Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 53 (4.1.1929)
- Date
- 1929-01-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 58 DTE STIMME Seite* Die j,nette Phase in der jüdischen Geschichte“. Nach den deutschen die englischen Liberalen In Amsterdam, wo der Präsident der zionistischetischen Weltorganisation, Prof. Dr. W ei z mann, auf seiner Reise durch Hofland weilte, hielt er bei einem Diner, dem unter vielen hervorragenden Persönlichkeiten der hoIläiKiischen Gesellschaft aiuch der Außenminister beiwohnte, eine Ansprache, in der er a. a. sagte, die Zusammenarbeit zwischen Zionisten und Nicht Zionisten im Aufbau Palästinas, die, wie erhoffe, Ende dies es Winters oder zu Beginn des kommenden Sommers einsetzenwürde, werde eine neue Phase in der jüdischen Geschichte ekiteiten. Die vollzogene Einigung im Zeichen des Palästina-Werkes sei kaum weniger bed utungsvoli ate die Erlangung der Bai fou r-Dekla ration. Die erste Phase des Zionismus zeichnete sich dadurch aus, daß es gelungen war, die britische Regierung von der Notwendigkeit des Palästina-Aufbaues zu überzeugen. Die zweite Phase der neueren Geschichte des Zionismus äst durch die Gewinnung des V ö I k e rb-u n d e s gekennzeichnet. Diese beiden Phasen waren einfache Dinge im Vergleich mit der dritten Phase: die gesamte Judenheit von der Notwendigkeit des Palästina-Aufbaues zu überzeugen. Aus den Aeußerungen, mit denen jetzt Immer häufiger aus den Kreisen .der mohtziomstischen Juden in Europa, bzw. ihrer Organisationen, den Verhandlungen über die Erweiterung der Jewish Agency präludiert wird, läßt sich erkennen., daß die Nichtzionisten ihre aktive Teilnahme am Palästina-Aufbau. an Voraussetzungen knüpfeni, die mit den zionistischen Ztelen ßchwer in Einklang zu bringen sind. Die Aeußerungen eines Führers der liberalen Juden in Deutschland, Dr. Lilien thal, die wir in unserer letzten Nummer veröffentlicht haben, lassen dies deutlich erketmem; nun liegt eine als offiziös zu wertende Erklärung der «Union des liberalen Judentums in England» über dde Teilnahme dieser Gruppe an der erweiterten Jewish Agency vor, welche ebenfalls keinen allzu verheißungsvollen Auftakt für die «neue Phase» bildet; es heißt darin: «Wir würden gerne die Sicherheit dafür haben wollen, daß die Jewish Agency nur als ein wirtschaftliches Instrument ohne politische Bedeutung und politische Tendenz geplant ist; cs bestehen aber Schwierigkeiten, eine solche Sicherheit zu erhalten. Wir wollten das Gefühl haben, daß die von einem Teil der Juden — z. B. von den Jüdischen Kolonisten in Rußland — gemachten Anstrengungen,, sich in Ihren Heimatländern einzujfchten, nicht durch die Konzentrierung des jüdischen Interesses a/uf Palästina gefährdet werden... Die Potiiße«Abwarten und Sehen», obwohl oft diskreditiert, wird immer noch ihren pragmatischen Wert haben. Sollen wir nun die Jewish Agency unterstützen? Etwa zur Balance der Uebel? Niemand scheint bezüglich all dieser Dinge vollkommen glücklich zu seän; aber eine Menge Leute wollten es sein. Wenn die Zionisten sich damit abfinden, Geld und Rat von denen anzunehm-en, die einen jüdischen Staat ln Palästina nicht wollen, und diese ihrerseits bereit sind, den Zionisten, die einen jüdischen Staat hi Palästina wollen, Geld zu geben, so würde der Plan erfolgreich weitengeführt werden können. Aber wird es dann einen jüdischen