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Die Stimme · 1929-02-28 · Heft 61 (28.2.1929) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 61 (28.2.1929)
Date
1929-02-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 61 Griinbaum einen Schädling genannt hat. Abgeordneter Grünbaum ift Präfident des jüdifchen Klubs, und die Mehrheit der jüdilchen Deputierten, ebenfo die große Mehrheit der jüdifchen Bevölkerung, ift mit feiner aufrichtigen und geradlinigen Politik folidarifch. Ein „selbstverständlicher“ Mord Erst verfolgt und gequält, dann ermordet — Ein entsetzlicher Akt des russischen Arbeiter-Antisemitismus Die jüdischen Flüchtlinge in Konstantinopel Im Gebäude des Internationalen Arbeitsamtes in Genf fanden zwei Sitzungen des beratenden Komitees beim Oberkommiffariat des Völkerbundes für das Flüchtlingswefen ftact. Von den jüdifchen Organifationen waren vertreten: Emigdirecr durch Leo M o t z k i n und Zewi A b e r f o n, Ica durch Luden Wolf, der Verband ruffifcher Juden durch Herrn P i n e s. Den Vorfitz führte der Stellvertreter des Oberkommiffars Nanfen, Herr J o h n f o n. Auf der Tagesordnung ftanden Fragen der Flüchtlingshilfe, Naturalifation, Verwurzelung der Flüchtlinge in den neuen Ländern, fowie insbefoodere die Frage der Flüchtlinge in Konftantinopel, che 1800 Perfonen, unter ihnen 700 Juden zählen. Man kam überein, daß 200 . jüdifche Flüchtlinge aus Konftantinopel nach P a 1 a ft i n a, 60 weitere jüdifche Flüchtlinge nach Kanada gebracht werden tollen. Für die Unterbringung des Rette* toll geforgt werden. Für die kommende Konferenz der Regierungen über die Flüchtlingsfrage wurde ein fechsgliedriges Sachverftandigenkomitee gewählt, dem Luden Wolf und (als Erfatzmitglied) Aberfon angehören. Die Palättina-Regierung hat (oeben für 44 Konttantinopler jüdifche Flüchtlingsfamilien mit 107 Seelen die Einreifevifa erteilt. Gegen die Täuflinge Aus Budapest wird uns geschrieben: Bei den Jüngst durcbgeiühxt-en Wahfen in den Vorstand der Budapester Advokatenkammer spielte sich ein eigenartiger Wahlkampf ah. Der Vorstand war in früheren Jahren immer zur Hälfte aus Juden, zur anderen Hälfte aus Nichtjuden zuzasamm engesetzt. In den letzten Jahren aber verschob sich das Verhältnis insofern zuungunsten der Juden, als Vorstandsmitglieder, die ach taufen Beßen, von den christlichen Advokaten zu den Juden gerechnet wurden. Im (fiesmaligen Wahlkampf strichen die jüdischen Rechtsanwälte sämtliche getauften Juden von der Liste, so daß diese, die nicht einmal alle christlichen Stimmen auf sich vereinigen konnten, stark in der Minderheit blieben. Der Vorstand der Advokatenkammer besteht nun wieder zur vollen Hälfte ans Juden. %- Ein Kaiser in der Chewra Kadischa Ein vielleicht einzig daflehendes Kuriofum iil, daß im vorigen Jahrhundert ein Nichtjude Mitglied einer Chewra Kadifcha wurde. Freilich war es ein Kai f er, der diefe Mitgliedfchaft empfing, wenn auch ein „penfionierter“. Das macht die Begebenheit auf der einen Seite noch intereffanter, auf der anderen aber erklärlich. Im Jahre 1848 hatte nämlich der damals $$ Jahre alte Kaifer Ferdinand von Oefterreich die Krone niedergelegt und lebte feitdem völlig zurückgezogen, umgeben von allerlei Spielwerk, in Prag. Er war fehr mildtätig, und das lenkte wohl feine Aufmerkfamkeit auf die Prager Chewra Kadifcha. Ihr trat er bei, und zwar unter der ausdrücklichen Bedingung, daß für ihn ein Jahr lang nach feinem Tode Kaddifch getagt würde. Dr. P. wieder das Problem der Schuld am Verbrechen auf. Um es gleich vor. eg zu nehmen — das Bühnen werk Dreisers ist