Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 54 (10.1.1929)
- Date
- 1929-01-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 54 kluger, wie witziger Jurist eirun «Grenz fall» genannt Hat 1k1 dem die Grenzen des Möglichen um ein gutes Stück überschritten zu sein scheinen.'' Die Nichtigkeitsbeschwerde, tifc der Verteidiger Hnlsnianns überreicht hat, ist noch nicht erledigt: aber die Kreise, denen daran gelegen ist, daß kein zweiter Prozeß Malsmann stattfinde oder wenn dieser zweite Prozeß doch stnitiindef, daß ihm eine möglichst ungünstige Atmosphäre geschaffen werde, — diese Kreise, die einen unwiderruflich verurteilten Halsmann für ihre antisemitische Prop a g a n cf a brauchen, beginnen. bereits eine tendenziöse Gerüchtemacherei. Das Organ der stärksten antisemitischen Partei Oester-: reichs, die christlichsoziale «Reichspost» hat diesem Treiben ihre Offiziösität — sie ist ja das Organ der Regierung Seipel — zur Verfügung gesteht In einer {deinen Notiz läßt sich die «Reichspost» melden, daß der Hüttenwirt Eder, der in unseren Darlegungen über den Innsbrucker Prozeß eingehend behandelte Kronzeuge gegen Halsmann, einen Drohbrief erhalten habe, der (die oRerchspost» muß schon den «zuag’rasten» Ausdruck, der jetzt folgt, hinnehmen, die deutsche Sprache hat keinen treffenderen) ausgerechnet — in Versen abgefaßt ist. Drohbriefe waren und sind stets ein guter Effekt, der a*uf primitive Gemüter seine Wirkung nicht verfehlt; Kino und Kolportage arbeiten damit und — die Reportage der «Reichspost» (die ja auch im Erfinden von Attentaten geübt ist). Der Zweck ist Mar: es soll bewiesen werden, daß «Juda an der Arbeit» ist Wie vertrottelt aber diese Mache inszeniert wird, beweist schon der Zusatz «in Versen»; so ein Drohbrief, der etwa beginnt: «Mei Haber Eder, di kennt a jeder,» der ist wirklich geeignet, in Angst und Schrecken zu setzen! Er ist wahrhaftig ein ernstes Warmm-gszeichen! Aber die Notiz der «Reichspost» läßt es bei diesem einen «Beweis» für die «Umtriebe» nicht bewenden; sie meldet auch noch, in der Gegend, wo sich die «Affäre» abgespielt hat, würden seit einiger Zeit bei verschiedenen Personen verdächtige Umfragen und Nachforschungen angestellt. Die Tücke dieses Teiles der Meldung ist unverkennbar; es soll dartun,.daß auf ciie bisher, ach, so unvoreingenommenen Zillertaler Zeugen Einfluß genommen werde, um sie etwa einzuschüchtern oder sonst «gefügig» zu machen. Wer tut dies alles? Darüber schweigt die wackere «Reichspöst» gründlich. Wir sind überzeugt, — diesem kurzen «Präludium» werden noch weitere Wühlereien' der «Reichspost» und ihrer Gesinmingsverwändten ' folgen; wir werden' k e i ne dieser recht durchsichtigen «Meldungen» unbeachtet las se n! Der- Vollständigkeit halber geben wir noch eine Nachricht der Innsbrucker Presse wieder, nach welcher der Untersu c h u n gs ra c h t e r und der S t a at sanwalt im Innsbrucker 1 Inlsmaunprozeß ihre Stellen verlassen, der Staatsanwalt, um sich der juristisch-akademischen Karriere zu widmen, der Untersuchungsrichter infolge Uebernahmc einer anderen richterlichen Funktion. Beduinenüberfall auf die Kolonie Chedera Ein neues Werk des arabischen Hetzers Wadie Bustani Aas Jerusalem wird gemeldet: Am 2. Jänner erschien ein Trupp arabischer Beduinen auf den Feldern der jüdischen Bauern der Kolonie Chedera und vertrieb die Kolonisten, die gerade mit Pflugarbeit beschäftigt waren. Alsdann zerstörten die Beduinen die um die