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Die Stimme · 1929-01-31 · Heft 57 (31.1.1929) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 57 (31.1.1929)
Date
1929-01-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DTE STIMME Nr. 57 €a/£ Produktenbörse Wien, H„Taborstra8e10 Monumentalstes Kaffeehaus Wiens Behaglioh durchwli.m! Rauoh-und dunstfreil Ausgezeichnet ventiliert! Am Abend: Treffpunkt der JOdleohen InteMgenz und der Zionisten aller Rlohtungen sowie der jüdisch akademischen Korporationen und Vereine Achtung I Zwei Prozent der gesamten Abendlosung werden allmonatlich dem Keren Hajessod abgeführt Die Zionisten in der Berliner Judengemeinde Eia lehrreiches Interview mit Dr. Alfred Klee. Während der letzten Sitzung des Zionistischen Aktionskomitees in Berlin, Ende Dezember, nahm ich die Gelegenheit wahr, mit umseiem altbewährten Gesin- .mingsgenossen Dr. Alfred Kl e e, dem Führer der Jüdischen Volkspartei, die Erfahrungen auszutauschen, welche sich in Wien and Berlin im Kampf um (Ge Eroberung der Judengemeinde ergeben haben. Nach meiner Art notierte ich die interessanten Aeußerungen Dr. Klees. Nun, da ich nach einmonatlicher Berufskreise nach Wien zurüokgekehrt, die jüdische Gemeinde durch den kindischen Trotz der Unionisten in arger Krise finde, dürfen diese Notizen anohl nicht länger verschwiegen bleiben; denn sie scheinen geeignet, in dem Wiener Wirrwarr klärend und richtunggebend zu wirken. Dr. Klee gab zunächst seiner Freude Ober den Erfolg der Wiener Zionisten und ihrer Bundesgenossen Ausdruck. «Es tat mir nur leid, daß ich trotz Ihrer Einladung — durch dringendste Pflichten in Deutschland festgchalten — nicht nach Wien kommen und zu den Wählern sprechen kannte. Doch will ich das ein roächstesmal bestimmt nachfoolen. Der Wiener Erfolg steht nicht vereinzelt da, sondern ist ein Glied in der Kette ähnlicher Erfolge in vielen Gemeinden Deutschlands, Oesterreichs und anderer Länder. Unsere Sieg* sind nicht Willkür und Zufall Es wurde eben zur Ernte reif, was He rz! von 30 Jahren ausgesät Wir In Berlin sind Euch in Wien um eine Nasenlänge voraus. Schon im Mai 1926 gelang es uns, bei den Neuwahlen zur Judengemeinde, wenn auch mit knapper Mehrheit, die seit Generationen festbegründete liberale Herrsch aft2u brechen. Diese Wahlen wurden, trotz formeller Anfechtung durch die liberale Fraktion, vom Polizeipräsidium im Sommer 1927 bestätigt Danach gliedert sich (He 2lköpfige Repräsentantenversammlung in 10 Liberale und den Block der 11 Nichtliberalen. Folgerichtig stellte die bisherige Opposition auch den Vorsitzenden der Versammlung und sicherte sich im siebomköpfigen Gemeindevorstand die dem Proporz entsprechende Mehrheit von vier Stimmen. Besonders interessant war für mich bei der Wiener Wahl, daß die Forderung nach einer radikalen Wahlreform von der Opposition mit so dankenswertem Nachdruck in den Vordergrund gerückt wurde. Diesfalls sind wir freilich in Berlin weit voraus. Es ist bei uns — einschließlich der Liberalen — communis opinio, daß das Wiener Kultuswahlrecht etwas unerträglich Rückständiges, ja UltrareaZitionäres ist es jedoch* wenn sie das Kuttuswahlrecht durch Beallgemelnen direkten und proportioneMen Wahlrechtes aller Männer und Frauen, die in Groß-Berlin wohnen, ohne Rücksicht auf die S teu erle i stun g oder auf die Dauer ihrer Ortsanwesenheit und ohne irgendeine andere Einschränkung, vongenommen. Wohl weiß ich, daß der Ausschluß der Ausländer