Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 56 (24.1.1929)
- Date
- 1929-01-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seit» 2 DTE STIMME Nr. 56 taf€ #roduktenbörse Wien, I!., Taborstraße 10 Monumentalstes Kaffee haus Wiens Behaglioh durchwflrmtl Rauoh*und dunstfreU Ausgezeichnet ventlllertl Am Abend: Treffpunkt der JQdleohen InteMgenz und der Zionisten aller Rlohtungen sowie der jüdisch-akademischen Korporationen und Vereine Anhtungl Zwo! Prozent der gesamten Abendlosung «erden allmonatlich dem Keren Hajessod abgefQhrt zirksvertretungen ist noch immer nicht vor den Vorstand gebracht worden, wahrscheinlich, weil sich die Herren über die Methode der Rechtsbeugung noch nicht im klaren sind, mit welcher sie ihre Minorität bei den gewählten Teilen der Bezirkskommissionen in eine Majorität verwandeln könnten. Ist schon die Einberufung einer Plenarsitzung des Kiultusvorstandes absolut nicht zu umgehen, so wird zur bewährten Vertraulichkeit der Beratungen gegriffen, um die jüdische Oeffentlich-keit Wiens ja nicht merken zu lassen, daß sic von der Union-Agudah- Clique, deren Gemeindewirtschaft die Wiener Juden in ihrer Mehrheit ablehnen, durch schmähliche Praktiken um den deutlich kundgegebenen Willen ihres Wahlentscheides geprellt wird. Diesem Versuch der Irreführung muß mit allen Mitteln entgegengetreten werden. Die ständige Aufklärung über die Vorgänge in der Kultusstube, welche unser Blatt und die von zionistischen Mandataren immer aufs Neue einbemfenen Versammlungen der Wählerschaft besorgen, lassen natürlich die Juden Wiens nicht im Unklaren darüber, welches Spiel die abgehauste Union-Agudah-Vorsteherschaft mit ihnen treibt; aber es wäre unverantwortlich gegen die Masse der Wähler, die uns ihre Stimmen gegeben haben, nicht alle Mittel in Bewegung zu setzen, um diesen Praktiken von der Wurzel aus ein Ende zu machen. Um dies zu erreichen, hat die zionistische Fraktion im Kultusvorstand am 18. Jänner folgende Anträge an den Präsidenten der Kultusgemeinde überreicht: Die gefertigten Kultusvcrfteher verlangen gemäß $ 9 der Gefchäftsordnung und § 15, Abf. 1 des Statutes die Einberufung einer Sitzung des Kultusvorftandes mit nachftehender Tagesordnung: 1. Aenderung des § 12 der Gefchäftsordnung dahin, daß nur Perfonalien- und Disziplinarangelegenheiten in vertraulicher Sitzung, alle anderen Verhandlungsgegenftändc in öffentlicher Sitzung zu verhandeln find. 2. BefchlußfalTung über den von den Gefertigten Veroit geflehten Antrag auf Ergänzung des § 9 der Ge- Shäftsordnung durch Hinzufügung eines zweiten Abfatzcs dB BSBSBSSSBSSSBBS" ■■ -1 SSSSSSSSSSSSSSSSSBSBBSS Gotthold Ephraim Lessing Von Heinrich Heine. Vor 200 Jahren, am 17. Jänner 1729, wunde Lessmg, der beste und schärfste kritische Geist, den Deutschland hervorgebracht und — zermürbt hat, geboren. Aus diesem Anlasse sei — etwas gekürzt — aus Heines Schriften sein zweiter, ausammenfassender Aufsatz über Lessipig wieder gegeben, mit Ehrfurcht gezeichnetes Bild eines Großen» Seit Luther hat Deutschland keinen größeren und besseren Mann hervorgebracht als Gotthold Ephraim Lessmg. Gleich dem Luther wirkte Lessing nicht nur, indem er etwas Bestimmtes tat, sondern indem er das deutsche Volk bis in seine Tiefen aufregte, und indem er eine heilsame Geisterbewegung hervorbrachte, durch seine Kritik, durch seine Polemik. Er war die lebendige Kritik seiner Zeit und sein ganzes Leben war Polemik. Diese Kritik machte sich geltend im weitesten Bereiche des Gedankens und des Gefühls, in der Religion, in der Wissenschaft, in der Kunst Diese Polemik überwand jeden Gegner und erstarkte nach jedem