Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 62 (7.3.1929)
- Date
- 1929-03-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 62 DY£ STIMME Seite 5 Nicht Wohlfahrt, sondern jüdische Bevölkerungspolitik! Die brennendste Aufgabe der Jüdischen Gemeinden —■ Eine bevölkerungs« politische Konferenz in Berlin Aus Berlin wird berichtet: Auf Einladung des berölkerungspolitischen Ausschusses des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden fand am Sonntag, den 24. Februar, in seinen Räumen unter Vorsitz von Frau Siddy Wronsky eine bevölkerungspolitische Konferenz statt, an der zahlreiche Vertreter von Gemeinden, Verbänden, Fürsorgeorganisationen u. a» m. teilnahmen. Frau Wronsky wies in ihrer Eröffnungsrede auf die dringende Notwendigkeit hin, einmal in einem Kreise von Fachleuten die bevölkerungspolitischen Fragen durchzusprechen, die ja d a s brennendste Problem darstellen, das es zurzeit für die jüdische Gesamtheit gebe. Im Mittelpunkt der Konferenz stand ein großangelegtes Referat von Dr. Felix A. Teilhaber über jüdische Bevölkerungspolitik. Seine Ausführungen (die auf die Verhältnisse in Deutschland exemplifizieren, aber auch für die meisten Länder der jüdischen Siedlung in Mittel- und zum Teile in Osteuropa Geltung haben. — Die Red.) betonten u. a.: Das Familienleben der deutschen Juden hat in den letzten Jahrzehnten eine Umwälzung erfahren, die für die Ehe und den Nachwuchs besonders bedeutsam ist. Ais markanteste Momente sind hier zu nennen: 1. Zunahme der dauernden Ehelosigkeit. 2. Späte Eheschließung. 3. Ehescheidungen. Die Ursachen liegen in äußerlichen Umständen und in einer seelischen Wandlung. Von äußeren Umständen stehen im Vordergrund die ungünstigen Wirt Schaftsverhältnisse, welche die Selbständigkeit verzögern, erschweren und bisweilen unmöglich machen,, die Stellung der sogar selbständig Tätigen vielfach unsicher gestalten und besonders die Lage der Angestellten wirtschaftlich für die Belastung mit einer Familie in hohem Grade untragbar erscheinen lassen. Dazu entfremdet die Emanzipation der w e i b 1 i c h e-'ri J u g e n d mit der oft langen, Berufsausbildung diese dem Beruf der Hausfrau und der Funktion der Mutterschaft. Weite Kreise der deutschen Judenheit sind durch die Inflation verarmt. Unter derartigen Umständen besteht heute bei den deutschen Juden, sowohl für Männer wie für Frauen, eine : . Ehelosigkeit zumeist bis über das 30, Lebensjahr hinaus. Der Ausdruck des abgeschwächten jüdischen Erhattüngswillens zeigt sich überdies in dem verstärkte n Au ftreten der Kinderlosigkeit, der Ein - K i n d - E h e und der Mischehe. Auch hier wirken äußere Faktoren mit, die in übertrieben egoistisch-ökonomischer Ueberlegung die größte Beschränkung des Nachwuchses in der Ehe durchführen. Für die jüdische Oeffentlichkeit bedeutet die Bevölkerungspolitik einen neuen Begriff. Aufgabe der jüdischen Allgemeinheit muß es sein, helfend an die grauenhaften . wirtschaftlichen Verhältnisse heranzugehen, die Abertausende hindern, sich ein Heim zu sichern und. eine. Familie zu gründen. Die moralische Stärkung des Verantwortlichkeitsgefühls genügt nicht, da der wirtschaftlich Schwache in. der Ueberlegung, ehelos zu bleiben, ein Stück echter Verantwortung gegenüber sich selbst und gegenüber der Gesellschaft trägt. Seine Ehelosigkeit kann daher durchaus moralisch sein. Die Tragik der Wohnungsnot zwingt viele Menschen, von einer Eheschließung Abstand zu nehmen und schlägt den Familien, die ihr nicht Rechnung tragen, fürchterliche Wunden. Nachdem längst andere Religionsgemeinschaften die Sorge für den Wohnungsbau aufgegriffen haben, ist es Zeit, daß die jüdische Gemeinschaft nicht nur die Not ihrer kranken Mitglieder, für die sie Krankenhäuser gebaut hat, sondern auch die Not der Mitglieder, welche an der Wohnungsnot leiden, oder die aus Mangel an einem Heim den Gefahren der Großstadt ausgeliefcrt werden, berücksichtigt. Die vornehmlichste Aufgabe besteht also in einer