vom passiven Wahlrecht in der Wiener Kultusgemeiode auf dem altösterreichischen Judengesetz beruht und daß im Gegenteil das preußische Gesetz eine solche Unterscheidung geradezu ausschfließt Doch auch ohne das Gesetz würden unsere Berliner Liberalen nicht daran denken* die ausländischen Juden schlechter zu stellen, zumal auch in den katholischen und protestantischen Gemeinden Deutschlands alle Mitglieder, •welcher Staatsangehörigkeit immer, gleich behandelt werden. Ja, es ist Tatsache, daß die Berliner Liberalen in den wichtigsten Kommissionen ihrer Gemeinde gerne die Fähigkeit der 0 s t j u d e n sich betätigen sehen. Ureigener böser Wille der Unionisten ln Wien ist es jedoch, tuerni sie das Kultuswahlrech durch Bezugnahme auf die Steuerleistung einzuschräuken suchen. Dahingegen haben unsere Liberalen noch zur Zeit ihrer unumschränkten Herrschaft die statutarischen Bestimmungen so freimütig ausgelegt,'daß man nicht nur jede bewilligte Stundung der Kultussteuer, sondern schon das Ersuchen darum, wie überhaupt jede Antwort, welche nicht böswillige Weigerung war, als faktische Steuerleistung fingierte. Seid Jahren aber spielt der Zensus überhaupt keine Rolle mehr. Ebenso wurde jede Karenzzeit gestrichen; jeder Jude, der nach Berlin übensiedelt, wird sofort Kultuswähler. In Berlin fällt auch keinem Menschen ein, den Frauen das passive Kultuswahlrecht vorzuenthalten. Haben sich doch seinerzeit auch die hervorragendsten rabbinischen Autoritäten für die volle Gleichberechtigung der Frau ausgesprochen. Und der praktische Erfolg bestätigt die Richtigkeit dieser Maßnahme. So sitzt in der Repräsentantenversammlung Frau Wag¬ Die erste „Habimah“- Premiere in Erez Israel (Zur Aufführung der Groteske «Ha-Ozar» von Schalom Alejchem. * Von J. Gal-Eser. Monate sind vergangen, seit die Hatopmah in Erez Israel eintraf und in den Städten und Dörfern des Landes die ersten Aufführungen des Repertoires bot, das sie aus dem Galuth mitgebraoht hatte, für die Zehntausende dankbarer, begeisterter Zuschauer ein unvergeßliches Ereignis. Diese ersten Aufführungen von «Der Dybuk», «Der ewige Jude», «Der Golem», sie waren nicht mir ein bedeutsames Fest im Kampfe des Alltags, sie waren auch. für die Schauspieler der Habimah mehr als die großen Erfolge im Galuth: die Erfüllung einer langgehegten Sehnsucht. Dann kamen Monate langer Aibeit der Vorbereitung. Die Habimah hatte einen Meisterregisseur aus Rußland herbezogen und vor kurzem begannen die Aufführungen der Groteske von Schalom Alejchem «Ha-Ozar» (= «Der Schatz»). Nicht vom literarischen Werte dieser Groteske sei gesprochen; der mag vielleioht mit Recht angezweifeit werden. Anderes interessiert den aufmerksamen Beschauer: wie stellen die Schauspielen der Habimah diese Groteske dar? In den früheren Stücken der Habimah sind es die zentralen Figuren, um die sich die übrigen Darsteller nur als Nebenfiguren gruppieren, von den Hauptdarstellern weit überragt: im «Dybuk» die Figur der Leah, im «Ewigen Juden» die Mutter des Messias, im «Golem» die Gestalt des greisen Rabbi und seines Geschöpfes, der «Golem». In der Groteske «Der Schatz» steht nicht rne^r d*e zentrale Hauptfigur im Vordergrund der Handlung: jede Figur ist eine vollendete Type, zu künstlerischer Vollkommenheit ausgearbeitet, und alle diese Figuren haben nur den Zweck, ein wahrhaft lebendiges Bild von Kaßriliwka zu geben, der jüdischen Kleinstadt, einem Städtchen, voll von Kabzanim, von armen Leuten, denen