar die erste Lidbe des Knaben ist unlösbar verbunden mit dem klassischen Schrecken des russischen 20. Jahrhunderts: mit dem Pogrom. Im Alter von 10 Jahren liebte Babel tf!e Frau eines russischen Offiziers. Im Jahre 1905 wohnte er mit seinen Eltern in der Stadt Nikolajow, Angst Sie sahen die deutschen Juden in groß*** Zahl hereinströmen, ihre Sprache sagte ihnen nicht sonderlich ziu, ebensowenig ihre fremde Mentalität; besondere Unruhe bereitete ihnen die Tatsache, daß fest alle aus Deutschland eingewanderten Juden Hausierer wurden. Und tatsächlich waren tost alle nach Amerika etogetwandkrten deutschen Juden in der ersten Hälfte des Jahrhunderts Hausier»* Dwe meisten von ihnen, die Seligmaons, die Lehmanns und die Wormsers haben ihre Laufbahn als Hausierer in den kleinen Dörfern begonnen, wo sie ihr Päckel auf dem Rücken trugen. Das war die anständigste und ehrlichste Art, Jsetoen Lebensunterhalt zu verdienen. Aber die portugiesischem Juden, die schon eine roziale Stufe wie nie zuvor erreicht haben, beunruhigten diese Erscheinungen. Sie sahen, wie diese Hausierer v/>r ihre Tür kamen — und ** waren Juden. Sie, die steh in einer schwer errungenen Position bereits befanden, waren durch diese Invasion der deutschen J>’den erschreckt. Trotzdem Hebten es die deutschen Juden nicht, nrt den Ostjuden ln einen Topf geworfen zu werden, die die wahre Hochburg dies jüdischen Lebens in Amerika bildeten und die trotz ihrer vielen Fehler einen wertvollen Be-trig zur Entwicklung des jüdischen und amerikanischen Lebens lieferten. In den Jahren 1870—1880, in dem Augenblick, da die deutschen Juden glaubten, sich dem amerikanischen Lebesprozeß bereits völlig eimgegUedert zu haben, ohne daß sie es merkten, wie wenig sie sich in Wirklichkeit dem von ihnen mit beinahe lächerlichem Eifer nachgeahmten Amerikanismus angepaßt hatten, standen sie vor der Tatsache der Einwanderung von Ostjuden — Polen, Russen, Galizianem, Rumänen. Sie bekamen Angst vor dieser neuen jüdischen Invasion, die ihre gekicherte soziale Stellung erschüttern konnte, ihre Stellung die sie so schwer errungen hatten und die sie nicht von dem Gefühl der Unsicherheit befreien konnte, wie sie es gern geglaubt hätten. Ein Grund für die Haltung gewisser jüdischer Unternehmer den jüdischen Angestellten gegenüber Ist, daß diese ehrgeizig und unzufrieden und deshalb schwer zu behandeln sind. Ein anderer Gesichtspunkt ist viel ernster. Man hört nicht gern davon sprechen. Ich glaube, den Grund zu kennen, weshalb die Juden ihre jüdischen Brüder nicht gern anstellen: welche in der berüchtigten «Aufenthaltszone» der Juden gelegen war. Damals brach ein Pogrom los; die Babels hatten die Möglichkeit, in das Haus gerade jener jungen Frau zu flüchten, welche die Phantasie des künftigen Autors der «Ersten Liebe» beunruhigte. Der Haufen der Pogromisten plünderte den Laden von Babels Vater und tötete seinen Großvater, welcher es gewagt hatte, Flüche gegen die Mörder auszustoßen. Im Hause derjenigen, welche er heimlich und mit der ganzen Verzweiflung seiner ersten Leidenschaft liebte, wurde der Weine, unbewußt, von einem seltsamen Uebel befallen: er konnte nicht aufhören, den Schlucken zu haben; er gab sich vollkommen Rechenschaft darüber, daß er sich unmöglich benahm und war doch nicht imstande, diese sonderbare und fortwährende Art des Aufschreiens zu unterdrücken. Er redete sioh in die Vorstellung hinein, daß er gegen die Pogromisten kämpfte. Zu gleicher Zeit ließ sein Vater den Sohames kommen, um mit ihm zusammen an der Leiche des ermordeten Großvaters zu trauern und er machte sich bereit, die Kiagelaute auszustoßen, wie sie die jüdischen Witwen bei Begräbnissen ertönen lassen oder die Marokkanerinnen, wenn sie von Schmerz beladen sind. Doch die Mutter, das Ensetzliche dieser Klagen vorausfühlend, hinderte ihren Gatten daran, sich seinem Schmerze hinzugeben. «Sieh doch unser Kind an», schrie sie. Köohelnde Schreie entrangen sich der Kehle des Kleinen. Dann kam etwas, was ihm ein unendliches Wohlgefühl gab. Die Mutter legte das Ende ihres Shawls auf seinen Mund und bat Ihn, seinen Anfall zu überwinden. Aber selbst wenn er es hätte können, so hätte er es doch nicht wollen. Keine Scham war mehr in ihm. Er schauderte in seinem Bett, er warf sich zu Boden, er ließ kein Auge von der jungen Russin und genoß eine Art von abscheulicher Herrschaft über sie. Die Frau schwankte vor Furcht und der Kleine röchelte seine Schreie immer gerade in Ihr Gesicht, um so sein Machtgefühl über sie zu verlängern. Schluchzend, triumphierend, erschöpft brach er seinem Herzblut Bahn. «So begann meine Krankheiti», bemerkt Babel. «Es ist ein Fall, wie er nach der Diagnose eines Arztes nur unter Juden vorkommt. Wenn Ich mich an diese traurigen Jahre erinnere,» vollendet Babel, «so