Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 57 (31.1.1929)
- Date
- 1929-01-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 57 DIE STIMME Sette 9 Ate betefiielioeisc Teilerfolge unserer Schulreform seien angeführt, daß die Gemeinde küraHch die vom Jüdischen Schulverein, einer zionistischen Gründung, erfolgreich geführte Privatvalksechirie in der Rykestraße sowie deren hebräische Sprachschule auf den Gemeindeetat übernahm und jetzt daran geht, den beiden gehobenen Bürgerschulen der Gemeinde mit je neun Klassen eine Höhere jüdische Schule, wahrscheinlich als Gymnasium und Realschule gegabelt, anzugliedem. In sozialer Hinsicht wirkt schon heute segensreich das Wohlfahrtsamt mit Unterstellen in einigen zwanzig Stadtbezirken, und zwar in enger Verbindung mit dem Arbeitsfürsorgeamt, welches nebst Arbeitsnachweis und -Vermittlung selbst Notstandsarbeiten in Handwerk und Gärtnerei dauernd durchführt Das Wohlfahrtsamt unterhält auch durch eigene Aerzte eine geregelte Krankenfürsorge und fördert durch Subventionen die Gesellschaft «Ose» in ihren sanitären Bestrebungen. Da das Krankenhaus unserer Gemeinde zu extern liegt, drängen die zionistischen Vertreter auf die Errichtung einer Poliklinik Im Stadtzentrum. An sozialen Reformen kann und wird — bei der Einmütigkeit aller Fraktionen gerade in diesem Punkt — gewiß noch viel p*>- sohaffen werden. Ueber das Verhältnis der Fraktionen zueinander sei bemerkt, daß die frühere Opposition nach erfolgreichem Wahlkampf eine Art Block gebildet hat. Diesem gehören zunächst die 7 auf das Programm der Volkspartei gewählten Repräsentanten an (davon 4 Zionisten und 3 Misraefristen), ferner als Hospitant der auf das Programm derPoaleZion gewählte sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Rechtsanwalt Dr. Oskar K o h n, der an allen Sitzungen der Volkspartei teMnimmt, mit dem Vorbehalt, in Prinzipienfragen auch anders zu stimmen — ein Fall übrigens, der kaum jemals vorkam, denn die deutsche Sozialdemokratie vermeidet es, sieb in Fragen der Jüdischen Gemeinde einzumengen« in weiterem Sinne umfaßt dann der Block 2 R e p r äsentanten der Mittelpartei, die denn auch in Person des Komm.-Rates Gerson Simon den Gemeindepräsidenten stellte. (Seither trat an seine Stelle der Zionist Dir. Ka reski) und einen Konserrativen. Besonders erfreulich und lehrreich ist es aber, daß sich auch . die Beziehungen der Opposition zu den nunmehr 3h die Minderheit gedrängten Liberalen durch die gemeinsame Arbeit durchaus freundlich gestaltet haben. So ist schon seit einiger Zeit üblich geworden, daß die Volkspartei wichtige Fragen zunächst mit der liberalen Fraktion vorbespricht, um einen Weg zur Einigung zü suchen und ein Arbeitsprogramm zu entwerfen. Selbstverständlich geschieht dies, ohne den oppositionellen Block preiszugeben. Als Fortschritt muß auch das Durchdringen der Auffassung begrüßt wenden, daß die Berliner Judengemeinde auf gedeihliehet Wirken mir rechnen kann, wenn sie eich ate Glied der Gesamtjudenhett auffaßt und betätigt Schon bisher hatte die Gemeinde eine Reihe palästinensischer WobtfahrtsiiwtKute subventioniert und der Nationalbibliothek in Jerusalem als reiches Geschenk alle DouWetten der eigenen BlbHothek überlassen. Nun aber schwebt uns ein größeres Projekt vor, das den dauernden Anteil der Berlin er Gemeinde am Aufbau von Erez Israel verkörpern soü. (Seither wurde mit Zustimmung der Liberalen die Errichtung eines -igenen Lehrstuhls an der