Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 53 (4.1.1929)
- Date
- 1929-01-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3053752-3053805-3053806--0793-3056095- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nf. 58 DTR STIMME Seite 7 Börger Amerikas und gleichzeitig einer der besten Söhne des amerikanischen Judentums* Die Rolle von Marshall in der Entwicklung des sozialen, geistigen und wirtschaftlichen Lebens der Juden in den Vereinigten Staaten ist ungeheuer. Um davon eine genaue Vorstellung zu geben, müßte man die ganze Geschichte des Judentums in Amerika im Laufe der letzten 40 Jahre darlegen, seitdem die jüdische Einwanderung aus Rußland, dann aus Rumänien und anderen Ländern den Vereinigten Staaten eine jüdische Bevölkerung von ungefähr 4 Millionen geschaffen hat. Wenn man die Entwicklung bedenkt, durch die diese ungeheure Masse sich mit dem amerikanischen Leben verbunden hat, in allen Gebieten dieses Lebens tief Wurzel gefaßt hat und jetzt eine Gruppe von jüdischen Bürgern darstellt, die ihrem Lande glühend zugetan sind, die bereit sind, ihr Leben für die demokratische Demokratie zu opfern, die durchdrungen sind von dem Bewußtsein der Notwendigkeit der Freiheit und Gleichheit, und die doch gleichzeitig ihre geistigen Traditionen erhalten haben, die dem Judentum gegenüber, wo «nuner es sich üi-nitM, gedm-igt sind, wenn man diese Lage bedenkt, so muß man die ganz ungewöhnliche Fähigkeit der Juden, sich einzufUgen, wenn sie Freiheit genießen, anerkennen; aber gleichzeitig muß man die Kraft und die Energie bewundern, die das amerikanische eingeborene Judentum bev’iesan hat. Indem es so starke Mengen von auf den ersten Blick gänzlich fremdartigen Elementen aufsaugte, hat das amerikanische Judentum eine große Energie aufgewendet, um die geistigen Elemente, die es besaß, gemeinsam mit dieser neuen Bevölkerung dazu zu verwenden, diese mit dem politischen Leben und der wirtschaftlichen Tätigkeit der Vereinigten Staaten zu verschmelzen. Es war dazu sehr viel Tatkraft, guter Wille und vor allem Fassungskraft für diese neuen Elemente nötig; es mußte besonders seine Seele im Einklang mit der Seele dieser Einwanderer erzittern lassen. Hierin war die Rolle Louis Marshalls bedeutend, zuerst als Mitarbeiter des unvergeßlichen Jakob Schiff, eines der größten Juden der neuesten Zeit, dessen geistiger Aufschwung sich dank seiner außergewöhnühen Stellung in der Finanzwelt hat verwirklichen können. Louis MarshaU war der geistige Urheber und der Ausführer des ungeheuren Werkes, das Jakob Schiff vervollständigte. Und als Schiff starb, befand sich Marshall auf seinem Platze, der schon zu Lebzeiten von Schiff in seiner Person die ganze politische und soziale Tätigkeit vereinigte. Es ist selbstverständlich, daß MarshaU nicht dei einzige war. In den Reihen seiner Mitarbeiter finden wir viele berühmte Namen. Das Judentum wird für immer das Andenken an Oskar Strauß bewahren. Es wird auch nicht seinen Bruder Nathan Strauß vergessen, der ihn überlebt hat, oder Dr. Cyrus Adlers glühende Liebe für das jüdische Volk, noch Dr. Julius Goldman, der so viel für die jüdische Kolonisation in Amerika getan hat, noch alle diejenigen, die sich zu dem «American Jewish Committee» vereinigt haben, das die jüdische Gemeinschaft ebenso verkörpert wie d e «Alliance Israeli te Universelle» es in Frankreich und die «Anglo Jewish Association» in England tun. Der Präsident des American Comittee, Louis Marshall, ist der schöpferische Geist dieses ganzen Werkes. Der zukünftige Geschichtsschreiber Amerikas und besonders der Geschichtsschreiber des jüdischen Volkes wird nicht versäumen, sich bei der Rolle Marshalls bei der Kündigung des russischamerikanischen