Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 55 (17.1.1929)
- Date
- 1929-01-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3053752-3053805-3053808--0816-3056120- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 DIE STIMME Nr. 5o linge Zeit das Ritualmordhetzgefdüft beforgte. U. a._ fchrieb Ley im Anfchluß an den bekannten Mord an dem Studenten Daube einen Auflatz mit dem „fpannenden“ Titel: „Die Juden (chächtcten Daube“, in dem er lieh krampfhaft bemühte, den Fall Daube zum Ritualmordfall zu machen. Jetzt hat der preußifdie Landtag die Immunität des tapferen Ley aufgehoben und-der faubere Patron wird cndlidi vor Gericht kommen. Eirter feiner Konkurrenten, der Breslauer Redakteur Kurth, der „ftatiftjfch“ bewies, daß die meiften Kindesmordc um die P-tßadizeit flatfindcn, da die Juden zu diefer Zeit Chriftcnblut benötigen, wurde vor kurzem zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Arnold Zweig über das Los der Flüchtlinge Der Verband ruffifcher Juden ln Dcutf di- 1 a n d, der dcmnächft in das zehnte Jahr feines Beftehens eintritt und der mit einem Jahrcs-Etat von rund 200.000 Mark bei weitem die größte foziale Flüchtlingsorgantfation ift, .deren Hilfswerk im wefentlichcn auf Selbfthilfe beruht, veranftaltetc vor kurzem einen Preffecmpfang in Berlin, dem die Vertreter faß: der gefamten deutfchen Prcfle, der jüdifchcn PrclTc und der Prelle des Auslandes beiwohnten. Das auswärtige Amt ließ fleh durch Konful von S a u ck e n, der Völkerbund durch GcncralkonfuI G r a a p und Herrn S ch ö n e vertreten. Nach einer Begrüßungsanfprache des Präfidenten des Verbandes, Staatsrat Dr. T c i t e 1, welcher der deutfchen Regierung und dem deutfchen Volke für die den Flüchtlingen gewährte Gaflfreundfchaft den Dank ausfprach, hielt der bekannte Schriftfleller Arnold Z w e i g einen Vortrag über „Das Los der Geflüchteten". Er führte aus, der Verband der rufTifchcn Juden in Dcutfchland ftelle einen Teil nicht allein der Judenfragc, fondern des. allgemeinen Wcltflüchtlingsproblems überhaupt dar. Trotzdem Jahre darüber hinweggegangen find, feitdem zu Taufenden die jüdifchcn Flüchtlinge durch Berlin gefpült worden find, hat ein gegenfeitiges Durchdrungen noch nicht ftattgefunden; noch immer leben vcrfchicdcnc jüdifche-Gruppcn in B er l in aneinander - vorbei. Esift dies u. a. zu erklären aus'der anders gearteten Kulturfphäre der Flüchtlinge. Die hier als „Staätenlofc“ leben, find ohne Recht und ohne Schutz, haben niemand als Fürfprecher als (ich fclbft. Arnold Zweig gab dann eine Charakteriftik jener deutfehjüdifchen Krcife, die in diefem befonderen Falle innere Hemmungen und äußeren Gegendruck zu überwinden haben, bis fie (ich zur helfenden Tat durdiringen. 'Man muß ihnen begreiflich machen, daß, wenn fie hier helfen, fie Dcutfchland einen Kultiirdicnft: erweifen,: indem fie Menfchen hochwertiger Kulturfphäre wieder aktiv machen. Man muß diefe Menfchen fuchen, um ihnen zu helfen; denn fie find nicht zu einem Leben der Bedürftigkeit erzogen, und fic vcrlöfchen lieber, als daß fie ein öffentliches Wohlfahrtwefen für fidi be^ anfpruchen. Wir begrüßen, fchloß Arnold Zweig, die im Verband der rufTifchcn Juden konzentrierten Kräfte der Selbftfailfc,- die eine fchon flabile foziale Fürforge einriditcn wollen. Das Problem ift hier am drängenden, und hier ift es zu löfen. Aus'Moskau wird berichtet: ■ ln der Plenarsitzung de'r unabhängigen Gesellschaft für jüdische Kolonisation «Ozet» teilte