finde Ich in ihnen die Wurzel der Leiden enthalten, die mich Es Ist derselbe Grund, weshalb christliche Häuser Juden nicht einstellen wollen. Warum? Nun, weil die Juden eigen artig und kompliziert sind. Ein Niofvtjude tritt m ein Geschäft ein. Anfangs verdient er 8 Dollar die Woche; nach Ablauf von drei Jahren kann er 12 bis 15 Dollar verdienen; nach 12 Dienstjahren verdient er 25 bte 30 Dollar und für den Rest seines Lebens, d. h. also vom 30. oder 35. bis zum 70. oder 80. Lebensjahr, verdient er 40 bis 50 Dollar wöchentlich. Er wohnt »m Weichbild der Stadt New-Jersey, hat eine große Familie und läßt seine Kinder die Höhere Volksschule od** ein Gymnasium besuchen. Hier lebt er, rackert sich ab und stirbt, und nach seinem Tode erhält seine Witwe die Beileidsbezeugungen des Chefs des Hauses, in dem der Verstorbene 30 bis 50 Jahre seines Lebens angestelif war. Dies ist das Los Tausender, dfe nichts anderes wünschen als dte ökonomische Sicherheit, die keinen Mut haben, die nichts riskieren wollen, die mit der bescheidensten Lebensweise zufrieden sind, ohne auch nur daran zu denken — und das ist der springende Punkt — sich nach und nach emporzuarbeiten, Erfolg und Reichtum zu erwerben, wie die Juden. Ich hörte manchen jüdischen Industriellen sagen: «Ich kann und will Juden nicht anstellen.» — Warum? — «Sie wollen zu unabhängig sein und sind nie zufrieden.» So lautet die Antwort. Andererseits wollen Juden ebensowenig wie Christen Juden anstellen, denn wer zieht gern seine eigenen Konkurrenten von morgen groß? Stellen sie einen nichtjüdischen Verkäufer oder Direktor an, dann können sie mehr oder weniger ahne Sorge sein. Alle fünf Jahre erhöhen sie sein Gehalt um 5 Dollar die Woche, und der Angestellte ist zufrieden. Ein jüdischer Angestellter spart in demselben Geschäftshaus nach einigen Jahren 1500 Dollar, er leiht sich Geld bei seinen Eltern, erhält genug Bankkredit, um selbst ein Geschäft in Gang zu bringen, das seinem früheren Chef ernstl'che Konkurrenz macht Nun wird der jüdische Arbeitgeber wütend, denn seinem verkäutfe:r von gestern gelingt es, ein Geschäft aufzuziehen, das oft größer wird als das semige. Das Unglück ist, daß diie jüdischen Angestellten wirklich sehr selbständig sind, daß sie sehr bald dasselbe tun, was ihre Arbeitgeber vor 10 oder 20 Jahren getan haben, trotzdem säe keine geborenen Kaufleute sind. Wenige von Ihnen, liebe jüdische Brüder, werden Angestellte haben, die bei ihrem Lebensstandard bleibe« wollen, die nicht von diesem unruhigen Geist und dieser quälen und die Ursache m**?nes frühzeitigen Verfalls.» Man könne sagen, daß eine orientalische Musik verzweifelt und machtvoll in ihrer Körperlichkeit, durch diesen Sang der Liebe zum Ausbruch gekommen ist Babel, dessen Namen die Erinnerung an das jüdischbabylonische Altertum wachruft, dringt bis an die Quellen menschlichen Gefühls. Und wie Heinrich Heine in der Einleitung zum «Rabbi von Bachrach» ausruft, er habe den tausendfachen Schmerz beschworen, so » könnte auch die «Erste Liebe» von Babel dieses Motto tragen. Man kennt in Mitteleuropa die «Geschichten aus Odessa», in Frankreich nur ein Buch dieses Schriftstellers, «Die rote Cavallerie», eine Novellensammlung aus der Zeit des polnisch-russischen Krieges, ln diesen Annalen exzentrischer Wildheiten fehlt es nicht an lyrischen Abschweifungen. Der Autor erweist sich hier als ein Kenner und Feinschmecker des Argot der Bauern und Soldaten, er schwelgt allzusehr darin und mißbraucht es oft. Dieses Buch wird auf den jüdischen Leser weniger Eindruck machen. Aber wer Mut hat,, einer gräßlichen Wirklichkeit ins Gesicht zu sehen, der lese zum Beispiel die Novelle «Bei Machno, unserem kleinen Vater», wo der Autor den Fall einer jungen Jüdin analysiert, eines Dienstmädchens, welches von sechs Leuten aus der Bande Machnos vergewaltigt wurde. Der Autor zeigt in dieser Erzählung eine seltsame Ruhe, eine Ruhe, wie sie nur bei primitiven Wesen möglich ist oder bei Künstlern, welche bereits unsagbaren Leiden und Häßlichkeiten als Ueberwinder gegenüberstehen. Die russisch-jüdischen Schriftsteller haben schwere Aufgaben zu erfüllen. Wie wir heute aus Blättern spanisch-jüdischer Dichter uns das Martyrium der Juden in Spanien rekonstruieren, so werden unsere Nachkommen eines Tages Kraft aus den Büchern schöpfen, in welohen die russischen Juden den Mut gehabt haben werden, die Schande ihrer Zeit genau und unverhÜHt darzustellen. Die fremdartigen Gemälde von Marc Chagall dringen immer siegreicher vor. Die Novellen von Babel, deren Helden einige Verwandtschaft mit denen des Malers haben, sollten sich einen Weg in die Herzen der Juden aller Länder bahnen. Möge die Kenntnis des russisch-jüdischen Lebens sich immer mehr und mehr

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