Handelsvertrages von 1802 als Schützer der Ehre der Vereinigten Staaten und besonders der Juden aufzuhalten, der Ehre, die die alte russlsohe Regierung zu verletzen drohte, indem sie zwischen den amerikanischen Bürgern nach ihrem Glaubensbekenntnis unterschied und indem sie so sich weigerte, die Rechte der amerikanischen Bürger bei den Jüdischen Bürgern anzuerkennen. Kürzlich noch hat Louis Marshall eine furchtbare Energie bewiesen, indem er für die Freiheit der Einwanderung in dieVereinigtcn Staaten, sowohl Int Interesse des Landes selbst, wie in dem der Juden kämpfte. Noch viel bemerkenswerter war die Tätigkeit Marshalls während der Friedenskonferenz im Jahre 1919, wo die amerikanische Delegation unter der Führung von Wilson. eine fast entscheidende Rolle spielte, und wo es, dank der Anstrengungen der französischen und englischen Juden, im Einklang mit den Vertretern des amerikanischen Judentums gelang, die Aufmerksamkeit der Mächte auf die Lage der Juden ln Osteuropa zu lenken, hauptsächlich ln den neuen Staaten. Diese Anstrengungen führten dahin, daß in dem Versailler Vertrag das Prinzip der Emanzipation der Juden anerkannt wurde» und daß ihnen die Minoritätsrechte garantiert wurden, diese Garantien, die nicht nur..auf das Schicksal der Juden, sondern auch vieler anderer Nationen, die den neuen Staaten einverleibt sind, einen wohltuenden Einfluß haben. Eine noch unvollendete Seite ist schließlich die, wo die bewunderungswürdige Kundgebung jüdischer Solidarität durch das Hilf '- werk für das osteuropäische Judentum geschildert wird, ein Werk, das während des Krieges Balwtgrk« »REM Y«' die anerkannte QuaHtätsmarke und Wefzenstflrk« „Tüll Anslais" bei Wiener Handelsgesellschaft m. b. H., Terra« Wien IV», PrlM»imnaw»ltra8i 10 Tel, ll»41»0»8S *•»!• begonnen wurde und, in seiner Entwicklung foitgefahren, riesige Ausmaße angenommen hat. Auch hier arbeitet Louis Marshall in der Eigenschaft als einer der Leiter des «Joint Distribution Committee» in der ersten Reihe mit unermüdlicher Energie und bedeutendem Erfolg. Es ist sehr cha^f kteristrsch für Marshall, daß seine Tätigkeit fast keinem Widerspruch aus dem amerikanischen Judentum begegnet, das doch so verschiedenartig zusammengesetzt ist. Trotz def sozusagen demokratische*1 Bestrebungen, die im jüdischen Leben, wie überall, leicht in Demagogie ausarten, ist die Herrschaft Louis Marshalls vor allen anerkannt, man untc-wirft sich ihr gern, und das ist der beste Beweis für seine aufrichtige Ergebenheit gegenüber seinem Volke, in dessen Dienst er das ganze Talent gestellt hat, das ihm erlaubt hat, die Stellung zu erlangen, die er in den Vetin g!en Staaten innehat. Louis MarshaU ist ohne Zweifel sehr glücklich gewesen, bei seinem 70. Geburtstage d'e aufrich’i^e Anerkennung aller Juden zu erfahren. Das ist das Schicksal von sehr wenig Juden, die sich de» Sache des Judentums gewidmet haben. Die Laufbahn von Louie Marshall ist noch nicht beendet. Das Judenftim brucht seine Kräfte noch sehr. Möge er den Augenb ick e Ieb;n, wo die jüdische Frage aus der Zahl der Weih'rag*. , die trotz der großen Prüfungen, die die Morschheit seit 1914 erduldet hat, noch keine Lösung gefunden haben, gestrichen sein wird. % I n h & b e Richard Herzog l*9 Adlergasse 9 Tel. R-23-4-80 II., K*. Pferrg. 