sich plötzlich eine Perspektive eröffnet: den großen Schatz Napoleons zu finden lind mit einem Schlage reich zu werden. Die Groteske führt uns mitten in das Leben der Kleinstadt, auf den Marktplatz. Da sitzt die Frau des Kaufmannes Levy Mosgowoier in ihrem Laden und wartet auf Kunden. In ihrer Hütte sitzt Feige Leah, ein typisches Mannweib, und verkauft russischen Kwas; neben ihr ihr Gatte, ein kleines, verhutzeltes Männlein, das «lernt» und zufrieden Ist, wenn 'nan ihn nicht stört Mitten auf den Platz hat sich der Schneider hingesetzt; er flickt einen alten Rock, an dem fast nichts mehr zu flicken ist, und trauert seiner verlorenen Ziege nach. Er selbst ähnelt auffallend seinem beweinten Hausgenossen und geht nicht, er springt wie ein Ziegenbock. Rechts steht der Fleischer, eine robuste, muskulöse Figur, die untätig dem Leben und Treiben zuschaut, und in der linken Ecke der Bühne sitzt der Wechsler, der immer wieder seine wenigen Geldstücke überzählt. Zwischen allen läuft der Makler und Heiratsvermittler umher, der nichts zu tun hat; bisweilen hüpft er auf eine Leiter und späht, ob nicht endlich ein Käufer auf den Marktplatz kommt. Endlich naht ein Käufer: es Ist die Witwe Elke, die von einem Besuch am Grabe ihres Mannes kommt und. ihren Durst mit gutem Kwas löscht. Wie sie aber zahlen soll, da hat sie ihr einziges Geldstück, eine antike Geldmünze, verloren . . . In die Verwirrung hinein kommt der Stadtpolizist, ein getaufter Jude und typischer Feigling, der nur dann Mut bekommt, wenn er mit dem Zeichen seiner Amtsgewalt, mit seiner Signalpfeife, einen Höllenlärm machen kann. Und da kommt voll Aufregung die respektable Figur des Reb Levy Mosgowoier mit der Nachricht vom Schatze Napoleons, der auf dem Friedhof begraben liegen soll. Kaum hat er diese Nachricht verkündet, die diese Stadt von Bettlern und Nichtstuern ln größte Aufregung versetzen muß, da wird schon der halb-blöde Junge des Wechslers herbeigeschleppt. Er hat auf dem Friedhof ein Geldstück gefunden (das Goldstück der Witwe Elke), und für alle ist es klar, daß der Junge den Platz des vergrabenen ner-Tauber, eine erprobte Zionistin, die durch die kluge Beherrschung aller Probleme und durch die abgeklärte und innige Art ihres Vortrages sich allgemeinen Respekt errang. Auch die Mittelpartei hat als Stellvertreterin (die fallweise als Repräsentantin Auftritt) Frau Rabbiner Dr. EscheIbacher gewählt Wir haben es in Berlin auch nicht zu bedauern, daß den Beamten der Judengemeinde das passive Wahlrecht zusteht Denn so hat sich die Gemeinde kenntnisreiche'Berate* in allen Verwaltwtvgs- und besonders in den Schtdfragen gesichert Der letzte Widerstand unserer Liberalen hatte sich gegen die Einführung des Proporzes gewendet, doch war diese Forderung der Opposition so offenkundig gerecht, daß der Widerstand nicht auifrechzuenbalten war. Heute lassen sich die Wirkungendesdemokratischen Wahlrechtes in der Judengemeinde schon klar überblicken. Von einer «Radikalisierung», wie die «Union» sie in Wien befürchtet oder zu befürchten vongibt, ist keine Spur zu sehen. Vielmehr ist dadurch, daß die bisherige Opposition nunmehr an der Verwaltung der Gemeinde teilnehmen kamt, das Interesse weiter Kreise am Gemeindeleben gestärkt oder neuenueckt worden. Als Beweis dafür kamt gelten, daß die Austritte aus der Juden gemeinde verhältnismäßig gering sind und eher eine Tendenz zur Abnahme aufweisen. Und das trotz starker kommuniotisöhef Agitation für