Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1928)
- Date
- 1928-12-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 8 DIE STIMME Nf. 51 chen vollstes Gelingen der Reise, die Teilnehmer werden Gelegenheit haben, Erez Israel genau kennen zu lernen und nach ihrer Rückkehr zu neuen Propagatorcn unserer großen Idee zu werden. Mahnende Kinderhändchen Im Brigittenauer jüdischen Kindergarten. Wie schon so oft vorher besuchte ich kürzlich wieder einen jüdischen Kindergarten. Ich muß gestehen, es ist überall das gleiche Bild, das sich dem Besucher bietet, und doch muß ich immer wieder hin, denn wie ein Magnet zieht es mich immer wieder zu den jüdischen Kindern. UeberaH das gleiche Bild: überall die gleiche mustergültige Ordnung, überall die gleiche hingebungsvolle Liebe, mit der die zarten Heiligtümer unseres Volkes betreut werden. Ob es sich um die ..Jüdischen Kind erfreu nde” handelt oder um den Brigittenauer Jüdischen Kindergarten, den ich jüngst besuchte, ob sie nun Franko Rittermann oder Josefine Modlingor oder Henriette Weiß heißen, immer sind es die gleichen, von aufrichtiger Philanthropie und wahrhaft jüdischem Empfinden erfüllten hochherzigen Frauen, die freiwillig die schwere Last auf sich genommen halben, den ärmsten jüdischen Kindern ein zweites Heim zu bieten. Der Jüdische Kindergarten hn XX. Bezirk steht in nichts den jüdischen Kindergärten der anderen Bezirke nach, ja er dürfte viele sogar darin noch über treffen, was Elend anlangt, das er lindern helfen soll. Auch dort mußte ich leider wieder die vielen Drei- und Vierjährigen finden, die tagelang vor Hunger weinen mußten, bis irgend eine Fürsorgerin auf sie aufmerksam gemacht wurde und der jüdische Kindergarten helfend eingreifen konnte. Auch dort mußte ich wieder der Schar hilfloser Würmer begegnen, die von einem Manne in die Welt gerufen wurden, der m-it Unrecht den Ehrentitel Vater führt. Mit Entsetzen mußte ich auch dort wieder feststellen, daß das jüdische Familienband, das ehedem unzerreißbar schien, bei erschreckend vielen Ehen arg rn Brüche geraten ist- Männer, die ihre Frauen mit einer Reihe von Kindern im Stiche lassen, um mit anderen Frauen auf uud davon zu gehen, sind in der jüdischen Gasse leider keine Seltenheit mehr. Wer hilft, wenn nicht die jüdische Mildtätigkeit? Wer nimmt sich der neun Kinder an, die eine solche bedauernswerte Mutter ernähren soll, wenn nicht der jüdische Kindergarten? Die unschuldigen Opfer dürfen an ihren zarten Körperchen nicht spüren, was ihnen für bitteres Unrecht geschah. Tagsüber sind sie im jüdischen Kindergarten wohlgeborgen, dürfen spielen und fröhlich sein unter der sorgsamen Führung von jungen Kindergärtnerinnen, die mit staunenswerter Liebe die ihnen an vertrauten Schätze hegen und pflegen. Vor allem aber, sie dürfen wieder essen, essen . . dürfen wenigstens tagsüber vergessen, daß ihnen an langen Winterabenden daheim die kleinen Fingerchen blaufrieren müssen. Die Kinder werden im jüdischen Sinne erzogen, keine „Hepphepp“-Rufe vergiften die Seelchen der Allerkleinsten, wie dies leider häufig der Fall ist, wenn die Kinder den Gefahren der Straße ausgesetzt sind. Der bekannte Kinderarzt Dr. Modlinger wacht sorgsam über die Gesundheit der kleinen Schützlinge. Seelchen und Körperchen sind wabriieh in bester Obhut der Leiterin des Kindergartens, Frau Dr. Aurelia Berglas, und ihrer Mitarbeiterinnen, Frau Tonka Hoch berg und Frl. Alice Schreier. Ich sagte schon: Es ist immer das gleiche Bild. Froh und gesund gewordene jüdische Jugend, geschützt vor den Fährnissen des AWtags. Es ist immer auch das gleiche traurige Lied, das man hören muß, immer das gleiche Wehklagen in allen Jüdischen Fürsorgeinstifuten: „Wir täten ja gerne noch viel, viel mehr, aber es fehlt uns an Geld!*4 Der Jüdische Kindergarten im XX. Bezirk wird wohl von der Kultus gemeinde in ziemlich munifizenter Weise subventioniert. Sie stellt das Lokal bei, sie bezahlt die Lehrkräfte und kommt für Beheizung und Beleuchtung auf. Aber für das Essen und vielfach auch für die Kleidung müssen die Mitglieder des Kuratoriums selbst aufkommen. Die Eltern der Kinder zahlen nur einen kleinen Anerkennungszins. die meisten aber gar rnclits, weil sie einfach nichts zahlen können. W^r noch immer nicht an die grenzenlose judennot glaubt, der las-e sich einmal das Schicksal der kleinen Zöglinge des Jüdischen Kindergartens im XX. Bezirk erzählen. Allmonatlich müssen die jüdischen Frauen und Männer, die sich in den Dienst der guten Sache gestellt haben, die fehlenden namhaften Beträge aufbringen. Daß dies kein leichtes Beginnen ist, wird man ihnen wahrlich aufs Wort glauben- Neunzig jüdische Kinder sind jetzt in der Othmrrgasse vor Hunger und der Kälte des Winters geschützt. Viele, viele noch pochen mit ihren kleinen Händchen laut und eindringlich an die Tfire. de auch zu unserer Herzkammer führt, um Einlaß. Wollen wir wirklich zulasten, daß sie sieh die kleinen Fingerchen vergeblich wund klopfen, und uns stellen, als hörten wir nicht? Robert Schreier. Die Chanukah-Feier eines Lehrlingsheimes In dem Ws aufs letzte Plätzchen gefüllten Theatersaale der Kunstspiele fand die diesjährige Chanukah-Akademde des Lehrlingsheimes «Zukunft» statt- Man kennt schon die Darbietungen dieser jungen Menschen, denen es Ernst ist nm ihr Spiel, die von der Bühne herab ihrem Publikum immer etwas «sagen», die nicht nur aus Tradition Feste und Feiern veranstalten. Und so sah man hier, wie bei keiner anderen der Dutzendfeiern um die Ghanukahzeit, eine ganze Reihe der prominentesten Vertreter des WicneT Judentums. Die Herren Rabbiner Dr. Feucbtwang und Dr. Tagliclit, Kommerzialrat Paul Karpeles, Präsident des Vereines «Zukunft», die Vizepräsidenten Alfred Frankfurter und Direktor Emst Goldschmidt, Direktor Eduard Rozsa, Kultusvorsteher Dr. Isidor Klabcr, Hofrat Prof. Dr- Frankfurter, die Präsidenten der Bnai Brith Logen Dr. Eckstein und Dr. Saxl und zahlreiche andere Repräsentanten der Wiener jüdischen Gesellschaft waren anwesend. Die Galerien waren dicht besetzt von fröhlichen Scharen Jugendlicher der verschiedensten jüdischen Jungbünde. Das Hauptstück des Abends, betitelt «Pogrom», war ein nach D- