Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 55 (17.1.1929)
- Date
- 1929-01-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 2 DIE STIMME Nf. 55 €«/£ Produktenbörse Wien, ll.,Taborstraße10 Monumentalstes Kaffeehaus Wiens Behaglich durchwärmt! Rauch- und dunatfrei! Ausgezeichnet ventiliert! Am Abend: Treffpunkt der jOdlachan Intel igenz und der Z;onisten aller Fwchiungen sowie der ]Qdlsoh-akademl8chen Korporationen und Vereine Achtung I Zwei Prozent der geeamten Abendlotung werden allmonatlloh dem Keren Hajeseod abgetührt Es ist zu hoffen., daß dieser auch mit der Wendung zum Besseren Zusammenfalle. Die aktiven Kräfte im Wiener Zionismus mußten zusammengeschlossen werden, damit alle Energien auf den Aufbau der Organisation verwendet werden können. Im Landeskomitee und um dieses herum ist ein wirklich lebendiger Zentralpur.kt zu schaffen, der seine nach allen Richtungen der Peripherie wirkende Kraft bewähren soll. Dann erst kann unseres Erachtens an den Ausbau der Einzelteilen, der Gruppen und Sektionen, geschritten werden. Wir sind eine demokratische Organisation, die auf Freiwilligkeit aufgebaut ist, darum bedürfen wir am allemöttgsten eine starke öffentliche Meinung im Zionismus, die jeden Einzelnen moralisch verpflichtet. Sie ist nicht zu schaffen, indem man jedermann in alles dreinreden läßt, wodurch das Uebel nur noch vermehrt wird und es ist ein starker Irrtum, als wäre dieses Chaos identisch mit Demokratie. Wir brauchen, schon aus Erziehungsgründen — der jüdische Sinn für Selbstverwaltung ist sehr unentwickelt — eine wahre Demokratie an Stelle ihres vorhandenen Zerrbildes, deren einzige Grundlagen sind: daß ü b e ra 11 der rechte Mann am rechten Platze stehe und daß ferner ein organisches Verhältnis herrsche zwischen Führern und Geführten, weil rechte Demokratie ohne Führer undenkbar ist. Organisation hängt mit Organismus zusammen, ein mechanisches Gefüge verdient jenen Namen nicht. Nur auf dem hier angedeuteten Wege wird sich eine Organisation schaffen lassen, die sich auf zahlreiche lebenskräftige Einzelzellen stützen kann. Dannwird man erkennen, daß nicht die nackte Zahl entscheidend ist, daß wenige richtige Leute an der Spitze einer Gruppe mehr Kraft und Wirkung bedeut:n als eine zahlreiche Mitgliedschaft auf dem Papier. Dann wird auch die Einzelgruppe ihre klaren Ziele haben, während man jetzt vielfach im Finsteren tappt und sich — aus Verlegenheit — mit der Abwicklung von Vortragsprogrammen befaßt, die so bunt sind, daß sie gar keinen Wert haben. Die zionistische Sektion ist keine jüdische Volkshochschule und cs hat gar keinen Sinn, einem gar nicht homogenen Publikum ein s? melsurium von Vorträgen aus den verschiedensten Gebieten vorzusetzen. Eine richtige Organisation bedarf natürlich e:ne6 beamteten Apparats, der aus eme' Reihe von qualifizierten Sekretären bestehen müßte. Mittel dafür wären durch ELnhebtmg der Organisattonsbeiträge ohne j Mühe zu beschaffen — die lebendige Organisation I eben vorausgesetzt. Daß wir endlich aufhören müssen, die zionistische Inzucht zu überwinden und mit systematischer Propaganda und Jugendarbeit zu beginnen, liegt auf der Hand. Diese Tätigkeiten müssen natürlich auf geistigen Grundlagen beruhen und der bloßen Phrase aus dem Wege gehen. Der Zionismus hat nichts an attraktiven Kräften eingebüßt, wenn wir es verstehen, ihn in den breiten Strom der zeitgemäßen geistigen Bewegungen einzubetten, ihn historisch, soziologisch und jüdisch-menschheitlich (was man sonst «national» nennt) zu fundieren und diese attraktiven Kräfte gilt cs zu entfalten; nicht zuletzt die heute schon wirkende Tatsache der palästinensischen,Realität, daß