Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 59 (14.2.1929)
- Date
- 1929-02-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. S0! i Sonntag, d. 17. ds. V,8 Uhr abends findet Im Saale des | HOTEL CONTINENTAL, 11., Taborstr. 4 j da» «InsIdee |ttdl«che I KONZERT | des beliebten Oberkantois Israel Alter J statt i Karten za haben bei den Vorverkaufsstelten, sowie an der Abendkassa Bie mit denen einer staatlichen Kolonisation größten Maßstabes vergleichen, die unter der Mitwirkung von Regierungen vor sich gegangen ist, welche in solchen Angelegenheiten weit mehr Erfahrung besitzen als die Zionistische Organisation. Natürlich genügt es nicht, einen solchen Bericht allein daraufhin durchzulesen, wieweit er für unsere Mißerfolge einen Trost bietet. Darüber hinaus hat er uns auch manches Positive zu sagen. Als ein solcher Punkt sei die Forderung der Experten angeführt, daß die Einwanderung nach Australien der Aufnahmefähigkeit des Landes entsprechen muß — ein Satz, der angesichts der großen Ausdehnung und der immensen Möglichkeiten dieses Kontinentes doppelte Beachtung verdient. In Palästina, für das die Agency-Kommission zu einem ähnlichen Schluß gekommen sei, hat man sich darüber sehr erregt und darin nur,einen Versuch gesehen, die Haltung der Regierung zu rechtfertigen, die das Land vor der jüdischen Immigration verschließen wolle. Die Parallele in Australien ist geeignet, dem palästinensischen Jischuw deutlich genug vor Augen zu iühren, was die Voraussetzung für eine regelmäßige Immigration ist. Die Ergebnisse des australischen Untersuchungsberichtes zeigen den Zionisten j/id den künftigen Mitgliedern der Agency, daß das jüdische Siedlungswerk in Palästina trotz aller seiner Mängel Außerordentliches erreicht hat. Fehler müssen natürlich ausgebessert werden; zur Verzweiflung aber oder zur Enttäuschung besteht keine Veranlassung. Auf der anderen Seite sollten unsere Kritiker, und namentlich jene aus den Kreisen der englischen Beamtenschaft in Palästina, verstehen, daß die Juden in Palästina auf kolonisatorischem Gebiete ohne die Erfahrungen von Generationen, ohne die mächtigen Mittel des Imperiums und ohne irgendwelche Erleichterungen Resultate auf kolonisatorischem Gebiete erzielt hätten, die den Vergleich mit den Resultaten der australischer. Regierungskolonisation leicht aushalten könnten. «Haarez». OOCOOCOCOCOCCCCCOCOCCCOOCOOOCXXXXXXJCOO Redaktionsschluß und Schluß der Inseratenannahme Dienstag um 12 Uhr mittags. Später einlangende Einsendungen können keine Aufnahme In die laufende Nummer finden. Streiflichter Die Märztagung des Völkerbundes wird hn Zeichen des Minoritätenpfoblem* stehen. Der deutsche Außenminister Dr. Stresemann kündigt an, daß er den gesamten Komplex der Mimtenheitsfragen aufrollen wird. E§ geht Ihm dabei um die deutschen Minderheiten in den mittet- und osteuropäischen Ländern. Von den staatenbildenden Völkern* hat keines so viel außerstaatliche Vofksteile und -Splitter wie das deutsche. Eine gewisse Aehrrficükeit mit der Verteilung der Juden drängt sich auf (in einem verstiegenen Buche hat Constantin Brunner einmal daraus eine «Schlcksalsgemeinsohaft» gemacht). Was aber für die Deutschen mehr politische Demonstration ist, ist für die Juden, die keinen Staatskern besitzen, Lebensfrage; denn der Zustand der ewigen Minderheit ist heute für die Juden vielleicht weit mehr lebensgefährlich als er e« in den vielen Jahrhunderten, die er schon dauert, je gewesen. Darum haben die Juden das größte Interesse an der Schaffung eines wirklichen Minoritätenschutzes, der weit wirksamer ist als das, was in den letzten Jahren — als Anfang eines neuen koliektivrecbtlichen Denkens — vom Völkerbund