Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 55 (17.1.1929)
- Date
- 1929-01-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 55 me ftTimrr uic OIUBWC Seite 3 kurze Kleider. Auch (Me arabische Bevölkerung hat sich fcorcn dem Modernismus zugewandt, doch stoßen hier die Gegensätze zwischen Tradition, an der die arabische Bevölkerung sehr streng festhält, und den modernen Einrichtungen hart aufeinander. Der Antagonismus zwischen Juden und Arabern kam auch In den bekannten Vorgängen an der Klagemauer zum Ausdruck. Diese Gegensätze werden durch die ordnende Hand des englischen Regimes stark gemildert. Die Sicherheitsverhältnisse im Lande sind sogut, wie in Europa, man kann inj. Gegensatz zu früheren Zeiten sicher und ruhig seines Weges ziehen. Der Wohlstand des Landes scheint nach einer Periode der Depression wieder im Ansteigen begriffen zu sein. Kühne Projekte stehen nahe vor ihrer Verwirklichung, so die Nutzbarmachung des Toten Meeres und die Vollendung des Rutfoenbergschcn Ei ek t ris ie rungs pi a nes. Große Bananen Pflanzungen werden diesen neuen Exportartikel in Kürze für das Land erschließen. Zusammenfassend möchte ich nach meinen kurzen Eindrücken sagen, daß das Land zweifellos im Aufblühen begriffen ist.» Die antisemitischen Ausschreitungen in Buzeu Jüdische Wohnungen und Läden demo* iert — Zahlreiche Juden verletzt — Der Follzeichef abgesetzt D?e In der ungarischen Presse gemeldeten antisemitischen Ausschreitungen in der rumänischen Stadt Buzeu, die wir in unserer vorigen Nummer wiedergegeben haben, werden durch inzwischen eingelangte Nachrichten aus Rumänien bestätigt. Darnach fanden am 3. Jänner in Buzeu ernste Exzesse statt Eine starke Bande Cuzisten zog durch die Straßen und 6chlug in vielen jüdischen Wohnungen und Geschäftsläden die Scheiben ein. Später s t ü r mten Cuzisten Wohnungen und Lädori, demolierten die Inneneinrichtungen und raubten Einrichtungsgegenstände und Waren. Mehrere der jüdischen Einwohner und Geschäftsinhaber wurden mißhandelt und verletzt. Eine Bande Cuzisten drang in die Wohnung des Kaufmannes Molsche Hoffmann in der strada Curcanukti ein und den Goliath schlug, jener Stein endlich, der in Nebukadnezars Traum die Statue zerschlug und die ganze Welt erfüllte, sie sind Symbole für Israels Messias, dessen Reich alle anderen Reiche der Welt in sich aufnehmen ■wird. Die vier Stiche Rembrandfs zeigen den schlafenden Erzvater, den Kampf Davids, die Statue und dfe Vision des Danielbuches von den Weltreichen, sie gehören zu Rembrandts bedeutendsten Schöpfungen, gerade hier, wo die jüdische Mystik triumphiert, scheint die Seele des Genies in jenen Tiefen aufgewühlt zu sein, in der auch das Geheimnis seiner Schöpferkraft ruht. Noch eine jüdische Persönlichkeit ist von Rembrandts Hand verewigt, der portugiesische Arzt Ephraim Bon u s, ein Freund Mc nasses, der ebenfalls in Amsterdam wirkte. Rembrandt malt und radiert ihn 1647, die Radierung Ist in ihrer Echtheit angezweifelt worden, das kleine Gemälde aber vereinigt alle Vorzüge Rembrandtscher Kunst: Ausdruck von Gesicht und Haltung, Lichtbehandlung und Farben technik sind mtibertreffbar. Klar blickt hier das Auge des Diagnostikers, wie der schwere, beschattete Blick des Menasse den Philosophen und Mystiker verrät. Es ist ein schöner Zufall, daß Rembrandt gerade die beiden charakteristischen Typen altjüdischer Gelehrsamkeit porträtiert hat, den Rabbi und den Arzt. Für die jüdischen Kopfe hat er ein besonderes künstlerisches Empfinden, «die jüdischen Bildnisse sind alle schön», sagt Hausenstein in seinem jüngst erschienenen wundervollen Rernbrandt-Buche «sie