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Die Stimme · 1929-03-07 · Heft 62 (7.3.1929) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 62 (7.3.1929)
Date
1929-03-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 62 Die Numerus-clausus-Praxis in Polen bieiot! Aus Warschau wird gemeldet; Der Unterrichtsausscbuß des polnischen Sejm befcßte sich mit der vom Deputierten G r tf n b a u m vorgeschlagenen Novelle m Art. 86 des Hochschulgesetzes, wonach die Prinzipien bei der Aufnahme von Studierenden an allen Universitäten und Fakultäten vereinheitlicht werden sollen. Auf Grund des bestehenden Gesetzes haben die einzelnen Hoohschulver wa>lhingen weitgehende Vollmachten, mit Bezug auf die Aufnahme von Hörern, die die meisten Hochschulen dazu mißbrauchen, die Aufnahme jüdischer Hörer auf ein Minimum einzuschränken. Der jüdische Deputierte Dr. Wigodski beantragte ferner eine Erhöhung der Zahl der Hochschulen in einer Weise, daß bis zu fünf Jahren für alle Studium willigen eine Möglichkei t des Studiums an Hochschulen gegeben sein soll. Der Ausschuß lehnte mit 12 gegen 10 Stimmen dieVo r s c h 1 ä g e der jüdischen Deputierten ab. Der preußische Unterrichtsmfnister gegen den Numerus clausus Der preußische Unterrichtsminister Professor Doktor •Becker, welcher vor kurzem in Genf weilte, wo er einen Vortrag über die Universitäten Deutschlands hielt, gewährte einem Mitarbeiter des «Israelitischen Wochenblattes für die Schweiz» eine Unterredung, bei welcher «aktuelle jüdische Fragen zur Erörterung kamen. Der Minister zeigte weitgehendes Verständnis für jüdische Renaissance-Ideale. Hebräische Kultur als solche und insbesondere die hebräische Universität in Jerusalem betrachtet er n i c h t als nationalistische Absonderung- Im Gegenteil, . die Universität könne bei gegebener Gelegenheit eine zentrale Kulturstätte für die Juden bilden und eine große Bereicherung für die gesamte Kulturmenschheit werden. Der Numerus clätisu's, fuhr der Minister fort, bringt beiden Parteien nur Schaden, er rzeugt nur negative Resultate. Uebrigens meint der Minister, daß gegenwärtig die Numerus-clausus-Bestrebimgen : in Europa im Abklingen begriffen seien. Nur^ ein gegenseitiges- Verständnis, eine Synthese des guten Willens, könne vieles bei den uterdrückten Völkern reparieren und erleiohtern. Der „jüdische Studentenpütsch“ in kowno — eine antisemitische Mache Die verhafteten Studenten freigelassen. Wie bereits berichtet, erschien nach einer Kundgebung von etwa 2000 Studenten der litauischen Staatsuniversität in Kowno für Verbilligung der Theater- und. Kinokarten für Studenten eine Verlautbarung des Polizeidirektors, in der es hieß, die jüdischen Studenten hätten einen Putsch mit dem Ziele des Sturzes der gegenwärtigen Regierung ins Werk gesetzt. Obwohl es feststand, daß Juden nur in ganz kleiner Zahl an der Kundgebung teilgenommen hatten, wurden nur jüdische Studenten in Haft genommen. Nunmehr hat sich, wie aus Kowno gemeldet wird, herausgestellt, daß a n t i s e m i t i s ch e B e'a m t e die Gelegenheit der Studentendemonstration ergriffen haben, um ein anti jüdisches Komplot/t zu schmieden und die Juden als diejenigen hinzustelien, die die staatliche Ordnung untergraben wollen. Durch die Ruhmredigkeit einiger der schuldigen Beamten kam diese Provokation ans Licht, so daß die übergeordnete Behörde es mit der Angst bekam und die Untersuchung nicht mehr in der Richtung des «jüdischen Putschest führt. ' Jetzt hat auch der Rektor der Universität Prof. Jodele in 'einem Bericht an den Ministerpräsidenten Woldemär a s und in einer Zuschrift an die