Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 56 (24.1.1929)
- Date
- 1929-01-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf, 58 DIB STIMME Seite 9 il entern durch eine ebenso räbuSistisdie wie gewaltsame Auslegung der Bestimmungen der Geschäftsordnung, somit. ainrech tm äßig, sämtlicher leitenden Stellen des Vorstandes bemächtigt - Wir verlangen daher vor aflem, die Beheb«og . der vor geif allen en Rcchtswidrigkeiten. . 3. Wenn es Ihnen ernstlich darum zu tun ist, «mit . Rücksicht auf die derzeitigen Kräfteverhältnisse eine gedeihteohe Arbeit und eine Fortführung der Geschäfte ilberliaupt» möglich zu machen, so wird es notwendig sein, daß Sie sich von der überheblichen Ansicht 2ossagen, daß Sie die alleinigen, zur Wahrung der Interessen der Gemeinde berufenen Sachwalter sind. Wir bestreiten auf das entschiedenste Ihre Berechtigung, von uns Zusicherungen und Zurückstellung programmatischer Forderungen als Gegenleistung dafür zu verlangen, daß Sie den seit Jahren im Kultusvorstand anerkannten, selbstverständlichen Grundsatz der Proportion eilen Verteilung der leitenden Stellen, welchen heutzutage in der Gemeindevorstehung des letzten Gebirgsdorfes respektiert wrrd, .anerkennen. Wir ersuchen Sie demnach, zur Kenntnis zu nehmen, daß wir nicht gesonnen sind, mit Ihnen andere Verhandlungen zu führen als solche, welche den Zweck verfolgen, durch Schaffung eines legalen, den bisher im Vorstand beobachteten Grundsätzen entsprechenden Zustandes, einen Ausweg aus der von Ihnen verschuldeten, . unhaltbaren Situation im Interesse der Gemeinde zu finden. Mit vorzüglicher Hochachtung Für den Klub der zionistischen Kultusvorsteher: Der Schriftführer: Der Obmann: Dr. Klaber m. p. Dr. Friedmann ni. p. Die Herren von der «Union», die sieh das «Regieren» so leicht vor stellen, werden sieh täuschen! Wieder hinter verschlossenen Türen Die letzte Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Am 17. Jänner fand — nach der neuen Gepflogenheit der fiktiven Unionmajorität wieder nicht öffentlich — eine Plenarsitzung des Kultusvorstandes statt; auf der Tagesordnung stand als einziger Punkt die Wahl der statutenmäßig vorgesehenen sechs Obinännerder Schiedsgerichte mit vierjähriger Funktionsdauer und zweier Mitglieder d e s S c h i e d s g e r i c h t e s, dem die Erledigung des W a h 1 p r o t e s te s Dr. S. R. Landau vorzulegeri ist. Vor Eingehen in diese Tagesordnung richtete der Obmann der zionistischen Fraktion Herr D r. Friedmann an den Präsidenten der Kuitusgemeinde die Anfrage,, ob es richtig sei, daß das Vertreterkollegkim in Um g e h u n g der statutenmäßigen Bestimmung, laut der die sechs ständigen Kommissionen vom Plenum zu wählen sind, aus seiner Mitte Leiter der einzelnen Ressorts ernannt hat. Präsident Pick antwortete, daß dies auf Grund des § 24 der Geschäftsordnung geschehen sei. (Die Aufhebung dieses ungesetzlichen Beschlusses des Vertreterkollegiums wird in den Anträgen der zionistischen Fraktion gefordert, die wir an anderer Stelle Wiedergaben und besprechen. — Die Red.) Zur Tagesordnung selbst gab Kultusvorsteher Dr. Friedmann die Erklärung ab, daß die zionistische Fraktion diesmal ausnahmsweise lediglich dem persön 1 ichen Ersuchen des P räsidenten Prof. Dr. Pick zufolge, die Wahl der Schiedsgerichtsobmänner und der beiden Schiedsrichter ermöglichen wolle; in Hinkunft werden, bei aller Wertschätzung der Person des Präsidenten, dessen Interventionen nicht berücksichtigt werden können; die Herren mögen dazu sehen, wie sie es fertig bringen, mit ihren 17 gegen 18 Stimmen der Opposition die Geschäfte zu führen. Hierauf wurden zu Schiedsgerichtsobmännern mit vierjähriger Funktionsdauer die Herren Justizrat Doktor B a c h r a c h,. Dr. B o n d y, Dr. Siegfried Kantor, Dr. Isidor M a r g u 1 i e s und Dr. Moriz Ludwig Weiß sowie zwei Mitglieder des Schiedsgerichtes für den Wahlprotest gewählt Zionistischer Kultus - Wahlsieg in Groß-Enzersdorf Bei den am 20. Jänner stattgefundenen Kultuswahwi in G roß- E n z e rsd or f bei Wien errang die zionistische Liste einen gewaltigen Sieg. Während Lm früheren Kultiusausschuß unter 7 Mitgliedern sich nur 1 Zionist befand, besetzen die Zionisten im neuen Kultiusausschuß 4 Sitze, so daß sie jetzt die Mehrheit des K u 11 usausschusses inne haben. Die vier gewählten Zionisten, Dr. Sternschuß,' Doktor Katz, Dt. Gl Ücker und Rudolf Man d l, vereinigtem auf sich die meisten Stimmen. Die Wahlbeteiligung war sehr lebhaft; sie betrug ca. 80 Prozent der Wahlberechtigten. Der Wahlkampf war heftig. AmtlicheVerlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Kundmachung Die Privatiste-n Prüfungen aus israelitischer Religion für Sohüler und Schülerinnen an Volks-, Bürger- und Hauptschulen für das L Halbjahr des Schuljahres 1928/29 finden durch die zuständigen Religionskihrer in den Sa<mmeIstationen statt. Die Termine für die Prüfungen können bei den Schulleitungen oder iim Schulamte der israelitischen Kuflitusgemelnde, Wien, I., Seitenstettengasse 4, 3. Stock, in der Zeiiit von 9 bis 12 Uhr vormittags, ab 20. Jänner 1929, erfragt werden. Die Prüfuingstaxe beträgt S. 5.— pro Halbjahr und ist im vorhinein an der Kassa der israelitischen Kultusgemoinde, 1., Seltenstettengasse 4, 1. Stock, oder bei den Kultus-Bezirksämtern, XV., Turnergasse 22, XVL, Hubergasse 8 und XXL, Hcilzmeistergasse 12 in der Zeit von 9 bis 12 Uhr vormittags, bezw. beim Kultus- BezLrksamte XVIII., Schopemhauerstraße 39, von 3 bis 5 Uhr nachmittags, zu erlegen. Die Quittung i?rf dem zuständigen Retigionslehrer vor der Prüfung ■»»t übergeben. KÄvFilnicüi bei PFITZIWER «& HAYZt II. Volkertplatz, F schhalle (TU. R 40-2-38) VI. I'D^rnmbrücke, FiscHHalle (Tel. B 24-4-23 X. Bel Lfebtensleinstrnße 112, Flnolihalle «Tel. A 11-2-59) X. Colnmhnsplatz, Pischhalle (Tel. U 47-1-30) Den ganzen Tag in feinstem Olivenöl gebackene heiße Fische oooooooeeoooeMSoooooooooooeeaeeaeeeeeoe Der schriftliche Bescheid des Stadtbezw. Ortsschulrates über die bewilligte Dispens vom Besuche des öffentlichen israelitischen Religionsunterrichtes ist dem Prüfer vorzuiweisen. Der Vorstand der israelitischen Kultus gemeinde Wien Kundmachung Mit Beginn des II. Semesters des Schuljahres 1928/29 wird neben dein allgemeinen auch ein spezieller B a r m i z wall- Kurs für Schüler der Haupt-, Bürger- und Mittelschule an der Bibelschule der israelitischen Kuitusgemeinde Wien, XX., Otbmargasse Nr. 46, eröffnet. Die Schüler des Spezial-Barrnfzwah-Kurses haben Gelegenheit, sich Kenntnisse aus Liturgie, Pentateuch und die hebräische Kursivschrift