Jerusalemer Universität beschlossen, worüber wir an anderer Stelle eingehend berichten. Die Red.) Die Demokratisierung der Berliner Judengetneinde wirkte aber noch über diese hinaus. Auch im «Verband der preußischen Judengemeinden», der gut arbeitet, haben die Zionisten Einfluß gewonnen. So fungiert dm oder der andere Teti seine Grundsätze opfern brauchte, Natürlich haften die Liberalen an der Hoffnung fest, wieder hochzukommen. Doch ebenso ist die Jüdische Volkspartei davon überzeugt, daß sie fest im Vertrauep der Wähler wurzelt und einen neuen WahJgang nicht zu scheuen hat So wurde neuerdings mit den Liberalen vereinbart, daß die nächste Wahl auf das Jahr 1930 vorvcrlegt wind.» Dr. Klee schied mit dem freundlichen Wunsche an die Wiener Zioniste.., cs sei ihnen vergönnt, durch ihre Mitarbeit die Wiener judengemeinde in gleicher Weise zu entwickeln. Leider hat unser Freund, wie es scheint, den jüdischen Gemeinshvn und das Verant* woiüichkeitsgefüh! der Wiener «Union»-Liberalen weit überschätzt Dr, E. M. Z w c 1 g. Die Berliner jüdische Gemeinde für den Palästina-Aufbau CENTRAS.-KINO 53 XX. Tabor«traBa 8 u M B-42 3-41 NKtttcb; Br- und AileinonilO&niHu AI Jolsoro in Der | azzsänger (Das Lied der Väter) mit Kay Ke. Aroj, Warner Öland Toneinlagen: u. a. Oberkautor Josef Bosenblatt Beginn: An Werktagen um '/(6, */48 und 9 Uhr An Samstagen, Sonn- und Feiertagen ab ‘/,5 Uhr dort neben dem liberalen Präsidenten Kammergerichtsrat Wolff als Stellvertreter Dr* Klee und steht zugleich einer der wichtigsten Kommissionen zur Subventionierung bedürftiger Gemeind«! und ihrer Beamten vor. Ein noch unerfülltes Deslderium ist ein demokratischer, auf dem allgemeinen Wahlrecht beruhender «Relcfasverband der Deutsohen Judengemeinden», dessen Bildung bisher durch einen lächerlichen Partikularismus aufgehalten wurde. Immerhin wurde als erste Etappe die «Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Landesverbände» geschaffen. Schließlich wurde Dr. Klee von der judengemeinde Berlin in den Vorstand der hochwichtigen Kolonisationsinstitutlon Ica in Paris delegiert Er sagt darüber: «Obgleich ich als erster Zionist das Eindringen des neuen demokratischen Geistes dars teile, wurde mir ein freundlicher Empfang zuteil und durch Zuweisung eines wichtigen Referates, über die Kolonisation in Südamerika, auch ein entsprechender Einfluß ermöglicht. Die Annäherung der Zionisten an die Liberalen und ihr harmonisches Zusammenarbeiten zum Wöhle der Judengemeinde Berlin und zum Wohle der Gesamtjudenheit wurde erzielt, ohne daß der , Die Judengemeinde von Berlin errichtet ein Kathede* an der Universität Jerusalem Aus Berlin wird berichtet: In der letzten Ze? haben Verhandlungen zwischen den großen Fraktionen der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde, der Fraktion der J ü d i s c h e n Volkspartei und der‘:beralenFraktiotf, stattgefunden, bei denen die Fraktion der Jüdischen Volkspartei in Uebereinstimmung und unter Unterrichtung der konservativen und m i 11 e I p arte i 1 i c h e n Gruppe, außer den Forderungen, die sie auf dem Gebiete der Schulpolitik hat, die Forderung nach einer sichtbaren Beteiligung der Berliner Jüdischen Gemeinde am Aufbau Palästinas stellte. Klee machte den Vorschlag, die Berliner jüdische Gemeinde möge an der Universität Jerusalem einen Lehrstuhl als dauernde Einrichtung schaffen, der, um auch äußerlich die V e r bunde.nheitdesdeutschenjudentumsmit P a 1 ä s t i na zu zeigen, die