geschaffen (und, ach, so oft übersehen) wurde. Es ist daher ein Fehler, wenn die zionistische Politik diese Frage — bewußt oder unbewußt — übersieht; denn die Schaffung eines staatlichen oder staatähnlichen Nationskernts in Palästina wird nur durch eine Judenfheit erfolgen, welche auf gesunder, gesicherter Grundlage, weit über den Rahmen der individuellen Sicherheit hinaus, beruht. Der Kongreß der Minderheiten, weicher heuer, gemäß dem Beschlüsse der vor kurzem in Wien abgehaltenen Sitzung der Minoritätenexekutive, vom 26. bis zum 28. August in Genf stattfinden wird, will wieder die Frage einer ständigen Minderheitenkommission beim Völkerbund aulrollen. Auf diesem Kongreß sind die Juden vertreten. Sie werden sich mit der — übrigens noch wenig wahrscheinlichen — Verwirklichung dieses Gedankens nicht zufrieden geben können. Die Idee des Minoritätenschutzes braucht neue Impulse. In Indien ist wieder einmal, wie so oft, ein religiöser Kampf ausgebrochen. Er wird im Zeichen der — B1 u 11 ü g e geführt. Eine mohammedanische Indergruppe, die Pathans, wird beschuldigt, daß sie kleine Kinder zu Opferzwecken schlachte. Die Folge waren etwa 90 Tote und 600 Schwerverwundete in„ Bombay und Umgebung. Diesmal hat der sonst wenig beachtete Kämpf zwischen Hindus und Mohammedanern in Indien durch seine «neue Nuance» Sensation erregt. Und die «Nuance» ist doch gar nicht neu; seit 2000 Jahren wird der Kampf gegen die Juden gerne mit der Blutlüge geführt und von dieser Methode haben wir noch in der Gegenwart mehr als genug Beispiele «praktischer» und «wissenschaftlicher» Verwertung. Die indische Blutbeschuldigung ist ebenso unwahr wie die Regen die Juden, doch ebenso abscheulich und grausam. Es gibt eben nichts Neues unter der Sonne, auch nicht im Kampfe gegen den Schwächerem . - •? 1- » . .. .. Ein ungarisches Gericht hat Bela ErdelyPzu lebenslänglichem Kerker verurteilt; er wurde für schuldig befunden, seine Frau in Millstadt ermordet zu haben. Erdelyi, ein Prototyp sittlicher Verkommenheit, ist J u d e; das sei nicht verschwiegen, obwohl es sicher Ist, daß die Berufsantlsemlten aus dJ*$em Umstand die üblichen generalisierenden Schlüsse ziehen werden, die sie für ihr Geschäft brauchen. Doch auf etwas anderes sei hingewiesen: Man mag Uber das UrteH denken, wie man wiJL(ein Schuldig in einem Indizienprozeß steht stets auf oidrt allzu festen Füßen), eines ist sicher — das Gericht in einem durch kein allzu schweres Gewissen in der Rechtsprechung belasteten Staate hat «loh redlich Mühe gegeben, für den Indizienprozeß alles heranzuziehen, was geeignet wäre, das Dunkel, das stets auf solchen Prozessen liegt, aufzuhellen. Mehr als drei Monate wurde verhandelt, jede Einzelheit, welche Verteidigung und Anklage für und wider die Schuld des Erdelyi vorbrachten, eingehend geprüft. Wie sieht es in ähnlichen Fällen in Oesterreich aus? Im Ha 1 smann-Prozeß wurde drei Tage verhandelt und: für «Details» hatte man, weife Gott, nicht viel übrig. " Es ist nie ein gutes Zeichen für den «Gesundhelts- ’ zustand» einer Justiz, wenn sie — keine Zeit hat * Der sibirische Rayon von Bir Birdschan, das neueste «Paradies» für diie Judenkolonisation in Rußland (im vorigen Jahr war es von den wenigen jüdi-j sehen Siediem, die sich hatten hinlocken lassen, verblassen worden), wird — so beteuert ein beamteter Propagator der Sowjetkolonisation — in fünf Jahren, die Keiskammer Rußlands werden. Ein ebensp. naheliegender wfe schlechter «Schlager» der Agitation für das Siedlungswerk, zu dem nach dem Wunsch der1 Sowjetleute die «jüdischen Massen ln Amerika» beisteuern sollen: das Gebiet von Bir-Bidschan ist nämlich/, fast vollständig versumpft; Reis braucht nassen, nahezu - sumpfigen Boden; also — Bir Bidsc/han ist für den Reisanbau geeignet! Jedes Kind weiß, daß. Reis nicht in einem Klima gedeihen kann, wie es das Sibfrieh&i$t; doch die Dummen «jüdischen Massen Amerikas» bemerken diesen kleinen «Schönheitsfehler» des Reiskammermärchens sicher nicht — sagen sich die Sowjet*^' agitatoren. Sie haben mit der Leichtgläubigkeit der- Auslandsjuden schon so gute Erfahrungen gemacht,'; daß sie es ruhig wagen dürfen, Ihnen den'Bären vbffltf Reisparadies in Bir-Bidschan aufzubinden! Vatikan und Quirinal haben sich versöhnt. P:ei jüngste antizionistische Propaganda der faszistischuK Presse erfährt jetzt ihre nachträgliche Erklärung. Bei* Versöhnungsfeiern muß man auch fürs «Gemüt» des Versöhnungspartners etwas tun. Und das jüdische Palästina hat im Vatikan seinen ärgsten Feind. Es Steht barin sich über die Straße hinüber unterhalten. Miämer, den Taleskoten herau-shängend, die Opanken an denv, Füßen, den landesüblichen Doppeteack über der Schulter, die lange Pfeife im Munde, reiten auf kleinen Winken Pferden im Holzsattd ohne Zaumzeug ins Gebirge hinauf, wo man dann den einen oder anderen von ihnen, auf knorrigem Stock gestützt, hinter der Schafherde: einher klettern sieht. Von jüdischen Händen kunstvoll gelenkt, schwimmt das tonn anschwere Floß aus Baumstämmen die reißende Theiß hinunter, oft der Jude am Ruder der Rumäne am Steuer, oder umgekehrt, einträchtig, brüderlich, als Arbeitsgenossen. Zehn bl«, zwölf Stunden arbeitet der jüdische Taglöhner in der Säge oder im Wald zusammen mit seinen christlichen Arbeitsgenossen, ohne Feindschaft, beide geeint durch die gefährliche schwere und schleohtbezaMte Arbeit — Leidensgenossen. Man möchte kaum glauben, daß oberflächliche Beobachter auch hier «LuJtmenschen» sehen, aber diese werden fälschlich so bezeichnet, sie sind Arbeitslose, die ebenso gut als Kau Heute und Händler wie als Fuhrleute, Lastträger und Stelnkl opfer ihr Brot verdienen möchten. Bei welchem Volke trifft man noch Menschen,' wie jenen Jungen, der stundenlang mit Geflügel von - Haue zu Haue hausieren geht und den man dann in der oder jener öffentllchen Bib 11 othek trifft, to ein hebräisches Buch vertieft? Und Du Jüdischer Rastefblnder, der von Dorf zu Dorf zieht, hungrig und müde in deinem zerscMieeeenen Rock und deinen löchrigen Stiefeln, sich Münze um Münze vom Munde abspareno, um jene Summ 8 zu ersparen, mit der dein Enkelkind, das schon mit sieben Jahren Gomarah lernt, an die Jesdhiwah gehen kann, um ein Gelehrter zu werden, ein «Mensch», er wenigstens, einer von den 19 Enkelkindern, die du hast, alle arme Taglöhnerl Wer kennt etwa deinesgleichen? «Die tote Stadt.» Zu dem unter diesem Titel in unserer letzten Nummer erschienenen Feuilleton erhalten wir folgende Bemerkungen von Herrn SalomoRappaport: „Die Angabe des Verfassers: «eine Stätte .... wo ein Volk, die Karaimen, gelebt haben sollten, dessen Ursprung einzelne Geschichtsquellen auf die Zeit des ersten Tempels von Jen#* salem xuriiekzuführen», ist nicht richtig. Die Karaimen a«4tt Marmaroscher Juden Von Prof. Dr. J. Dermer (Sighet) Marmaroscher Jude! Wer kennt ihn nicht, den Juden mit dem runden Sammethütel,' den flatternden Pajes und dem wilden Bart? Von Marmarosch stammend, aber überall zu Hause: in New York, in den Kaffeepiantagen Brasiliens, in den Diamantenschleifereien Antwerpens, in London, in Java, kn atlen Teilen der bewohnten Erde, ruhelos auf der Jagd nach Arbeit und nach Brot! Er will ja nur Brot haben, um sein Leben zu fristen, das Leben, das Gott und der Erfüllung der heiligen Pflichten vor Gott gewidmet ist. Denn fromm ist er, der Jude aus Marmarosch, so fromm, daß alles andere für ihn in den Hintergrund tritt. Nach seiner Auffassung, lohnt es sich nur um das Leben zu bemühen, um Gott zu dienen. Und um dieses Leben muß er sioh suhr bemühen, denn für ihn ist es hart und schwer. Sven Hedin sdW einmal gesagt haben, daß er die ärmste Bevölkerung in Europa in Albanien und Ostgalizien angetroffen hat; der große Forscher hat Marmarosch vermutlich nicht gesehen, sonst hätte er diese Aermsten der Armen gewiß an erster Stelle genannt. 