Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 55 (17.1.1929)
- Date
- 1929-01-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 10 DIE STIMME Nr. 65 l&faekenldfe Baritonftuttm« fdo eigen nennt. Oie neue judifche Inftramentalmufik war durch eine Klavierionate von Kr ein ofld drei Tanze von Wcprik vertreten, zu denen der ftürwurde, ein viertes Tanzftückdien erzwang. Das Publikum fland Studie durch den Klavicrvirtuofen Jakob Gimpel bedankt wurde ,cin viertes Tanzftiickchen erzwang. Das Publikum ftand vom Anfang bis zum Ende des Konzertes im Banne ftarken Knnflfdiaffens und künftlerifch hochwertigen Nachfchaffens, wie es feiten geboten wird; deutlich kam zum Bewußtfein, daß der Wiener jüdifchc Gcfangverein in fliller Arbeit zu einem jndifdien Kulturfaktor Wiens geworden ift, der Förderung wert ift, die er braucht. S. S. Die Aktion des Keren Kajemeth zur Verbreitung des hebräischen Buches Bisher haben ftch für diefc Aktion, über die wir unfere Leier in der letzten Nummer der „Stimme" informiert haben, 18 Abonnenten gemeldet, die auch zum großen Teil ihre Beiträge bereits geleiftet haben, refpektive regelmäßig leiften. Der Keren Kajemeth Wien hat bereits von zwei hebräifchen Verlagsanftalten in Paiäftina („Omanuth" und vDwir L’am") die erfte Scrienbiichcrbcftcllung durdigeführt, die in den allernichften Tagen cintreffen dürften. Intereffenten werden daher die Möglichkeit haben, bei regelmäßiger Zahlung ihre Bücher bereits in Empfang zu nehmen, refpektive weitere Intereffenten, fich die Bücher anzufehen. Kunstchronik Die Wlhtaer Truppe kommt nach Wien? Die WSJttaer Trappe, welche jetzt hi Warschau Shakespeares «Kaufmann von Venedig» m der Inszenierung von Dr. Michad Weichert, dem erfolgreichen dramatischen Bearbeiter von Aschs «Kidusch hasohem» vorbereitet, beabsichtigt, wie wir erfahren, in den Monaten Mai bis Juli d J. eine Gastspl el tonrnec durch Mittel- und Westeuropa zu unternehmen. In diesem Zusammenhänge ist auoh ein Gastspiel in Wien geplant Ein Vermächtnis für die hebräische Universität Der in Kapstadt verstorbene Mr. I. Schwartz hat— wie der Johannesburger «Zionist Record» berichtet — eine E r bschaft im Werte von etwa 1 3 0.0 0 0 Pfund hinterlassen. bi seiner letztwäJLgen Verfügung wurde eine Reihe von jüdischen gemeinnützigen Institutionen mit kfleineren Legaten bedacht, darunter die hebräische Universität mit 1000 Pfund. Von der nach Abzug der Legate verbleibenden Erbmasse soffen fünf Sechstel an Famifiejwnit'glieder fallen und ein Sechstel an den Jewish Colonia! Trust in London für die hebräische Universität in Jerusalem ausgezahlt werden. Der auf die hebräische Universität entfallende Anteil soH nach dem Willen des Erblassers für die Errichtung einer Halle auf den Namen oes Stifters verwandt werden. Herds Tagebücher in hebräischer Uebersetzang. im Mizpasb-Vertag in Jerusalem erschien dar zweite Band von Herzls Tagebüchern in hebräischer Sprache, der wiederum von Rab. Benjamin aus dem Deutschen ins Hebräische übertragen wurde. Der Band enthält Herzls «Judenstaat», seine Verhandlungen in Kcmstantinopel, Wien, Berlin, Paris, London und den Bericht über die Vorbereitungen zum ersten Zionistetvkongreß. Jüdlfche Gefchichtsforfchung io Südafrika. In Capeiown hat (ich eine Gcfelifchaft für die Gefchichte der Juden Südafrikas begründet. Es foll eine Sammlung aller Materialien über die Gefchichte der Juden in Südafrika und ihre Inftitutionen vcranftaltet werden. Es find zu diefem Zwecke {pczielie Kommiffioncn in der Kap-Kolonie, in Transvaal, in Natal und im Oranjc-Freiftaat errichtet worden, die