Wohnungspolitik. ln früheren: Jahrhunderten bemühte sich die jüdische Gemeinschaft, ihren Mitgliedern die Ansiedlungsedaubnis, den Stadtaufenthalt zu erlangen, jetzt handelt es sich darum, die bürgerliche Existenz der Erwachenden durch eine Wohnung zu ermöglichen. Ist die Ehepolitik in erster Linie also eine Wohnungspolitik, so ist für die Geburtenpolitik eirt anderer Ausbau der Sozialpolitik nötig. Die jüdische Gemeinschaft muß allmählich immer stärker die Sorge für den Nachwuchs den Eltern abnehmen, die wirtschaftlich nicht in der Lage sind, die Kinder mit ihren Mitteln aufzuziehen, da sonst Eltern berechtigterweise den Nachwuchs auf ein Mindestmaß beschränken. D i e jüdischen Gemeinden müssen also kin- 1 derreiche Fanrilren unterstützen, Mutterschaftals Leistung muß in der, jüdischen Gemeinschaft endlich eine Anerkennung finden. Es läßt sich dabei überlegen, ob nicht ähnlich der Altersversicherung jeder Mutter von zwei Kindern an eine Rente sichergestellt wird. Auch für die physische Kräftigung der jüdischen Jugend muß ebenso weitestgehende Vorsorge getroffen werden wie für den wirtschaftlichen Schutz und besonders für die ArbeJtsloSfcn. Nach den Schätzungen sind z. B. von den jährlich durchschnittlich 1500 Geburten in Berlin etwa 200 Drittgeborene und Mehrgeborene, von denen ein kleiner Teil begüterten Eltern entstammt. Rechnen wir diese und die im Säugiingsalter Verstorbenen ab, so erhalten wir etwa 135 Kinder pro Jahrgang aus kinderreichen minderbegüterten Familien, oder vom 0. bis 15. Lebensjahr ca. 2000 Kinder. Wenn die Berliner jüdische Gemeinde zu ihrer Erziehung pro Kind jährlich 500 Mark aufwenden würde, so entspräche das rund e i n e r M i 1iion Mark, einer Ziffer, die uns heute entschieden erschrecken läßt. Ich halte die Frage aber für so bedeutsam, daß wir diese Umstellung der Wohlfahrt in eine Sozialpolitik und eine Geburtenpolitik in Erwägung ziehen müssen, Gemessen an dem Budget der Jüdischen Gemeinde Berlin handelt es sich hier um keine absolute Utopie, wenn auch diese Summe recht hoch erscheint. Ich stehe nicht an, mir von einer großzügigen Bevölkerungspolitik in dieser Weise nutzbrin- Inhaber: Richatd Herzog Adlergas«« 5 Tal. R-23-4-90 II., K(. Pfarrg. 38 Tal. 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Februar 1929 in Berlin stattgefunden hat, erkennt einmütig die Notwendigkeit, aber auch die Möglichkeit einer einheitlichen, starken, zielbewußten, umfassenden j ü d ischen Bevölkern ngs politik zur Erhaltung von Kraft und Zahlderjudenheitan. B. Die Konferenz bejaht die Notwendigkeit des Z usam men wirkens aller im Judentum lebendigen religiösen, ethischen und wirtschaftlichen Ideen und Kräfte zu diesem Ziele und ruft alle im öffentlichen Leben stehenden Männer und Frauen, vor allem die Rabbiner, die Lehrer, die Aerzte, die Gemeindevorstände und besonders auch die jüdische Jugend zu gemeinsamer Arbeit auf. C. Die Konferenz erkennt als ihre grundlegende Ueberzeugung an, daß — insbesondere in einer Zeit schwerer wirtschaftlicher Not — von einer Gemeinschaft die gebieterische Forderung auf ihre eigene Erhaltung dtirch Geburtenvermehrung nur dann gestellt werden darf und kann, wenn diese Gemeinschaft bereit ist, Ihr Letztes an die wirtschaftliche Hilfe und Sicherstellung der Geborenen zu setzen. D. Deshalb richtet die Konferenz ihren besonderen starken und eindringlichen Aufruf an die j ü d i s c h e n Gemeinden, in viel höherem Umfange als bisher aktive und produktive Bevölkerungspolitik im Sinne einer gehobenen Sozialpolitik zu treiben auf allen Gebieten des jüdischen Lebens, besonders aber: 1. In einer weitgehenden Wohtmngs- und Siedlungspoütik; 2. In einer Arbeite- und Berufefürsorge; 3. in ihrer eigenen Gehalte- und Beamtenpolitik im Sinne einer Bevorzugung der kinderreichen Familien; 4. in der Verstärkung und Zusammenfassung der jüdischen Mütter-, Kinder-, Jugendschutz- und Jagendpflegebestrebungen und derjenigen der Gesundheitsfürsorge, der haus wirtschaftlichen