Herr Mereschin, der Vizepräsident der Regierungskommission für jüdische Landansiedlung «Komzet», mit, daß ein neues Abkommen zwischen der amerikanischjüdischen Gesellschaft Agro-Jolnt und der Sowjetregierung demnächst unterzeichnet werden wird, dessen Grundlinien die folgenden sind: Agro-Joint gewährt der Sowjelregierung im Wege durch Komzet eine Anleihe in Höhe von acht Millionen Dollar zur Verwendung für das jüdische Laiidansiedlungswerk in einer Zeitdauer von acht Jahren. Die Sowjetregierüng garantiert die Rückzahlung des Kapitals nebst 5 Prozent Zinsen jährlich. Im weiteren Verlauf seiner Rede übte Mereschin K ri t i k a n dem American Joint Distribution Committee und sagte, die Sowjetkreise seien un.g eh alten darüber, daß Joint nur die Hälfte der infolge^ der Mißernte notwendig gewordenen Summen zur Verfügung gestellt hat. Ferner besteht in Sowjetkreisen Mißstimmung darüber, daß die Herren vom American Joint Distribution Committee Verhandlungen mit den Zionisten führen, die auf eine Stärkung der Arbeit in Palästina hinausgehen, wo do6h nach der Meinung der. Sowjet kreise dlie. m Pa-, last in a bestehenden Perspektiven und. Möglichkeiten eine solche Unterstützung weit weniger gerechtfertigt erscheinen lassen’ als die Förderung des. aussichtsreü-, qh.cn jüdischen Kolonisationswerkes in den Ländern der Sowjetunion. Mereschin übte auch Kritik an der Art, wie die amerikanisch-jüdische Kolonisationsgesellschaft Agro- Joint bei der A u f b r i n g u n g d e r Gelder für das jüdische Kolonisationswerk in Rußland zu Werke geht. Agro-Joint, sagte Mereschin, konzentriert seine Arbeit auf eine kleine Gruppe amerikanischer Kapitalisten, Der Generalfekretär des Hilfsvereins der deutfchen Juden, Dr. Mark W i f ch n i t z e r, führte aus, die b e ft e n und edelftcn Juden leben jetzt in der Verba n n u n g. Der Syndikus des Verbandes, Dr. Goldcnweifer, gab Aufklärung über die rechtliche Lage der Flüchtlinge, denen noch immer das Recht auf Arbeit gcfetzlidi verweigert ift, wenn auch die Behörden vielfach den Flüditlingcn entgegenkommen und Milderungen Platz greifen laßen. Zehn Jahre «Chwila» Das zioniftifdie Tagblatt „Chwila“, das in Lemberg erfdieint, hat zehn Jahre feines Bcftandcs.. vollendet. Von dem feither verftorbenen Führer der galizifchen Zioniften Gcrfon Zipper anfangs 1919 begründet, entwickelte fidi das Blatt bald zum führenden publizifdien Organ Oftgaliziens. Es hat ftets uncrfchrockcn die Sache des Judentums vertreten und insbefondere in den für die Juden befonders fchwierigen Zeiten der Konfolidierung des neuen Polens mannhaft das Recht der- Judenfchaft verteidigt. Die „Chwila" ift heute weit über die Grenzen -Galiziens hinäus bekannt und populär; ihre umfa"{fcnde, publiziftifch hodiftehend; Berichterftntung, ihr offenes Auftreten gegen Unrecht und Unbill, die (ich befonders im Steiger-Prozeß zeigte, gibt diefer vorzüglich geleiteten Tageszeitung Gewicht und Anfchen; fic hat der. Entwicklung des zioniftifchen Gedanken in Polen die wertvollften Dieriftc geleiftet. Die „Chwila" ift den extremen Antifemiten in Polen feit je ein Dorn im Auge und es gab fchon mehrfach —; zu¬ BUCHERSTUBE M. RATH BUCHHANDLUNG ANTIQUARIAT LEIHBIBLIOTHEK WIEN, II., TABORSTRSSE NR. 20 a TEL. R-43-1-58 M. RATH’S Neueröffnete Leihbibliothek bielet Ihnen eine reiche Auswahl von Büchern aller Art, insbesondere von Neuerscheinungen im Original, bzw. geschmackvollen Bibliotheksefnband ♦ Außer den deutschen