Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1929-02-21 · Heft 60 (21.2.1929) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 60 (21.2.1929)
Date
1929-02-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3053805-3053813--0879-3056188
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 DIE STIMME Nf. CO Die Erweiterung der Jewish Agency Die zionistische Exekutive schlägt die Einberufung einer repräsentativen Konferenz der englischen Juden vor Sonntag,d. 3. März 1929 8 Uhr abends findet Im Pestsaale des HOTEL CONTINENTAL,!L, Taborstraße 4 das «tonne Jüdische Konzerl der beliebten Sängerin HILDA DIIIIIZKAJA statt. Karten im Vorverkauf ln der Bücherstube und bei M. Rath, II., Taborstraße 20 a u. an der Abendkasse. nationalen Wirtschaft entzogen worden; als zweite Folge der Bodenspekulation sind alle jene aus Europa so wohlbekannten sozialen Schäden eingeireton: Vernachlässigung der Interessen der Allgemeinheit zugunsten des privaten Vorteils, unsystematisches Wirtschaften mit all seinen Nachteilen. Wird unter den neu einwandernden Elementen wieder ein großer Teil nicht unter Kontrolle der Organisation stehen, so wird dieses Problem wieder akut werden; verstärkte Bautätigkeit, vergrößerter Anbau von Orangen, Ausbreitung der Industrie — all dies wird die Nachfrage nach Boden verstärken und ohne wirksame Kontrolle wieder zur Bodenspekulation führen. Das wichtigste Instrument zur Verhütung dieser Gefahren ist der Nationalfonds. Nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern ebenso aus sozialen Gründen m-uß die Stärkung dieses jetzt stark vernachlässigten Fonds gefordert werden. Die zionistische Bewegung hat nicht zufällig den Nationalfonds als eines ihrer ersten Organe geschaffen. Denn sie faßte ihre kolonisatorische Tätigkeit von Anfang an als vom Volke ausgehend und als Werk zum Nutzen des ganzen Volkes auf, nicht zum Vorteile einzelner Personen, die die Mittel besitzen, um Land in Palästina zu erwerben. Es versteht sich von selbst, daß das vom Volke Geschaffene Eigentum des Volkes bleiben muß. Der Nationalfonds hat sich zwar beträchtlich vergrößert, besitzt aber doch nicht die Mittel, um seiner Aufgabe gewachsen zu sein. Dies ist zum Teil aber die Folge des zu geringen Interesses in der Bewegung für die Bedeutung des nationalen Bodenproblems. Maßnahmen gegen unorganisiertes Einströmen ins Land müssen überall getroffen werden. Die Auffassung, daß dies nicht möglich sei, dieser Mangel an G1 a u b e n ist der schlimmste Feind unserer ganzen Tätigkeit. Viele Maßnahmen, zwar rein verwaltungsmäßiger Natur, aber vieles, vor allem der Kampf gegen die Spekulation, muß mit Hilfe der breiten Massen durchgeführt werden. Die Vorbeugung muß schon jetzt beginnen; denn, wartet man wieder, bis die ersten Symptome der gefährlichen Entwicklung sichtbar werden, so wird es zu spät sein. «The Zionjst Record» (Johannesbourg). OOOOOOOOOOOOOOOQCXXX3000000000POOOOOOOO Redaktionsschluß und Schluß der Inseratenannahme Dienstag um 12 Uhr mittags. Später einlangende Einsendungen können keine Aufnahme in die laufende Nummer finden. Die Ziontetkdiie Exekutive hat an den jewish Board of Deputiee (Deputiertenrat der englischen Juden) ein Schreiben gerichtet, in welchem auf das Schreiben der Exekutive an den Deputierteurat vom Oktober 1928 hingewiesen und hinzugefügt wind, die Zionistische Exekutive habe das Gefühl, daß