Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 63 (14.3.1929)
- Date
- 1929-03-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 6 n Deutschland, dann, als die internattonalen vrimmh ichaftlichen Beziehungen wieder ausgenommen wurden, ln der ganzen Welt eine Revolution auf dem Gebiete der Physik hervorrief. In zahllosen Schriften (die PubMfcationen über die Emsteinsche Relativitätstheorie in Deutschland, England, Frankreich, der Schweiz und den Vereinigten Staaten gehen in die vielen Tausende) wurde für und wider die neue Theorie Stellung getommen; sie hat sich bisher theoretisch nicht widerlegen lassen, praktische Nachprüfung (durch astronomische Beobachtungen) war in vollem Umfange erst bei einer totalen Sonnenfinsternis vor wenigen Monaten möglich and wurde im indischen Archipel vorgenommen; die Ergebnisse der Beobachtungen sind noch nicht vollständig publiziert, was bisher davon bekannt wurde, kann die Einstednsohe Theorie nicht erschüttern. Der Relativitätstheorie ist erst vor wenigen Wochen Eineteins neue aufsehenerregende Schrift «Grundzüge einer leuea Feldtheorie» gefolgt. Der Jude Einstein Die deutsche Wissenschaft, welche, sehr zu ihrem Schaden, in den letzten Jahren ins antisemitische Fahrwasser geriet, hat die Erörterung über Einsteins Theorien sehr hälftig im Zeichen des Hakenkreuzes geführt. «Der Jude Einstein» wurde für die völkische Hetzpropaganda ausgenützt; die völkischen Putschisten setzten den Gelehrten auch auf ihre «schwänze Liste», unmittelbar nach Walther Rathenau gegen den ihre Mordhetze leider Erfolg hatte. Einstein sollte auch von der Berliner Universität weggeekelt werden (das Ausland, vor allem England bemühte sich damals, den Gelehrten zu gewinnen), doch diese «Bestrebungen» wurden zunichte an dem guten Geiste des Preußischen Untemohtministenums und vor allem an Einsteins bei aller Bescheidenheit unbeugsamen stolzen Mut und seiner echten jüdischen Würde und Vornehmheit. Seine wissenschaftliche Leistung fand immer stärkere Anerkennung; im Jahre 1921 erhielt er den Nobel-Preis für Physik und ist heute Ehrenmitglied fast aller wissenschaftlichen Vereinigungen der Welt An der berühmten Universität Leyden ist Einstein seit einigen Jahren Gastprofessor. Als vor wenigen Monaten die Nachricht von einer ernsten Erkrankung Einsteins, von der er seither wieder genesen ist, die Welt durcheilte, nahm die ganze Kulturwelt lebhaftesten Anteil an dem Wohle des großen Mannes, der seit je es als Aufgabe der Wissenschaft betrachtet, dem Völkerfrieden zu dienen, und deshalb auch an allen geistigen Bestrebungen des Völkerbundes aktiven Anteil nimmt. Dieser Mann, der die Physik revolutioniert hat, den seine wissenschaftlichen Leistungen ins hellste Licht der Oeffentliohkeit gerückt haben, Ist persönlich von ruhigem, bescheidenen und zurückgezogenem Wesen, ohne jedoch einseitiger, weltfremder Stubengelehrter zu sein. Ein vorzüglicher Kenner der modernen Kultur in allen ihren Zweigen und Strömungen und in ihrem literarischen Ausdruck, Bewunderer der modernen Baukunst, in der er den bildhaften Ausdruck mathematischer und physikalischer Gesetze sieht, Musiker von mehr als durchschnittlicher Begabung, ist er auch mit der Gegenwart und Zukunft. des jüdischen Lebens eng verbunden. Einstein gehört au den wenigen großen Männer jüdischer Abstammug, die ihrem Volke (und damit auch sich) jederzeit treu geblieben sind. Einstein ist stolz auf seine Zugehörigkeit zum Judentum, hat Ehrfurcht vor den jüdischen Traditionen und Vertrauen auf die Zukunft seines Volkes. Diese jüdische Einstellung mußte ihn — und dies schon früh — zum Zionismus führen. Seit einem zufälligen Besuche Palästinas zu Anfang 1914, auf einer Rückreise von Japan ist Einstein mit der zionistischen Bewegung verbunden. Trotz seinem aktiven Pazifismus und geistigem Internationalismus anerkennt er ln vollem Umfange den Wert und die Notwendigkeit der nationalen Tradition*. ln dem Vorwort zu einer jüdischen Ausgabe der Relativitätstheorie sagt er u. a.: «Früher hatte unser jüdisches Volk einen festen Zusammenhang durch die strengen Traditionen. Die Segnungen dieser Bindung mußte es mit kultureller Abschnürung bezahlen, die zu einer großen Einseitigkeit der geistigen Betätigung und Weltanschauung führte. Kann dieser Mangel behoben werden, ohne die nationale Existenz zu gefährden? loh denke, daß dies möglich ist: durch das Leben des Individuums und der Gemeinden nach Traditionen; das Denken keiner anderen Hemmung unterworfen als der Beschränktheit des m e n s c h 1 i c h e n G e i s t e s.» Diese Einstellung zum jüdischen Renaissanceproblem macht Einstein zum eifrigsten Förderer der hebräischen Universität in Jerusalem, deren Kuratorium er angehört, deren physikalisches Institut seinen Namen tragen wird. Aber Einstein erkennt wohl, daß die geistige Renaissance seines Volkes Hand in Hand gehen muß mit seiner wirtschaftlichen und sozialen Regeneration; daher ist er für den Aufbau des jüdischen Palästina rege tätig. Im Jahre 1921 nahm er auch an der amerikanischen Propagandareis e des Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation Prof. W ei z m an n für den Paiästina-Aufrm? apyimni uf m ültt gl ilBIBc . . . Nt« w baofomte, <kn Keren Hajessod, m und setzt das Gewicht seiner Persönlichkeit Immer wieder für die Kerec-Hajessod-Propaganda ein, so erst Jüngst wieder durch eilte Botschaft an die amerikanische Juden* eit. Einstein dient mR Hingabe der geistigen Entwicklung der Menschheit, detfi Frieden der Völker und der Zukunft seines Volkes, Solche harmonische Wesensart ist einzigartig und groß. Wir feiern einen großen Sohn df§ jüdischen Volkes mit Stolz wrf dem Höhepunkt seines Lebern. Einstein, der Forscher Aken befreienden Geistern geroein—m ist der Mut zur Btaa&mkelt (Albert Einst«!».) Wir woHen nicht überlegen, welcher der ehrenden Beinamen, die dieser Tage in tausend Geburtstagsartikein dem Physiker Albert Einstein verliehen werden, Run eigentlich gebührt Denn wir Zeitgenossen haben sicher zu wenig Distanz von dieser Erscheinung, als daß wir es wagen dürften zu beurteilen, ob Einstein «einer der allergrößten Geister der Menschheit» oder ob er der größte lebende Physiker oder schließlich nur einer der bedeutendsten unter den lebenden physikalischen Theoretikern Deutschlands ist Aber ist es nicht müßig, so zu fragen? Sollte es uns nicht zu seinem Ruhme genügen, zu wissen, daß er ein außerordentlicher Geist Ist und daß sein Werk fortwirkend welteriebt und Im üblichen Sion des Wortes unsterblich ist? Vor nun zirka acht Jahren gab es den großen Eitistem-Ronwnel, welcher den Namen des Mannes, der schon längst m den Fachkreisen hochgeachtet war, fast plötzlich einer großen Oeffentlichkeit bekanntmachte. Dies geschah meines Wissens eigentlich ohne einen