28 T«l. A-41-0-24 alle jüdischen und hebräischen Schalfplatten sowie alle modernsten Tanz- und Gesangsschlager in reichster Auswahl au! Lager! Auch Teilzahlungen! Provinzversand! Sotbsn neue original-amerikanische Lieferungen eingelangt BMB—Mil 1111 IlllllHlilll Die antisemitische Welle in Rußland Die russische Piresse bringt täglich neue Mitteilungen über antisemitische Ausschreitungen in Weißrußland und jn anderen Gegenden der Sowjetunion- In der Transportbrigade der Urizky-Fabrik zu BrIansk wird ein System der Verfolgung gegen die jüdischen ArboUstgenossen durchgeführt, die oft beschimpft und angespien werden. Besonders ist der Arbeiter Berelson das Ziel dieser Verfolgungen; seine Klagen wurden von den Beamten der Fabriksgewerkschaft ignoriert. In der Fabrik Uladowa du Kiew Ist antisemitischer Terror so stark, daß einige jüdische Arbeiter sich gezwungen gesehen haben, Ihre Abstammung zu verbergen. «Rabotschaja Gazetta» teilt mit, daß in der Mctaüfabnik «Industrija* die jüdischen Arbeiter unter antisemitischem Terror stellen und daß dagegen bisher keinerlei Maßnahmen ergriffen worden waren. «Konnsomolskaja Brawda» und die anderen kommunistischen Zeitungen zählen eine ganze Reihe von Fabriken auf, In denen der Jfldlsohe Teil der Arbeiterschaft edn schweres Martyrium durchzumachen hat. Eine offizielle Bilanz des jüdischen SiecHungsweikes in Rußland In der in Moskau stattgefundenen Konferenz der unparteiischen Siedhmgsgesdlschaft «Ozet* ln der Ukraine erstattete T s c b e r min s k y Bericht Uber die bisherige Tätigkeit der Regierungskoinmission für jüdische Siedlungsarbeit in Rußland «Komzet». Komzet hat einen Plan der Ansiedlung von 100.000 jüdischen Siedlern Im Verlaufe von zehn Jahren angenommen. Bis jetzt hat die Regierung in verschiedenen Gegenden der Sowjetunion 700*000 Hektar Boden für das jüdische Siedlungswerk hergegeben, darunter 166-000 Hektar in der Ukraine, 241-000 Hektar In der Krim, 53.000 Hektar in Weißrußland, ferner 100-000 Hektar Sumpfland zur Melioration und ver¬ Herren- und Domen-Kieider noen non Bliebt S3»i»i«of oub Uofcmla' Jolacann laclna Wien, VI.» IUiUIiUferstrafle 107, Tel. B 974-88 schiedene Ffichen an den Ufern des Schwarzen Meeres, in Daghestan, in Uzbekiskan. Man erwartet, daß im Ueberschwemmungsge bl et des Asowschen Meeres 100.000 Hektar und in B -i r - B I d s c b a o (Sibirien) vier Millionen Hektar für die jüdische Siedlung zu gewinnen sein werden. An Barzuschüsscn hat die Regierung für das jüdische Sdediungsrwerk bis jetzt 4,280.000 Rubel geleistet, die Staatsbank stellte 1,500.000 Rubel zur Verfügung, die ausländischen jüdischen Organisationen haben über 15 Millionen Rubel bei-, gesteuert. Angesiedelt wurden bis jetzt 17.346 Familien; für jede Familie wurden Im Durchschnitt 1205 Rabol ausgegeben. Bis Anfang 1928 haben die Neusiedler 200 geschlossene Siedlungen in der Ukraine, der Krim und in Weißrußland begründet, 5589 Häiiser wurden erbaut, 668 Brunnen gegraben, 83.933 Hektar Boden wurden In Südrußland und 6751 Hektar in Weißrußland mit Getreide besät- F*;.r den Schutz der jüdischen Minderheitenrechte Unter dem Vorlitz von Prof. S. Dubnow trat m B e r 1 i n die von der Züricher Konferenz für den Schutz der jüdifchen Minoritäten Oftcuropas gewählte Exekutive kürzlich zu einer Sitzung zufammen. Es nahmen teil: der Vorfitzende und der gcfchäftsführcnde Vorfitzende der Exekutive, die Herren N. S o k o 1 o w und Leo M o t z k i n, weiter der Sejmabgeordnete J. Grünbaum-Warfchau, der Redakteur von »The Day", Herr Coralnik-New York, Rechtsanwalt Dr. Afred K 1 e e-Bcrlin und der Abgeordnete des lettländifchcn S-jms, Rabbiner Nurek-Riga. Präfident M o t z k i n erftattetc einen Bericht über dir Aktionen des Paril'er Bureaus; cs wurden Propaganda- und Finanzfragen und eine Reihe von Fragen, die einzelne Länder betreffen, behandelt, u. a. eine Enquete über das Schulw e f c n durchgcfprochcn fowic Fragen erörtert, die fich auf die Beteiligung an der Minderheiten-Kommiffion der Union der Völkerbundligen, des Nationalitätc n-K ongreffcs und das Staatcnlofc n-P r o b 1 e m beziehen. Außerdem