Felder gezogenen Zäune. Sie erklärten den Kolonisten, der Boden gehöre Ihnen. Die herbeigerufene Polizei verhaftete die angreifenden Beduinen, ließ sie aber gegen Kaution frei. * Es handelt sich um einen Beduinenstaimm, der seit vielen Jahren auf den Böden der Kolonie Chedera sein Vieh weidete, ohne hierfür ein Entgelt zu leisten oder sonst irgendwie Rechte auf den Boden zu haben. Die BÜCHERSTUBE M. RATH BUCHHANDLUNG ANTIQUARIAT LEIHBIBLIOTHEK WIEN, II., TABORSTRSSE NR. 20 a TEL R-43-1-58 M. RATH’S Neueröffnete Leihbibliothek biete« Ihnen eine reiche Auswahl von Büchern aller Art insbesondere von Neuerscheinungen im Original, bzw. geschmackvollen Bibliothekeeinband O Außer den deutschen Büchern auch französische, hebräische, jiddische u. Deutsch- Judaica in reicher Auswahl ~ Täglicher Umtausch Den ganzen Tag von 8 bis 6 Uhr geöffnet Monatsgebühr nur. S 3*— . ♦ Keine Bandgebühr Kolonisten haben ihnen auch weiterhin das Weiden des Viehs auf den Böden der Kolonie, soweit, diese,nich/t.angeb aut worden waren,, freiwillig gestattet. Als: dann diese Böden in Anbau genommen wurden, fanden sich die Beduinen,, denen andere Weideflächen .zur Verfügung stehen; mit.dieser Tatsache:ab.Tn der vorigen' Woche aber besuchte sie'der berüchtigte arabische Hetzer W a d ie BÜ s t a n"i, der schon oft arabische. Beduinen gegen jüdische Kolonien gehetzt hat,■..‘und forderte sie .auf, ihr vermeint!iches Recht an dem Boden der Kolonie "Chedera durch g e w a 11 s am cBe s i't zeegreifung geltend zu machen., Die Hetze mit den „Weisen von Zion“ Das Organ des Obersten m o s 1 e m i t isehen Rates druckt seit längerer Zeit. die.berüchtigten «Protokolle der Weisen von Zion», ab. Nun hat schwichtigcn und sie mußten, ohne etwas ausrichterl zu können, in den Reichstag zurückkehren, zumal die Demonstranten auch gegen sie aggressiv wurden lind Rufe ertönten, auch Liberale vom 13. März seien Verräter: . Die Anklage und das . verurteilende Erkenntnis gegen Goldmark gründete sich auf zwei Zeugenaussagen, und zwar des Michael Pauly, Hausinspektors des Kriegsministerialgebäudes, der behauptete, daß. Goldmark die Menge zur Fortsetzung rhrer Nachforschungen nach dem Grafen Latour dadurch aufgefordert haben soll, daß er, als Pauly der Menge zurief, der Minister sei nicht zu Hause, dazwischenrief; «Glaubt ihm nicht, er (Latour) ist im Hause.» Weiters hatte der Ministerialkuricr Karl Höchsm an n angegeben, Goldmark sei unmittelbar nach der Ermordung Latours auf der Aula erschienen und hätte dort laut seine Freude über dieses Ereignis mitgeteilt, wobei Goldmark noch hinzugefügt habe," jetzt sei sein Wunsch erfüllt und dies sei «für Ungarn mehr wert als eine Million». Diese «belastenden»' Aussagen allein genügten im Jahre 1856, um einen unbescholtenen, von allen Seiten als rechtschaffen anerkannten Mann als Mörder zu stigmatisieren und zum Tode zu verurteilen. Es kann dabei eben nur der Wunsch maßgebend gewesen sein, einen Politiker der Linken, noch dazu einen Juden, als gemeinen Verbrecher zu stempeln. Dr. Knepler brandmarkte in seiner Verteidigungsschrift dieses Vorgehen mit einem auch für die Verhältnisse des Jahres 1868 anerkennenswerten Freimute, den er einleitend mit folgenden schönen, auch heute noch geltenden Worten rechtfertigt: «Wir Advokaten sind auch eine Art Soldaten — die Soldaten der Wahrheit und des Rechtes — und..mjt dem'Freimute des Kriegers müssen wir das Wort führen als wuchtige und schneidige Waffe gegen den