Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 63 (14.3.1929)
- Date
- 1929-03-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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9feHe-3 DfE STIMME Nr. 68 Mit der Zeit «rerbrertete (ich die Kunde, Gabriel fei ein „Heiliger", m»d die Dorfjwdcn pflegten r.n ihm mit Bitten und Fragen 2U kommen. Gabriel wies aber jede Belohnung und alle Gcfchcnke zurück. Vor einigen Tagen, als die Mikulincer Joden im Bcth Hamidrakh terfammclt waren, fchlug Gabriel plötzlich auf das Gebetptok und rief mit lauter Stimme: „Heute noch vor dem Sabbatempfang-Gebet gehe ich von euch fort. Beftimmet einen Mann, der nach mir Kaddifch fprechen foll.“ Bald darauf ver f <h vra« d Gabriel f pur los. Am näcbften Morgen fand das Leichenbegängnis einer Frau ftatt. Als der Trauerzug zum Friedhof kam, bemerkte man dort em offenes Grab, in dem Gabriel, der Lamcdwowmk, to*t lag. Sofort eilte die Polizei herzu und die Leiche wurde federt. Die Acrzte mußten aber feftftellen, daß der Zaddik eines natürlichen Todes gcftorben war. Bauern aus der Nachbarfchaft erzählten, fie hätten bemerkt, wie der „Heilige“ am Freitag morgens auf dem Friedhof mit einem Spaten grub. Die Gemeinde hat nun ein Mitglied beauftragt, das ganze Jahr hindurch Kaddifch zu fagen und Mifdinajoth zu lernen. Kleine Nachrichten Die judifche Wanderung. In der Jahrcsvcrfammlung des Parifer Komitees für jüdifchc AuSwandercrhilfe^tciltc der Gcneralfekretär von HJCEM, Dr. D i j o u r, mit, daß trotz aller Emwandemngsbefdiränkungen dennoch 4 0.0 o 0 bis j 0.0 0 o J u-d e n km Jahre 1928 ofteuropäifche Länder verlaffen haben, um fich nach Ucberfcc, zu einem kleinen Tfeü auch nach Wefleuropa, zu begeben. Etwa 12.000 diefer Auswanderer gingen nach den Vereinigten Staaten, 7000 nach Argentinien,, 4000 nach Brafilien, 4000 nach Kanada, 2000 n.ach Paladin a, 1500 nach Südafrika und 1000 nach Auftralien. In Europa ift Frankreich das einzige Land, in das noch Juden einwandern; im Jahre 1928 kamen etwa 2000 Juden nach Frankreich. * Die jüdifchen Gemeinden im fernen Often befinden fich noch im Stadium der Entwicklung, befeftigen fich aber immer mehr. In Tientfin, wo die jüdifchc Gemeinde im fteten Wadifcn begriffen ift, wurden ein jüdifcher dramatifcher Klub und ein Kulturklub gebildet. Auch die jüdifchcn Gemeinden in Sudchina, wie z. B. in Kanton, Nanking, Chankau ofw., vergrößern fich durch Zuwanderung lehr ftark. Die melften Juden in diefen Provinzen haben fich als Uhrmacher, Juweliere, Mufiker, Frifeure etabliert, ein Teil 'befaßt fich mit Handel. * Ke Leiden der Juden im Jemen. Auf der füdarabifchen Halbinfel Jemen hat fich das dort feit langem geübte graufame Sjrftem der Verfolgung der Juden in der letzten Zeit noch verfchärft. Die Araber bemächtigen fich mit Gewalt der jüdifchen W a i f e n k i n d e r und führen ihre Bekehrung zum If'l am durch. Wenn jüdifchc Perfoncn in fokhen Angelegenheiten intervenieren, werden fie verhaftet und in den Gefängniffen graufam mißhandelt. Wenn Juden das Land verlaßen, dürfen fie ihre Häufer und Habfeligkeiten nicht verkaufen, fondern das Vermögen der Emigranten wird von den Behörden befehlagnahmt. m Vor kurzem wurde in M a i 1 a n d, in der" Via degli Amedei, eine Gebetsftätte eröffnet, in welcher der Gottesdienift mach „afchkenafifchem“ Ritus ftattfindet. Dicfe neue Einrichtung, die es fich zur Aufgabe gefetzt hat, alle die jüdifchcn Elemente Mailands dem Judentum zu erhalten, welche auf Grund ihrer Herkunft für den nach italichifchem Ritus geleiteten Gottesdtenft der italienifchen Gemeinden kein IntercfTe haben können, bildet ein felbftändigcs Glied der großen Mailänder jüdifchen Gemeinde. *• Auf der Ehrenlifte der Perfoncn, welche in diefem Jahre vom König von