Presse festgestellt, daß die Zahl der jüdischen Studenten bei der Demonstration eine verschwindend geringe war. Woldemaras gab die Instruktion, die Untersuchung nach einer anderen Richtung zu führen. Die jüdischen Studenten wurden aus der Haft entlassen. „Fremde Studenten“ Aus Budapest wird berichtet: Vor einigen Tagen war die- Tierärztliche Hochschule von Budapest wiederum Schauplatz höchst turbulenter, von der a n t isemitischen Studentenschaft hervorgerufener Szenen. Die jüdischen Hörer wurden von den Antisemiten mit Stöeken und Knütteln geschlagen, wobei drei jüdische S t u d e n t e n v e r 1 e t z t wurden. Der Rektor der tierärztlichen Hochschule, Professor Hu.ttyra, über die Ursache der Unruhen und des Nichteinschreitens der Universitätsbehörden befragt, erging sich in langatmigen Lamentationen und rief aus: «Ich weiß nicht, was ich hätte tun sollen!» Zum Schlüsse meinte er, die Täter wären wohl «fremde Studenten» gewesen. Die Rigaer jüdische Volksuniversität behördlich geschlossen Aus Riga wird gemeldet: Die Rigaer Jüdische Volkshochschule ist von der. Polizei mit der Begründung geschlossen worden, daß sich ein Teil der Hörerschaft kommunistisch betätige. Diese Maßnahme steht im Zusammenhang mit den vor etwa einem Monat unter der Hörerschaft vorgenommenen Verhaftungen. Die Polizei umzingelte damals das Hochschulgebäude und führte die ganze Nacht hindurch Hausdurchsuchung. Von 200 anwesenden Hörern wurden 3 5 in Haftgenommen, darunter alle Mitglieder der Hochschulverwaltung, Verwaltungsbücher und Dokumente wurden b eschlagnaiimt. Auch in der Privatwohnung des Direktors der Universität Dr. Schatz wurde eine Hausdurchsuchung vorgenommen. Die Türkei schließt die jüdischen Schulen Die rücksichtslose Türikislerungspolitik Kenia! Paschas. Aus Konstantin Opel wird berichtet: Im Zusammenhang mit der von der türkischen Regierung sehr begünstigten Türkisierungsbewegnng gestaltet sich die Lage der jüdischen Schulen in der Türkei immer kritischer. Es werden ihnen immer mehr Schwierigkeiten in den Weg gelegt, ln einer Gemeinde Thraziens wurde vor kurzem die jüdische Schule unter dem nichtzutreffenden Vorwand, das Gebäude sei nicht solide genug gebaut, behördlich geschlossen. Es ist bekannt, daß der Gouverneur keine jüdischen Schulen dulden will. In dieser Woche wurde auch die große jüdische Schule von Ad rianopel unter dem Vorwand g eschlossen, daß die die Schule besuchenden Asylkinder türkisch lernen müssen. Mehr als 1000 jüdische.Kinder in Adrianopel sind ohneUnterrichts mö gl ichkeit geblieben. Das jüdische Schulwesen in Bulgarien Aus Sofia wird uns geschrieben: Die jüdische Bevölkerung Bulgariens, die rund 45.000 Seelen zählt, unterhält 21 Schulen, in denen 3525 Kinde r ihre Erziehung nach den Prinzipien der Staatsschulen erhalten, so daß der Regierung die gesamten Lasten für die Erziehung der jüdischen Kinder ge¬ Soeben erschienen „Die luden und Jndeneemelnden Mährens In Veraannenhelt und fieaenwarf“. Das Standardwerk der jüdischen Geschichte’MShrons. " s Herausgeber: Chefredakteur Hugo . Gold. Redaktion: Dr. Heinrich Flesob, Kaniti; Dr. J. Freimann. Berlin; Dr. Max Grilnfeld. Brünn; ' Dr. Theodor Haas. ' Brünn; Dr. M^hael Holzmann, Wien; Dr. B. Wacbstein, Wien. Das Werk enthält 86 einzelne Belträgo nebst 900 Illustrationen aus allen mährischen Gemeinden und 'einer Landkarte. (Preis: H&lblclnenband (Illustratiohadruckpapler) 70.—. S;- Leinengarn! ^Kreidepapier) 75.— S; Halblederband (Kreidepapier) 80.