gelangte eine Anzahl innerer, zumeift organifatorifchcr und litcrarifcher Fragen, zur Behandlung, fo auch Zeit und Orr für die Einberufung des Rates im kommenden Sommetr. Die Zuwahl der Herren Krcinin, Dobry und Gurcwitfcfr in das Parifcr Konfultativ-Komitcc wurde ratifiziert. Der jüdische Parlamentsklub in Rumänien hat fich bereits konftituiert. Es befteht aus den Deputierten Dr. L a n d a v. (Kifchinew), Dr. F i f di c r (Siebenbürgen) und den Senatoren Dr. Ebner (Czernowitz), Oberrabbiner Dr. Nicmirower (Virilift als Vertreter des jüdifchen Kultus) und Dr. Theodor Fi (eher. Klubobmann ift Senator Dr. Ebner. Insgefamt zählt das neue rumänifche Parlament 8 jüdifchc Deputierte und j j ü d i f ch c Senatoren. Die nicht dem jüdifchen Klub angehörigen jüdifchen Parlamentarier gehören der nationalzaraniftifdien Partei, bzw. der fozialdemokratifchen Partei (Deputierter Dr. Piftiner) an. — Bei den Senatswahlen aus den Handelskammern blieb der jüdifchc Kandidat Dr K u r j n i r mit 75 Stimmen gegen den Liberalen Botez in der Minderheit, obwohl diefe Kurie 112 jüdifche gegen 92 nichtjüdifchc Wähler zählt. Der jüdifchc Klub einigte fich in feiner konftituierenden Sitzung auf eine Erklärung, die den Präfidentcn der beiden gefetzgebenden Körpcrfchaften überreicht werden foll, und in. der er fich als die Vertretung der Juden als einer cthnifchen Minderheit innerhalb des rumänifdien Staates deklariert. Unter den weiteren Befchlüflcn des Klubs ift vor allem die Forderung nach einer baldigen Organifierung der gefamten Judcnfchaft Großrumäniens in einer e inhaltlichen jüdifchen Rcichsorganifation hervorzuheben, fowic der einftimmige Wunfdi, zu den engeren Klubberatungen auch eine jüdifchc Perfönlichkcit aus dem alten Königreiche, die das Vertrauen des zioniftifchen Oberrates genießt, heranzuzichcn, weil diefer Teil Rumäniens keinen nationalen Vertreter gewählt hat. Die Deklaration des Klubs wurde in der Kammer vom Deputierten Dr. Theodor F i f ch c r, im Senat von Dr. Maier Ebner abgegeben; fie befagt: Die Juden Rumäniens, loyal gegenüber Dynaftie und Reich, bringen der neuen Regierung das vollftc Vertrauen entgegen; fie erwarten zunächft auf gefetzgcbcrifchem Wege die Erfüllung ihrer berechtigten Forderungen hinfichtlich der Glcichftcllung mit den anderen Bürgern des Königreiches. Sie verlangen die Anerkennung und Behandlung als nationale Minderheit und die volle Rcfpcktierung der ihnen gcwährlciftccen Rechte. Der Kifchinewcr Deputierte Dr. Landau wird in der Sitzung der BudgctkommiiTion auf Grund des Art. 6 des Kultusgefetzes verlangen, daß 6 Prozent des allgemeinen Kultusbudgets den jüdifchen Gemeinden zugewendet werden. Weiters wird gefordert, daß die Minifterien für Bildung und foziale Fürforge einen entlprechenden Teil ihres Budgets jüdifchen Schul- und Fürforgezwedcen zuwenden. Jüdische Frauen in der amerikanischen Politik Eine große Zahl jüdifcher Frauen fpielt im öffentlichen Leben Amerikas eine bedeutende Rolle. Bciönders bei den vor kurzem ftattgefundenen Präfidcntenfchaftswahlcn entwickelten fie wieder eine größere Aktivität und traten durch ihre Mitarbeit an der Präfidcntfchaftskampagnc hervor. In der demokratifchcn Partei ift hier vor allem Mrs. und Miß Elkus zt nennen, die Gattin und Tochter des bekannten jüdifchen Politikers und Diplomaten Abraham I- Elkus, früheren amerikanifchcn Gefandten in der Türkei; beide Ehegatten nehmen auch an jüdifchen Angelegenheiten ftarkes Intcrefic. Mrs. Elkm fpielt in der amerikanifchen Frauenbewegung ebenfalls eine bedeutende Rolle. Mrs. Elkus unternahm mit ihrer Tochter im Auto eine Vortragsreife nach dem mittleren Welten, wo ßf für Gouverneur Smith auf Straßen und Plätzen Propaganda*