Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 63 (14.3.1929)
- Date
- 1929-03-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 ME STIMME Nr. 68 €af£ Produktenbörse Wien, ll.,Taborstrafie10 Monumentalstes Kaffeehaus Wiens Behaglioh durchwftrmtl Rauoh-und dunstfrei! Ausgezeichnet ventiliert! Am Abend: Treffpunkt der jQdleehen Intelligenz und der Zionisten aller Rlohtungen sowie der jOdiach-aKademlsohen Korporationen und Vereine Achtung I Zwei Prozent cfor gesamten Abendlosung werden allmonatiioh dem Keren Hajeesod abgefflhrt Also zwei gewaltige Probleme, die in so fragwürdiger Gestalt an uns herantreten, daß unser Gewissen nicht zur Ruhe kommen kann, bis wir die befriedigende Lösung gefunden haben werden. Der Ankläger gegen Philipp Halsmawt, der den Vatermoed naohzuweisen hatte, mußte sich folgender Aufgabe unterziehen: Erstens: er mußte die seeHscbe Atmosphäre fühlbar machen in welcher der Angeklagte und sein Vater gelebt haben, k*re Charaktere und ihre Umwelt. Dr. Freßbunger führt nun aus, daß die von ihm gestellten Anträge für die Erforschung des Seelenphänomens unbedingt zuzulassen waren, und daß ein Beweis durchgeführt werden mußte, weicher ein Justizopfer ausschbeßt und es verhindert, daß ein Unschuldiger unter die Räder der Justizmaschine komme. Sodann legte der Verteidiger die einzelnen Nichtigfceitsgründe dar. Er wies darauf hin, daß ein Lokalaugenschein bei der Voruntersuchung vorgenommen wurde, dem weder der Beschuldigte noch sein Verteidiger zugezogen wurde; bei der Verfvamfiung wurde der Anfrag der Verteidigung auf Vornahme efres neuen Lokalaogenscheines abgefeimt Das Innsbrucker Gericht hat ferner die Ladung von Zeugen, cfie über den Charakter des Angeklagten Auskunft geben konnten, abgelehnt, u. a. die Ladung der Schwester und des Bruders des Vaters. Der dritte Niehtigkeitsgtuod gebt dahin, daß ein Fafadtfitsgutachten hätte eingeholt werden müssen, da das S ach v erst äpdigengutachtea mangelhaft' war; so z. B. konnte cße tödliche Verletzung an der Stirn gar afcbt von dem Vorgefundenen Stein herrühren. Es war auch notwendig, die Beweise darüber za fuhren, daß Philipps Vater, der als Herzkranker gerne über seine Kräfte touristische Wagestücke unter- Die jüdischen Besucher der Leipziger Messe (Za Freudenthals «Leipziger MeBgäste»*) Von Bernhard Wachstem. Die Bedeutung der Jahrmärkte in der alten Zeit ist allgemein bekannt Die noch bis ins 19. Jahrhundert hinein fortdauernden, im Verhältnisse zur jetzigen Zeit primitiven Verkehrsu"d Wirtschaftsformen machten die Märkte zu einer volkswirtschaftlichen Notwendigkeit. kn Leben der Juden gar, denen die Zentralpunkte des Handels außerhalb der Marktzeit größtenteils verschlossen blieben, spielten die Märkte eine ganz besondere Rolle. Der «Jtrid»**) hat sich denn auch der Volksphantesie in hohem Maße bemächtigt. In dem Strome von Menschen aus aller Herren Länder gibt es packende Erkennungsszenen Verlassene Frauen (Agunoth) finden ihre treulosen Männer wieder, Eltern ihre verloren geglaubten Kinder, Gläubiger ihre davon*» gelaufenen Schuldner. Ja sogar dis ruhelos umherwandernden Toten, — die Qlamhatoa-Wanderer — finden hier durch die Wunderkraft eines Heiligen ihre Ruhe wieder. Aber nicht nur das Alte wird restituiert, Auch neue Bündnisse nehmen hier ihren Anfang oder ihren glücklichen Abschluß. An fahrendem Volke, Musikanten, Spaßmachern zur Belustigung der Hochzeltsgäste fehlt es hier auch nicht. Aueh für die