Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 55 (17.1.1929)
- Date
- 1929-01-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jänner 1929 einberufene außerordentliche Plenarsitzung des Kirltusvorstandes hat den uniönistisch-agudistischen Herren in der Kultusstube so recht deutlich den Beweis erbracht, daß es mit der alten Majoritätsherrlichkeit der «Unions- Leute endgültig vorbei ist und daß sie mir durch ein «eorriger Ja fortüne», durch -rech thef'bprjsches riiniwegsetzen. über stäfirtarisßbe Bestimmungen und durch .Rechtsbeugungen ihren W«l~ len durclizusetzen in der Lage sind.; Ihr Gefasel, daß sich durch das Ergebnis der Wahüen am 2. Dezember 1928 eigentlich nichts geändert -habcj däß" die Zionisten lediglich ein Mandat auf Kosten der Misrachisten gewonnen haben, daß aber die alte u-nionistisch-atgudistische Majorität genau so stark dastehe,; wie in der vorigen Arbeitsperiode, wurde diesmal grü-ndi-ioh widerlegt. Der. erste Punkt der Tagesordnung der außerordentlichen Plenarsitzung lautete nach Vorschlag des V er trete rk ollegiums: «Ermächtigung des Präsidiums zur Durchführung von Auszahlungen im Rahmen des vom Plenum am 21. November 1928 beschlossenen Budget-Provisoriums.;» Her-r Dr. Jakob Ehrlich stellte namens des zionistischen Klubs den Antrag, daß nicht das Präsidium, sondern der Präsident zur Durchführung der Auszahlungen ermächtigt wird mit der Begründung, daß die beiden Vizepräsidenten illegal and Statutenwidrig gewählt worden sind und daß seine Gruppe daher zu diesen beiden Mitgliedern des Präsidiums kein Vertrauen besitze. Die werktätige Gruppe gab durch Herrn Doktor Rudolf Glanz eine Erklärung im gleichen Sinne ab. Da die Herren sofort konstatierien, daß sie in der M in o r i t ä t seien, also -in jenem Zustande, der ihnen für diese ganze Arbeitsperiode beschieden ist, versuchten sie die Abstimmungen über diesen Antrag mit Gewalt zu verhindern. Der Referent, Herr Reg.-Rat Doktor Oppenheim, — er hätte sich offenbar in den ihm vom Bureau übergebenen Unterlagen vergriffen und erstattete einen Vorbericht für die ordentliche Budgetdebatte, statt dem Plenum mitzuteHen, um was es sich bei dem gestellten Anträge handelt, nämlich, daß die Subventionen auch im Jänner in der'Höbe des Vorjahres ausgezahlt werden sollen — erklärte zunächst, der Antrag des Dr. Ehrlich sei statutenwidrig und könne überhaupt nicht zur Abstimmung gebracht werden. Baora-t Ke-mpler versuchte, seine «politisch« Reife» durch eine unlogische und unsinnige Argumentierung darzutu-n, indem er die Meinung aufstellte, der Antrag des VertreterkoHegiums enthalte überhaupt keine Bestimmung, wer zur Durchführung dieses Beschlusses beauftragt werden soll. Nachdem, durch fast eine Stunde die Abstimmung sabotiert worden war, kam Reg.-Rat Dr. Oppenheim auf die «glückliche» Interpretation des Antrages des Herrn Dr. ^rlich dahingehend, daß § 24 des Statutes die Vizepräsidenten zu Stellvertretern des Präsidenten in dessen Verhinderungsfall bestimmen, so daß also er ebenfalls für den Antrag Df. Ehrlich stimmen könne. Somit wurde der Antrag Dir. EhrUchs mit alten gegen die Stimmen der Herren Kempler, Dohan, Buchwald, Dr. Deutsch und Dr. Omstein zum Beschluß erhoben. Dabei machte Dr. Ornstein die ganz interessante Bemerkung, daß er für den Fall der Annahme des Antrages Dry Ehrlichs niemals für eine Auszahlung der-Subventjpnen ysein werde. •; Sodann wurde hoch das. ve tvein f kcht e V e r- '.i&thtj&n: für die V ors chreibun4 d.cr Kü Itussteu-er pro 1 92 9 einhellig beschlössen. Der 16. Zionistenkongreß in Zürich? ’ Er Öffnung am 23. Juli Wie die jüdische Preßzentrale, Zürich, aus zuverlässiger Quelle erfahren haben wiili wird der 16. Zionistenkongreß in Zürich stattfinden. Das Zionistische Aktionskomitee hat bekanntlich beiseiner letzten Tagung an Berlin beschlossen, daß der 16. Kongreß am 25. Todestage Theodor Herzls, dem 20. Tarni-nu« (d. i. 28. Juli 1929) eröffnet werden soll. Die Wahl des Ortes wurde der Exekutive überlassen. Wie nun die oben erwähnte Agentur mitteilt, steht die Wahl Zürichs als Kongreßort in den maßgebenden Kreisen bereits fest und bedarf nur nochdes formellen Beschlusses der Exekutive. Amerikareise von Colonel Kish Der Vorsitzende der Zionistischen Exekutive in Palästina, Colonel F. H. K i s h, ist in London dngetroffen. Colonel Kish tritt am 20. Jänner die Reise nach den Vereinigten