besonderen und unmittelbaren Anlaß, durch den unerforschUchen Ratschluß der Reporter Und alsbald setzte ein großes Popularisieren ein; jeder wollte wissen, was der Mann gesagt habe, welchen man In einem Atem mit Galilei, Kopemikus und Newton, mit einigen der Volksbibliothek Zion, IL, Kleine Mohr eng. 3 b Samstag, den 16. ds., 8 Uhr abends Vortrag des Herrn Babb. Ihr. D. Peuohtwang über „Die Koltargeacfatciitliche Bedeutung der Bibelübersetzungen“. Größten aus der Geschieht« des menschlichen Geistes, zu nennen wagte, und dessen Theorie «Relativitätstheorie» hieß. Bald gab es keine traurige Betracht1 mg der Wechsel fälle des Lebens, der nicht resigniert der Satz angehängt wurde: «Ales ist relativ, sagt Einstein», dem dies jedoch nicht entfernt eingefallen war, und der, als ein großes Kind des Erfolgs sich freuend*, viel zu wenig gegen Qberihandnehmende Mißverständnisse Seines Werkes getan haben mag (wobei es freilich zweifelhaft bleibt, ob sein energischeres Ein schreiten etwas genützt hätte). Fast gleichzeitig mit den Zeitungen bemächtigten sich die Philosophen der neuen Theorie und von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen, gelang es Ihnen, noch größeren Unsinn aus Einsteins Theorie zu machen als es die Verfasser populärer Schriften vermochten. Was war nun der Anlaß m dieser allgemehtsn Anteilnahme, was die Ursache so vielen Mißverstehens? Zwei Worte, zwei Begriff«, di« in Einsteins Arbeiten eine gewisse Rolle spielten: Raum Und Zeit. Zwei Begriffe also, welche jedem tieferen Nachdenken immer wieder Anlaß zum Verweilen geben. Aber hier lag auch das Mißverständnis. Dl« Theorie Einsteins, als ekte echte physikalische Theorie vermag gar nichts über irgendwelche mystisch-tiefe Raum- und Zeltbegriffe auszusagen; beinahe so wenig, wie die Optik über das «Licht der Erkenntnis», sondern sie spricht von etwa« viel einfacherem, viel konkreterem; wie die ganze Physik spricht sie von den Ergebnissen unserer Messungen, von flieht« SfidSftnu Und zwar in unserem Palle von den Ergebnissen von «Zeit»- und «Raum»- Monatsschrift für den Hofbäu Palästinas PALÄSTINA Har»; ZloaisUNäss UudwkomltM Vien, - Red.: ADOLF BÖHM H*ft 9/3 eben ersohieneü. Aa« dam Inhalt: Dr. Karl Schwager: Die Rinderzucht, Dr* ß. PflUlf i VeriergUig der Juden mit Spitalern t Dr. Zagorodsky: Biians einer aekerbautrelbeadaa Kolonie, Dir« H. Vltelee j DieTmubenknltur, A. Ben lachall Die bebrüUche PrOMe : Rundschau: Politik. Landwirtschaft, Wirtschaft. Nachrichten und Daten, Bueherbaapreehungen etc. Ab öeeterreitb ß 12. -, Deutschland RM 8.40, übriges Ausland S 2.—. Administration und Verlag: C. Barth, Wien, I, Hefigaese 7. Wochen-Kaletider MOr* 1M9 Gedenktage TUtf »•Din 14 Doanerstag 18M — der Entdecker dee 8al- ▼artans Paul Ehrlich ta 8trehlen (Schlesien) geboren. — der berühmte Physiker Albert Einstehi tn Ütm ge* berea. 18» — der bekennte Politiker Ludwig Bemberger 1« Berlin gestorben. 2-n 11 Freitag 1M1 — der hebriUeobe SobrtfV stolier Beben Bmintn gebeeen. s-a Ssbbettafras ■■ «Uh* 14 Samstag lfM — Prot. Ansaat t. Wassermann, der Entdoeker der naeh Ihm benannten Blutreaktion ant Lues, gestorben. Weekeasb»eba. Pekadej. Heiteren: Wettsehlem 'tabbsteaegear Uhr 44 11 Sonntag 18W — der Komponist Jacques Promental Haler? (Opern tJ>ie Jüdin“, „Cer Blit»“ u. a.) In Nim geetorben. 