Arbeit foll fich auch über Rhodefia und die unter Mandat flehenden iüdwcftafrikanifchen Territorien erftrecken. Die Herausgabe einer pcriodifchen Zcitfchrift wird beabfiditigt. . . Wiener Genre in den Jüdischen Künstlerspielen: Schott cirvmai bat A. Messels mit viel Geschick die Berufe «jüdische Kleinstadt» und «Wien» durch aMerhand Einfälle miiomatider gekoppelt und so eine zugkräftige, jüdische Lokalrevue «Von Suchostow nach Amerika» (später hieß sic «Auf nach Td-Avrv») auf die Bretter gestellt; diese dankbare Mee hat Melsols in einer neuen Variante zu aJnem Spiel in fünf ÖHdcm geformt, das «Die Wiener Rebbczln» betitelt ist. Es hat bei der Uraufführung in den Jüdischen Künstöerspieleu (Theater Reklame, II., Praterstraße 34), starken Beifaill gefunden und wird wohl wieder der Kasseenfolg dieses Theaters werden. Der Gnundcmfall ist lustig: eine iunge Rabbinersfrau in einem kHeinen jüdischen Städtchen, deren Mann, als Rabbiner in eine klein.. Jaus* nach Wien berufen wurde, träumt vor der Abreise vom neuen Wiener Leben mit seinen Fäta> üebkeiten, Trefnessen, «fremden» Weibern, kurzen Kleidern, Bars u. dgl. und obsiegt in ihrem Trautn duroli Klugheit und Frauenlüst über die «Dämonen». In lustigem Wirbel Jagt, tanzt, singt der Traumspuk vorüber, mit all den ko mfiscbeu Situationen, die sich durch das Zusammentreffen ■/.weiter verschiedener Welten ergeben. Zu dem ganzen hat Regisseur ßryn eilte Musik zusamniengesteMt, welche ükhsche Motive, Wiener Dulkihtl.omen und moderne Schlager vereinigt und so alles lebemdäg untermaät, stets hüfsbereit, auch wo die Handlung ein wenig kurzatmig wird. Da Meiseis eine «Rebbezin» vom Schlage der Frau Kantewska zur Verfügung hatte, ist sein Singspiel ihrer künstlerischen Eigenart angepaßt; sie «klcinstädtelt* trefflich, mit leise parodistischem Unterton, singt und tanzt Jüdisch und «oiisch» and sieht in einem Rebbezin-Staatsfcfekf, dos sich dam nur treffenden Toilette wandelt, köstlich ans. Paul Breitmann gibt den Rabbiner, dem Im Traume seiner Frau, Wiens «böse Geister* verlocken, sehr lustig. DS-e ältere Generation vort «Peczeniczyn in Wien», ist durch Frau Meiseis und Herrn Bry n mit wirksamer, trookener Komik vertreten. Ate Stubenmädchen «bodenständigen* Typs wienert und tanzt sich mH zwei schlanken Beinen Fräulein Hoscheck launig durch das «Gesores* mit den «Lercberin» durch. Die Damen Weintrau b- Graf und Dreiblatt und Herr J. Breitmann wirkte« «n Episoden mit lustigem Eifer mit. Gute Ausstattung und sorgfältige EnsemMcfübrung gäbe« dem Abend, Abrundung. Das PubKkum unterhielt sich glänzend, erzwang stets von neuem Wiederholung und rief Darsteller und Autor stürmisch vor <tie Rampe. —tz. Von Freitag, dem 18. Jänner bfe inkl. Montag, den 21. d M. «Heintige Meldlech*. Dienstag, den 22. «Palas c h k a». Mittwoch, den 23. «Das süße Mädl». Donnerstag, den 24. Sondervorstellung zu Ehren des Mitgliedes der «Jüdischen Künstlerspielc», Herrn A. Meise! s. Mit diesem Abend beschließen Vera Kaniewska und Paul Breitinan ti ihr Wiener Gastspiel. WBBSBS^BSBBBBBSS8ES£B3BBB9SBBB**SS35BBK£SBS£BffSBBB£Si Der zwölfjährige Mojschele wickelte sich einen Sack um den Leib, befestigte ihn mit einem Strick und zog seinen abgeschabten Mantel darüber. Er war reisefertig. Leiser, Mojscheles zehnjähriger Bruder, war die ganze Nacht aufgeblieben. Er wußte, daß Mojschele zum ersten Male die Reise nach Warschau machte, zum reichen Onkel, dem Bruder der Mutter. Von Warschau wird Mojschele — so malte es sich Leiser aus — warme Winterkleider mitbringen, sicher auch etwas Geld und ein paar Pfund Brot. Die