Siege. Lessing, wie er selbst eingestand, bedurfte eben des Kampfes zu der eigenen Geistesentwicklung. Er glich ganz jenem fabelhaften Normann, der die Talente, Kenntnisse und Kräfte derjenigen Männer erbte, die er im Zweikampf erschlug und in dieser Weise endlich mit allen möglichen Vorzügen und Vortrefflichkeiten begab i . Begreiflich ist es, daß solch ein streitlustiger Kämpe nicht geringen Lärm in Deutschland verursachte, in dem stillen Deutschland, das damals noch salbbathlich stiller war als heute. Verblüfft wurden die meisten ob seiner literarischen Kühnheit. Aber eben diese kam ihm hilfreich zustatten; denn Oser! ist das Geheimnis des Gelingens in der Literatur ebenso wie in der Revolution - und in der Liebe. Vor dem Lessingsehen Schwerte zitterten alle. Kein Kopf war vor ihm sicher. Ja, manchen Schädel hat er sogar aus Uebermut heruntergeschlagen, und dann war er dabei noch so boshaft, ihn vom Boden aufzuheben und dem Publikum zu zeigen, folgcadea WortUstes: Die *af Verlangen von mindeftens fedh* Vorftatubmitgliede» einrobenifende Sitzung des Kultusvorftandes hat fplteftem eine W o ch e nach Eialangen des Antrages flattzofinden. 3. Aenderung des $ 1 #, Abf. 2 der Gefchäftsordnung derart, daß die dafelbft normierte 14tägige Frift auf 7 Tage herabgefetzt wird. 4. Ergänzung des $ 2$ der Gefchäftsordnung durch Ein- Idialtung folgenden Satzes nach Abf. 2: Die gleichen Grundfäcze gelten für die vorn Kultusvorftand vorzunehmenden Wahlen. 5. Aufhebung des Befchluffes des Vertreterkollegiums vom 6. Jänner 1929, betreffend die Uebertragung der Erledigung von in den Wirkungskreis des Vertreterkollegiums fallenden Angelegenheiten an einzelne Mitglieder des Vertreterkollegiums oder Mitglieder des Kultusvorftandes. Wir erfuchen die Einberufung diefer Sitzung auf einen Tag der nädiften Woche unter dem Hinweis darauf, daß zufolge eines auf die gleichen Beftirmnungen des Statute* und der Gefchäftsordnung geftützten Antrages vom 6. Jänner eine Sitzung des Kultusvorftandes mit viertägiger Frift angeordnet wurde. Die Sitzung des Kulturvorstandes, welche in diesen Anträgen verlangt wird, muß statutengemäß einberufen werden, so peinlich dies auch den Herren von der künstlichen Majorität sein mag. Auf dem Wege eines VorstandsbeschJusses wollen wir erzwingen, daß die I Herren mit dem Mißbrauch der vertraulichen Sitzungen aufhören müssen, daß cs ihnen auch nicht möglich sei, Plenarsitzungen, deren Einberufung gefordert wurde, ungebührlich lange hinauszuschiaben, sowie daß die Statuten- und geschäftsordnungswidrigen Beschlüsse, die sie im trauten Kämmerlein gefaßt haben, umgestoßen werden. Der KardinaJpunkt unserer Anträge aber ist die Forderung, daß endlich die Wahlrechtsscbmach in der Wiener jüdischen Gemeinde beseitigt werde. Seit Jahren kämpfen wir Zionisten für ein uneingeschränktes gleiches Wahlrecht aller Wiener Juden in ihrer Gemeinde, nunmehr gilt es, diesen Kampf zur Entscheidung zu bringen. Daher wird ehestens ein Antrag auf Einsetzung eines Wahlreformausschusses gestellt werden. Das Verhalten der Uni an-Agudab-Clique zeigt aufs Neue, wie sehr diese Herren an ihren Mandaten und der Macht, die sie daraus ableiten, kleben; sie versuchen freilich, wenn es nicht anders geht, die Dinge ihrem Machitwillen gefügig zu machen, indem sie mit der Niederlegung ihrer Mandate drohen. Dies würde — das wissen die Herren sehr wohl — die Einsetzung eines Regieruingskommissärs für die Wiener Kultusgemeinde bedeuten. Die Union-Agudah-Leute, denen kein Mittel zu schlecht ist, um sich an der Macht zu behaupten, glauben, es würde ihnen ein Leichtes sein, die Juden Wiens darüber