8-n 18 Montag 18S6 — der gefeierte Wiener Kanrelrednor Babbiner lenk Non Hannhelmer gestorben. «-1 19 Dienstag 7-f 20 Mittwoch tm — die Jüdische Kolonialbank (Jewish .Colonial Trust) ln London registriert. 8—n messungen von Längen und von Zeitdauern. Da alle diese Messungen nur mit wMdh-en Maßstäben und mit Uhren vorgenannten werden können, sind ihre Ergebnisse ebenso physikalische Tatsachen wie etwa die Ergebnisse von elektrischen Strommessungen. Nur ist an ihnen auffallend, daß sie die fundamentalsten und wichtigsten physikalischen Messungen sind, solche, die unvermeidlich in jeder Messung anderer Dinge mit verwendet werden (etwa, wenn wir für eine Temperaturmessung die Länge des Quecksilberfadens im Thermometer bestimmen oder wenn wir den elektrischen Stromverbrauch einer Lampe an der Zelt messen, welche ein Elektrizitäts- Zähler zu einer Umdrehung braucht); aber es sind ebenso physikalische Erfahrungen und nur die Physik hat über sie etwas auszusagen und weder die feine Mathematik noch die Philosophie können in Fragen der Raum- und Zeitmessung etwas aiissagen, was über die Erfahrungen hinausgeht. Aber gerade hier Hegt die Gefahr eines voreiligen und unzureichend begründeten Urteils sehr nahe. Denn gerade über Raum- und Zeitmessungen sammeln wir ununterbrochen teils kaum bewußt, *eils mit Absicht ungeheuer viel Erfahrungen und vergessen allzuleidit, daß die Mittel unserer Sinnesorgane ebenso wie unsere Apparate und Methoden niemals vollkommen sind; daß es also durchaus Vorkommen kann, daß verfeinerte, sorgfältigere Messungen ein anderes als das gewohnte Resultat ergeben. Es kann nun leicht geschehen, daß aus vielfach wiederholter, beiläufiger Erfahrung entstandene Denkgewohnholten für Denkgesetze gehalten werden, welche uns schließlich daran hindern können, neue, feinere Erfahrungen zu verstehen; zweimal hat Albert Einstein uns zum tieferen Verständnis der Naturerscheinungen verhelfen, indem er gerade gewisse Raum- und Zeitmessung betreffende Denkgewohnheiten als solche erkannte und dadurch Platz für neue, die Wirklichkeit besser erfassende Lehren schuf: die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie, welche von ihm begründet und zum großen Teil auch ausgebaut wurden. Während aber die erste heute fast unbestritten herrscht und tatsächlich ins Fundament der modernen Wissenschaft aufgenommen wurde, ist die zweite immer noch umstritten. Dm Er« fahrungsmaterial, auf dem sie fußt, ist noch zu spärlich und auch anders deutbar, als durch Einsteins Theorie. Wenngleich nun hier das letzte Wort noch lange nicht gesprochen Ist, so scheint doch soviel festzustehen, daß Einstein den Weg zu neuer Erkenntnis frei gemacht hat und die Richtung gewiesen hat, in der sie liegt. Einsteins erst vor kurzem erschienene letzte Arbeit dürfte wieder einen wesentlichen Schritt vorwärts bedeuten, einen weiteren Schritt zur Vereinheitlichung unseres Bildes von den physikalischen Vorgängen in der Natur. Diese ArbeitenT die Relativitätstheorie betreffend, haben Einsteins Namen der Öffentlichkeit bekanntgemacht. Aber wenn man den Wert einer Leistung an ihren Früchten erkennen soll, dann sind es eigentlich andere Arbeiten, welche seine wertvollsten sind. Für eine von diesen, über den sogenannten «iiehteiektrischen Effekt» hat auch Einstein vor einigen Jahren den Nobel-Preis erhalten. Hier so wie in zahlreichen anderen Untersuchungen, die sum größten Teil der Theorie des Lichtes und der Atomtheorie gewidmet