ganze Woche hatte Leiser seinen älteren Bruder gebeten, 2m mitzunchmen: cSchlomke, der Junge von nebenan, ist nicht viel älter als ich und fährt zweimal in der Woche fort, warum soll ich da nicht fahren dürfen?» Doch diese Argumente fruchteten nichts — Mojschele sagte nein und dabei blieb es; das wußte Leiser. Dennoch versuchte er es jetzt noch einmal: «Es wird doch nicht mehr kosten ... wir werden beide unter der Bank liegen ... zu zweit ist es doch viel angenehmer.» «Jemand muß bei den Kleinen bleiben», antwortete Mojsohefe gelassen, als wäre er nicht Lcisers Bruder, sondern sein Vater. Im Bett lagen, die Füße weit ausgestreckt, drei Kinder, eines kleiner als das andere, und schliefen sorglos. Ihre Eltern waren ein Jahr vorher an Typhus gestorben und hatten fünf Kinder zurückgelassen. Mojschele, der Aelteste, wurde der Ernährer der Familie. Er verkaufte den kleinen Kerzenvorrat aus, der sich noch im Hause befand (der Vater war Wachszieher gewesen), und als die Einnahmequelle versiegt war, beschloß der kleine Mojschele, der schon jetzt die ganze Sorgenskala eines ewig bekümmerten jüdischen Hausvaters zu durchlaufen hatte, nach Warschau zu fahren. «So viele Jungen fahren hin», — sagte er sich — «und es geschieht ihnen nichts; was die können, kann ich auch — und überdies habe ich ja in Warschau einen reichen Onkel». Leiser beneidete den Bruder und bedauerte ihn zugleich, daß er eine so weite Reise tun mußte. Eine ganze Nacht und ein großes Stück des folgenden Tages mit der Eisenbahn! Und wenn sie Mojsohele ohne Fahrkarte erwischen? — Vor Schreck wurden seine Augen größer. «Hast du gar keine Angst, Mojschele?» Mojschele gab keine Antwort. Er zog des Vaters Leibgurt festet, steckte ein Stück Brot in die Tasche und sprach mit väterlicher Würde: «Gib acht auf die Kleinen!» Leiser brach sein Stück Brot entzwei: cDa hast du, Mojsohele . . . Man kann nicht wissen, was unterwegs geschieht . . .» «Aber, du wirst doch hungrig sei-nl:» «O nein, bestimmt nicht! . . . Und einen Tag fasten ist auch kein Unglück!» Mojschele kämpfte mit sich: sollte er das Brot nehmen oder nicht? Leiser steckte es ihm in die weite Tasche und zog des Bruders Mantel zurecht, um den der Gurt wie ein Kringel lag. Mojschele klopfte ihm in icr Manier eines Großen auf die Schulter und verließ gutgelaunt das Haus. Ein feiner Regen, der zu Nebel wurde, kühlte seine Wangen. Die niedrigen Häuschen zu beiden Seiten der Gasse waren nicht zu sehen. Nur da und dort schimmerte ein feuchtes, schiefe« Strohdach grau durch die dicke Dunkelheit, ln den feuchten Nebel brach fernes Hundegebell. Mojschele schlug den Weg zur Bahn ein. Im Gehen schwanden alle Schwierigkeiten seines Vorhabens und er vergaß, daß das ganze Städtchen hungerte wie er. Das Bewußtsein, einen reiche« Onkel in Warschau zu CarHftetfer. Gateworthys Komödie «Der Zigarettenkasten» ist wohl sehr zahme Gesellschaftskritik aus der SaJonperspektlve, aber dafür dichterisch weit wertvoller als vieles, was an sozialer Dramenliteratur (von «Lenen» bis zum «Roten General») produziert wind. Das Stück, das in Wien nicht unbekannt ist, erhielt durch die Regie von Carf B e h r gut abgetönte Farben. Da dem Reirisseur ein gu*«s Ensemble zur Verfügung stand, erhielt das schwache Theater des Stückes Rückgrat. Ganz ausgezeichnet arbeitet Herr Schuh einen «gesprenkelten» Typus heraus; die erstickten Halb töne einer vom Elend zermürbten Frau weiß Fräulein Hansi Jarno richtig an zubringen. Eduard R o t h a user, Paula Janower, Eddie Peppier und Artur Grad gaben gut gesehene Figuren. Das Publikum nahm das- Stück mit großem Interesse, die Darstellung mit starkem Beifall auf. —tz. Neues Judifdics Theater (Künftlerkabarett, II., Praterftraßc (Jo). Freitag, den 18. Jänner, Erftauffuhrung des dreiaktigen Luftfpieis „A 1 c b e d i g c Weit" von Z. Kalmanowitz, Mufik von A. Kaplan. Samstag, Sonntag und Montag wird die Novität wiederholt. ~ Dienstag, den za., „Ihr z i b r o di c n s Leben.