hinwegzutäuschen, daß in solchem Falle einzig und allein die Union-Agudah-Leute die Verantwortung zu tragen hätten, wenn die Autonomie der Kultusgemeinde, das einzige selbstbestimmende Recht der Wiener Judenschaft, verschwindet. Die ganze Wirtschaft des Union-Agudah-Bundes in der Gemeinde war und ist eine Sünde, wider den Gedanken der Kultusgemeindeautonomie, und kommt es zu einer völligen Untergrabung dieses Prinzips, so wird — das verdaß er inwendig hohl wair. Wen sein Schwert nicht erreichen konnte, den tötete er mit den Pfeilen seines Witzes. Die Freunde bewunderten die bunten Schwungfedern dieser Pfeile; die Feinde fühlten die Spitzen in ihren Herzen. Der Lessingsdhe Witz gleicht nicht jenem Enjouement, jener Gaite, jenen springenden Saillies, wie man hierzulande dergleichen kennt. Sein Witz war kein kleines französisches WindhUndchen, das seinem eigenen Schatten nadhläuft; sein Witz war vielmehr ein großer deutscher Kater, der mit der Maus spielt, ehe er sie würgt Ja, Polemik war die Lust .unseres Lessings, und daher überlegte er nie lange, ob auch der Gegner seiner würdig war. So hat er eben durch seine Polemik manchen Namen der wohlverdientesten Vergessenheit entrissen. Mehrere winzige Schriftstellerlein hat er mit dem gleichsam umsponnen, und ln den Lessingachen Werken erhalten sie sich nun für ewige Zeiten, wie Insekten, die sich ln einem Stück Bernstein verfangen. Indem er seine Gegner tötete, machte er sie zugleich unsterblich. Wer von uns hätte jemals von jenem Klotz erfahren, an welchen Lessing so viel Hohn und Scharfsinn verschwendet! Die Felsenblöcke, die er auf diesen armen Antiquar geschleudert und womit er ihn zerschmettert, sind jetzt dessen unverwüstliches Denkmal. Merkwürdig ist es, daß jener witzigste Mensch in Deutschland auch zugleich der ehrlichste war. Nichts gleicht seiner Wahrheitsliebe. Lessing machte der Lüge nicht die mindeste Konzession, selbst wenn er. dadurch, in der gewöhnlichen Welse der Wdtklugen, den Sieg der Wahrheit befördern konnte. Er konnte alles für die Wahrheit tun, nur nicht lügen. Wer darauf denkt, sagte er einst, die Wahrheit unter allerlei Larven und Schminken an den Mann zu bringen, der möchte wohl gern ihr Kuppler sein, aber ihr Liebhaber ist er nie gewesen. Das schöne Wort Buffons, «der Stil ist der Mensch selber», ist auf niemand anwendbarer als auf Leasing. Seine Schreibart ist ganz wie sein Charakter, wahr, fest, schmucklos, schön und imposant durch die innwohnende Stärke. Sein Stil Ist ganz der StU der römischen Bausichem wir den Herren von der Union und Ihrem agudistischen Adnex — die Wiener jüdische Bevölkerung sich genaudarüber im klaren sein, wer die Schuldigen sind, und sie ihren Zorn fühlen lassen. Ein Pogromist — Instruktor in der Sowjetarmee Eine sensationelle Mordtat in Moskau Aus Moskau wird uns gemeldet: In seiner Wohnung wurde General Slaschtschjcff, Professor an einer höheren Militärschule in Moskau, erschossen. Der Täter ist ein 24jähriger Jude namens Kellenberg; er stellte sich selbst der Polizei und gab an, <fie Tat als Vergeltung dafür verübt zu haben, daß Slaschtschjeff, der während des Bürgerkrieges in Rußland General in der Wrangel-Armee gewesen war, bei einem von seiner Truppenabteilung veranstalteten Pogrom den Bruder Kellenbergs hatte erschießen lassen. Diese Angaben für das Motiv der Tat halben in hiesigen politischen Kreisen' ungeheures Aufsehen erregt, da durch sie darauf hingewiesen wird, daß ein «weißer» General, Gegenrevolutionär und Pogromführer, Instruktor in einer Militärschule der Sowjetarmee sein konnte. Die antizionistische Propaganda in Italien Eine Erkläruhg