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Die Stimme · 1929-02-21 · Heft 60 (21.2.1929) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 60 (21.2.1929)
Date
1929-02-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 60 OIE STIMME Seite 5 Die Sabbathrah* vor Gericht Ein interessanter Rechtsstreit gelangte nach mehr als zweijähriger Dauer beim Wiener Ziviflaadesgericht Leopolds todt nun xweitentnde aur Entscheidung. Der EigentOmer des Hauses, Wien, IL HoüendstraBe 3, Jadcob Rabl nowitsch hatte vor mehr als zwei Jahren gegen Frau Jetty Eppstein, die in seinem Hause seit nahezu drei Jahrzehnten ein Wäschegeschäft hme hat, eine Klage auf Einhaltung der Sabhathruhe io ihrem GeschSftsfokaie eingebracht Das Begehren der Klage, die durch Dr, Jakob Rapp a p o r t vertreten war, ging dahki, Frau Eppstein zu verurteilen, an jedem Samstag sowie an den übrigen Jüdischen Feiertagen ihr Geschält geschlossen zu halten. Frau Eppstein hatte sich, als sie vor fast 25 Jaihren das Lokal im Hause des Klägers bezogen hatte, vertragsmäßig ve rpf I ich te t, ihr Geschäft am Samstag geschlossen zu halten, und hatte auch diese Verpflichtung bis vor ungefähr drei Jahren erfüllt In den letzten drei Jahren hatte Frau Eppstein nnter Berufung auf die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse und unter Hinweis darauf, daß sie auf die Samstaglosumg nicht verzichten könne, ihr Geschäft offen gehalten. Vor Gericht hatte Frau Eppstein, vertreten durch Dr. J. Schreiber, gegenüber der Klage insbesondere dngewendet, daß sie wirtschaftlich zugrunde gehen müßte, wenn sie ihr Geschäft auch an Samstagen gesperrt halten müßte. Das Bezirksgericht Leopoldstadt batte vor fast zwei Jahren ohne Durchführung von Beweisen die Klage des Hausherrn abgewiesen mit der Begründung, daß der Anspruch des Klägers sich als ein u n z ulässiger Eingriff in die Religion«- und Gewissensfreiheit der Beklagten darstellen würde. Das Landesals Berufungsgericht hatte das Urteil erster Instanz aufgehoben und dem Bezirksgerichte die Durchführung von Beweisen in der Richtung abgetragen, ob die Beklagte durch Einhaltung deT Sabbathruhe in ihrem Geschäfte wirtschaftlich schwer geschädigt würde. ... Am 19. Februar wurde nun der Prozeß vor Landesgerichtsrat Dr. Langer von beiden Parteien mit großer Zähigkeit und Erbitterung geführt. Es wurden eine ganze Reibe von Zeugen, meist Bewohner der Hollandstraße, darüber einvernpmmen, ob die Hollandstraße als eine fromme Straße anzusehen ist, in weicher am Samstag nur ein geringer Geschäftsverkehr herrscht. Es wurde auch über die Gesohäftserträgnlsse der Frau Eppstein dm Beweis durch Sachverständige durchgeführt Nun wurde in diesem Rechtsstreit das Urteil dahin gefällt, daß die Beklagte, Frau Jetty Eppstein, verpflicfc”. tet wird, ihr Qeschä ft_ im Hause. Hollandstraß« 3, an den beiden hohen Feiertagen, nämHcji. am Rösch-ha sc hon ob und am Jom Kippur gesperrt zu halten, daß aber das Begehren des Klägers, die. Beklagte zu verpflichten, ihr Geschäft auch an jedem Samstag mud an den anderen israelitischen Feiertagen, gesperrt zu halten, ab gewiesen wird. Der Kläger wurde., auch verurteilt, die Prozeßkosten ira Betrage von nwid' 1200 Schilling zu bezahlen. In der Urteilsbegründung wurde betreffend die Verpflichtung' der Beklagten, ah den beiden hohen Feiertagen ihr Geschäft gesperrt zu halten, hervorgehoben, daß der Feiertagscharäikter des Neujahrstages und des Langen Tages offenkundig ist und daß auch eine Sperre des Geschäftes ah diesen beiden Tagen für die Beklagte nicht von einschneidender