es an der Zert sei, sich mH der Frage der Vertretung der englisch-jüdischen Gemeinschaft in der Jewfefi Agency ernstlich zu befassen, da die erweiterte Agency wahrscheinlich schon in naher Zukunft ün Wirksamkeit treten wird. «Es war immer der Wunsch der Zionistischen Organisation gewesen», —- heißt es in dem Schreiben weiter, — «daß die englisch-jüdische Gemeinschaft in der erweiterten Jewish Agency von Anfang an vertreten sein soll. Die Exekutive glaubt, daß die I n itiative hierzu vom Jewish Board of Deput i e s ausgehen sollte, sowohl kraft seines anerkannten Status als repräsentative Körperschaft, als auch wegen seiner Zusammenarbeit mit dem Londoner Vereinigten Komitee für Jewish Agency, das auf Einladung der Zionistischen Organisation sich mit dem Plan in seinen früheren Stadien bereits befaßt hatte. Die Exekutive erlaubt sich nun, anzufragen, ob der Jewish Board of Deputies geneigt sei, den ersten Schritt in der Sache, zu tun durch Einberufung einer repräsentativen englisch-jüdischen Konferenz, deren Aufgabe es sein soll, den Wunsch der englisch-jüdischen Gemeinschaft zum Ausdruck zu bringen, ihre Rolle ln der Verwirklichung des britischen Mandates für Palästina zu spielen und sich mit anderen bedeutenden jüdischen Gemeinschaften in der Jewish Agency zu verbinden. Die Art der Vorbereitung einer solchen Konferenz ist natürlich Sache des Board, der Exekutive bleibt nur übrig zu wünschen, daß die Konferenz so ba 1 d a 1 s nur möglich abgehalten wende, da es wünschenswert erscheint, daß ohne Säumen Arrangements für die Ernenmtmg der Vertreter "der englisch-jüdischen Gemeinschaft im Rate der Agency getroffen werden.» „Pälästina Ist Sache jedes Juden" Aus New York wind berichtet: In der Convention der Distriksgroßloge Nr. 5 des Unabhängigen Ordens Bnei Brith, die in A t a 1 a n t a (Georgia) staftfand, hielt der Präsident des Amerika» Jewish Committee, Louis M a r s h a 11, eine Ansprache, in der er darauf hinwjes, daß die amerikanische Judenlheit drei wichtige Probleme zu lösen habe: jüdische Erziehung der heranwachsenden Generation, Durchführung der Hilfsarbeit in Europa und Aufbau Palästinas. Bei dem ersten Problem handelt es sich um nicht weniger als um die Erhaltung des Judentums in Amerika. Ich richte, sagte Marshall, die dringende Bitte an die amerikanisch-jüdischen Eltern, das große Erbe unseres Volkes ihren Kindern nicht vorzuenthalten. Die jüdische Erziehung ist zu wichtig, als daß es bei einer Stunde oder anderthalb Stunden Religionsunterricht i<n der Woche sein Bewenden haben könnte. Der jüdische Unterricht muß eine wesentliche Rolle im Leben des jüdischen Kindes spielen. Das zweite Problem betrifft das Aufbauwerk des Joint Distribution Committee in Europa. Die Erfüllung dieser Aufgabe ist noch im Gange; es ist noch nicht alles getan, was getan werden müßte. Was das dritte Problem, den Aufbau Palästinas, betrifft, so gilt das Wort: Palästina ist Sache jedes Juden. Wer sicli Jude nennt, kann und darf Palästina nicht gleichgültig gegenüberstehen, sondern muß helfen, das Land der Propheten emponv zubringen. Die Zionisten, die die Initiative zu diesem Werke ergriffen haben, verdienen Anerkennung; aber Palästina ist nicht allein ein Problem für Zionisten, es ist ein Problem, zu dessen Lösung alle Juden herangezogen werden müssen. Dies hat ein zweites Gutes im Gefolge: die Vereinigung der Judenheit