Ausbildung und körperlichen Kräftigung; 5. in der Einrichtung von Jugend- und Eheberatungsstellen, sowie in der Förderung aber Maßnahmen, die zur Schließung jüdischer Ehen dienen; 6. in jeglicher Förderung der Frühehe; 7. in besseren Erziehungsbeihilfen, besonders für jedes dritte und weitere Kind in Anerkennung der Mutterschaftsleisrung als solcher; 8. in Anerkennung jeder Mutterschaftsleistung der Frau durch unbedingte rechtliche Gleichstellung des unehelichen mit dem ehelichen Kinde; 9. in der Begründung von Jugend- und Gemeindeheimen; 10. in der vollen Nutzbarmachung der allgemeinen öffentlichen Leistungen der Versicherungsträger und Fürsorgeverbände auf diesem Gebiet und in ihrer Ergänzung aus eigenen Mitteln in allen Fällen, in denen die genannten Stellen nicht ausreichen; 11. die vorstehend aufgeführten Maßnahmn sollen allen Juden, gleichviel ob eingesessene oder zugewanderte gleichmäßig zugute kommen. . E. Die Konferenz erwartet, daß diese Fragen auch zum Gegenstand eingehender Beratung in der Könferenzgemeinschaft der Großgemeinden, in den Landesverbänden und der Reichsarbeitsgemeinschaft und in den Verbänden der oben erwähnten Berufe gemacht werden. Sie beauftragt den bevölkerungspolitischen Ausschuß mit der Auswertung der Konferenzergebnisse und besonders mit der alsbaldigen 'Aufstellung eines b e vö 1 ke r un gsp o 1 i tisc hen Gern e i n d e p r o g r a m m s. F. Die Konferenz richtet einen Aufruf an die jüdische 0 e s a m t h e i t zu einmütiger Mitarbeit in der jüdischen Bevölkerungspolitik. Die Jeschiwoth in Polen gehen zugrunde In Warschau tagte jüngst die allpolnische Rabbinerkonferenz unter Teilnahme von mehr, als 500 Rabbinern aus allen Teilen Polens. Die Konferenz erließ einen Appell an die Judenheit der ganzen Welt zur Rettung der vom Untergang bedrohten Jeschiwoth, der Zentren des Thorastudiums. Infolge der Einstellung der Hilfe aus Amerika und der allgemeinen Wirtschaftsnot der Juden im Osten, sind die Jeschiwoth in einen schweren Existenzkampf getreten. Am schlechtesten gestellt sind die Jeschiwoth in Kongreß polen, Wolhynien und Litauen. Dem vom Warschauer Rabbinat erstatteten Bericht ist zu entnehmen, daß 74 Jeschiwoth mit insgesamt 9185 Zöglingen in einer schweren Krisis stehen und daß die Zöglinge buchstäblich Hunger leiden. Infolge der katastrophalen Kälte und der allgemeinen Wirtschaftskrise ist die Bevölkerung der Orte, wo sich die Jeschiwoth befinden, nicht in der Lage, Erkleckliches zur Erhaltung der Jeschiwoth beizutragen. Die von der amerikanischen Central Relief früher geleisteten Zuschüsse deckten den vierten Teil des Budgets aller Jeschiwoth. Seit Jänner d. J. haben diese Z tisch ilsse aufgehört. Kleine Nachrichten Beim Schatzamt der United Jewish Campaign, der 1927 vom Joint Distribution Committee zur Aufbringung von 25 Millionen Dollar zugunsten der jüdischen Aufbaubewegung in Europa, eingeleltet wurde und Ende 1929 ■ abgeschlossen wird, waren bis 15. Jänner 1929 1 3,576.4 04. D o U a r in bar eingegangen. Die Höhe der Zeichnungen beläuft sich auf 19,700.000 Dollar. Die Sammeltätigkeit ist in Hunderten von Gemeinden noch im Gange, um die gezeichneten Beträge in bar einzubringen und die Gesamtsumme auf die vollen 25 Millionen Dollar zu bringen. * In London verstarb 99jährig Frau Käthe B e r g s o n, die M u tt e r des berühmten französischen Philosophen und Nobelpreisträgers Henri Bergson, Gattin des verstorbenen, aus Polen eingewanderten jüdischen Musikers Michael Bergson. Das Ehepaar Bergson übersiedelte später von London nach Paris und ließ sich dort naturalisieren. Der bekannte französische Politiker, Deputierter Charles Lambert, ein Nichtjude, veröffentlicht einen offenen Briet an den Außenminister Aristide Briand, in welchem er ihn dringend ersucht, den 80.000 Juden von Tunis Erleichterungen bei der Naturalisierung zu gewähren. Als naturalisierte Bürger, schreibt Lambert, werden die Juden von Tunis, die ein fleißiges und intelligentes Element