“ — Mittwoch und Donnerstag: hA Iebedige Welt," besitzen, dessen Kinder einander mit Kuchen bewerfen konnten, machte ihn satt Am Ende der Stadt, wo die Felder begannen, wunde der Nebel noch dicker. Mojscheles Tritte ließen tiefe Spuren in dem aufgeweichten Boden. Immer wieder griff er iin Gehen nach den Taschen und dabei verwandelte sich der Gedanke, daß Leiser Ihm die Hälfte seines Brotes geschenkt hatte, gewissermaßen in etwas Konkretes, das er mit Händen greifen konnte. Der Bahnhof war übervoll von Juden, Frauen, Bauern, Weibern. Sie standen mit Koffern, Köthen, Säcken, Bündeln umher. Zu den Wagen des Zuges zuzukommen war unmöglich. Vor jedem Zugang stand eine Mensohenreihe, die aussah wie eine unendlich lange Wurst Schaffner mit farbigen Laternen eilten vorüber und riefen den Leuten warnend zu: «Löset Fahrkarten! Wer keine Fahrkarte hat, wird, hinausgeschmissen, auch mitten in der Fahrt!» «Wir werden i h n hinausschmeissen!» erwiderte ein zerlumpter Bauernbursche. «Sie schmeissen wirklich hinaus 1» wandte sich ein Jude dem Sprecher zu. «Christen nicht!» «Auch Christen!» «Was zahlst du für meinen Pi ab?» fragte der Bauernbursohe den Juden. «Tausend Mark.» «Um tausend Mark kann ich mir gerade eine Semmel kaufen.» «Ohne die tausend Mark aber kannst du dir k e i n e Semmel kaufen.» Mojsohele, der wie ein erschrockenes KäFblein dastand und einsah, daß er nicht zu den Waggons gelangen könne, stellte sich in die lange «Wurst». Zwei breite Schultern tauchten über ihm auf: «Wohin fährst du, Bürschchen?» «Nach Warschau.» «Hast du eine Fahrkarte?» «Ja.» «Zeig1 sie her!» Mojschele antwortete nicht. Sein Herz pochte so heftig, daß seine Hände und Füße zu erstarren schienen. «Also, du gehörst auch zu den Schwindlern, die ohne Karte fahren?! Da hab’ ich das Vorrecht!» — Die breiten Schultern stießen Mojschele beiseite und drängten sieh an seinen Platz. «Das ist mein Platz!» versuchte 'Mojschele Widerstand zu leisten. «Geh’ lieber nach Hause, Bürschchen, und laß dir von der Mutter die Hosen zuknöpfen!. geh’ geh*!» — Die Schultern bewegten s\ch im Takt mit dem Gelächter der Umstehenden. «Kümmer' dich lieber um dich statt um mich!» entgegenete Mojschele trotzig. «Du bist nooh immer hier?» — Die Schultern faßten nach Mojschele, der sich mit Händen und Füßen wehrte, und schleuderten ihn so heftig zur Seite, daß er mit dem Gesicht In eine Regenpftitze fuhr. Mojsoheles Augen füllten sich mit Tränen. Hilflos, wie ein begossener Pudel, stand er da und wußte nicht, was geschehen war. Da merkte er plötzlich, daß das Brot nicht mehr ln seinen Taschen war. Hastig lief er zu dem Platz zurück, wo er gestanden war; der Mann mit den breiten Schultern war nicht mehr dort. Ein beklemmendes Gefühl legte sich um Mojscheles Herz, er verspürte Hunger und wischte mit den Händen die Tränen aus den Augen. Mojschele schlug den Weg zum Bahnhofgeleisc ein, wo die verschlossenen Waggons der Zugsgarnitur standen. Hart an die dunklen Wagenwände gepreßt kroch er auf allen Vieren vorwärts. Plötzlich stieß er an jemand an und sprang erschrooken auf. «Wohin fährst -du, Mojschele, nach Warschau?)» Hunger? Erattfelvmit von I. Opatfoschu. (Autorisierte Uebertragun-g von Siegfried Schmitz.)