wenig dramatisch, die Ausführung läßt sofort den Epiker, allerdings einen Epiker von Format erkennen, .obwohl Dreiser in mehreren Szenen zeigt, daß er sich auch amf die Theatermache versteht Trotz epischer Detailgliederung, welche vielfach an Stelle der Aktion tritt, und trotz mancher manchmal bis zur Peinlichkeit billigen Theatereffekte ist das Werk eines Dichters zu erkennen. Dreisers Tragödie ist ein Judenstück und teilt mit '‘e en Genre die leise Unwahrsdheinidchikeit. Der Hausierer Aron Berohansky aus Odessa lebt mit Frau und Kindern in New York; in sein enges, armes Heim, das nie viel helle Tage sah, ist ein düsteres Schicksal getreten: der älteste Sohn Isidor, durch unselige Fügung der Natur abnormal veranlagt, hat wegen eines versuchten Sittlichkeitsdeliktes eine lange Kerkerstrafe aibgebüßt; Vater, Mutter und Geschwister wissen, daß dieses Sorgenkind der Familie, dessen Seele zerrüttet ist, nicht im Hause bleiben dürfte; doch die Sorge um den Sohn und vielleicht die Rücksicht auf die Umwelt hindert die Eitern, den Sohn einer Anstalt zu überantworten. Das Versäumnis rächte sich schwer: Isidor begeht in einem unbewachten Augenblick einen Lustmord an einem Kinde und flieht. Die Untersuchung ■wird geführt, schwere Indizen deuten auf Isidor, doch aus Scham — veilleicht auch aus der Furcht vor dem Vorwurf der auf die Gemeinschaft ihres stets «verdächtigen» Volkes fallen könnte — suchen Isidors Angehörige ihn durch vergebliches Nichtwissen dessen, was sie wissen, zu entlasten. Nur einer, der Vater, erkennt, das nichts nützt: würde den Sohn auch die Irdische Gerechtigkeit nicht erfassen, so bleibt dieses Kind, welches — «Hat denn die Hand des Schöpfers damals gezittert?» — vom Schicksal gezeichnet zur Welt kam, für immer gezeichnet; und der Vater fleht dieses Schicksal, das sich iihm in Gott verkörpert, um Erlösung seines Kindes durch den Tod. Den sucht und findet auch Isidor, der erkannt hat, daß er ein mißratenes Die Sowjetnachrichtenagentur «Rosta» verbreitet einen aufsehenerregenden Bericht über die Tötung des jüdischen Jungkommunisten B o 1scheminikow durch den Jungkommunisten T r 0 f i m 0 w. Der Mörder und der Ermordete waren beide in der Metallfabrik zu Pskow in Weißrußland in der Nähe der lettländischen Grenz« beschäftigt und gehörten der gleichen jungkommunistischen Liga an. Als Trofimow verhaftet und in ein Verhör gezogen wurde, erklärte er: «Ich tötete Ihn, weil ich Russe bin und er Jude war.» Als der das Verhör führende Polizeibeamte Trofimow darauf aufmerksam machte, daß die von ihm gegebene Begründung des Mordes unsinnig sei, erwiderte Trofimow: «Ich sagte ja nur etwas Selbstverständliches, was ist denn so Ungewöhnliches dabei?» Es stellt sich heraus, daß fünf Mitglieder der jungkommunistischen Liga bei der Ermordung Bolscheminikows durch Trofimow zugegen waren I und keinerlei Anstalten trafen, Bolscheminikow bei- I zustehen. Am Tage nach dem Morde fand eine Ver- BUCHERSTUBE M. RATH BUCHHANDLUNG ANTIQUARIAT LEIHBIBLIOTHEK WIEN, IL, TABORSTRSSE NR. 20 a TEL R-43-1-58 M. RATH’S NeuerBflneta Leihbibliothek bietet Ihnen eine reiche Auswahl von Büchern aller Art insbesondere von Neuerscheinungen im Original, bzw. geschmackvollen . Bibliothekseinband 4 Außer den deutschen Büchern auch französische, hebräische, Jiddische u. Deutsch- «Judaica in reicher Auswahl * Täglicher Umtausch Den ganzen Tag .von S hi® 6 Uhr geöffnet Monatsgebahr nur S 3*— ♦ Keine Bandgebahr Sammlung des Komsomol (Liga der Jungkommunisten) statt, in der die Umstände des Mordes diskutiert wurden. Mehrere Redner Verteidigten den