die öst'rreichischen Juden — auch die Zionisten selbst — /er intensiveren geistigen Berührung mit Palästr t bedürfen, wird kein Kenner der Sachlage bestreiten. Palästina muß ebenso imstande sein, uns in Bewegung zu setzen, wie eine Wahlbewcgung oder sonstige, mit gewissen persönlxhen und lokalen Emotionen verbundene, an sich durchaus notwendige Aktionen. Der Kampf in den eigenen Reihen wird auch gegen das zu führen sein, was man «zionistische Assimilation» nennen könnte. Wir müssen uns, was unsere Aktionen, unser ganzes Auftreten anlangt, aus jüdischem Geist und Vorbild orientieren, nicht an irgendwelcher Art politischen Auftretens, wie mar. es im allgemein-politischen Leben lernen kann. Ebenso ist allem scheinparlamentarischen Tun entgegenzutreten, das auf unsere Verhältnisse nicht paßt und sich nur schädlich ausv/irkt. ( Das PrÖDlem unserer Organisation wird unseren nächsten Delegiertentag ernstlich beschäftigen müssen. Es. ist nötig, daß der Delegferfentag entsprechend vorbereitet und daß der Frage der Organisation sowie der Schafi'ui.g des inneren Friedens innerhalb derselben ein breiter Raum eingeräumt werde. Solange unsere Organisation nicht gefestigt ist, haben wir das moralische Recht nicht, zu den grundlegenden Fragen in unserer Bewegung von heute Stellung zu nehmen. Iwrk Ein Land im Aufblühen Von Professor Dr. Theodor Innitzar (Rektor der Wiener Universität). (Au# einem Gespräch.) Der derzeitige Rektor der Wiener Universität, der Professor der tl»e elegischen Fakultät Doktor fnnltzer weilte kn Sommer dieses Jahres In Palästina. Der Rektor hatte die Freundlichkeit unserem R. S.-Mitarbedter (Iber seine Retseeindrücke das nachstehende mit zu teilen-' «Leider konnte ich mich im heurigen Sommer nur ganz kurze Zeit m Palästina aufhalten, so daß ich mir von der Entwicklung des Landes kein ins Detail gehendes des Bild machen kann. Ich war bereits einmal vor 20 Jahren in diesem Lande und kann daher in großen Umrissen sehr wohl Vergleiche zwischen der heutigen •und damaligen Lage Palästinas ziehen. Das Land hat während dieser Zeh einen ungeheuren Aufschwung genommen'. Besonders hervorzuheben sind die erstklassigen modernen Autostraßen, die jetzt ganz Palästina durchziehen. Brauchte ich vor 20 Jahren zu einer Reise von Afuleh nach Bethlehem vier Tage, so konnte ich diese Strecke jetzt mit dem Automobil in vier Stunden zurücklegan. Mit dem Fortschreiten der Zivilisation hat auch der Wohlstand der Bevölkerung zugen ommen. Wie mir von verläßlicher Seite mitgetettt wurde, hat an dem Aufschwung des Landes gerade die einwandernde Jüdische Bevölkerung einen hervorragenden Anteil genommen. Au-f mich haben die jüdisch en Kolon ien, die ich leider nur auf der Durchfahrt kennen lernen konnte, den besten Eindruck gemacht. Die jüdische Bevölkerung hat sich sehr gut in den Beruf des Ackerbaues gefunden und leistet auf diesem Gebiete sehr Ersprießliches. Die hebräische Sprache ist Im Lande als dritte Landessprache überall gebräuchlich. Durch die Einwanderung wurde das Land Im europäischen Sinne modernisiert Besonders bemerkt man das bei der Kleidung. Die Damen tragen im ganzen Lande schon kurze Haare und Rembrandts Judenporträts Von Dr. Robert Sonnenwald (Graz). Karl V. vereinigte 1520 das Erbe von Vater und Großvater, Spanien und die Niederlande, in seiner Hand. Bald ging er daran, auch in seinen Niederländischen Erblanden die inquisitorischen Regierungsformen Spaniens zu etablieren, da ihn namentlich die Tatsache erschüttert hatte, daß die nach Italien und der Levante entkommenen Marranen trotz allen Bekehrungseifers, den man auf sie verschwendet hatte, sofort wieder zu