Geistigkeit ist reichlich gesorgt. Die fahrenden Buchhändler — die Packenträger — bieten jn großem Stile die Erzeugnisse der jüdischen Pressen aus. Aber jenseits der konkreten im Buche greifbaren Geistigkeit vollzieht sich noch etwa« andere«, Unsichtbares, Auf dem Platze nämlich, der «einer Anlage nach zum Austausche irdischer Güter •) Die jüdischen Messegeräte der Leipziger Messe in den Jahren 1675 bis 1764. Schriften der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Frankfurt a. M. Verlag J. Kaufmann. 232 Oktavseiten. **) das talmudische Wort für Markt, noch jetzt hn Munde der Juden in Polen und Rußland gebräuchlich. aalst m «*m° Bawlskfrun 1» and <tafcer iefcfct «bsttettn könnt«. ASM li dienern Prozeß Ist angeffot. Es fct ja nickt «nt*«chlossen, daß sogar ela Dritter als Täter fr Betracht kommt; so ist ein rätselhafter Df. Josef Wall I« dem Prozeß genannt worden, dar steh tu dVa holden herangemacht hatte and der dann spurlos verschwunden war. Großen Raum nimmt in der Nichtigkeitsbeschwerde die Darstellung jener Momente ein, die nach Ansicht der VertekÜgong Zeugnis dafür «biegen, daß cg« Atmosphäre hn Gerichtes««! von Animosität gegen den Angeklagten erfüllt.,war. Konfessionen« und partoipoUtlsch« Imponderabilien waren am Werke* Antisemitische StrfaiaffC*i drangen bis ln den Gerichtssaal und Ms an die Geschworenenbafllc. Ein weiterer Punkt der NichtJgkeitsbescbwerde flehtet sich gegen die Ablehnung des Antrages, daß die Briefe des Sohnes an den Vater vorgeJesen werden. Diese Briefe scheinen dem Mordverdacht tsteäcbßch voß-. kommen so widersprachen. Es sind zärthehe Briefe, die viel Liebe m dem Vater erkennen lassen; es sind auch keineswegs alte Briefe, sie reichen Ms zum Juni 1928, also bis drei Monate vor der angeblichen Mordtat. ScbKeßUch beanstandet die Nichtigkeitsbeschwerde, daß der Vorsitzende tat seiner Recfatsbelehrnng übersehen habe, die Geschworenen auf die Vorschrifteil über ihre Beratung und Abstimmung aufmerksam zu machen, und daß «rwel Geschworene während der Verhandlung wiederholt geschlafen haben. Dr. Preßburger beantragte, der Nichtigkeitsbeschwerde stattzugeben, weil nichts im Beweisverfahren den Vatermord erweise, well schließlich der Angeklagte unschuldig sein könne und die Verteidigung von seiner Unschuld überzeugt ist Auf den zweiten Antrag des Vertekßgers, zur neuerlichen Verhandlung das Lan d esgericbti in Wien za delegieren, erklärte der Vorsitzende, daß über diesen Antrag der Gerichtshof in nichtöffentlicher Sitzung entscheiden werde. Dann aber folgte das dramatischeste Moment der Verhandtang; auch der Vertreter der Ankfagebehörde, Generalstaatsanwait Dr- Pietsch, verlangte die Aufhebong des Urteils. Zn dieser Schlußfolgerung kam er nach kurzer, markanter Darlegung der Mangelhaftigkeit des ganzen Indlziettverfahrens. Er führte u. a. aus: Die SchuMfrage 1 ln diesem Prozeß kann ‘ mir auf das Gutachten und die Ergebnisse des Lokalaugenscheines aufgebaJut werden und die übrigen Beweise stellen lediglich mehr Oder weniger beachtliche Indizien dar. Das Gutachten der sachverständigen Aerzte gebt dahin, daß die Verletzungen nicht durch den Absturz hervorgerufen werden konnten, sondern durch Schläge auf den Kopf. Allein das Gutachten selbst spricht keine deutliche Sprache. Es sagt selbst, daß die Wunde an der Stirne, die den töttichen Erfolg mBSBBSBBsses3sssmsar*s"—"m"*r*mr"^M~~zsm*mn££B3em bestimmt Ist, werden auch unbewußt geistige Güter