Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 59 (14.2.1929)
- Date
- 1929-02-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 59 Seite S / PTE STIMME zu erwsrten, daß auch nachher, bi« die Versöhnung aus dem Stadium der Feiern in das der täglichen politischen Raison getreten ist, die italienische Mittelmeerpolitik dem Vatikan gefallen wird. S p c c t a t o r. Die Erweiterung der Jewish-Agency Die Stellung der liberalen Juden Englands «Jewish Religion« Union Bulletin», da« Organ de« liberalen Judentums in England, nimmt in seiner letzten Nummer in folgender Weise Stellung zu der Frage der Teilnahme liberaler Juden an der erweiterten JeWjsh Agency: «Das Aktionskomitee der zionistischen Organisation hat den von Dr. Welzmann und Louis Marshall entworfenen Plan für Erweiterung der jewish Agency gebilligt Einige Mitglieder des A. C. hielten zwar an der Opposition bis zum Ende fest, aber diese Opposition ermangelte schon deshalb des Nachdruckes, weil ihr einziges Argument das der Furcht war. Furcht davor, daß die Mitarbeit der Nichtzionisten am Aufbau Palästinas zu einer Zerstörung des Zionismus führen könnte. Furcht ist immer ein schiechter Berater gewesen; Die Opposition wird ferner durch die bestehende Not paralysiert Die Arbeit in Palästina droht wegen Geldmangels zusammenzubrechen; die Nichtzionisten müssen einspringen. Der. einzige’Weg, von dieser Seite Mittel zu bekommen, ist der, den Geldgebern gewisse Rechte etozurättöhsn, über die Verwendung der Mittel mitzubestfmmen. Die furchtsamen Zionisten steilen vor dem Dilemma: Soll Palästina untergeben, aber der Zionismus leben, oder soll Palästina leben, auch wenn der Zionismus «miergeüt? Der Nichtzionist hat nicht mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen. Tatsachen und Umstände lassen das zionistische Endziel als unerreichbar erscheinen. Die Forme 1 vom jüdischen Nationalheim jn Palästina bleibt bestehen, aber nur als eine Formel. Eine halbe oder sogar eine volle Million in Palästina angesiedelter Juden reicht nicht hin, ein Jüdisches Nationalheim zu bilden. Palästina könnte zwar ein Nationalheim für eine halbe Million Juden werden, nicht aber ein Nationalhelm des Judentums. Die britische Interpretation des Mandates, die Haltung der Araber und natürliche Schwierigkeiten asten dte? ausgeschlossen erscheinen. Obwohl der Nichtzionist die Formel «Jüdisches Nationalheim» nicht billigt, gelüstet ,es ihn nicht, über ein S c h a 11 e n gebilde zu streiten. Und wenn ihm ernste Gründe die Schlußfolgerung atifzwingen, daß in Palästina bilfebemama LLOYD RIESTINO DIREKTES LINIE TRHST-IAFFA UND RETOUR Abfahrten feden zweiten Donnerstag 8 Uhr abends. Fahitdauer unter Berührungvon Brindisi bloft 57, Tage Fahrpreise: 1. KI. Lat. 23. it Kl. Lst 15.-.-, H. Kl L«i 6.—.— inklusive Kabine und Verpflegung. Eine Fahrt Trleit-Jaffa-Haifa und ztufick köret in der III. Kinase inklusive Kabine und Verpflegung bloß Österr. Sch. 3 *5 —. Für Gesellscha Preisen besondere trmSßlgung! Auskünfte: Lloyd T-Iestlno, Wien. LKä nineiring 6 Telephon U,46-0-58, Ü 48-0-64. U 48-0-65. ClOBBS SBri dürftigen Juden geholfen weiden kann, wird sein Hilfsbedürlnis die Abneigung gegen die Formel überwinden. Ueber eines aber muß sich der Nichtzionist klar werden: Seine Mitarbeit am. Aufbau Palästinas bedeutet nicht die Aufgabe seiner Opposition gegen den Grundgedanken des Zionismus, daß die Juden eine. Nation sind. Als amerikanischer, deutscher oder französischer Jude ist er bereit, den palästinensischen Juden zu helfen, in