Staat in Palästina geben? Beide Teile haben hierfür nur die eine dunkle Antwort: Die Zeit wird es offenbaren.» Das Problem der „provisorischen" Erweiterung der Jewish Agency In diesem Zusammenhang sei auf ein wichtiges Moment hingewiesen, welches das führende jüdische Blatt Englands, «Jewtish Ghran/icle», in seiner knapp vor der Sitzung des Zionistischen Aktionskomitees erschienenen Ausgabe hervorhebt; die Erörterung des «Jewish Chronicle» ist deshalb wichtig, weil säe der sehr häufig, auch in zionistischen Kreisen, angewendeten Argumentative, dde Erweiterung der Jewish Agency lasse sich ohne weiteres provisorisch für drei oder fünf Jahre machen, und gehe es nicht, so werde der Status quo wiederhergestellt werden, ernste Bedenken entgegensetzt. Das Blatt schreibt: «Wir halten es für notwendig, dem Aktionskomitee mancherlei zu bedenken zu geben, was bisher von vielen übersehen oder einfach ignoriert worden ist. Wir meinen die gesetzliche Grund!age des Agency-P I an es. Mandatsgemäß äst die Zionistische Organisation die «approbiate (angemessene) Agency»; Ihre Funktionen bestehen laut der Batfour- Deklaration und dem Mandat in der Mitwirkung an dem Aufbau eines Nationaiheäms für das jüdische Volk. Die Zionistische Organisation verbleibt als eine von dem Mandatar anerkannte Agency bis zu dem Zeitpunkt, wo der Mandatar ihre Organisation oder Konstitution nicht länger als «approbiate» erachtet. Soweit uns bekannt ist, ist der Zionistischen Organisation weder durch die Mandatarmacht, noch durch den Völkerbundsrat irgendeine Andeutung gegeben worden, daß sie nicht länger die «approbiate» Körperschaft ist. Vermutlich hat die Zionistische Organisation die Befugnis, auf Ihre Position als Agency zu verzichten. Das hat sie nicht getan und hat auch nicht die entfernteste Absicht es zu tun. Jedenfalls ist eine. Kongreßresolution dieses Inhaltes nicht gefaßt worden. Sollte aber die Organisation auf ihre jetzige Position verzichten, dann ist die Ernennung einer neuen Agency entweder von der Mandatarmacht oder vorn Völkerbünde abhängig. f Es kaim also die Konstituierung der neuen Agency nicht Sache eines Abkommens oder Uebereinkommens zwischen Dr. W ei z mann als dem Vertreter der Zionistischen Organisation und Louis Mars h a 11 sein. Ist irgendeine Andeutung gegeben worden, daß der Mandatar oder der Völkerbund die von Dr. Werzmann geplante Agency ernennen wird? Wenn ja, dann mag das Aktionskomitee sich darüber, Rechenschaft geben, daß die Zionistische Organisation ln diesem Falle auf ihre Position als Agency verzichtet haben wird, und daß alles Gerede über Möglichkeiten einer automatischen Wiedereinnahme dieser Position nach drei Jahren nutzlos ist, weif, nachdem verzichtet worden Ist, die Vetfügung über die Agency in andere Hände übergegangen ist. Ist also der Agencyplan ultra vires? Es wird uns nicht überraschen, zu erfahren, daß Dr. W e i zm a n n einen diesbezüglichen legalem Rat eingeholt hat, und wir nehmen deshalb an, daß er das Aktionskomitee über die präzisen gesetzlichen Bedingungen informieren wird, durch weiche es auf die Position der Agency gemäß dem Mandat verzichten kann, sowie über die Tatsache, daß, wenn einmal verzichtet worden ist, die Position im Falle des Scheitetns des Planes der erweiterten Agency nicht eher eingenommen werden kann, als bis die Zionistische Organisation von dem Mandatar oder dem