England in den Ritterftand erhoben wurden, befinden fich vicrjuden, u. zw. der greife Reverend I. F. Stern, der 40 Jahre lang, bis 1927, Prediger der Eaft London Synagogue war und „der jüdifche Bifchof von Stepney“ genannt wird, ferner der Londoner Tabakinduftrielle Albert L e v y, der Sprecher der Legislative von Neufiidwales Daniel Levy und MenafTah M y c r, der Führer der jüdifchen Gemeinde in Straits Settlements (Hinterindien). * Die Wochenfchrift „Jewifh Tribüne“ rechnet aus, daß im Jahre 1928 die Juden der Vereinigten Staaten 60 Dollar pro Kopf für das Wohlf ahr ts w ef cn gelciftet haben. Der Gefamtbetrag, der für Wohlfahrtswerke von Juden im Jahre 1928 geleiftet worden ift, ift 235,735.855 Dollar gegen 2.219,100.000 Dollar, die die Gcfamtbevölkcrung der Vereinigten Staaten für Wohlfahrtszwecke im Jahre 1928 ausgegeben hat. * Wie bereits berichtet, hat das Präfidium des American Joint Diftribution Committee im Hinblick auf die Ende 1929 zum Abfchluß kommende dreijährige Kampagne zur Befchaffung von 25 Millionen Dollar für Hilfs- und Aufbautätigkeit in Europa eine Umfrage unter 100.000 regelmäßigen Spendern des United Jewifh Campaign veranibhet, dicfe Kampagne und die Aufbauarbeit auch nach 1929 fortgeführt werden foll. Von den Befragten äußerten fich 96 Prozent dahin, daß die Arbeit fortgeführt werden muffe. 1 * Die türkischen Behörden weisen letzt rücksichtslos alle russisch en Emigranten, unter ihnen viele Juden, a«s. (Von den jüdischen Flüchtlingen begibt sich ein Teil, vom Völkerbund unterstützt, nach Palästina, andere Grup* pen wandern nach Südamerika timl Kanada aus. Die Red ) * Lord Reading, der frühere Lord-Chief Juftice von England und Vizekönig von Indien, hat zmn erften Mal feit rß Jahren wieder eine politifche Rede gehalten. Während feiner Amtszeit mußte er fich von der politischen Tätigkeit zurückziehen und nachher hat er fich von der Politik ferngchalcen. Sein politifches Auftreten hat daher in der Oeffcntlichkeit größtes Intcreffc erweckt. Lord Reading erklärte, daß er Liberaler bleibe.!f “--- Die „braven" Heimwehren Mehr als einmal hatte «Die Stimme» Gelegenheit autf die a n t i s c m’jL tische Propaganda der Heimwehren, in der es auch an Pogromd r 0I1 ungen nicht fehlte, bin zu weisen. Da aber die Heimwehren, wie jede bewaffnete Formation, auch wenn sie «bloß» dop Bfirgerschute- (lies Bürgerkrieg) dient, viel Geld bracht — mehr als Ihr die österreichische Provinz tmtl der Industriellenverband beisteuern —, so geht -man auf die Schnorre. In Wien wird das Schnorren, wie uns bekannt ist, schon recht eifrig betrieben. Es tötet alten mit Schnorraktionen «befaßten» Stellen bekannt, daß die Juden ein dankbares Objekt sind; «fe geben gern und reichlich, wenn ihnen der Zweck als gut erscheint. Sollen also die Juden für die Heimwehren beisteuern, so muß ihnen die « Hei matsc hu tztrupp&> als förderungswüxdiig hiaigestellt werden. Dem stünde nun, so glauben die Heimwehrleute, nichts entgegen, als der schon mehrfach bekundete Antisemitismus? So schwört dehn der Heimwehrfilhrer S t e i d 1 e c&n Antisemitismus ab. Wo? Natürlich in einem «Judentalatt», ihi «Wiener Journal». Wie? ln einer Weise, daß jeder Jude, der etwas auf seine Würde hält, atisspucken muß. Zunächst erklärt Herr Steidle, die Heimatweihrbeweguag habe «nie einen Gesinnungszwang in der einen oder andere». Richtung ausgeübt und es stets jedem ihrer ArthärÄr, freigestellt, zu diesem Problem Herrenand ftamen-Kle&der nach waß R»lch# St»ff»uiw»hl. Zthlimg nach üekerelBkomman. Jfohann lacina Wien, TI., Mariahilferstraße 107, Tel B 37-2.38 (dem , des Antisem^smius. — Die Red.) nach eigener Ueberzeugung and oestem Gewissen Stellung zu nehmen». Das bedeutetcalso, daß man gegen Antisemitismus in der Heimw^öhr «obersten Ortes»'nichts einzuwenden hat. Zu dieser Erkenntnis haben wir Herrn Steidles Erklärungen nicht gebraucht; dazu genügen uns die antisemitischen Hetz- und Pogromreden, die in den Werbeversatnrnlungen der Heim wehr‘auf dem flachen Lände unePin Wien (hiervorf-ehrer gefälligen Berichterstattung wegretousdhiert) von. Steiidles Unterläirfeln mit «oberster» Genehmigung gehalten wurden. Weiters konstatier! Herr Steidle, daß die Heimatwehre« «keine PogromanHänger» seien, fügt aber vorsichtig hinzu, daß «pebergriffe einzelner gegebenenfalls sofort unterdrückt ^yerden könnten». Dahn aber folgfi ein Moralkursus, in weichiem den «staatstreuen, konservativen und alteingesessenen Teilen der Judenschaft» der Kopf gewaschen wird, da sie die «Zugereisten», welche angeblich unter den «destruktivst*« Elementen des Marxismus und seiner Mfltääufier zu finden sind», nicht in Acht und Bann tunl Darauf folgt die in solchen Fällen übliche Drohung: Alber. der Mann auf der. Straße unterscheidet nicht mit der: Kühle des Philosophen (sic!), zumal dann nicht, wenn prominente Vertreter der jüdischen Mitbürger, sei es aus" welchen Gründen immer, es nicht über sich gewinnen ^können, von den «Zugereisten» abzudicken . . . Die ^Probleme, diie sich aus der einmal gegebenen Leberfsgemelnschaft (zwischen Oesterreichem und Juden. — Die Red.) ergeben , können aber b es 11 m m t .nie h t in ruhigem, gerechtem und f r i e d Iji c h e m Sinne bereinigt werden, wenn ans übel angebrachter Rücksichtnahme . . . einer Stimmung der Boden bereitet wird, die den unmittelbaren Täter, nur allzu leicht mit dem zu identifizieren geneigt ist,, der dem Täter Vorschub leistet oder zu leisten scheint» Aus der «bodenständigen», an Spann geschulten Soziologie ins Deutsche übersetzt, heißt das: Die «Zuag*rasten» sind;. destruktive Marxisten; und wenn die «gurten Juden» die Zuag’rasten nicht erschlagen, so dürfen sie sich nicht; beklagen, wenn sie beim nächsten Bürgerkrieg von deap «Mann (lies Beimwehnmarm) auf der Straße» kurzerhand erschlagen werden. Herr Steidle gibt den Jud#n den Rat, zur Vermeidung solcher peinlicher Irrtümer,, die «schon aus der einfachen praktischen Rücksichtnahme auf die notwendige Sympathie des In- und Auslandes» den Heimwehren nicht angenehm wären, ihre «Zugereisten» Brüder, die er mit den «Austro-Marxlsten» identifiziert, in eigener Regie zu pogromieren, sonst könne er nichts für einen allgemeinen Judenpogrom. Da6 ist der Kern der «sensationellen Erklärung» des Herrn Steidle. Sie ist, gelinde gesagt, eine Frotzelei. Zunächst einmal deshalb, weil sie den Juden Oesterreichs politische Anschauungen vorschreibt, dann, weil sie die so beliebte'' Teilung in «Bodenständige» und «Zugereiste» benütött, um unter den Juden selbst eine Art von Bürgerkrieg zu propagieren. Freilich kann man nicht® anderes von einem Manne erwarten, der am der Spitze einer Orgawieabon steht, weiche den Bürgerkrieg vorbereitet Wir Juden in Oesterreich lehnen alle bewaffneten Banden und .sonstigen Formationen, welche die Gefahr eines Bürgerkrieges vermehren, aufs entschiedenste ab, die Heimwehr sowohl, wie auch den von den Sozialdemokraten erhaltenen Republikanischen Schutzbund. Wir werden niemals uns für eine den Frieden des Staates störende Bewegung kaptivieren lassen, und schon gar nicht für die Heimwehr des Herrn Steidle, in der — dad ist erwiesen — rüdeste antisemitische Propaganda betrieben wird. Die Erklärungen des Herrn Steidle sind, obwohl sie ein ihm willfähriges «Judenblatt» groß aufmacht, eine grobe und tückische Irreführung und werden ihren Zweck, den Juden Geld für die Heimwehr 'abzuknöpfen, schwerlich erreichen. Die Heimwehr hole sich das Geld beim Landbund, beim Industriellenverband (dessen jüdische Mitglieder, wenn sie