Bedeutung ist. Dagegen war das Gericht bezüglich der Samstage und der übrigen Feiertage der Ansicht, daß auf Grund der einvernommenem Zeugen und des Sachverständigengutachtens der Beweis der U nersc<hwinglichkeit der Geschäftssperre an diesen Tagen erbracht wurde, weshalb das Klagebegehren ln dieser Richtung äibzuweisen war. Maratinen-Messiase Es ist bekannt, daß noch nach der Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahre 1492 und dem gleichen Schicksal, welohies fünf Jahre später die Juden in Portugal traf, eine ganze Reibe von Juden in beiden Ländern verblieb, da sie das Christentum angenommen hatten. Die meisten von ihnen hielten jedoch heimlich am Judentum fest. Gegen diese Marannen oder Scheinchristen richtete sich im ganzen 16. Jahrhundert der heilige Eifer der Inquisition, der sich vor allem dadurch erklärt, daß die Marannen, welche in Spanien und Portugal geblieben waren, großes Vermögen besaßen und ihre Verfolgung wegen des Verbrechens der heimlichen Atusübiittg des jüdischen Kultus der Kirche und ihrem stillen Teilhaber, dem König von Spanien, stets reiche Einkünfte aus dem konfiszierten Vermögen der «Verbrecher» sicherte. Die Verfolgungen der Marannen in Spanien und Portugal standen an Härte und Grausamkeit den Judenverfolgungen in diesen beiden Ländern nicht nach. Da viele dieser jüdischen Scheinchristen hohe Aemter bekleideten und einflußreiche Verbindungen besaßen, wendeten sie alles auf, um die Verfolgungen zu müdem. Die Marannen hatten einen beinahe ständigen Vertreter in Rom, welcher mit großen Geldsummen und kostbaren Geschenken versuchte, den Papst und die einflußreichen Kardinäle für eine Einschränkung der Macht der Inquisition zu gewinnen. Es ist bekannt, d*ß die Marannen in Rom große Mühe darauf verwendeten, daß der Papst die nach der Judenvertreibiing bevorstehend« Einführung der Inquisition in Portugal verbiete. Ihre Bemühungen waren jedoch vergeblich, die Inquisition wurde in Portugal eingeführt und ebenso grausam gehandhabt wie in Spanien. Es ist min bemerkenswert, daß zu dieser Zeit unter den Marannen kt Spanien und Portugal die Messias Sehnsucht ebenso stark war wie unter den Juden. Sie führte dazu, daß unter den Marannen ln Spanten und Portugal Messiase auftauchten, welche sich als Bringer der Erlösung ausgaben. Zwei von diesen Maratmen-Messiasen sind besonders benühmt geworden. Der eine war ein nrarannfeoher Schuster aus Portugal, Ludwig D i a z, der sich als direkt vom Himmel entsendeter Messias bezeiohnete und merkwürdigerweise unter den Marannen bald seht großen Anhang gewann. Die Zahl seiner Anhänger vermehrte sich in Spanien und Portugal von Tag zu Tag; unter ihnen befanden sich einflußreiche Persönlichkeiten der damaligen Zeit, wie zum Beispiel der Mhrannehoprößling Don Francesco Mendez, Leibarzt des Kardinals Don Alfonso von Portugal. Mendez, der schon als Christ geboren war, trat im Alter von 37 Jahren hdmüdi Zum Judentum über und nahm selbst an sich die Beschnetdung vor. Da das Judentum der Marannen heimlich war, konnte natürlich auch die Messias-Bewegung nur eine heimliche sein, weshalb wenig Einzelheiten über sie bekannt sind. Der Messias Diaz und eine große Zahl seiner Anhänger fielen schließlich der Inquisition zum Opfer. Dasselbe Schicksal ereilte den zweiten Marannen-Messi-as, der eine sehr geheimnisvolle Rolle spielte. Es war der (durch Max Brods Roman bekannt gewordene) orientalische Jude David R e u b e n i, der angab, aius königlichem Geblüte zu stammen und von den zehn Stämmen als Sendbote und Künder der Erlösung nach Spanien und Portugal gesandt Wörden zu sein. Auch er sammelte viele Adepten um ach. und seine. Bewegung fand durch die Inquisition ein blutiges Ende*, Inhaber? Richard Herzog i.f Adlergasse 5 Tel. R-23-4-90 lf., K«. Pferrg. 