— 8. Ferner erschienen 100 numerierte' und von den Mitarbeitern signierte Exemplare auf schwerem Kunstdruckpapier in Ganzlederband und Goldschnitt zum Proise von 30 Dollar. Jüdischer Buch* und Kunstverlag Hickl, Brünn, Adlergasse i9. Tschechoslowakische Republik. nommen sind8. Die jüdischen Gemeinden geben für Erziehungszwecke jährlich 7.500.000 Leva aus, dabei entrichten sie die normale Schulsteuer für den staatlichen Unterricht. Das Zentralkonsistorium der jüdischen Gemeinden Bulgariens wandte sich nun an die R eg i e r u n g mit dem Ersuchen, doch wenigstens e i n Drittel der Lasten des Budgets der jüdischen Schulen zu tragen, da die jüdischen Gemeinden unter diesen; Lasten zusammenzubrechen drohen. Als Antwort darauf druckte das Amtsblatt eine Verfügung ab, wonach das Budget der jüdischen Schulen zu zwei Dritteln von den jüdischen Gemeinden und zu einem Drittel von den Eltern der S c h ü 1 e r z u t r a g e n sei. Diese offizielle Verfügung hat unter der Judenschaft Bestürzung hervorgerufen, da sie die Existenz der jüdischen Schulen in Frage stellt. Das Konsistorium unternahm Schritte, um eine Abänderung dieser Verordnung herbeizuführen. Adolf Hitler persönlich .. . Eine «Ehrung» für den Wiener Hakenkreuzwissenschaftler Spann. Aus München wird uns geschrieben: Die Münchner Universität, die unter dem gegenwärtigen Rektor B u m k e allen freiheitlichen Veranstaltungen verschlossen bleibt, gewährte am 23. Februar abends dem sogenannten «Kampfbund für deutsche Kultur», einer Hakenkreuzgeseltechaft, Gastfreundschaft. In einem Hörsaal hielt der Wiener Antisemit Professor Ofhmar Spann, eine «Zierde» der Wiener Universität, einen Vortrag über die «Verjudung» der Philosophie». Im Hörsaal wurde Hitler-Literatur verbreitet. Adolf Hitler erschien persönlich, wobei ihm seine mit Hakenkreuzen geschmückten Anhänger durch Trampeln und Klatschen eine lärmende Ovation bereiteten, für die er dankte. Der Chefredakteur des «Völkischen Beobachter», welcher Vorsitzender des «Kampfbund» ist, hielt eine Einführungsrede. Professor S p a n n sprach gegen den Neu-Kantianismus, dCr von '«Fremden» vertreten wird; unter «Fremden» verstand er- Philosophen vom Range Hermann Cohens und Cassircrs. Zum Schluß tauschten Hitler und Spann J Händedruck und tiefe Verbeugungen au«. Ein edles Paar! Hakenkreuz kontra Zentralverein In Königsberg drangen Nationalsozialisten in eine Versammlung des Central-Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in großer Zahl ein, um sie zu sprengen. Nur durch starkes Polizeiaufgebot konnte die Sprengung verhindert werden. Die nationalsozialistischen Rädelsführer wurden mit Gewalt auf die Straße gesetzt, worauf die Versammlung ungestört abgehalten werden kannte. Gegen die Führer der nationalsozialistischen Sprengkolonne ist Anzeige wegen Hausfriedensbruch und Widerstand gegen die Staatsgewalt erfolgt 6 Monate Gefängnis für Synagogenschändung Vor dein erweiterten Schöffengericht zu Berlin wurde der 20jährige Nationalsozialist Friedrich Brasseier wegen Sachbeschädigung an einem Gotteshaus und Vergehens gegen das Gesetz zum Schutz der Republik z>u 6 Monaten Gefängnis verurteilt Brasseier war beschuldigt, vor einigen Monaten an der Düsse 1dorfer Synagoge mit Mennigfarbe a nt i sem itische Aufschriften aufreizenden Charakter« angebracht zu haben. Er war durch Fingerabdrucke der Tat überführt. Die Tradition des straffreien Judenmördes Der Berliner «Vorwärts» gibt als charakteristisch für die Denkweise in Deutschland am Ausgang des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit einen Brief wieder, den während der Pest von 1493 Landgraf Friedrich.d-er Strenge von Thüringen, Markgraf von Meissen, an den Rat der Stadt Nordhausen schickte. Ins