für die Heimwehrbewegung Geld airswerfen, sich selbst brandmarken) und bei Bundeskanzler Seipel, dem Chef der programmatisch-antisemitisch c n R e g i c r u n g 0 e s t e r r e i c h s und heimlichen Protektor der Heimwehren! Für die anständigen Juden Oesterreichs aber gelte die Parole: Keinen Kreuzer für die «braven» Heiniwehrein! Rückwärts, rüekwätts, Don Rodrigo! Aus W,iener-Neiustadt wird uns berichtet: Zu dem in unserem Blatte vom 14. Februar 1929 erschienenen Artikel «Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo» erachtete cs der Ausschuß der Kuhnsgemeinde Wiener-Neustadt als seine «moralische Pflicht», ein «objektives» Bild zu geben, und zwar deswegen, weil der Artikel in der «Stimme» geeignet sei, das Ansehen der Kuiltusgemeinde herabzusetzen, wie wenn die .Helden von Wiener-Neustadt nicht durch die lange Dauer ihrer Herrschaft dies schon längst zustande gebracht hätten. Nun enthält dieser langatmige Artikel nichts, als Unwahrheiten, was Wunder, wenn sich derselbe lediglich als Abklatsch des anläßlich der Wahl von ihnen ausgegangenen, marktschreierischen Wahlaufrufes darstetlt. Es wäre einfach und leicht, nicht nur die Unwahrheit der Behauptungen, sondern gerade das' Gegenteil als richtig naohzu weisen, allein es hat wenig Zweck, mit Leuten zu polemisieren, denen jeder Sinn Für Wahrheit und Recht fehlt, welche über Talmud und Thora stottern und deren hohe Moral und Ethik wedej: verstehen noch suchen, sondern nur als Magazin für den Bezug ihrer Drefis betrachtein. Nur als ein Beispiel .für das objektive Bild des Wahrheitsartikels sei angeführt, ^daß die Wirtschaftspärtei die. Führung der Gemeinde übernehmen mußte,' als die konservative Partei am Ende ihrer Weisheit angelangt war und nicht mehr weiter konnte. Wiewohl' ihr diie Aufnahme .eines Sparkassendarlehens zur Sanierung bewilligt worden war, hat nun die Wirtschaftspärtei von der Realisierung des Darlehens Abstand genommen, während der kurzen Dauer ihrer Führer Ordnung in die Finarjzen gebracht und trotz des durch die Wirtschaft der konservativen Partei herbeigeführten hohen Aufwandes, einen beträchtlichen Teil der Schulden getilgt Daß es etwas anderes ist, wenn cber Hauptnörgler anläßlich dbs WahlrcklamationsVerfahrens alle jene Personen von; der Wahl ausschließen wollte, welche . durch Jahre hindurch überhaupt keinen Beitrag leisteten, und was anderes, wen/n diejenigen Mitglieder, welche ihnen ganz bedeutenden Kul tusbei trag bis auf einen kleinen Rest bezahlt haben, ausgeschlossen werden, das kommt natürlich den wahrheitsliebenden Beiden nicht in den Sinn. Possierlich mutet es an, wenn dieselbe Sorte von Leuten von. Ta'kt und Heldentum schreibt. 0, Sic Schlimmer! Seit wann Ist es Brauch, daß ein vereinzelt, ab und zu gegebener Bericht vom Verfasser gefertigt wird? Oder glauben die Helden, daß sich der Leser dier «Stimme» in Bukarest, Lemberg oder Berlin für den Verfasser interessiert und nicht für den Inhalt des Artikels! Seine Unterschrift gibt nur derjenige, der sich denn doch hie und da in der Zeitung gedruckt 6ehen will Uebrigens ist ja dier Berichterstatter hierorts allgemein bekannt Ihr Helden von Wiener-Neustadt aber, Ihr sollt meinen Namen nie erfahren, ich bin delr Kaiser Josef! Vor dem kongenialen Oberhirten aber, welcher auch diesmal mit kohol geht, will ich Takt Zionistische Bsziphssehtion Loopoldsladt, Clrku»gft*ae 33 Die Zionistische Bezirkssektion Leopoldstadt spricht ver Familie Müller anläßlich des Hinscheidens des derdien st vollen Vorstandsmitgliedes Herrn Markus Müller das herzlichste Beileid aus. lie Zionistische Frauengruppe IX kont ihrem Vorstandsmitglied rrau Klara Die dotiert Müller zu ihrem durch das Hinscheiden ihres Gatten ^Herrn Markus M ü Her erlittenen schweren Verlust.