nationaler Beziehung aber bedeutet ihm Palästina nichts, kann ihm auch nichts bedeuten.' Dies ist nicht bloß eine theoretische Erklärung, sondern es hat praktische Konsequenzen. Die ganze Lebensführung eines Juden erhält ihre Farbe .davon, ob er das Judentum als Nation aasieht oder nicht Der Jude, der an jüdische Nationalität nicht glaubt, nimmt vollen Anteil am Leben und der Kultur seiner Nation. Die liberalen Juden, in D e Ü $ s c h 1 a q d haben ‘ einen V o r b e h a 11 bezüglich ihres Eintrittes. in die Jewish Agency vorgeschlagen: sie wünschen .ein Statement, wejehes Ihre Haltung gegenüber dem Zionismus anerkennt Es ist nur natürlich und richtig, daß klar gemacht wird, daß die Jewish Agency, wenn sie Niohtzionisten einschließt, dem jüdischen Nationalismus nicht ausgeliefert wird. Die Jewish Agency Ist weder zlonistfscf» noch antizlonlsHsch, sondern eine Organisation, die den Juden Palästinas wirtschaftliche Hilfe seitens amerikanischer, deutscher,, englischer usw.;Juden bringen soll. Die 1 Nldihrtontefen möge« fu alter Aufrichtigkeit um die Feststellung ersuchen, daß die Jewish Agency eine nationale Bedeutung nicht hat und die Zionisten mögen hi gleicher Aufrichtigkeit zu einer solchen Feststellung bereit seih.» Das siebente Dominion Aus London wird beirichtet: Unter dem Vorsite des Unterhaostnhglicdes Colonel Joslab Wedgwood wurde kn Sitzungssaal des Unterhauses eine Beratung abgehalten, in .der beschlossen wurde, eine energische Aktion mr Vereinigung der britischen und jüdischen Interessen In Palästina etnzuleiten. One Liga wurde gebildet, die für die- Umwandlung Palästinas in .ein. (siebentes) englisches Dominion tätig sein soM. Ha »p Leie! der Liga tot es, die Entwicklung Palästinas als das Nattonalhefon des Jüdischen Volkes zu fördern und sich zu diesem Zwecke der Mitarbeit des Jüdischen Volkes wie der britischen Administration zü versichern. Diese Arbeit Ist tn einer Welse zu führen, daß bei Ablauf des britischen Mandates für Palästina Bedingungen lm Lande bestehen, die es der Bevölkerung gestatten, den Statns eines sich selbst regierenden Dominions Innerhalb des britischen Staatenbnndes (British Commonwealth of Nation«) zu wählen. Die Liga vereinigt, Personen, die in dem Aufbau Palästinas das gemeinsame britische und indische Interesse kn Auge haben. Die erste öffentliche Kundgebung der Lisa findet am 26. Februar In der Caxton Hajl statt (Anstoß zur Bewegung für die Umwandlung Palästinas In ein britisches Dominion gab Wedgwoods Buch «The Seventh Dominion». — Die Red.) Der Sowjet-Antisemitismus .Der jetzt 7ojihrige bekannte Führer der ruffifcheB Demokraten Pani N Mil ju ko ff, Innenminifter im Revolutionakabinett Kerenjki, erörterte in einem Interview die UrCadiea des Antifenoitismu*. in Sowjctrußland und kam dabei zu na*h* Hebenden Schlußfolgerungen: . JDie betrieb enden Ereile in Moskau glauben, daß der Antifemitismus eine Erbfdiaft des vorrevolutionären Rußland ift. Die rechten Ereile glauben, daß er aus der aktiven Rolle, die die Juden in der rufiildien Revolution gefpielt haben, zu erklären fei. Beide AnffaiTungea find faHdi. Der jetzige Antifemitismus in Rußland unterlcheidet ficb im Grunde von dem vorrevolutionären. Der vorrevolutionäre Antifemitismus trug einen offiziellen Charakters die Volksmaffen haben ihn nicht ganz verllanden und wer lg von ihm in fich aufgefogen; der fowjetiiUfche Antjfemitismus aber erfaßt gerade jene Teile der Bevölkerung, die früher von der Seuche verfchont waren. Die AuffalTung der rechten Kreife