den Austritt! Der Sozialdemokratie muß bei uns nachgerühmt werden, daß sie sich von einer solchen Agitation f e r n h ä 11. Die Austritte beschränken sich int Wesen auf politisch beeinflußte Kreise, sind hingegen nur selten die Antwort auf die Besteuerung; ja, ganz große Steuerzahler, welche für die Gemeinde eine Notwendigkeit darstellen, traten letzterzeit überhaupt nicht aus. Gegenüber der in Wien von der Union planmäßig verbreiteten Angst, als würde eine demokratische Gemeindeverwaltung die wohlhabenden Schichten der Judenschaft zugunsten der «Plebs» ausplündern, kann Ich auch hier auf die günstigen Erfahrungen der Berliner Judengemeinde verweisen. Die neue Verwaltung mit ihrem zionistischen Finanzreferenten hat es sogar verstanden, trotz bedeutender Erweiterung der Gemeindeagenden den Kultussteuersatz auf 10 Prozent der Reichseinkommensteuer, also auf auf eine bisher unbekannt geringe Höhe herabzudrucken, was natürlich von allen Gememdemitgliedern willkommen geheißen wird. Es kann ferner niemand behaupten und hat niemand behauptet, daß durch die Demokratisierung der Gemeinde die S o r g f a 11, ja die Akribie, mit der ihre Agenden geführt werden, gelitten hätte. Dabei sind die wichtigsten Referate von der vormaligen Opposition besetzt worden, so neben den Finanzen insbesondere daS Schulwesen. Schatzes weiß. Nun gerät der blöde Junge in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Die ganze Stadt umwirbt den Sohn des Wechslers, der schon längst wieder den Ort vergessen hat, wo er die Goldmünze gefunden. Der Wechsler aber nützt die Situation aus; er läßt sich von Reb Levy die Hand seiner jungen Tochter Zusagen, wenn mit Hilfe des Jungen der Schatz gefunden wird. — In die Aufregung dieser Stadt, die nur mehr an den Schatz denkt, kommt die Nachricht, daß der Neffe Reb Levys als Ingenieur aus Amerika in seine Heimatstadt kommt und daß er, wie er ln einem Briefe mlttellt, hier einen Schatz zu finden hofft (Ef meint die Tochter Reb Levys.) Der junge Ingenieur ist eingetragen. Er hat den Auftrag, für die Regierung eine Eisenbahnlinie zu bauen, die unmittelbar am Friedhof vorüberführt Schon hat er mit den Arbeiten begonnen; wie kann er nach der Ansicht der ganzen Stadt etwas anderes suchen als den Schatz? — Aber der junge Ingenieur sucht einen anderen «Schatz», und dieser ist mit dem alten Wechsler verlobt ... So entwickelt nun des Amerikaner mit Hilfe des Maklers und des Dorf- Polizisten um Mitternacht ein groteskes Spuk- und Geisterspiel auf dem Friedhof, wo dias ganze Dorf nach dem Schatze gräbt. In einer großen Geisterszene zwingt der «Geist» des verstorbenen Rabbi des Städtchens den Reb Levy, seine Tochter am nächsten Morgen mit dem jungen Ingenieur zu verheiraten, und des Wechsler muß die verrückte Witwe Eike ehelichen. Am Morgen nach der Spuknacht klärt der Amerikaner den ganzen Nachtspuk auf. Manches mag sich gegen den ganzen Aufbau des Stückes sagen lassen. Vielen wird das Uebertriebene in mancher Szene mißfallen. Aber eines muß offen eingestandem werden: Eine bessere Charakteristik der scharf unirissenen und prächtig gezeichneten Typen und ein besseres Zusammenspiel läßt sich kaum denken. Dafür gebührt der Habimah und Ihrem Regisseur das höchste Lob. Die Aufnahme der Arbeit in Erez Israel hat für die Mitglieder der Habimah die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches bedeutet. Es konnte ja night Dir

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