anzueignen. Die Einschreibungen für diese Kurse finden a b Dienstag, den 1. Februar 1929 bis auf weiteres jeden Dienstag, von 3—4 Uhr n a c Ii m i 11 a g s im genannten Lokale statt. D e r U n t e r r i c h t ist unentgeltlich. Der Vorstand. Predigten in den iraelitifchen Gcmeindetempcln. Freitag, den 2j. Jänner 1929, werden bei dem um 4 Uhr 30 Minuten beginnenden Abendgottcsdicnft in folgenden Gcmeindetempcln Predigten abgehalten, und zwar: II., Tcmpclgaflc j (Rabbiner Dr. M. Grunwald); XVIII., Sdiopenhaucrftraßc 39 (Rabbiner Dr. Feuditwang). Im Gcmcindctcmpcl, XXI., Holzmciftergafte i2 (Rabbiner Dr. M. Rofcnmann), findet Samstag, den 26 Jänner 1929, beim Morgcngottesdicnft (Beginn 8 Uhr 30 Minuten) ein cxcgetifchcr Vortrag ftatt. Ifraclitifcher Jugcndgottcsdicnft. Samstag, den 26. Jänner 1929, um 3 Uhr nachmittags, findet der Jugcndgottcsdicnfl; für die ifraelitifdie Schuljugend in den Gemeinde- und Bczirksfynagogen ftatt. WISSEN / KUNST / LITERATUR Graz zu Ende, wo er übrigens im Jahre 1871 wegen Karl Emil Franzos Zu seinem 25. Todestage am 28. Jänner Die Ghettoliteratur in deutscher Spraohe hat bis heute keine stärkere :Begabung hervörgebracht, als jenen Karl'EmilTranzos, der aus einem-ForSthause im tiefen Podolien, ‘wo er als Sohn eines Arztes das Licht der Welt erblickte und im galizischen Czortkow seine Knabenjahre verlebte, in das deutsche Schrifttum kam. Schon fast ein Vierteljahrhundert vor dem Revolutions- Jahre 1848, in dem Franzos geboren wurde, hatte das Ghettogenre in die deutsche Literatur Eingang gefunden und die Juden, welche damals ihre ersten Gehversuche in der deutschen Prosa machten, brachten gewissermaßen ihre spezifische Note, die Ghettoromantik, als Gepäck mit. Von den Bernstein, Kapper, Schiff, Weiß und anderen trug freilich keiner den Marschailstab im Tornister und auch die späteren Generationen von Weis! und Rosen au er (den wichtigsten Beitragenden zu den Prager «Sippurlm») angefangen bis | „Alpha“, nur Wien, l.t Adlersasse Nr. 8 1 11 zu S. Kohn, Auerbach und Kompert brachte die Ghettoschilderung nicht weit über das süßlich-genrehafte hinaus. Ihrer aller Werke haben denn auch heute nur einen gewissen ethnographisch-kulturhistorischen Wert, ohne daß es auch nur einem dieser Ghettoerzähler gelungen wäre, Dichtung von Dauer zu schaffen, während z. B. im kleineren und judenarmen Dänemark kurz nach der — verspätet einsetzenden — Emanzipation der Juden, welche diese, ähnlich wie im deutschen Sprachkreis, mit spezifisch jüdischer Genrenote in die dänische Literatur gebracht hafte, Aron Goldschmied einen wirklichen, dichterisch wertvollen Judenroman schuf. Franzos’ literarisches Schicksal (selten gibt es übrigens eine geistige Potenz, für die Literatur so sehr Schicksal war, wie für Franzos) entwickelte sich umgekehrt wie das seiner Vor- und Mitläufer auf dem Gebiete der Ghettogeschichtc. Während jene gewissermaßen in die Ethnographie eingingen, kam er von der Ethnographie und Kulturgeschichte. Seine ersten Arbeiten waren volkskundlicher Art. Ihm war auch literarische Gestaltung das Entscheidende, zu dem es ihn drängte, ein so ausgezeichneter. Sammler, Essayist und Publizist er war. Nachdem er als stipendierter Waisenknabe — sein Vater war früh gestorben — das Gymnasium in Czernowitz (damals der östlichste Vorposten deutschen Kulturbereiches) absolviert hatte, ging er nach Wien, um die Rechte zu studieren, und würde hier — pikant genug! — eine führende Figur in der deutschen Studentenschaft, die er 1868 auf dem Berliner Karteltkongreß vertrat. Er brachte seine Studien in eines studentischen Aufrufes einen Prozeß wegen Aufwiegelei durchzukosten hatte. Nach kurzer praktisch-juristischer Betätigung ging Franzos, der noch als Student einen Almanach, «Buchenblätter», herausgegeben hatte,'ganz zur Schriftstellerei über. Seine ersten Arbeiten:über Büchner (von dessen Werken er später eine gute kritische Ausgabe edierte) und Heine (das Idol aller jüdischen Literaturbeflissenen jener! Tage) erregten, kritisch und dabei wirklich gediegen! aufgebaut, nicht geringes Aufsehen und machten Franzos zum gesuchten Mitarbeiter Wiener und Budapester Zeitungen und Zeitschriften. Reisen durch Mitteland Osteuropa, den Balkan, Aegypten und Kleinasien legten den Grund zu einer Reibe von ethnographischen und R e i s e s c h i 1 d e r u n g e 11, unter denen sich ein ausgezeichnetes, noch heute lesenswertes Buch, «Aus den Vogesen», befindet, das gleichzeitig die starke dichterische Intuition seines Verfassers zeigt. Durch drei Jahre (1882 bis 1885) gab Franzos in W i en ein Blatt, «Neue Illustrierte Zeitung», heraus und ging dann nach Berlin, das bis zu seinem Lebensende — er starb einige Wochen nach Vollendung seines 55. Lebensjahres — sein dauernder Wohnsitz blieb, In der deutschen Reichshauptstadf begründete Franzos die Monatsschrift «Deutsche Dichtung», dfe er bis zu seinem Tode führte; sie war eine der angesehensten literarischen Zeitschriften und wurde, da ihr Herausgeber sie den modernen Richtungen der Literatur öffnete, für diese, besonders für die neue deutsche Lyrik, von großer Bedeutung. Aber auch die kultur- und literarhistorischen Schriften Franzos’ waren von nicht alltäglicher Art. Neben einer Studie über Conrad Ferdinand Meyer schrieb er eine bemerkenswerte Arbeit «Suggestion und Dichtung», die manche moderne psychologische Methode der Literaturbetrachtung vorwegnimmt, und hat in seiner 1894 erschienenen «Geschichte des Erstlingswerkes» eine unschätzbare, geradezu einzig dastehende Materiälsammlung gegeben, die weit über den Wert einer Fundgrube für Dissertationen hinausragt Als diese Arbeit erschien, war Franzos bereits weit über den deutschen Literaturkreis hinaus bekannt, denn er hatte schon sozusagen mit seinem ersten literarischen Wurf Aufsehen gemacht. Seine 1876 erschienenen Schilderungen, «Aus Halbasien», eröffneten den Lesern Neuland und fanden bald stärkste Verbreitung; sie sind in 15 Sprachen übersetzt worden und darin nur von der ein Jahr später erschienenen Novellensammlung, «iDie Juden von Barnow», übertroffen, die bis heute ein viclgelesenes Buch ist. «Aus Halbasien» hat Franzos 15 Jahre später mit dem Buche «Vom Don zur Donau» (Meine Kulturbilder aus Halbasien) fortgesetzt. Unter den vielen Erzählungen, Romanen und lyrischen Werken, die er in seinem verhältnismäßig kurzen Leben produzierte — es gibt meinem Wissen nach bis heute keine Gesamtausgabe von Franzos’ Werken, obwohl vielen von ihnen, noch ein Vierteljahrhundert nach des Dichters Tode, nicht nur der äußere Erfolg treu gfel