Mörder TrofimoDennoch beschloß die Mehrheit, Trofimow aus der Liga auszuschließen. ’ Die Ermordung Bolscheminikows war der tragische Schlußakt einer langen Periode der Verfolgung, der er, der Jude, durch seine nichtjüdischen Arbeitskollegen ausgesetzt gewesen war. Er hatte sich wegen der Verfolgungen bei dem kommunistischen Fabrikskollektiv beschwert, das Kollektiv weigerte sich aber, irgendeine Maßnahme zu seinem Schutze zu ergreifen. Außer Trofimow wurden zwei weitere junge Kommunisten, K u n i t z i n und G u- Gefäß ln des Schöpfers Hand ist, und ruft noch im Tode das alte, furchtbare, hilflose, weh ankJagende «Warum?», das leer im Weltenraum verhallt. Es Ist, um einen Ausdruck der Shaw-Termtnologie zu gebrauchen, ein unerquickliches Stück, daß sich hier begibt. Auch in der Tendenz nicht erquicklich, die ja letzten Endes dahin geht, daß die Menschheit ihre in der Anlage verdorbenen Exemplare nicht einmal so aussortieren kann, wie der Töpfer es tut. Dennoch hat Dreisers Tragödie einen Kern von dichterischer Größe in der Art, wie die Gestalt des Vaters erfaßt ist. In der ‘Aufführung der Renaissanceblihne, die Josef J a r n C mit geradezu suibtil naturalistischer Einfühlung in das Milieu des jüdischen Ghetto gestellt hatte, trat die Gestalt dieses Vaters, der die vieltausendjährige Ergebung seiner Rasse Ln die düstersten Fügungen des Schicksals verkörpert, bezwingend in den Vordergrund. Josef Jarno war der alte Berdhansky — in Maske, Wort, und Geste ein stummes Schicksal. Sein Gebet zu Gott, er möge den Sohn erlösen, war, ohne jede Theatralik, mehr gemurmelt als gesprochen, erschütternd und beklemmend zugleich. Was Jarno hier gab, war große Tragik; seit Ben-Zwi-Baratoff und Bassermann ist sie ln Wien lange nicht mehr so gebracht worden. Ein Pendant zu dieser großen Darstellungskunst, die Jarno auf der höchsten Höhe seines großen Könnens zeigte, bot Paula Janowers Mutter Berchansky, ein ergreifendes Bild stummen Schmerzes. Franz B e r l s c h, der den Isidor darzu6teMen hatte, scheiterte an der fast unmöglichen Aufgabe, die innersten Regungen einer zerrütteten Seele überzeugend wiederzugeben, — was, um auch nur einigermaßen au gelingen, künstlerische Reife erfordert. Stella Sorma erspielte sich durch forciertes Wiener Jüdeln einen Separatapplaus. Das Publikum war von der Darstellung des Stückes ergriffen. Auf seinen dichterischen Kern wird es vielleicht nach zwanzig Aufführungen kommen; in Berlin gab es, wenn ich recht unterrichtet bin, an die hundert; ln Wien? Hier liest man «Sensationen» gern, doch man denkt nicht gern über sie nach. S. S. r i n, wegen B e t e i l i g u n g an der Verfolgung Bol- ^cheminikows verhaftet. Der „Jointw-Vertrag Aus Moskau wird berichtet: Der Volkskommissar Smidowitsch, Vizepräsident der Sowjetunion und Präsident vom Komzet (Regierungskommission für Heranziehung der jüdischen Massen zur Produktion), empfing die Vertreter der ausländischen Presse zu einer Konferenz und erklärte ihnen, der zwischen der Sowjetregierung und der amerikanischjüdischen Gesellschaft für jüdische Landansiedlung in Rußland abgeschlossene Vertrag, wonach jeder der Vertragspartner in den nächsten zehn Jahren je 10 M i 11 i o n e n D 0 11 a r (je eine Million jährlich) zu dem jüdischen Kolonisationswerk beisteuert, bringe endlich dieses Werk auf eine konstante Grundlage. Das neue Abkommen schließt alle Elemente der Philanthropie aus und verwandelt diese Arbeit in eine rein konstruktive. Das in dem Werk investierte Kapital wird nicht verschenkt, sondern es wird umgesetzt und nach einer gewissen Zeit nebst