Bezeichnung «Lehrstuhl der Berliner Jüdischen Gemeinde» tragen soll. Eine bestimmte Forderung, welcher Wisset*- schaft dieser Lehrstuhl dienen soll, wurde nicht; gestellt. Dr. Klee regte zunächst an, daß dieses Katheder für deutsche Philosophie und Literatur geschaffen werden soll, damit analog in England und Amerika ein Katheder für englische Philosophie und Literatur, in Frankreich für französische Kultur und Sprache, von den italienischen Gemeinden für italienische Literatur und Sprache geschaffen werden könne. Er fügte aber ausdrücklich hinzu, daß die Entscheidung, welches Katheder von Berlin errichtet werden soll, den augenblicklichen L e h ru n d S t udienbedürfnisseu Palästinas ange« paßt werden müsse, so daß vielleicht eine andere Wissenschaft, etwa Nationalökonomie oder, in Ver- JdeaJ seht, die weiten Länder des Galuth zu durchwandern und einem Publikum von der Bühne das hebräische Wort ziu bieten, das den meisten Hörem vielleicht wohlklingend, aber doch fremd, wie eine fremde Melodie, ins Ohr klang. Alber Erez Israel muß die Habimah in einer Hinsicht enttäuscht haben: sie hat hier nicht die richtige geistige Nahrung gefunden. Die vielen hebräischen Dichter und Schriftsteller haben der Habimah nicht ein einziges originelles hebräisches Drama geboten, mit dem sie den Ruhm . Erez Israels hinaustragen könnte, Wetter muß sich die Habimah mit Uebersetzungsstoffen begnügen, und so darf es nicht wundem, wenn die erste Fracht der Arbeit in Erez Israel «Der Schatz» gewesen ist. Freilich bereitet die Habimah jetzt zwei historische Stücke vor: «Die Locken Ab&aloms» und «Das Weib des Akiba». Aber wieder ist es Uebersetzungsiiteratur. Wieder steht die Habimah vor einer langen Reise ln die Länder des Galuth. Erez Israel ist ein kleines Land und kann beim besten Willen der Habimah nicht ganz die Summen geben, die sie braucht; und so wird die Habimah nach wenigen Monaten wieder zum Wandersfabe greifen müssen. Noch ist es den Freunden der Habimah im Galuth und in Erez Israel nicht gelungen, die Existenz und das intensive Wirken der Aab im ah in Erez Israel dauernd zu aichern. Wohin sich aber die Habimah in naher Zukunft wenden mag — überall wird sie jetzt den hebräischen Gruß aus Erez Israel bringen; denn nicht mehr au6 der Fremde — aus dem Heimat!an * wird sie kommen, und ihr Ziel wird stets sein, ins hebräische lelmland zurückzukehren und das hebräische Theater In Erez terael, als bedeutenden Kulturfaktor Im Aufbau der jüdischen Heimstätte, weiter zu entwickeln. Ein weiblicher Zaddik. Angesicht:, der bekannten Tatsache, daß bei den Juden di« Frau .n von allen Dingen, die mit der religiösen Tradition Zusammenhängen, ferngehalten werden, ist es besonders bemerkenswert, daß in der Geschichte der chassidisch en Bewegung eine Frau eins Rotte spielte. Es gab tatsächlich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen weiblichen Zaddik, eine Frau, welche als Wundertätern! und Mittlerin angesehen war und eine verhältnismäßig große Zahl von cliassidlschen Anhängern um sich scharte. Es ist dies die unter dem Namen «L j u d m i r e r M o j d» bekannte Chane Rachel Werbenmanner. Sie wurde im Jahre 1815 in Wfadimlr-Wolynsk (der Ort wird jüdisch «Ljudmir» genannt) als Tochter des reichen und ob seiner Gelehrsamkeit angesehenen Manasche Warbenmanner geboren. Chane Rachel, das einzige Kind ihrer Eiitenn, war vor» großer Schönheit und besaß bedeutende geistige Fähigkeiten. Es wird erzählt, daß