28 Tel. A-41-Ö-24 alle.: jüdischen und hebräisphenSchallpfotten sowie alie qiodernsten Tanzjjnd Qesangsschlager / - r-in relcliiter AftWahri&QrLa&eri •*' Auch Teilzahlungen!; . Prpvinz.versandl Soeben neue orlgltul-araerllcenlech« Lieferungen eingelangt Jüdische Bauernregeln Im nördlichen Baden in .Deutschland haben in -vielen Gemeinden die Juden int Haupt-,.oder.Nebenberuf seit mehr als hundert. Jahren sich mit Landwirtschaft beschäftigt und ihre Naturbeobachtungen wie die christliche Landbevölkerung in mehr oder weniger treffenden Sprichwörtern — sogenannten Bauernregeln — festgehallten.. Diese Regeln tragen selbstredend jüdisches' Gepräge. So heißt es dort: Zu «Emmer» (der Wochenabsohoitt Ü1DW schert man die Lämmer. Zu Schemini kommen die Schwaiben. «Wajakhel» und «Pekude» gehen die Störche auf die Sude. Ekew gehn die Störche tekef (sofort). Bechukkaußai und Behar ist der «kalte» Sphabbos. Jahr für Jahr fragen in dieser Gegend die christlichen Bauern na oh dem kalten Sjchabbos, nach dessen Verlauf die Frostgefahr erst richtig vorüber sei. Ebenso fragen sre oft, wann das Laubhüttenfest“ kommt, da es ihnen bekannt ist, daß es zu Sükkaus häufig regnet. Kleine Nachrichten Die Tagung der Arbeitsgemeinschaft' der europäischen Distrikte des Ordens Bnei Brith, die in Prag stattgefuniden hat, beschloß, zur Bearbeitung des Projektes einer i n terterritorialen Akademie des Judentums eine vorbereitende Kommission einzusetzen. * Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten in Deutschland, der in den letzten Tagen sein zehnjähriges Bestandsjubiläum feierte, wird heuer ein G e d eh k b u c h für die im Weltkriege gefallenen jüdischen Soldaten der deutschen Armee herausgeben. Nicht weniger als 1 2.000'Juden Deutschlands sind im Kriege gefallen; von den 540.000 deutschen Juden standen mehr als 100.000 im Heeresdienst, davon 80.000 an der Front. Der Stadtrat von Breganza (Portugal), das durch seine Synagoge für die zum Judentum zurückgekehrten Marannen bekannt ist, hat einer Straße der Stadt den Namen Rua Orobio de Castro gegeben, zur Erinnerung an einen der berühmtesten Söhne der Stadt, der den Martern der spanischen inquisition'ausgesetzt war und später einer der Führer der jüdischen GemeindeAmsterdam wurde. Eine Erinnerungstafel ist in der nach ihm benannten Straße angebracht worden. Der jüdische Frauenbund in Deutschland, der zjrka 50.000 Mitglieder zählt, feiert im Sommer 1929 das Jubiläum seines 25jährigen Bestandes durch eine große Delegiertentagung in Berlin, der eine internationale jüdische Fravenkonf erenz tu Ham barg Vor» ausgehen wird. * ta.Saloniki wurde in diesen Tagen die sechste Konferenz der zionistischen Vereinigung Griechenland s abgehalten. Es fanden sich 46 Delegierte ein, von denen 22 die zionistischen Vereine Salonikis vertraten. Es wurden 35 Resolutionen angenommen, die in der Hauptsache die innere Arbeit betreffen, sowie eine Resolution betreffend E i n I a d u ng aller jüdischen G,e m e i n« den,in Griechenland zur Teilnahme an einer Beratung, die die Teilnahme der Judenheit Griechenlands an der erweiterten J e w i s h Agency sicherstellen soll. « Laut Beschluß des akademischen Senates der Zagrcber Universität erhielten Dr. jur. Albert Weiß und stud. Slavko Weiß, beidie Mitglieder dies Zion. Akadem. Vereines «Judäa», die vom jugoslawischen