der Vereinigung der jüdischen Gemeinden. In den letzten Monaten ist in der (ausschließlich faschistischen) Presse Italiens eine auffällige antizionistische Tendenz zu bemerken, die sich in Aufsätzen, Notizen usw. kundgibt Besonders bemerkenswert war, in dieser Hinsicht (worüber wir seinerzeit berichtet haben. — Die Red.) — ein Artikel in «Popolo dt Roma», dem Organ Mussolinis; die Autorschaft des Aufsatzes wurde mehrfach dem Bruder des Diktators zugeschrieben. Aus Gründen, von denen nicht recht durchsichtig ist, ob sie in einer Aenderung der Konstellation in der italienisch-englischen Mittelmeerpolitik oder in dem nahe bevorstehenden Ausgleich mit dem Vatikan liegen, wird in der italienischen Presse der Zionismus als «unpatriotisch» u. dgl. hrngestellt. Gegen diese Angriffe hat nun, wie aus Rom berichtet wird, das Präsidium der Vereinigung der italienischen Judengemeinden eine Erklärung veröffentlicht, die dem Justizminister, dem Kultusminister und dem Premierminister Mussolini vorgelegt wurde* In dieser Erklärung wird gesagt, der P a t r i 01 i s m u s der italienischen Juden, Zionisten und Nichtzionisten, habe in Krieg und Frieden so. zahlreiche leuchtende Beweise gegeben, daß ein In-, zweifelziehen ausgeschlossen erscheinen muß. Die italienischen Juden, heißt es in der Erklärung weiter, seien von tiefer Hingabe andasLand derVäter, Palästina, erfüllt, wo Gott den Vätern sich offenbart hat; in gleicher Weise betrachten sie sich mit gutem Recht als einen integrierenden Bestandteil desitalienischenVolkes, zu dessen Dienst sie! früher wie jetzt und in aller Zukunft ständig bereit sind. werke: höchste Solidität bei der höchsten Einfachheit; gleich Quadersteinen ruhen die Sätze aufeinander. Und wie bei jenen das Gesetz der Schwere, so ist bei diesen die logische Schlußfolge das unsichtbare Bindemittel* Daher in der Lessingschen Prosa so wenig von jenen Füllwörtern und Wendungskünsten, die wir bei unserem Periodenbau gleichsam als Mörtel gebrauchen. Noch viel weniger finden wir dann jene Gedankenikaryatiden, welche ihr la belle phrase nennt. Daß ein Mann wie Lessing niemals glücklich sein konnte, werdet ihr leicht begreifen. Und wenn er auch' nicht die Wahiheit geliebt hätte, und wenn er sie auch nicht selbstwillig überall verfochten hätte, so mußte er doch unglücklich sein; denn er war ein Genie. «Alles wird man dir verzeihen», sagte jüngst ein seufzend«; Dichter, «man verzeiht dir deinen Reichtum, man verzeiht dir die höhe Geburt, man verzeiht dir deine Wohlgestalt, man läßt dir sogar Talent hingehen, aber man ist unerbittlich gegen das Genie.» Ach! und begegnet ihm auch nicht der böse Wille von außen, so findet das Genie doch schon in sich selber den Feind, der Ihm Elend bereitet Deshalb ist die Geschichte der großen Männer immer eine Märtyrerlegende, wenn sie auch nicht litten für die große Menschheit, so litten sie doch für ihre eigene Größe, für die große Art ihres Seins*, das Unphilisterllchc, für ihr Mißbehagen an der prunkenden Gemeinheit, der lächelnden Schlechtigkeit ihrer Umgebung, ein Mißbehagen, welches sie natürlich m Extravaganzen bringt, z. B. zum Schauspielhaus oder gar zum Spielhaus — wie cs dem armen Lessing begegnete. Mehr als dieses hat ihm aber der' böse Leumund nicht nachsagen können und aus seiner Biographie erfahren wir nur, daß ihm schöne Komödiantinnen amüsanter dünken als Hamfourgische Pastöre und daß stumme Karten ihm bessere Unterhaltung gewährten ate schwatzende Wolfianer. Es Ist herzzerreißend, wenn wir in dieser Biographie lesen, wie das Schicksal auch jede Freude diesem Manne versagt hat, und wie es ihm nicht einmal vet-