sie im Alter von sechs Jahren die ganze Bibel im Original auswendig konnte und ein gutes Hebräisch schrieb. Später lernte sie auch etwas Gemara, Midrasch und verschiedene rabbinisohe Literatur. Von früher Jugend an war sie sehr fromm und, wie erzählt wird, geriet sie beim Gebet in außerordentliche Ekstase und Verzückung. Sie wurde in jungen Jahren verlobt; ihren Bräutigam kannte sie noch von Kindheit an und hing sehr an ihm. Da aber jüdische Sitte es verbot, daß Braut und Bräutigam vor der Hochzeit Zusammenkommen, litt Chane Rachd sehr unter dem Zwang dieser Abschliessung und wurde gemütskrank. Sie wurde menschenscheu und sprach mit niemandem, schloß sich m ihr Zimmer ein und hielt Selbstgespräche oder sprach mit Gott, kurz, es zeigten sich alle Symptome nervöser Ueberreizung, Der Zustand dauerte einige Jahre, inzwischen verstarb die Mutter des Mädchens. Plötzlich trat eine Wandlung in ihrem Wesen ein; Chane Rachel begann wie ein Mann zu leben; sie trug einen TalUskoten mit Schaufäden, betete in Tallis und Tefilin und verbrachte Tage und Nächte mit Gebet und Studien, Die Verlobung löste sie auf und tat ein Gelübde, nicht zu heiraten. Nach dem Tode ihres Vaters erbte sie dessen ganzes Vermögen und erbaute aus diesem Geflde in ihrer Vaterstadt ein B e t h - H a m i d r a s c h, in welchem sie ein besonderes Gemach fiür sich hatte, wo sie betete und lernte. Chane Rachels Frömmigkeit und ihr Thora Studium erregte in ganz Wolhynien Au/f&ehen., und aus allen Orten pilgerten Männer und Frauen zu Ihr wie zu einem Zaddik. Auch Rabbiner und Gelehrte statteten ihr Be» suche ab. Sie ließ jedoch niemanden zu sich vor; den Chassidim, welche sie besuchten, p r e d. i g t e sie hinter der Türe ihres Zimmers. Bald wurden Chane Rachel übernatürliche Kräfte und Wunder zugeschrieben und sie wurde als Wundertäterin verehrt. Ihr Name wurde in Wolhynien immer mehr bekannt und es bildeten siieh auch Gruppen von Chassidim, die ihr aivhingen. Sie hielt auch «Tisch» für ihre Anhänger, Die Zaddikim und Wunderrabbis versuchten —« aus naheliegenden Gründen — die Heiligkeit des weiblichen Zaddik dadurch in Zweifel zu ziehen, daß man ihre Wunderkraft einem «unreinen Geist» zuschrieb, de* von der Frau Besitz engriffen hätte. Schließlich verfiel man auf die Idee, Chane Rachel zu verheiraten? um sie von der Göttlichkeit abzuziehem. Den Bemütouavgen des bekannten Zaddik Rabbi Motel vov Czernobyl gelang es, Chane Raahel zur Heirat mÄ dem Rabbi eines kleinen Ortes zu bewegen. Der Czernobyler Rabbi gab auch dieser Heirat die entepre^ chende mystische Deutung, indem er sagt«, inan könnt ja nicht wissen, welches Zaddik« Seele in dieser Frav wieder er-tand-en sei; aber da die Seele ein«» Zaddik doch nicht ln einer Frau ihre Ruh« finden konnte, sei es notwendig, die «Ljudmirer Mojd» auf ein« «irdische Stufe» herabzubringen, Indem sie heirate. Mit dem Herabbringen auf die irdische Stufe scheint es aber nicht gar leicht gegangen zu sein, den« Chane Rache* Ehe wurde bald geschieden und das gleiche geschah mit einer zweiten Ehe, die sie elngc-ng, Doch war mP der Verheiratung der beabsichtigt« Effekt erzielt, daß di« Anhängerschaft des weiblichen Zaddik geringe! wurde. Chan« Rachd verließ später ihre Heimatstadt und ging nach Palästina. Dort ist sie auch gestört)«* Ihr Todesdatum ist nicht bekannt. Das Beth-Ha« midrasch, welches &?e in Wlndimir-Wolynski hatte er* bauen lassen, ist in Wolhynien unter dem Nomoi «Grüm&iiütoei» bekannt.