sprechen seine Initiative, regen seine Sympathie an, wie die stumpfen Modelle der uiederländisch-kalvinischcn Gesellschaft sie lähmen, seine Hand offiziell, pedantisch, ungenial gemacht haben». Das Buch des Menasse mit den Kupfern un-d das Diplom des Bonus von der Universität Bordeaux gehören übrigens zu den Kostbarkeiten, die das zu einem Museum umgewandelte Wohnhaus des Rembrandt in der Judenbreestraat birgt. Rembrandts Schicksal ist bekannt: Unglück in der Familie verfolgt Ihn, die Mitwelt hat kein Verständnis für seine Kunst, 1665 wird er bankerott und muß das geliebte Haus ln der Judenstraße verlassen, die Schüler fallen von ihm ab und gehen mit Zeit und Mode — die Jüdischen Freunde bewahren ihm die Treue. Und seine Beziehungen zu den Juden enden mit seinem Tode nicht; zwei Jahrhunderte fast bleibt er verkannt, da öffnet der erste große jüdische Maler, Josef Israels, die Augen de: Welt für Rembrandts Kunst, wandelt in den Wegen seiner Malkultur und gibt sie als künstlerische Traditior. an Liebermann weiter, den Begründer und Führer de: deutschen Impressionismus. Zu einem wesentlichen zerstörte die gesamte ftmendnricfrtimg. Die Mitglieder der Familie Hoffmann wurden schwer mißhandelt. Auf ihre Hilferufe eilten Nachbarn herbei. Zwischen diesen und den Cuzisten enstand eine Schlägerei; in deren Verlauf gaben die Cuzisten einige Revolverscfctisse ab, die den Schuhmacher Damian Potache töteten, den Handelsangestditen P-o s t o 1 e s c u und dnen zweiten Mann von der Abwehr sehr sch wer verletzten. Einem am Tatort erschienenen Polizeiaufgebot gelang es, als Mittäter, den Beamten Mdiail Negnlescu, den Eisenbahnkassier Dragon»Tresen, den Eisenbahnbeamten Balanescu und den Lyzeumsbeamten Trmactoe zu verhaften. Bei den Verhafteten wurden mehrere Revolver und Dolche sowie antisemitische Manifeste gefunden. Das Innenministerium bestätigt die Meldung von den antisemitischen Ausschreitungen. Der Innenminister verfügte die Amtsenthebung des Polizdchefs von Buzeu. Die Untersuchung hat ergeben, daß ein Advokat namens George Ma reu zu den Ausschreitungen aufgehetzt hat, an denen mehrere Studenten teilnah m e n. Exzesse In der Provinz Posen Aus Danzig wird gemekM: In der Stadt Wengrowiec in der Provinz Posen kam es zu schweren Ausschreitungen gegen den jüdischen Bevölkerungsteil; jüdische Geschäftsläden wurden von dem Pöbel demoliert. Die Polizei blieb untätig, keiner der Huligans wurde verhaftet Zur Bekämpfung des Universitätsantisemitismus Die vom Internationalen Studentendienst einberufene Konferenz von nicht jüdischen und jüdischen Studenten zv Beratung der Probleme des Kampfes gegen den Antisemitismus an den Universitäten der verschiedenen Länder ist am 9. Jänner in Bi er vH Ie in der Nähe von Paris zusammengetreten. Unter den 48 Delegierten der Konferenz sind 25Nichtjuden und 2 3 J u d e n. Die Verhandlungen werden von Mc Ken (England) geleitet. Die Konferenz befaßte sich mit allen Erscheinungen des Antisemitismus an den Universitäten und mit Maßnahmen zu deren Abwehr. Einen besonderen Raum m der Aussprache nahm die Frage der Bekämpfung des Numerus clausus ein. Elin Beschluß hierüber wurde nicht gefaßt im Hinblick darauf, daß die Kommission für intellektuelle Zusammenarbeit beim Völkerbund, die im April 1929 in G en f tagen wird, sich mit der Frage des Numerus clausus befassen wird. Der Täufling als Judenhetzer Vor dem Disziplinarlenat des Berliner Kammergerichte* fand vor kurzem die Bcrufungsvcrharidlung in dem Disziplinarverfahren gegen den Breslauer Landgerichtsrat G e 11 i n ftatt. Gellin war wegen eines Öffentlichen Skandals, den er in einem