Vöikerbundsrat hierzu ermächtigt worden ist Es sind dies Fragen des internationalen Rechtes, und das Aktionskomitee wird einen ernstlichen Mißgriff begehen, wenn cs sie als eine; Angelegenheit von Resolutionen behänd eit. :> Die Jewish Agency und das rumänische Judentum Unter diesem Titel behandelt Dr. J. Silberbusch (Czernowitz) die Frage der Besetzung der m: der mchtzionistischen Hälfte des Agency Councils auf Rumänien entfallenden Sitze. Er schreibt u. a.: Die rumänische Judenheit wird schon in den nächsten Monaten dazu aufgerufen werden, die nichtzionistischen Vertreter in die Jewish Agency zu wählen.. Wenn es auch nicht vollkommen feststeht, in welcher Form diese Wahl zu erfolgen hat, so enthalten doch die Kongreßbesahlüsse allgemeine Richtlinien für diese Nominierung. Diese Richtlinien lauten: a) Die Methode, durch welche die Vertreter der einzelnen Länder bestellt werden sollen, wird in jedem, einzelnen Falle durch Uebereinkommen gemäß den örtlichen Verhältnissen festgesetzt und soll s o w e i t w te möglich die Form demokratischer Wahle n haben. b) Die Verteilung der Sitze auf d5c einzelnen Länder soll durch die Zionistische Organisation und die verschiedenen in Frage kommenden Gemeinschaften geregelt wenden. mmBSBSSBSSBSBBSBBBSBSSSBBSBBSBSSBBSBBSBBSS^SBSSSm Erstklassige Schuhe im Inventurverkauf „ i«*°, 15-»°. «•“ Beginn Montag, den 7. Jänner Delailverkaaf zu Engrospreisen direkt In dar Fabrik VII., KaisarstraBe 40 anr im stock Hügel; das ist unsere einzige Kunst, die Kunst der Ruhe. Sieh, dia hinter dir liegen die Felder, wo der Mensch sich abmüht — mit dem mageren Boden, der ihm Brot und Lebenskultur bringen soll, mit der Seele des Gefährten und mit den Erinnerungen aus Kindheitstagen an Wälder und Bäche und grüne Flächen im fremden Geburtsland. Wie sehr brauchten wir, die wir in Armut schaffen, ein wenig ruhige, gütige Schönheit!» Mittag waris, goldiger, von Müdigkeit schwerer Mittag.. Wie ein blinder Greis mit starren Zügen stand das arabische Chulda. Das jüdische Chulda aber sah, denn ein Auge war ihm gegeben: der Baum. Ein tragisches Judenschicksal Albert Ballitis Aufstieg und Ende Vor kurzem jährte sich zum zehnten Male der Todestag des Vorsitzenden des Direktoriums der Hamburg-Amerika Linie, Albert B a 11 i n. Unter den Gestalten der Aera Wilhelm II. nahm der große Reeder und geniale Wegbähner der deutschen Volkswirtschaft wohl mit den ersten Rang ein. Aber auch re<n menschlich erregt der meteorgleiche Aufstieg des kleinen jüdischen Auswanderuugsagenten zum unbeschränkten Herrn des, größten Schiffahrtsunternehmens der Welt und sein tragisches Ende auf den Trümmern seines in dreissig Jahren genialer Arbeit aufgerichteten Lebenswerkes den tiefsten Antel). Der Vater Albert Balltos (Samuel Joel Ballin) war io dem kleinen dänisch-jütländischen Hafenort Horsens 1804 geboren und ließ sich um 1830 in Hamburg als Inhaber einer Dekatierwerkstatt nieder, einer Werkstatt, in der durch ein bestimmtes Verfahren der Tuchbearbeitung diesem der Speckglanz genommen wird. Juden durften damals in Hamburg keinen Grundbesitz erwerben, und die «Hochweisen» der Senatoren —- so lautete die Anrede — legten ihnen alle möglichen Schwierigkeiten in den Weg. Trotzdem gelangte der sehr unternehmende junge Mann zu einigem Vermögen, das er erst später durch verschiedene schwere Unglücksfältle, wie der große Brand