Irrtum, wie gegen das bewußte Unrecht, um der höchsten.idee;‘der'en. die menschlich* Gesellschaft fäliig, .deren Verwirklichung ihr schönstes Ziel — der Idee des Rechtes zum’Siege und zum Ruhme zu verhelfen.» ' Es gelang-dem Verteidiger,-die beiden belastenden Aussagen der Zeugen Pauly und Höchsmann vollkommen zu entkräften. Die U n g l a u b w ü r d i g k e i t der Aussage Paulys wurde naehgewiesen durch eine Reihe von Zeugen, welche bestätigten, daß Goldmairk, :der im Jahre 1848 29 Jahre alt war, mit der .Legionsuniform und einer weißen Schärpe bekleidet war, während Pauly, ihn «als gutgekileideten Zivilisten» im Alter von 40 Jahren schilderte. Auch wurde diesem Zeugen ein Widerspruch bezüglich der Zeit des Ein-, treffens der Deputation im Ministerialgebäude nachgewiesea Die Aussage des Zeugen Höchsmann wurde vollkommen widerlegt durch eine Reihe.von anderen Zeugenaussagen,;, sowie.durch das Sitzungsprotokoll des Reichstages, aus welchen Umständen sich ergab, daß Goldmark sich unmittelbar nach den Ereignissen im Kriegsministerium nicht auf die Aula, sondern als Abgeordneter der .Josefstadt in den Reichstag begeben und an der dort stattgefundenen Sitzung teilgenommen hatte. Eine Reihe von Zeugen, darunter auch Fisch hof und Sülze r, bestätigten, daß Goldmark s ei men Abscheu und seine Empörung über die Ermordung Latours öffentlich kundgetan hatte und daß er überhaupt nicht den radikalen Demokraten, sondern den gemäßigten Kreisen der Linken angehörte. Dr. Knepler beschränkte sich in seiner Verteidigungsschrift nicht darauf, seinen Klienten von dem Verdachte der Mitschuld am Morde zu reinigen, er zerpflückte auch die seinerzeitige Anklage wegen Hochverrates, allerdings ohne daß das Gericht zu diesem Teile der Ausführungen Stellung genommen hätte, weil, wie bereits erwähnt, im Jahre 1867 eine Amnestie für politische Delikte erlassen worden war.’ Es ist begreiflich, daß der Prozeß und sein erfreu-, licher Ausgang das Interesse und die Befriedigung der Zeitgenossen erregte, er gehört aber, wie Dr. Knepler in seiner Broschüre mit Recht bemerkt, der Geschichte an, weil'er sowohl durch das Milieu der Ereignisse vom 6. Oktober 1848, als auch durch das tendenziöse Vorgehen' der Gerichtsbarkeit in:der Zeit der-Reaktion;von dauerndem Interesse ist und auch noch, heute äktuesi { ist als Warnung vor jeder politischen J Tendenz in der Rechtssprechung. der Gouverneur von Jerusalem an das Blatt eine Warnung ergehen lassen, den Abdmi ck der Protokolle e i n z u s t eile n, mit der' Drohung, daß sonst die Herausgabe des Blattes verboten wird. Der jüdische Nationalrat bei Chancellor Die. aktuellen Probleme des palästinensischen Judentums. Aus Jerusalem wird gemeldet: Die Exekutiv«» des Waad Leümi (jüdischer Nationalrat in Palästina) I hatte eine mehr als eine Stünde dauernde Unterredung!mit dem neuen Oberkommissar Sir John RobertCh anjcellor, bei der die aktuellen Fragen der päläsiinentsiseben Judenheit zur Besprechung gelangten, so die;Fragen der Knesseth Israel (Gesamtorganisation der palästinensischen Judenbeit), der Ein wänder u n g, der K1 a g e m n u •? r tisw. Der Oberkommissar e, es sei wünschenswert, daß die Judenlieö Palästinas eine organisierte Einheit darstelle, und sagte ferner, es müßten vor einer größeren Einwanderung frischer Kräfte die entsprechenden Vorbedingungen geschaffen werden. Im weiteren Verlauf der Unterredung, sprach sich Sir John Chancellor sehr labend über das