ausgetauscht. Ohne gerade auf vergleichende Forschung auszugehen, werden die naiven, leben«- und wissensdurstigen durch die tägliche Zeitung noch nicht blasierten Gemüter voneinander ergriffen. Mit dem Kattun, Barchent und anderen wichtigen Bekleidungsstoffen werden auch Ideen und Lebensforderungen mitgenommen, die in den Import!anden sich allmählich zum Leben durchringen. Dieser durch die Realität immerhin begrenzte Taumel, wird in der Heimat, von den Schranken der Wirklichkeit befreit, phantasiemäßig naohgelebt. Die NahbeteHlgten erwarten das lange ersehnte Glück, das ja irgendwo in der großen Welt zu finden sein muß, oder doch zumindest einen mit allen Vorzügen ausgestatteten Bräutigam für eine dieses Gegenstandes bedürftige Tochter. Alle anderen harren mit Spannung de« Berichte« über die Vorkommnisse In der großen, großen Weit, Hat die Messe die Chronologie unter ihre Botmäßigkeit gebracht —- Urkunden, Wechsel und allerhand Verträgt sind auf dfe*en Tag gestellt — so verstand es der Jerid, sich zu einem mächtigen Konkurrenten der schon durch die Schwere de« Alltags eo gehobenen Feiertage emporzuarbeiten. Notwendige Anschaffungen, mit denen man auch zugleich den Jomtob verschönern möchte, werden au« ökonomischen Gründen auf den nächsten Jahrmarkt verschoben. Auch Im Kalender selb«* hat er sieh «inen bevorzugten Platz erobert. Er gehörte zum Ablauf d«r Zelten wie ein« dazugehörige Naturerscheinung. Der Luach ln der Hand eines jeden Juden belehrte Ihn peinlich genau über alle Wochen- und Jahrmärkte, an denen Ja alle Schichten de« Handels vom Hausierer bis zum Oroßkaufmann hinauf interessiert waren Unter den Märkten selbst herrschte keine Gleichheit. Es waren plebejische und aristokratische unter ihnen. Der König der Märkte vom 17. bis 19, Jahrhundert war die Leipziger Messe, der Leipziger Jerid. Pf« Leipziger Messt, von großer Bedeutung für den deutschen Handel, wurde natürlich in erster Reihe von Deutschland edbst und von den an die««« angrenzenden Orten beschickt. Aber auch dl« entfernten Lande nahmen faerftetfiltate, nfcht mit dem Stein freteebracht werden konnte. Hier klafft Mso ehte Lflefco» Aueh wenn die Sachverständigen es ier zweifellos erklären, daß dM 3f#t Jn der Schletfspnr von dem Getöteten herrührt, überschreiten sie Ihr Gutachten. Eine Ueberprüfuag des Gutachten« erscheint nach Ueberzenguns der Generalprokuraior Jedenfalls geboten. Allein selbst wem das Gutachten richtig tet, kann die Tat eia Totschlag sato. Sie muß kein Mord sein, und dies «oheint auch dem Gerichtshof erster Instanz vorgeschnvebt■ in heben, der den Geschworene« die Steilung efneF' solchen Frage nahegelegt hat Weil sich drei tätliche Verletzungen vüfÜnden, so muß der Täter deshalb noch nicht In Tötungsabsicht gehandelt haben, es kann auch' zu einem Erfolg wider seinen Willen gekommen sein. Zeit und Ort der Begebung der Tat sprechen Jedenfalls nicht für einen vorgefaßten Mord. Es wären aber auch jene Zeugen über die Wesens fremdheit des Angeklagten *»u Ge^-alttätigkeiten sowie Ober das mangelnde Interesse an d*m Tod seines Vaters, über die Krankheitserscheimingen an dem alten Halsmann nicht ohne Bedeutung. Allerdings hat der Gerichtshof die Mutter urod Schwester sowie zwei Freunde des Angeklagten über diese Umstände vernommen, allein die Znrtickwefenng der weiteren angeborenen Zenten war nicht am Platze. Zweifellos Ist die Verteidigung hiedurch ha ihrem Rechte beeinträchtigt worden. Der Generalstaatsanwalt