Bteslauer Weinlokal herbeigeführt hatte, vor dem Disziplinargericht der erften Inftanz zur Verletzung in ein anderes Richtcramt und zu einer Geldbuße von 300 Mark verurteile worden. Sowohl er wie die Staatsanwaltlchaft hatten gegen diefcs Urteil Berufung eingelegt. In der neuen Verhandlung wurde aus den Akten noch einmal der Tatbcdand vorgerragen. Im September 1927 kam eines Abends Gellin in das vollbefetzte Lokal der Krögerfchcn W'inftubc in B r c sl a u, fetzte fich dort an einen Tilch, an dem bereits mehrere Herren faßen und begann gegen das „Berliner Tageblatt" zu fehimpfen. Er Tagte ungefähr: Das „Berliner Tageblatt* ift ein ganz gemeines Judcnblatt, es dürfe gar nicht geduldet werden. Alle Juden find Betrüger. Der am Nebcntifdi fitzende demokratifdic Abgeordnete Hermann trat an Gellin heran und forderte ihn auf, ihm in den Vorraum zum Austaufch der Perfonalicn zu folgen. Gellin, der ein getaufter Jude i ft, rief dem nichtjüdifchen Abgeordneten Hermann zu: „Sic find wohl auch ein folcher Jude!" Die »"her diefes Verhalten empörten Wirtshausgäfto riefen: „Das will-ein deutfeher Richter fein! Sie tollten ficli fch’men!“ Als Abgeordneter Hermann darauf hinwies, daß der preußifche Jufi’zminiftcr mit Gcllins Verhalten zweifellos nicht rinverftanden fei, erklärte Geilin: „Ich lege gar keinen Wert auf den preußifchen Juftizminiftcrl" Der Vertreter der Anklage, Staatsanwalt Rhode, beantragte, die Amtsentlaffung Gellins auszufprcchcn. Nach kurzer Beratung erkannte der Senat gegen den Angeklagten, Landgerichtsrat Gellin, auf Dienftcntlaffung unter Zubilligung von drei Vierteln feiner gcfetzlidien Pcnfionsanfprüchc. In der Begründung des Urteils führte der Vorfitzende, Kammer* gerichtspräfident Tigges, aus, es könne deutfdien Staatsbürgern jvdifchen Glaubens fowie auch anderen Bürgern nicht zuge« mutet werden, vor einem folchen Richter zu crfcheinen. Daß diefer Pfefferkorn nicht gleich feinem erhebender» hiftorifchcn Vorbild auch Ritualmordhctzc betrieben hat, ill wohl nur dem Umftand zuzufchrcibcn, daß diefer Gefchäfts* zweig unter den „echtbürtigen" Antifcmitcn Deutfchlands gut vertreten ift. Da gibt es einen preußifchen Landtagsabgeornetea L e y (Nationalfozialift), der unter dem Schutze der Immun»* tat im „Wcftdcutfchcn Beobachter", einem Hakenkreuzlcrblatt, Teile hüben es die beiden jüdischen Maler bewirkt, daß wenigstens die Nachwelt dem Meister das gegeben hat, was Ihm das Leben versagte. Das Instrument desTalmudisten Bei Festen in Tiroler Dörfern hört gian häufig den angenehmen Klang eines äußerlich sehr einfachen Instruments, das jedoch zu seiner Behandlung große Kunstfertigkeit erfordert Es wird vom Volk «Strohftedel» genannt und ist eigentlich eine Strohzimbel: Auf einer Strohunterlage befinden sich etwa 20 bis 25 Holzstäbe, die mit einem Hammer bearbeitet werden. Dieses Instrument wird für gewöhnlich als ein altes Tiroler Volksgut angesehen; mit dem alten Volksgut ist es nicht weit her, denn die Strohfiedel stammt aus — Rußland und ist knapp 100 Jahre alt. Aber noch schlimmer: das im «chrischtlachen» Tirol so häufig gebrauchte Instrument ist — die Erfindung eines frommen jüdischen Talmudjüngers, und wurde von seinem Erfinder vor zirka hundert Jahren — im Jahre 1828 — zum erstenmal In Wien vorgeführt. An diese Vorführung knüpfen sich interessante Reminiszenzen an das Mettemichsohe Wien. Der Erfinder der Strohfiedel, die dann zum Xylophon wijrde, stammte aus der Gegend von Wilna, hieß Micha Josef G u s i k 0 w und hatte ein merkwürdiges Schicksal: 1808 geboren, hatte Gusikow, noch während er die traditionelle jüdische Erziehung genoß, eine