ihrem Judentume zurückkehrten. Aber die Einführung der Inquisition und andere scharfe Maßnahmen stießen auf den heftigsten Widerstand der reichen und stolzen Provinzen, ihre selbstbewußten Adeligen und Bürger hielten nicht nur an den überkommenen Freiheiten und Privilegien fest, sondern wandten sich überdies dem eindringenden Protestantismus zu, der sic nun auch in eine Gegensätzlichkeit der Weltanschauung zu den spanischen Herrschern brachte; das Ergebnis blutiger Aufstände und Kämpfe war schließlich der Abfall der sieben nördlichen Provinzen und ihr Zusammenschluß zu einer selbständigen Republik 1579. Sehnsüchtig richteten sich die Blicke der Marranen nach diesem Lande der Freiheit, der ersten Glaubensfreiheit in Europa. 1593 schon kommt eine jüdische Gruppe nach Amsterdam, das als Zentrum des neuen Staatswesens im Aufstiege zu Glanz und Wohlstand war und dem der Verkehr mit aller Weit, die Berührung mit fremden Rassen, Kulten und Kulturen den Weitblick der Duldsamkeit, aber auch das Verständnis dafür gegeben hatte, daß ein aufblühendes Wirtschaftsleben nach Ruhe und Toleranz verlangt. Gerade die jüdischen Einwanderer erfreuten sich einer gewissen Begünstigung in bewußter Reaktion auf ihre Verfolgungen in Spanien, gegen das man im politischen, religiösen und wirtschaftlichen Kample stand. Dazu kam die Tatsache, daß die herrschend gewordene kalvinische Kirche viele wesentliche Züge ihrer geistigen Konzeption dem altjüdischen Schrifttume entlehnt hatte, daß dieses Schrifttum das Interesse aller und besonders auch der gelehrten Kreise fesselte und daß es, indem man geradezu in seiner Ideenwelt lebte, ein fundamentales und gegenwärtiges Kulturgut bedeutete, wie etwa die Antike für die Renaissance. Rasch wuchs unter so günstigen Umständen die Gemeinde in Amsterdam, dem «Neuen Jerusalem». Bedeutende jüdische Menschen warfen alle äußeren Ehren Spaniens von sich, gaben Adel, hohe Stellungen ln Staat, Heer, Kirche auf, um sich hier wieder frei zu ihrem Judentume bekennen zu dürfen; die Feinheit Ihrer Erziehung, die klassische Bildung, die Erwähltheit der Umgangsformen aber brachten sie mit sich und bald hatten sie in der neuen Heimat als volle Menschen un>d Bürger Umgang mit der christlichen Gesellschaft Der blühende Humanismus Amsterdams empfing reiche Anregung von ihnen, unter denen es Dichter, Denker, Philologen, Aerzte gab, durch jüdische Initiative wurde andererseits das wirtschaftliche Leben gefördert, das großzügige Möglichkeiten bot, z. B. den Handel mit den Brüdern in Italien und im Orient, Beteiligung an den kolonialen Geschäften Hollands wie der Ost- und Westindischen Kompanie, Leitung von Bankhäusern um' anderen Unternehmungen. Bemerkt muß dabei werden, daß an die religiöse Führung der jungen Gemeinde große Anforderungen gestellt waren, da viele ihrer Mitglieder, in fremdrei-igiösen Anschauungen aufgewachsen, für ihre Opfer besondere Freiheiten beanspruchen zu dürfen glaubten. Die Strenge der um die Reinheit der Lehre besorgten und dazu in einer gewissen inquisitorischen Ideologie lebenden Rabbinen verursachte verschiedene Spaltungen, die erst 1639 zur Konzentration und Einsetzung eines Rabbinatskolleglums führten, welches von der weltlichen Obrigkeit die volle Gerichtsbarkeit in Glaubenssachen hatte und von dieser manchmal leider allzureichüchen Gebrauch machte. 