schloß: Be! der Beurteilung des Falles kommt es sehr darauf an, wie man sich zu den Indizien stellt Heute ist wohl ein indirekter Schukfbewels durch Indizien zulässig, jedoch nur wenn die einzelnen Indizien feststehe«. In diesem Falle kann nicht Jeder Zweifel darüber ausgeschlossen werden, daß «Be Indizien auf sicherer Grundlage beruhen. Ans diesen Gründen beantragt der Vertreter der Generalprokoratur die Stattgebnng der Nichtigkeitsbeschwerde, das Urtel] sowohl bezüglich der Schuld wie bezüglich der Strafe anfzuheben und die Sache zur neuerlichen Verhandlung an die erste Instanz zurückzuverweisen. Nach einer kurzen Replik des Verteidigers schloß der Vorsitzende die Verhandlung und setzte (Me Urteibverkflndigung «ir Mtitwodi, den 13. März, 1 Uhr nachmittags an. Die UrfeflsYerkündigtnig erfolgte vor überfülltem Saale. Das Urteil and die kurze Begründung des Vorsitzenden (unsere Leser finden die Entscheidung an der Spitze unseres Berichtes) wurden mit lautloser Stille aufgenommen. Die bei der Urteils- -verkündigung ebenfalte anwesende Mutter und Schwester Haismanns sowie Verteidiger Dr. Preßburger wurden zu dem Verhandlungsergebnis herziiehst beglückwünscht. Wie wir erfahren, wird die neuerliche Verhandlung gegen Philipp Halsmann bereits tai der nächsten Session de» Innsbrucker Schwurgerichtes stattfinden. an der Messe teil. Und gerade die Besucher von der Fern« waren die eigentiiichen Pioniere ihrer Länder. So manchen gelang es auch durch den Austausch der Produkte dem Helmatlande und der Einfuhr aus dem fremde^ Lande sich einen lange andauernden Wohlstand zu. begründen«, nicht zu reden von dem allgemeinen ökonomischen Nutzen dieser Transaktionen* Es gehörte aber auch Mut und Energie zur Bewältigung dieser Aufgaben* Wieviel Leibzollstationen mußte man auf dem weiten keineswegs gefahrlosen Weg passieren, bis man glücklich das Leipziger Tor erreichte, wo die Prozeduren von neuem begannen. Der Eintritt In einen fremden Ort war bei den Ansichten der Zeit, wo jeder Ort als ein eigenes geschütztes Dominium angesehen wurde, auch für den Nichtjuden nicht leicht, Die Juden wurden aber ganz besonders aufmerksam beihandelt und mit spezifisch Jüdischen Abgaben bedacht. 8o wurden die Namen aller dieser Nahrung suchenden Menschen, di« durchaus nicht auf ewigen Ruhm ausgingen, mit ganz besonderer Sorgfalt unter genauer Angabe Ihrer Herkunft und ihrer Oiebigkeiten in den Meßbüchern verzeichnet, Dieses wichtige Material für die Hand elsgescbi eilte überhaupt, wie ganz besonders für die Wirtschaft«-, Kultur- und Personalgeschiehte der Jude« wissenschaftlich nutzbar gemacht tu haben, iet das Verdienst Freudenthajs, Dr, Max * Freudenthftl, Rabbiner ln Nürnberg, ein« der führenden jüdischen Persönlichkeiten in Deutschland, bat sich durch eine Reihe von wertvollen Werken um die jüdische Geschichtsforschung verdient gemacht, nicht'zuletzt durch die Geschieht« der jüdischen Kulte«- gemeinde i« Nürnberg, wo er den Bewel« erbracht hat, daß ein Mann von geschiohtechem Takt die Distanz findet, die Geschichte, die er machen half, auch darzu« steilen, Mit den Leipziger Meßgästen befaßte steh Freudenthal schon früher. In der Monatsschrift für Geschiohte und Wissenschaft des Judentums (1904) ließ er eine Vorarbeit erscheinen, die die Zeit von 1668 bi« 1699 umfaßt. Die du roh die allseitig« Benützung erprobte Brauchbarkeit des Material« veranlaßt« nun den Forscher, den Gegenstand wieder aufounehmen und