zu einem gemeinsamen Ziel. Wenn wir diese drei Probleme gelöst haben, so werden auch die übrigen jüdischen Fragen leicht zu lösen sein. Die Rede Marshalls machte tiefen Eindruck auf die zahlreiche Zuihöirerschaff. Amerikanische Oppositionelle für die Erweiterung der Jewish Agency Die in New York erscheinende Zeitschrift «The New Palestine» veröffentlicht eine von Julius Simon und drei anderen maßgebenden Mitgliedern der Brandeis-Gruppe Unterzeichnete Erklärung folgenden Wortlautes: «Damit nicht der Eindruck entstehe, daß alle, die naoh ihren besten, wenn auch schwachen Kräften die Brandeis-Mack-Gruppe in den letzten Jahren unterstützten, die Anschauungen einiger Führer dieser Gruppe über die Jewish Agency teilen, erklären wir hierdurch, daß nach unserer bisherigen Auffassung das Programm der Brandeis-Mack-Gruppe gerade hinzielte auf die Zusammenfassung aller jüdischer Bemühungen um ein gesundes, soziales und wirtschaftliches Palästina-Aufbauprogramm, auf die Erweckung aufrichtigen Palästina- Murawiew in jüdischer Gefangenschaft (Eine historische Erinnerung.)' Es sind jetzt Sechsundsechzig Jahre seit dem polnischen Autstamd des Jahres 1863 verflossen, dessen blutige Unterdrückung an dien Namen des berüchtigten Zarengenerals Murawiew geknüpft Ist Am längstem dauerte die Aufstandsbewegung in L i t a u e n an, wo dde letzte polnische Insurgentenarmee unter dem Kommando Mickiewicz’ in den dichten Wäldern von Poniewesz gelagert, das russische Militär in einem unaufhörlichen Kleinkrieg beunruhigte. Murawiew war diesem Guerillakrieg gegenüber fast ohnmächtig. Als die Ueberfäile der polnischen Insurgenten nicht aufhörten, wurde ein gewisser Schram zum Kommandanten von Poniewesz ernannt und erhielt strengen Befehl, den Aufstand um jeden Preis zu unterdrücken. Da auch eor gegen die Insurgenten nichts ausrlchtem konnte, ließ er seinen ganzen Zorn an den Juden aus. Diese waren damals zwischen Hammer und Amboß, da sie sowohl von den polnischen Insurgenten, als auch vom zaristischen Militär schwer zu leiden hatten. Schram beschuldigte nun die Juden der Spionage zugunsten der Polen und der Unterstützung der Aufständischen mit Geld und Proviant. Belm geringsten Verdacht wurden Juden elngekefkert und erschossen. Durch diese Heldentaten Schrams änderte stet jedoch die Lage nicht. Da ließ er 73 Juden der Stadt, die Angesehensten und Reichsten, al6 Geisel ins Gefängnis setzen und drohte ihnen mit Todesstrafe, wenn nicht die Juden von Poniewesz die Führer der Insurgenten ausiiefern würden. Ohnmächtig gegenüber solchem wahnwitzigen Verlangen erwarteten die Geisel ihr Ende, beklagt und betrauert von der hilflosen jüdischen Bürgerschaft. Die beunruhigenden Meldungen au« dem Gebiete von Poniewesz ließen in Murawiew den Entschluß reifen, selbst hinzukommen, uin nach dem Rechten zu sehen. Als erste erfuhren die bevorstehende Ankunft des allmächtigen Oberbefehlshabers zwei junge «Maskillm» in Poniewesz, Benjamin Stern und Jizcbak Berlin, welche beide — was damals eine Seltenheit unter den Juden war — das Russische vollkommen beherrschten. Sie entwarfen mm in aller Heimlichkeit einen Plan, um die 73 gefangenen Juden zu befreien. An einem Freitag kam Murawiew mit seinem ganzen Gefolge ln Poniewesz an. In der Nacht brach zufällig ein Brand in der Stadt aus und Murawiew, der ausgefahren war, um den Brand mitanzusehen, fuhr zu später