iit nicht weniger falfch. Im gegenwärtigen Moment gibt es fehr wenige Juden an leitenden Stellen in Sowjetrußland. Mehr oder weniger ZufiäUg Ift der größte Teil der einflußreichen jüdifchen Komm»- niften in das Lager der Oppöfition abmarlchiert. Gerade zu einer Zeit, wo die Regierung und die hochften Parteiorgane faft „judenrein“ geworden find, erhob fich die neue Welle des Antifemitismus. Alle diffe Erklärungen haften auf der Ober» Ka/Lvf sind überhaupt kein Voik, sondern eine jüdische Sekte, die in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts nach Christi Geburt von Anan bea David gegründet wurde. Ebenso unrichtig ist die Angabe, die Ch«rarer hätten sich zum «alten Judentum der Karalmen» bekehrt, und so sei das Karäertum Staatsreligion in der KrimjNWörddn». Die Bekehrung der Chazarer zum Judentum hat nach der Ansicht des Gelehrten Harkavy im Jahre 620 il (Qhr., nach anderer Ansicht im Jahre 740 n. Chr. stattgefunden, so däß es jedenfalls chronologisch ausgeschlossen ist, daß die Chazaren zum Karäertum {ibergetreten wären* weil letzteres damals noch gar nicht existierte n oder bcstenf*n& £ben erst im Entstehen begriffen war. Richtig ist nur, daß manche karäischen Schriftsteller im Interesse ihrer Refigfon verschiedene Behauptungen aufgestellt haben, so z. B., daß ihre Säkte uralt sei und daß die. Chazarer Karäer Waren, Behauptungen, welche wissenschaftlich unhaltbar s|nd* .was schob der berühmte jüdische Gelehrte Salomo Jehada Rapöpprt (in der Zeitschrift «Kerem Chemed», Band V, S. 204 f.) endgültig bewiesen hat Ebenso ist die Angabe nicht richtig, das Chazarenreich habe nach der Bekehrung noch,500 Jahre bestanden, bis die Tataren den Islam elngaführt hätten. Das Chazarenreich bestand nur noeb bla zum Jahre. 1016, also seit efer Bekehrung zirka 300 Jahre, bis ihm die R u s s c n ein Ende bereiteten, die das C h r i s t e n t« m einführten.*4 Eine jüdische Militärkolonie Von Dr. B. fiioeskuoim (Tel-Aviv) Ausgrabungen ln Oberägypten in der Nähe von Assuan haben eine ganze Anzahl von a r a m ä 1 s c h e n Papyri zutage gefördert, die zu einem vollständigen Buch susammengefaßt wurden. Diese Papyri erzählen von einer jüdischen Siedlung in der Stadt Jlb*. deren Gründer jüdische Soldaten im parsIsch e n H eer waren, die eich des größten Vertrauen« de« Königs erfreuten. Diese jüdischen Soldaten waren auf« innigste geistig mit der Metropole Jerusalem verbunden und wandten sich an den. Gouverneur von Jerusalem mit der Bitte, ihnen die Errichtung ihres Heiligtum« in Jib, das von den Aegyptern zerstört wurde, sowie die Erlaubnis, dort Opfer darzubringen, beim Herrscher von Aegypten zu erwirken. Die Perser, Feueranbeter waren, gestatteten den Juden, Schvachtopier darzubringen und Räucherwerk zu benützen, verböten jedoch die Benützung des Feuers bei ihrem Opferdienst, und zwar nicht etwa wegen ihrer Tierfreundlichkeit, sondern weil sie nicht wollten* daß das heilige Feuer durch die Leiber der Tiere verunreinigt werde. Bei den Ausgrabungen wurden zwei Exemplare eines solchen Bittgesuches gefunden, woraus geschlossen werden kann, daß der Zuschrift große Bedeutung beigemessen wurde, da sie, um sicher zu gefyen, wiederholt verfaßt und abgesandt wurde. Zwei Abschriften blieben zurück, erst das dritte wurde an seinen Bestimmungsort abgesandt. ' In den Aufzeichnungen über «das Jüdische Regiment» wird auch das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben der Juden in dieser ägyptischen Siedlung beschrieben. Aus ihnen geht hervor, daß dort zwischen