Hochdeutsche übertragen lautet der Brief: «Inr Ratsmeister und Rat der Stadt zu Nordhausen! Wisset, daß wir alle unsere Juden haben verbrenen lassen, soweit unser Land reicht, der großen Schuld wegen, die sie der Christenheit getan haben, indem sie mit Gift töten wollten, das sie in alle Brunnen geworfen haben. Damm raten wir euch, daß ihr eure Juden töten laßt, Gott zu Lob und Ehre und zur Seligkeit der Christenheit, damit sie die Christen nicht schwächen können. Wollte einer deshalb gegen euch klagen, so wollen wir euch vor unserem Herrn, dem Könige, und vor allen Herren b e i s t e h e n. Auch wisset, daß wir Herrn Heinrich S u o z e, unseren Vogt von Salza, zu euch senden; der soll eure Juden der vorgenannten Schuld a n k 1 a g e n, die sie an der Christenheit getan haben. Darum bitten wir euch fleißig, daß ihr ihm dazu helft; Das wollen wir zu eurem besten. Gegeben zu Eisenach, am Sonnabend nach Walpurgis, unter unserem Siegel. Friedrich.» Die Juden in Japan kennen keine Mischehe Die berühmte japanifchc Sängerin T e i k o K i w o, die auf ihrer Europa-Tournee (ich jetzt in Polen befindet, hat einem jüdifchen Preflevertreter in einem Interview u. a. auch einigem über die Juden in Japan mitgcteilt, das wenig bekannt ift. „In Japan“ — erzählte die Künftlerin — »gibt es Juden, doch fic unterfdheiden fich in ihrem Ausfehen gar nicht von den Japanern; ihre Phyfiognomie ift völlig japanifch, auch die in Europa fo viel beachtete jüdifchc. Nafe ift bei ihnen nicht zu finden; fic tragen auch japanifchc Tracht. Von den übrigen Japanern unterfcheidcn fie fich nur durch ihre Religion. Doch das ift in Japan kein befonderes Merkmal, denn die japanifchc Bevölkerung hängt vcrfchiedencn Religionen an, fo z. B. war mein Vater Buddhift, meine Mutter Chriftin, meine Tante Anhängerin des Koran. Die japanifcheii Juden glauben an den Gott der Juden und feine Thora.“ „Obwohl die Juden bei uns fich nicht von den übrigen Japanern unterfcheidcn, werden fic nicht zur japanifchen Raffe gerechnet. Das gefchicht nicht etwa deshalb, weil bei uns ein Untcrfchied zwifchen den Religionen und Nationen gematht wird; in Japan gibt es keinen A n t i f c‘m i t i s m u$. Mir crfcheint Raftenhaß, wenn ich ihm in Europa begegne, ftets komifch. Doch hier fpielt ein anderes Moment mit; in Japan gibt es gewifle Stämme, die nicht als echte Japaner angefehen werden, das find die „E i g u“-Stämme. Dicfe haben 500 Jahre vor der heute üblichen Zeitrechnung, alfo vor faft ajoo Jahren, ganz Japan bewohnt. Später würden fie von den heutigen Bewohnern Japans nach dem Norden, in die Nähe Rußlands, zurückgedrängt und bewohnen jetzt hauptfächlich die Infel Kamtfchatka, viele Eigu find auch in Nord-Hukeido anfällig. Die Eigu-Stämme werden für ein Gcmifch von Finnen, Eilen und Mongolen angefehen. Unter ihnen gibt es von alterahcr auch Juden, die als Nachkommen der legendären zehn Stämme gelten. Ebenfo wie die Eigu befchäftigcn fich die Juden, entfprcchend dem kalten Klima, in dem fic wohnen, mit der Pelzverarbeitung, dem F i f ch f a n g und der Hol zf aller ar beit. Sie arbeiten fehwer und ihre Lcbcnsverhältniffe find ärmlich. Im Gcgenfatz zu den anderen japamfehea Stämmen fondern fich die Juden von den Japanern ab; fie find wohl äußerlich ganz affimiliert, heiraten jedoch nur untereinander. Sie halten eine Ehe zwifchen einem Jyden und einer Japanerin anderen Glaubens für eine fehwere Sünde und den, der eine folche Ehe fchließt, befrachten feine Angehörigen als tot; das fymbolificren fie durch den Trauernd arl ihrem Gewände.“

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