Nachtzeit in sein Quartier zurück, als auf der Straßen keine Menschenseele mehr zu erblicken war. Als er durch die Sobulgasse fuhr, erklang plötzlich ein lautes «Haiti» Erschrocken sprang Murawiew aus dem Wagen. Da faßten ihn die zwei jungen Leute, und während sie ihn versicherten, es würde ihm kein Leides geschehen, baten sie ihn, in die Synagoge einzutreten. Der Wagen mit dem Kutscher wurde unter Bewachung zurückgelassen. Als der allmächtige Murawiew in di« leere, dunkle Synagoge trat, welche bloß von zwei Kerzen beim Vorbeterpult und bei der Lade beleuchtet war, zitterte er wie Espenlaub. Er wußte nicht, was die zwei jungen Leute, welche so gut russisch sprachen, von Ihm wollten. Sie aber führten Ihn zur offenen Thoralade, zündeten einige Kerzen an und schworen bei der Thora, altes war sie Murawiew erzählen wollten, sei Wahrheit. Dann ließen sie Murawiew schwören, er würde niemanden verraten, wo er bei Nacht gewesen und was vorgegangen war. Der Qeneral gab sein Ehrenwort, und dann erzählten Ihm die beiden jungen Leute, was der Kommandant Schram getan hatte. Murawiew versprach, die unschuldigen Juden zu befreien, und Stern und Berlin ließen Ihn sofort frei, Sie begleiteten ihn zu dem Wagen, mit dem der allmächtige Günstling des Zaren eilig in der Dunkelheit verschwand. Am nächsten Morgen durcheilte wie ein Lauffeuer die gute Nachricht die Stadt, daß Schram und seine Gehilfen abgesetzt und die 73 jüdischen Geiseln befreit worden waren. Lange sahen die Juden von Poniewesz, welche die Ursache dieses freudigen Umschwunges nicht kannten, das Ereignis als ein Wunder des Himmels an. E. G. F. Beherrschen die Juden den Handel? Von Dr. Richard Lewlnsohn. Die Tatsache, daß die Juden in dien meisten Ländern in besonders starkem Maße im Handel tätig sind, hat dazu geführt, daß man Juden und Händler identifiziert. Man stellt nicht nur den Juden als den typischen Händler hin, sondern gerade auch unter den Juden selbst ist die Auffassung weitverbreitet, daß dem Handel allenthalben von Juden beherrscht wird. In Wirklichkeit wird der Anteil der Juden an der Entwicklung des Handels, aber auch an dem heule bestehenden Handel, ungeheuer überschätzt. Daß sie im Laufe der Jahrhunderte, in denen sie in den meisten Ländern auf das Handelsgewerbe abgedrängt waren, sich zu findigen und geschickten, manchmal zu übergeschickten Teohnikem diese« Gewerbes ausgebildet haben, Ist nicht weiter erstaunlich, ln dem Umfang Ihrer Handelsgeschäfte waren sie aber in der Zeit des Ghettos und auch später noch viel zu sehr durch Ausnahmegesetze beschränkt, als daß sie sich zu großen Kaufteuten hätten entwickeln können» Die großen HandeJsunternehmungen, die mit erheblicher Lagerhaltung, mit Faktoreien und Filialen verbunden sind, können von den Juden nicht betrieben werden, solange ihnen nicht der Erwerb von Grund und Boden und die Freizügigkeit ertaubt i'st. Dem entspricht auch, daß d i e ersten großen europäischen Handelshäuser, die Fugger und Weiser in Augsburg und Nürnberg, keine Juden waren, ebensowenig wie die Besitzer der großen Handelsfirmen in Venedig, Mailand, Florenz und Genua. In den großen Handelsstädten im Umkreis der Nordsee beherrschen die Kaufleute der Hause den Handel, dieHanseatenaber waren völlig judenrein. Und wenn man noch weiter nach Osten gehen will, so findet mau auch in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.