Büchern auch französische, hebräische, jiddische u. Deutsch- Judaica in reicher Auswahl 4 Täglicher Umtausch Den ganzen Tag von 8 bla 6 Uhr geöffnet Monatsgebühr nur S 3*— 4 Keine BandgebQhr letzt. bei den Parlamentswahlen — Wutausbrüche vo,n diefer Seite gegen die* (Redaktion des Blattes, zu denen der Mob dirigiert wurde,. Doch mutig harrt die „Chwila“ auf ihrem exponierten Porten aus; wir wünfehen ihr für die folgenden Dezennien ihres kampfreichen Beftandes Glück und Erfolg in reichem Maße. Aus Anlaß ihres Jubiläums hat die „Chwila“ eine 104 Seiten ftarke Fcftnummcr herausgegeben, die, mit einem Glückwunfch des Präfidenten der zioniftifchen Weltorganifation Dr. Wcizmann cingelcitet, aus den erften Federn des polnifchen Judentums eine wertvolle Ucberficht über zehn Jahre jüdifchcn Lebens in Polen bietet. wie Julius Rosenwald, John Rockefelle r, Felix M. Warburg usw. und hält auif diese Weise die jüdischen Massen in Amerika von einer Beteiligung andern jüdischen Kolonisationswerk Ln Rußland zurück. Die Rede Mereschins klang in eine Apotheose auf den Plan der Schaffung eines jüdischen Landes im fernen Osten aus. «Biro-Bidschan muß ein jüdisches Land werden!» rief Mereschin ln den Saal. «Das Hauptziel der jüdischen Sektionen der kommunistischen Partei ist es,.nicht einen jüdischen Siedlungsrayon ähnlich dem im Distrikt Gherson. bereits bestehenden Kalinin- Dorf-^Rayon zu schaffen, sondern ein großes autonomes jüdisches Territorium erstehen zu lassen. 1 Es ist aber notwendig,» schloß Mereschin, «diese Parole, als einen ‘ weithin hörbaren Schlachtruf «Auf in das jüdische Land!» ertönen zu lassen.» Jüdische Arbeiter werden aus den Sowjetstaatsfaoriken vertrieben «Kornsomolskaja Prawda», das offizielle Organ der jungkommunistisohen Ligen, in denen die heranwaohsende Generation des russischen Kommunismus organisiert ist, teilt mit, daß zahlreiche jüdische Arbeiter, die während der von der Regierung eingeleiteten Bewegung für Heranziehung jüdischer Massen zur Industrie in den S t a a t s f a b r i k e n Aufnahme gefunden haben, freiwillig aus diesen Fabriken ausgetreten sind, weil .sie den Schikanen und Quälereien seitens ihrer antisemitischen Arbeitsgenossen und Vorgesetzten seelisch nicht gewachsen waren. Das Organ der Jungkoroniunisten beklagt es besonders, daß in vielen Orten es gerade Mitglieder der j ungkom mun i s t i s c h e n Ligen sind, die sich in der Verfolgung der jüdischen Arbeitsgenossen hervortun. Die Zeitung führt zahlreiche Einzelfälie an und teilt u. a. mit, daß in der «lHtsch»-Fabrik und in der Mobile wer Nowski-Fabrik mehrere jüdische Arbeiter ihre Arbeitsstätten infolge antisemitische! Verfo 1- ' gung verlassen mußten. Mehrere in einer Fabrik zu Tomake im Distrikt Molitopo! beschäftigte Mitglieder der jungkomdunistischen Liga haben einen jüdischen Arbeitsgenossen schwer' verfolgt und g c q 11 ä 11. Audi nachdem der Fall in der lokalen Presse eingehend besprochen wurde, fuhren sie in ihrem .schimpflichen Werke fort. In einigen Städten ist cs vorgekommen, daß, . die Polizei sich geweigert hat, Juden vor Mißhandlung in Schutz zu nehmen, obwohl sie dazu direkt aufgefordert worden war. In der Stadt Kanewin, Provinz Nischigorod, haben Huiigans eine jüdische Familie namens Goldstein in unglaublicher Weise lange Zeit hindurch verfolgt und mißhandelt. Vor kurzem wurden alte Mitglieder der Familie in ihrer Wohnung überfallen und so schrecklich mißhandelt, daß einige Familienmitglieder