Staaten an, wo er an der demnächst beginnenden Kampä-gne für den United Pafestine Appeal teHoehmen wird. (Die geplante Amerikareise Nahum Sokolows dürfte wegen des schmerzlichen Todesfalles in seiner Familie vorläufig unterbleiben* -- Die Red.) Auch Kanada will eine „Quote“ schaffen Für Immigranten aus Mittel- und Osteuropa. Aus Ott a w ä wird gemeldet: Der Premierminister von Kanada gab im Parlament eine Erklärung ab, daß die Regierung zur Erleichterung der Wirtschaftslage im Lande die Einwanderung aus Mittel- und Osteuropa so stark als möglich cinschränken werde; in der gesamten öffentlichen Meinung Kanadas herrsche Unzufriedenheit über den großen Einwänderungsstrom aus den n 1 c h t p r i v ilegi-erteti Ländern (das sind die meisten Staaten Mittel- und Osteuropas, — Die Red.), der für Kanada sehr ungesunde Erscheinungen im Gefolge habe. Dieser Erklärung gemäß ist bereits für die allernächste Zelt die Einbringung einer Regierungsvorlage im kanadischen Parlament zu erwarten, durch welche die Einwanderungsmögiich'keit aus den mchtprivilegier ten Ländern stark gedrosselt wird; es dürfte nach dem Muster der Vereinigten Staaten eine Quote für Immigranten aus diesen Ländern geschaffen werden. Die im redaktiondien Teil -befindlichen entgelt- Üchen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet. Beachten Sie in dieser Nummer u. a. folgende Aufsätze und Belichte: Die Sowjetregierang «tadelt». Was will Herr Stricker? Von Dr. Leo Goldhammer. Rembrandts Judenporträts. Von Dr. Robert Sonnenwald (Graz). Der Täufling als judenhetzer. Das Instrument des Talmudistem Von E. G. F, Ist Puccinis’ «Turandot» ein Plagiat? Wahltag in TeJ-Ayiv. Von J. G a 1 - E s e r (Jefttsafen?). Der' Mann, der die kürzesten Werke schreibt Hunger! (Erzählung). Von J. Opatoschu {New Voik); Sport, Schach, Rätsel, Humor. " ■ ..m-.r—yv....,.;i. Desorganisation In nicht zu ferner Zeit wird die zfonlsfrsche Organisation Österreichs Ihren Delegiertentag abhalten, auf dem wohl das brennendste Problem, die Stärkung der Organisation, im Vordergrund stehen wär-d. Der nachstehende Aufsatz, der die Bedeutung der Organisationsfrage für aide Gebiete zionistischer Täitigkeit eindringlich erörtert, soll'den Auftakt zu einer Diskussion bilden, für welche unser Blatt allen, dSe das Problem ernsthaft behandeln wollen, gern zur Verfügung steht, damit rechtzeitig der Boden für die sachliche Behandlung der wichtigsten Frage des Delegiertentages 'vorbereitet werde. Die Redaktion. Der Erfolg unserer Liste bei den abgeäaufenen Kultusgememdewahlen 5 auch manchem Zionisten überraschend. gekommen, denn man schloß von dem schlechten Zustand der O r <g a n l s a t * o n auf die Unmöglichkeit, größere Massen in Bewegung setzen zu können. Es ha/t sich nunmehr wieder erwiesen, daß unsere innere Stänke umgebrochen ist, daß es in Wien — Wähler und N-ichtwähler, Frauen und Jugendliche — nach wie vor Tausende von guten Zionisten gibt. Das Bedauerliche ist, daß die Organisation gar kein festes Gefüge hat, daß ihr also das fehlt, was eine Organisation eigentlich erst zur solchen macht, und hier gilt es endlich einzugreifen. Es ist eine merkwürdige und oft beobachtete Erscheinung, daß Juden, die doch auf so manchem Gebiete (Welthandel, Großindustrie, Schiffahrt, Versicherungswesen) sich als erstrangige organisatorische Kräfte erwiesen haben, versagen, sobald sie steh auf jüdisches Gebiet begeben. Der Schöpfer der zionistischen Organisation, Theodor Herz!, hat sich nicht zuletzt als organisatorisches Genie erwiesen — aber der Ausbau, die Festigung der von ihm geschaffenen Organisation Ist eigentlich bis heute ein nicht ganz -gelöstes Problem geblieben. Was nun speziell die Organisation des Österreichischen Zionismus anlangt, so ist dessen Geschichte eigentlich eine Kette von Unterlassungen und ein Bdd organisatorischen Unvermögens. Es ist dam Wiener Zionismus im Laufe der Jahre gelungen, mit mancher Gegnerschaft fertig zu werden, einen ganz großen Kreis von Juden außerhalb des Rahmens seiner eigentlichen Anhänger irgendwie zionistisch zu «infizieren» und deutliche Sympathien für Palästina in vielen jüdischen Schichten hervorzurufen — eine wirklich gute zionistische Organisation hat es in Wien eigentlich hie gegeben. Bis aus verschiedenen Ursachen her ln den letzten Jahren unser organisatorisches Gefüge einen wahren Tiefpunkt erreicht hat.