1632 zieht es den jungen Rembrandt nach Amsterdam, in dessen reichgewordenen Bürgern Sinn und Bedürfnis für Kultur und künstlerische Werte erwacht war. Gar bald interessiert ihn das fremde Volk des Ghettos, Sympathie und Verständnis keimen in de Genialen, der nicht nur in seiner Kunst einzigartig ist, sondern auch in seinem Menschentum die verhältnismäßig liberalen Anschauungen von Zelt und Ort noc' überflügelt. Zum menschlichen Interesse kommen künstlerische Momente: malerische Modelle, charakte ristisehe Köpfe, orientalischer Lebensrhythmus fesseln ihn, seine zahlreichen biblischen Darstellungen sind belebt von den Erscheinungen, die das wirkliche Leben des jüdischen Volkes ihm bot, namentlich seit er 1639 sein Heim in der Judenstraße aufgeschlagen halte. Rembrandt malte eine ganze Reihe von jüdischen Modellköpfen, 46 seiner Gemälde behandeln altjüdlsche Themen, die Patriarchenlegende, Simson, David, die kongeniale Wucht der Danielsohen Vision entringen sich seinem Pinsel und befeuern ihn zu seinen tiefsten und schönsten Werken, zahlreiche Radierungen aus dem gleichen Stoffgebiet reihen sich an. 1630 malt Rembrandt da« Porträt des Saimie! Menasse ben Israel, das uns leider nur mehr in e ner gestochenen Kopie erhalten Ist, aus dem gleichen Jahre stammt auch dessen Porträtradierung. Hier handelt es sich nicht um ein Modell, sondern um eine bedeutende Persönlichkeit, die in Leben und Werk als Typus für die jüdische und die allgemeine Kultur der Zelt gelten kann. 1604 in Lissabon geboren, kam Menasse in früher Jugend nach Amsterdam, wo er schon mit 18 Jahren Rabbiner, später Mitglied des ersten Räbbinatskollegiums wird. Er ist von tiefer jüdischer Gelehrsamkeit, beherrscht dabei das allgemeine Wissen der Zeit, darunter die christliche Trilogie und zehn Sprachen, und entwickelt eine reiche literarische Tätigkeit, zu der er sich einer eigenen Druckerei bedient Durch seine Gattin, eine Urenkelin Isaaks Abarbanel, mit den höchsten jüdischen Kreisen verbunden, gehört er zu den Juden, die mit den bedeutendsten zeitgenössischen Gelehrten Umgang pflegen konnten, gehört er zum Freundeskreis des Rembrandt Von Interesse ist auch eine Art diplomatischer Tätigkeit, die darauf ausging, den Juden wieder den seit 1290 verwehrten Aufenthalt in England zu ermöglichen. Die Nöte der Zeit, die Wirren eines 30jährigen Krieges hatten überall in Europa mystische Bewegungen hervorgerufen, von denen sich die Judenheit nicht frei halten konnte und wollte, zumal da gerade hier ein Gegengewicht zu oft allzu trockenen und kasuistischen Disziplinen gegeben war. Auch Menasse entzog sich dieser mystischen Stimmung nicht, besonders seit sich das Gerücht verbreitet hatte, daß dleverlorenenzehnStämme Israels in Amerika aufgefunden worden seien; Jetzt konnte zum mes^sianischen Zeitalter nichts mehr fehlen als die Erfüllung des Schrift Wortes, daß das jüdische Volk vorher über alle Welt zerstreut sein müsse: darum Menasses Bemühungen um England» seine wiederholten! Petitionen an die Parlamente Cromwells, sein Aufenthalt in England 1655/50, dem (He Schrift «Rettung der Juden» entstammt; dieses Wenk, die ewigen Anwürfe gegen das jüdische Volk abwehrend, Ist der deutschen Literatur durch die Uobersetzung Moses Mendelssohns einverleibt, der in einem glänzenden Vorwort auf die leider stete Aktualität des Themas folmvelst. Menasse ben Israel hat übrigens durch diese seine Tätigkeit mit den Grund zu jener judenfreundlichen Mentalität Englands gelegt, die sich heute in dessen positiver Einstellung zum Zionismus äußert. Die Freundschaft zu Rembrandt hat die Jahre überdauert, 1655 schmückt der Meister das Buch «Piedra gloriosa» («Der kostbare Stein») des Menasse mit * Kupferstichen. Das Werk entstammt mystischer Vorstellungaweit und ist zur Erhöhung des Jüdischen Namen« geschrieben. Der Stein, auf den Jakob in Oeth-Bl das Haupt bettete, als Ihn der Traum aus den Irdischen Niederungen entführte, der Stein, mit dem dann David