König Alexander für vorzügliche Leistungen auf wissenschaftlichem Gebiete gestifteten Preise. * In L i v o r n o verstarb im Alter von 1 0 4 J a h r e n der jüdische Bürger Aiffortunata Levi Am 24. Jänner 1825 in Livorno geboren, verbrachte er sein ganzes Leben in dieser Stadt. * Der jüdische Senator aus Bessarabien, Z ip st e i n, wurde auf der Reise von Kischinew nach Tichina im Eisenbahnwagen von einem Gendarmerie Offizier überfallen und grausam ve r p r ü g e 11. Gegen den Gendarmerieoffizier wurde ein Verfahren eingeleitet. * Der Frankfurter Gemeinderabbiner Dr. Salzbe.rger, der, wie noch erinnerlich, seinerzeit während einer Kriegergedenkfeier von Antisemiten überfallen worden war,. würde vor einigen Tagen 'bei einem Vortrag im Frankfurter Vplksbildwgsbund abermals von etwa 15 Hakenkreuzlem tat-, lieh angegriffen. Als die Polizei eintraf, hatten sich, die. Helden bereits aus dem Staube .gemacht * Der Universitätssenat in Debreczen hat den tU.ni-; versitätshörer Andreas David von dem Besuche aller ungarischen Universitäten ausgeschlossen, weil er, um zum Studium zugelassen zu werden, sich fälschlich‘•als dem reformierten Glauben angehörend legitimierte, obwohl er jüdischen Glaubens war. Die Sache kam dadurch heraus, daß sich David im zweiten Semester schon als Jude meldete. Bei dem Verhör erklärte David, er habe nie den jüdischen Glauben verlassen, sah sich aber zu seiner falschen Erklärung gedrängt, weil ihm anders die von ihm ersehnte Universitätsbildung verschlossen geblieben wäre. .* 8 Die vom Zionistischen Aktionskomitee ernannte Kommission zur Durchführung einer Enquete über O f g a n isation und Propaganda hat beschlossen, außer der gegenwärtig im Gange befindlichen schriftlichen Enquete verschiedenen Persönlichkeiten Gelegenheit zu gelben, sich mündlich über diese Fragen zu äußern. Die erste mündliche Befragung fand .am 18. Februar ira Sitzungssaal der Zionistischen Weltorganisation statt.. * Der Kongreß des Weltverbandes der jüdisehen Studentenschaft ist für die erste Septemberwoohe 1929 nach Berlin einberufen. Delegiertentag der österreichischen Zionisten Die Frist für Zahlung der Parteisteuer und des Schekels bis 12. März erstreckt. — Der Delegiertentag auf den 20. und 21. April verschoben. — Wahlen am 11. April. Das zionistische Landeskomitee für Oesterreich teilt mit: Der ordentliche Delegiertentag der österreichischen Organisation wird nunmehr endgültig für. deN 20. und 21. April 1929 einberufen. Die Tagesordnung, welche noch separat bekanntgegeben wird, stellt eine Reihe von wichtigen Fragen zur Behandlung, deren Lösung unbedingt nötig ist, damit die aus hartem Boden in mühevoller Arbeit hervorgebrächten Ansätze einer gesunden Partei sich weiter entwickeln können. Der Weg zu dieser Lösung wird gefunden werden, wann alle Kräfte der Organisation in allen ihren Richtungen beim Delegiertentag in voller Stärke zum Ausdruck kommen. Dazu ist notwendig, daß sämtliche Grupen die Parteisteuer und den Schekel längstens bis zum 12. März 1. J. abführen und verrechnen, um die Wahl ihrer Delegierten in solcher Zahl, daß sie der vollen Stärke der einzelnen Organisationen und Gruppen entspricht, zu ermöglichen. Der Termin für die Einzahlung der Parteisteuer und des Schekels kann über das angegebene Datum hinaus nich t erstreckt werden. Am U. Apr’1. d. J. von 6 bis 10 Uhr abends finden die Wahlen der Delegierten für den Parteitag in ganz Oesterreich statt. Die Reklamationsfrist dauert vQm 13. bis inkltK sive 20. März.

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