schwer verletzt liegen blieben. Die Polizei aber weigerte sich, ger gen die Huliigans vorzugehsn, weil angeblich nicht ge-, nug ,Tatzeugen vorhanden - waren. Aber auch d as O r t s g e r i c h t und die lokale Presse weigerten sich, in die Angelegenheit einzugreifen. Die Erweiterung der Jewish Agency Die Wahl der nichtzionistischen Agency- Mitglieder Polens Aus Warschau wird berichtet: Der Parteirat der zionistischen Organisation . Polens und die polnischen'Aktionskomiteemitglieder hielten eine Sltzunig ab, um über die Form, in der die Wahl der auf Polen entfallenden zwölf Mitglieder der erweiterten Jewish' Agency erfolgen soll, zu beraten. Der Präsident der Organisation L. Levite schlug den Modus .vor,, eine noch zu ernennende kleine Kommission habe eine Pro-Palästina-Konferenz in Polen einzuberufen, 'welche die Wahl der jcwish-Agency-M.it- 1 glieder vornehmen soll; er teilte bei dieser Gelegenheit mit, daß der Präsident der Zionistischen Weltorganisation D r. W e i z m a n n E n deMärzi n Pole n e int reffen und wahrscheinlich an der Pro-Palästina- Konferenz teilnehmen werde. In- 4er Debatte, die sehr s t ü i m ite c h war, forderte Deputierter Griim b a u m im. Namen der. radi-» kalen Gruppe «Al. Harnisch mar», die Delegierten der Pro-Palästina-Kömferenz mögen durch a i 1 g e m e i n e W a h l e n gewählt werden. Die von der Gruppe «Al Hamfischmar» vorgelegten Resolutionen wurden mit 1.3 gegen 10 Stimmen a bgeiehn t uind init demselben; Stimmenverhältnis eine Resolution angenommen, in der die Entscheidung des Zionistischen Aktionskomiite.es in der Frage der Jewish Agency begrüßt, Präsident Weizmanri zum Erfolge seiner Verhandlungen beglückwünscht und die Mitteilung über seinen Besuch Polens mit Begeisterung zur Kenntnis genommen wird. Der Parteirat beschloß, eine f ü n f g 1 i e d r i g e K o m m i ssi on zur Ausarbeitung.eines Planes für die Auswahl der n ich t z i o ni s tis c h e n V e r t r e tc^ Polens in der jewish Agency einzusetzen, der die Direktive erteilt wurde, die Wahl der Nichtzionisten bis Mai d. J. durchzuführen, damit sieh; die Vertreter Polens schon an der konstituierenden Sitzung der erweiterten' Jewish Agency beteiligen können. Eine lebhafte Diskussion entspann sich über die Vorbereitung der Wahl e n zur 9. Landes k o n f erenz der Zionisten Polens. Als. diese Wahlen betreffende Anträge der radikalen Gruppe «AI Hanrisdimar» abgelehnt wurden, verließen Dep. Gr ün b a u m ,uind die übrigen seiner Richtung.amgehöriigen Mitglieder des Parteirates demonstrativ die Sitzung. Stephen Wise gegen die Form der Jewish-Agency Aus New York wird gemeldet: Nach seistcri Rückkehr von der Berliner Aktionskonilteesitzung hat Dr. Stephen Wise ein Pressekommunique publiziert, in dem er erklärt, er bekämpfe nicht das Prinzip der Jewish Agency, sondern nur die Bestimmungen des Abkommens mit den Nichtzionisten, die einer Aufgabe der souveränen Funktion der zionistischen Organisation gleichkommen; die ln dem Abkommen enthaltene Bestimmung, daß im Fälle der Auflösung der erweiterten Jewish Agency ihre Funktionen auf die zionistische Organisation zurückfallem biete eine ungeniigende Garantie, überdies werde ihre Legalität b e s t r i 11 e n. Wicht ausdrücklich abbestellfe Abonnements H gelten als wetferbestehend! Die Sowjetregierung„tadelt“ Weil Marshall über die Beteiligung am Palästina-Aufbau verhandelt — Eine Joint-Anleihe von 8 Millionen Dollar für das Siedlungswerk in Rußland t i