Zinsen zurückgezahlt. Endlich ist es möglich geworden, endgültig festzustellen, wieviel Siedlungsland für die jüdische Kolonisation in den nächsten zehn Jahren benötigt werden wird. Die Sowjetregierurig erstrebt die Ansiedlung von Juden in kompakten Massen in der südlichen Ukraine sowie auf der Krim, um die Möglichkeit zur Bildung nationaler jüdischer Rayons zu schaffen. Die gegenwärtigen Zuwendungen und Vergünstigungen für das jüdische Kolonisationswerk, sagte Smidowitsch weiter, entsprechen noch immer nicht der Höhe der Bedürfnisse. Die Sowjetregierung hofft, daß mit der Zeit diese Zuwendungen und Erleichterungen erhöht werden könnten. Der antijfidische Stalin-Kurs Aus Moskau wird gemeldet: Im Zufammenhang mit den bevorftehenden Wahlen zu den Sowjets find fehr viele Juden aus den Liften der Wähler geftricben worden. In einigen Städten find j 0% der jüdifchen Bevölkerung des Wahlrechtes verluftig gegangen. Für die des Wahlrechtes Beraubten hat fich die Lage infofern traurig gcftaltet, als der Verluft des Wahlrechtes in der Sowjetu' Tn mit dem Verlufte vieler anderer Rechte verbunden ift. Es wird allgemein darüber geklagt, daß die mit der Wahlregiftrierung betrauten Sowjetbeamten fehr rückfichtslos Vorgehen, und fich zu fehr an den Buchftaben des Gefetzes halten, obgleich die übergeordneten Wahlbchörden ihnen die Weitung gegeben haben, bei Grenzfällen Nachficht walten zu laffen. Juden, die feit drei Jahren Arbeiter find, wurden, weil fie einft Händler waren, aus den Wählerliften geftridien. Das Zentralkomitee der nationalen Minderheiten befaßt fich jetzt mit diefer Angelegenheit. Miß Europa wünscht sich einen Juden zum Mann Im Parifer „Hajnt“ erzählt J. Homsky: ,3s ift fchwer bei einer fchönen Frau vorzukömmen, gar, wenn fidi um fie die majeftätifche Gloriole »Miß Europa** windet. Es dauerte zwei Tage, bis ich Miß Europa interviewen konnte. Doch was tut man nicht einer fchönen Frau zuliebe, und gar der fchönften? Meine Geduld wurde belohnt. In Miß Europas Hotelzimmer. Sie erfchien, fchlank und lächc’ad. Ein eleganter Pelzmantel hing nachläffig um ihre Schultern.?*as blonde Haar ließ zwei rofige Ochrchen frei, die blauen Augen lächelten anmutig. Die kleinen fchmalen Lippen, deren Rot der Lippenftift nachgeholfen hatte, kräufelten fich zu einem bcfcheidenen Lächeln, das zwei Reihen kleiner Zähne entblößte. Die fchmale fchlanke Figur federte bei jedem Schritt, hoch, biegfam und ftolz wie eine Palme. Miß Europa dreckte mir ihre Hand entgegen, eine weiße, fchöne Hand mit fchmalen, langen, edlen. Fingern. „Entfchuldigen Sie, daß ich Sie warten ließ! Doch wenn Sie wüßten, wie ich in Anfpruch genommen bin! Ich habe fünfzig Photographen täglich zu überftehen, und ununterbrochen kommen Leute, unaufhörlich muß ich Befuche machen! Glauben Sie mir, ich bin fchon müde und nervös!“ Miß Europa hat noch viele Klagen und es dauert lange, bis ich die Frage anbringen kann, der zuliebe ich gekommen bin: ,Ift es wahr, daß Sie Jüdin find? Miß Europas Gefichtchen belebt fich: „Ueberafl wird mir diefe Frage geftellt! Ja! Ich bin Jüdin, ich leugne cs nicht! Mein Vater ift Jude, Augenarzt in Kefthyi, einer kleinen Stade in Ungarn. Unfer Haus wird jüdifcb geführt, Sabbat und jüdifche Feiertage werden ftreng gehalten. „Hat man in Ungarn bei Ihrer Wahl gewußt, daß Sic Jüdin find?“ „Ich weiß es nicht! Ich glaube — nein!** „Uebcrall, wohin ich komme, fragt man mich, ob ich Jüdin bin“ — wiederholt Miß Europa. — „Man macht fehr viel Aufhebens davon. Als ich jetzt in Nizza war, trat auf der

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