besondere Vorliebe für Musik. Lange währende Versuche führten ihn, als er 18 Jahre alt war, zur Konstruktion der Strohzimbel. In Rußland erregte das Instrument, auf welchem Gusikow Virtuose war, wenig Aufmerksamkeit. Da beschloß der junge Erfinder, welcher den brennenden Ehrgeiz hatte, die musikalische Welt mit seinem Instrument zu bereichern, in das damalige Zentrum der Musik, nach Wien, zu gehen. Unter unsäglichen Mühen kam er nach der Österreichischen Hauptstadt; hier vermochte er sich anfangs nicht durchzusetzen und litt Hunger und Not, die ihn aufs Krankenlager warfen. Zufällig lernte ihn und seine Erfindung der bekannte Humorist Saphir kennen, der damals in der Wiener Publizistik eine große Rolle spielte; ein Aufsatz Saphirs in der «Wiener Theaterzeitutig» machte das musikalische Wien auf Gustkows Instrument und die Virtuosität, mit der er es beherrschte, aufmerksam, und damit begann der Aufstieg des jungen ralmudisten mW dem brennenden musikalischen Ehrgeiz. Gusikow gab sein erstes Konzert ian Saale der Akademie und sein Erfolg war ungeheuer. Ganz Wien sprach von dem neuen Instrument, dessen Wohlklang bezaubernd war, und von dem Künstler, der es meisterhaft beherrschte; es regnete Einladungen für Gusikow in die höchsten Kreise der Wiener Gesellschaft. Bald wurde er aufgefordert, vor Kaiser Ferdinand und dem versammelten Hof ein Konzert m geben. Diese Einladung setzte den frommen Giisikow in nicht geringe Verlegenheit, denn das Konzert war — für einen Samstag angesetzt, ln seiner Ratlosigkeit wandte er sich an das Wiener Rabbi na t, das nach langer Beratung entschied, es sei erlaubt, am Sabbat ein Konzert zu geben. Doch Gusikows Gewissen war damit nicht beruhigt, und er wandte sich mit einem Gesuch am den Kaiser, in welchem er mit Rücksicht auf seine religiösen Anschauungen die Verschiebung des Konzerts auf einen anderen Tag erbat. Sie wurde ihm gewährt. Es muß ein sonderbares Bild gewesen sein, das sich bei diesem Konzert darbot: im Zuschauerraum der Prunk des kaiserlichen Hofes, auf dem Podium ein schmächtiger junger Mann von kränklichem Aussehen, mit dem traditionellen Samtkäppchen und mit Schiäfenlocken. Diese Schläfenlocken kamen übrigens bald darauf in der Wiener Damenwelt in Mode, die sich «ä la Gusikow'» frisieren ließ! Auch diese Locken als Damenfrisur sind inzwischen vor einiger Zeit wieder auferstanden. . Gefeiert und verhätschelt, verblieb Gusikow einige Monate in Wien, spielte auf seinem Instrument bei Soireen der höchsten Gesellschaft, unter anderem auch beim Fürsten Metternich, trat mehrmals in öffentlichen Konzerten auf und war ein Liebling des Publikums. Von Wien ging er nach Deutschland, Belgien und Frankreich und führte seine Strohzimbel überall mit großem Erfolg vor, war auch häufiger Gast an den königlichen Höfen. Gusikow, der von seinen Zeitgenossen als gutherziger, kindlich-naiver Mensch von einfachem, sympathischen Wesen geschildert wird, erlag im Jahre 1837, kaum 29 Jahre alt, in Aachen einem jener NervenanfäHe, die ihn schon von früher Jugend an heinigesucht hatten und auch des öfteren während seiner Produktionen vorkamen. Sein Grab ist vergessen. Das Instrument, das Gusikow konstruiert hatte, verbreitete sich zur damaligen Zeit sehr stark, erhielt sich aber in seiner Originalform nur in T i r o 1. In der Instrumentalmusik fand es zum erstenmal durch Saint-Saens in dessen bekanntem Orchesterstück «Danse inacabre» Verwendung. Es erhielt bald darauf eine modifizierte Form, indem an Stelle der Strohunterlage Filzplatten unter die Hölzchen gelegt sind; so ist es als Xylophon im allgemeinen orchestralen Gebrauch. E. G. F.