5 0.0 0 0 Juden bevölkern die Täler der Theiß und Ihrer Nebenflüsse Iza und Visau. 50.000 Menschen, von denen gewiß 30.000 sich nur selten sattessen — und beileibe nicht aus Faulheit — denn der Marmaroscher Jude ist, wenn er auch gelehrt ist, nicht arbeitsscheu, ebensowenig wie unsere großen Gelehrten ln der Vergangenheit es waren. Er ist Holzfäller, Ackerbauer, Sägearbeiter, Stein kl opfer. Er lebt in der Stadt, im Dorf, kl einsamen Gehöften, hoch im Gebirge, oder mit der Schafherde am Fuße des einen oder anderen Bergriesen einsam, vielleicht nur zusammen mit einem kleinen rumänischen Hirtenjungen, sonst nur mit sich und seinem Gotte. Eigentümlich mutet es an, wenn man Ihn im Hochgebirge trifft, mit wildem Bart und Pajes, bei seiner Arbeit mit dem Tzapin (eigentümliche Hacke), die er ebenso geschickt handhabt, wie jeder rumänische oder ruthenlsche Holzfäller, oder neben einem mit mächtigen Stämmen beladenen Frachtwagen, der bergan kriecht, stapft atemlos Reb Jolne einher, angetan in Tales und .Ttfiiklitm. Alle Berufe üben die Marmaroscher Juden ausI Ich sab in Borsa einen Gemeindediener — er schien mir eher ein Rebbe zu sein mit seinem Patriarchenbart, — der trug gerade amtliche Aufforderungen an die bäuerlichen Eltern aus, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Die Adressen der Eltern hatte er mit hebräischen Lettern auf jeder Aufforderung vermerkt, denn er konnte nicht rumänisch lesen. Ich traf den Mann am Fuße des Pietrosu, wie er eine Aufforderung einem hünenhaften rumänischen Hirten überreichte uind ihn zugleich mit Amtsmiene aufkJärte, welche Folgen eine Nichtbeachtung der am fliehen Aufforderung nach sich zöge. Der Hirte nahm ehrfürchtig den Zettel in die Hand und beriet mit der — Amtsperson, wie man eigentlich der Behörde ein Schnippchen schlagen könnte, denn er sei arm und brauche seinen Jungen dringend zuan Schafe hüten. Wie haben sie einander verstanden, der arme Jude und der arme Rumäne, beide zu arm, um den Wert' der Schreibkunst zu erkennen, einer Kunst, ohne die sie selbst auskommen mußten. WilOst du, Fremder, keine frohe Stunde mehr im Leben haben, so tritt ln dl« Behausung eines armen Marmaroscher Juden. Zehn bis fünfzehn Per- I s o n e n — denn sie sind sehr kinderreich, wie alle | armen Leut« — 1 n e 1 n e r H ü 11 e, die kaum einer menschlichen Wohnung gleicht, dazu noch in kalten Wintemächten das neugeborene Kaib und der Geruch des Gänsestalls, der ln keiner jüdischen Wirtschaft fehlt. Kleine, kaum handtellergroße Scheiben, von Feuchtigkeit triefende Wände und fast gar kein Hausrat. Und doch wieviel Poesie auch hier am Freitag Abend! Wenn auch meist ohne Schabbesbarches und Fleisch — woher soM der seit Jahren arbeitslose Fuhrmann oder Taglöhner solche Genüsse sich leisten, — aber die brennenden Kerzen, die strahlenden Gesichter, die peinlich« Sauberkeit lassen den Fremden nicht ahnen, daß hier alle Schrecken der Anmut, aber keinesfalls Wohlhabenheit und Sorglosigkeit zu Hause sind, wie es den Anschein hat. Ein herrliches Arbeitefeld für Folkloristen und Ethnographen bieten diese Marmaroscher Juden I Jüdische Frauen, den Spinnrocken im Gürtel, lassen ebenso geschickt wie Jede Rumänin die Spindel tanzen, während sie über die Gasse gehen oder mit der Nach-