Mann und Frau weitgehendste Gleich heit geherrscht hat, daß in Erbschaftsfragen die Töchter genau so berücksichtigt wurden wie die Söhne. Der Frau war die Betätigung im Handel und Gewerbe gestattet, und völlige Freiheit herrschte hinsichtlich der Ehescheidungen. Es genügte, daß ein Teil der Ehegatten, Mann oder Fraii, ausspreche: «Ich mag dich nicht!», um das Eheband als gelöst zu betrachten* und das Ehepaar erhielt ohne jede Schwierigkeit die Ehetrennung durch den Scheidebrief. Bei der Eheschließung hingegen mußten die Männer dem Brautvater eine Morgengabe entrichten. Von der Frau eines I solchen jüdischen Soldaten namens MI w t a c h j a h | wird besonders hervorgehoben, daß sie dreimal geheiratet und dreimal geschieden wurde. Ihr erster Mann war ein Jude, der zweite ein Aegypter, der jedoch das Judentum annahm und den Namen Natanja erhielt, während ihr dritter Gatte wieder ein Jude war. Sehr viel ist in diesen Papyrusaufzeichnungen von einem weisen Mann namens Achjakar die Rede, der ein zu seiner Zelt weithin bekanntes Buch berühmte Sprüche schrieb. Seine Sinnsprüche und Sprichwörter finden sich auch im Talmud und ihr Einfluß ist auch bei den griechischen Philosophen zu merken. Die Sprüche sind mit der Erzähi-ung einer schönen Geschichte aus dem Leben des großen Gelehrten und Philosophen Achjakar verwoben. Er war einer der Hauptratgeber S a n h e r i b s, des König« von Assur, und das ganze Land wurde nach seilten Ratschlägen regiert. Achjakar war kinderlos, er adoptierte seinen Neffen Nadab. Als Nadab heranwuchs und Achjakar alt geworden war, bat er den König, seinem Sohn Nadab das hohe Amt seines Katgebers zu übertragen. Wie es scheint, waren jedoch die Perlen der Weisheitssprüche bei dem Sohn daneben gefallen. Der Sohn verleumdete seinen Ziehvater vor dem König mit dem Erfolg, daß der König befahl, den Vater hinzurichten» Aber die Satrapen, denen die Durchführung des Befehl« aufgetragen wurde, gedachten der Wohltaten und Freundschaftsdienste, mit denen Achjakar sie zur Zeit, als er auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, stets bedacht hatte. Sie erbarmten sich seiner, brachten ihn ln ein sicheres Versteck, während sie.dem König meldeten, daß sie an Achjakar die Todesstrafe vollzogen hätten, , . Nadab, der sich als Staatsmann unfähig erwies, brachte den unglücklichen König, der die Ratschläge dieses Ratgebers ebenso bedingungslos zu befolgen pflegte wie die Vorschläge seines weisen Vaters, in schwere Verlegenheiten. Die Zustände im Lande wurden so arg, daß der Köpig in seiner furchtbaren Not schließlich zum Bewußtsein kam, wie er durch Nadab in die Irre geführt wurde; in seiner Verzweiflung rief er: «Wäre Achjakar noch am Leben, mir wären diese Leiden und Strafen erspart geblieben!» Als die Satrapen dies hörten, lüfteten sie ihr Gehemmte und teilten ihm mit, daß Achjakar noch am Leben sei. Der König setzte Achjakar wieder in sein altes Amt ein. Den Sohn lieferte er dem Vater aus, der ihn nach e’genem Gutdünken richten möge. Aber der Vater züchtigte seinen Sohn nicht mit körperlichen Strafen, sondern setzte ihn in einen Käfig und predigte ihm unausgesetzt seine alten Morafsätze. Nadab mußte auch die schaurige Geschichte von den Menschen über sich ergehen fassen, die, weit sie der Sünde schnöden Undanks gegen ihre Wohltäter verfallen waren, ein furchtbares Ende fanden. Diese Worte trafen «wie in Oel getauchte giftige Pfeile» ihr Ziel und der Sünder starb nach schweren seelischen Qualen unter den Schmerzen der OewissMM» bisse.