von Hamburg, verlor. Aus zwei Ehen wurden ihm dreizehn Kinder geboren. Als dreizehntes eben Albert, der das Talent und den Unternehmungsgeist des Vaters geerbt hatte. .Ate der alte .Ballte: starb, war Albert kaum 18 Jahre alL Und doch war es dieser 18jährige, der das inzwischen von seinem gänzlich zugrunde gegangenen Vater bet gründete neue Geschäft, eine kleine Auswanderungsagentur, übernahm und der Ernährer der vielköpfigen Familie wurde. Dies sind die winzigen Anfänge, aus denen Bailin zu seiner märchenhaft anmutenden Laufbahn aufetteg, welche mit einem Konkurrenzkampf des jungen jüdischen Auswanderungsagenten mit der «Hapag» begann. Diese berief ihn zuerst als Passageleiter und dann, kaum 31 Jahre alt. auoh in den Vorstand. Hauptsächlich seiner Genialität verdankt die «Hapag» jenes ungeheure Wachstum, das sie zu Beginn des Krieges als die führende Schiffahrtmaeht auf den Weltmeeren erscheinen ließ. Angesichts dieses Erfolges kamen .alle anderen großen Ehren, zuletzt die Freundschaft des Kaisers, von selbst. Der Erfolg siegte schließlich auch über Verdächtigungen und Anfeindungen, die auf dem Lebenswege des Juden Ballin nicht fehlten. Diesen Verdächtigungen ist es auch zuzuschreiben, daß BaiUn darauf verzichtete, sich in politische Angelegenheiten einzumischen. Seine Feinde bei Hof, in der diplomatischen Bweaukratre und in der Marine, behaupteten immer, seine Ratschläge dienten nur seinen geschäftlichen Interessen. Er sah voraus, daß der Zusammenbruch . Deutschlands auah eine furchtbare Schädigung der deutschen Schiffahrt und des deutschen Handels mit sich bringen mußte. Wegen dieser «geschäftlichen Interessen», die nichts anderes als lauterster Patriotismus waren, versuchte er wiederholt mit dringenden Bitten und Warnungen, eine Verständigung zwischen England und Deutschland henbelzuführen; es war vergebens. Dazu kamen Vorwürfe über die «Vordringlichkeit» des Juden und Ballin zog sich, in Verzweiflung über das vorausgesehene Unglück Deutschlands, schließlich auf sich selbst zurück. Ballin ist bis an sein Lebensende bewußter J u d e geblieben. Sein ganzer, auf die eigene Kraft seiner Persönlichkeit eingestellter Charakter hätte es als Feigheit angesehen, zwecks Erleichterung seiner Karriere den Glauben zu wechseln. Aus äußerlichen Ehren machte er ohnehin nicht viel Aufhebens. Er trug nie die ihm zahlreich verliehenen Orden. Was er wurde und war, verdankte er lediglich seinem Genie. Ihm fehlte alles, worüber sonst die «königlichen Kaufleute» der Hansa-Städte verfügten, so ererbtes Vermögen, große Familienbeziehungen, traditionelle Geschäftsverbindungen, sogar die große Pose fehlte iihm. Er lebte nur seinem großen Werk. Es ist leicht verständlich, wie schwer Ihn das Unglück des Krieges trat Er hatte den verhängnisvollen Ausgang vor abgesehen, welcher auch die Zerstörung seines Lebenswerkes bedeutete. Mit tiefstem Pessimismus folgt er den Kriegsvorgängen, verfolgt er die Entwicklung, welche dem ersehnten Frieden aus dem Wege geht Fast kniefällig bittet er in Berlin, vom unbeschränkten Unterseeboot-Krieg zu lassen, dessen Folgen er bis in6 letzte voraussieht Doch seine Mühe war vergebens. Am 9. November 1918, an dem Tage, an welchem sein Freund, der Kaiser, über die Grenze geht und in Hamburg die Revolution tobt, verläßt er freiwillig dieses Leben, dessen er müde geworden ist. J, Hakohen-Lanczener.