Jordan- Kraftwer.k*und über den Zustand der benachbarten Kolonien aus, die er besucht hatte, und sagte, es sei nötig, die Kolonien so zu gestalten und sicherzusteilen, daß sie sich dann aus c i g e n e r K r a f t erhalten können. Am 3. Jänner empfing der Oberkommissär eine arabische ’D e leg a t i o n, die iihm die Forderung nach Einführung eines Vplksparlaments in Palästina? unterbreitete. Die Unterredung dauerte ungefähr eine y Stunde. Der Oberkommissär setzte der Abordnung aus- . einander, .welche S c h w i e r i g k e i t e n . im Hinblick auf die religiöse und rassische Verschiedenheit, der Be- : völkerung Palästinas der; Einführung einer päriamenr i tarischen Ordnung entgegenstellen. ' Er. versprach aber!, der Abordnung, ihr in kurzer Zeit .eine definitive Aßtfwort zu geben. n Die Mehrheit im Heim“ Dn Brodetzky bei der- Jahreskonlerenz der tschechoslowakischen Zionisten. ■, Dem. am 30. und 31- 'Dezember 1928 s tätig erfundenen 8. tschechoslowakischen. Zionistcntag in B r iin.n, der von etwa 130 Delegierten beschickt war, wohnte, wie uns von dort berichtet wird, außer mehreren Vertretern ausländischer zionistischer Organisationen (u. a« .der zionistischen Landesorganisation 0 es t e r r elch s, des Misrachj, der Arbeiterorganisation Palästinas).. a.uoli der politische Referent der Zionistischen- Exekutive Dr. S. Brodetzky mit dem Generalsekretär Dr. Lauterbach bei. Der Vorsitzende des. Exekutivkomitees der tschechoslowakischen ..Zionistenorganisation Dr. R u f e i s c n erstattete den Bericht, dem er u. a. Vorschläge bezüglich der Schaffung einer Ta'rbuthongamsatlpn zur Schaffung der Mittel für, das •'jüdische‘S chu l w erk in der Tschechoslowakei, dessen Defizit, etwa. 160.000 Kc. beträgt, hinzufügte. AusführV lieh besprach der' Redner die Frage, ob Laudespolitik gemacht werden solle« Dips bejahte er entschieden, da sie sonst ohne die Zionisten gemacht werde. Nur Form und Inhalt dieser Politik müssen erwogen und die organisatorische Trennung der Landespolitik von der zionistischen Organisation durchgerführt werden, ohne den guten Namen des Nationalrates beiseite zu schieben. Nach Erstattung der Referate über die Finanzen, das Schulgeld und die Chaluziuth ln der Tschechoslowakei cr- 1 griff das Mitglied der Londoner Exekutive Dr. Brodetzky das Wort zu einer großangeleglcn Redo über die aktuellen politischen Fragen des Zionismus und führte u. a. aus: In der äußeren Politik, über die man nicht viel sprecen soll, muß die Psychologie der Arbeit verstanden worden. Wir bitten nicht, sondern verhandeln.: ui J t. der Mandatar macht auf legalem Wege und haben SScrtraucn zu ihr wie zu einem Freund und Partner. Zu den bekannten Vorgängen bei der Klageniaucr erklärt Brodetzky, daß die Schwierigkeit der S1t u a t J o n darin liege, daß wir jetzt zum Unterschied gegen früher ein Recht verlangen und die Mandatarrnacht in Beurteilung der Sachlage sich an den Status quo halten müsse. . Mit der Zeit werde sich W>ohl eine Regelung der Angelegenheit durch friedliche Ueberführung des Besitzes des Platzes vor der Mauer In unsere Hände . ergeben. . Die.. komplizierte Ar ab erfrage werde, hinsichtlich des. Parlaments, , mit Geduld unjd Zurückhaltung studiert, damit, .maii;, nicht „-als- Feind .der, Demokratie 'dasiche; Die,- Exekutive werile .niit allen .Mitteln chic ’ . , \ weitgehende Alljäh Ördcrn, da sic mit 600 7ertifikatcn keineswegs zufriedengestellt sei. Bezüglich der jüdischen Arbeit beim bevor-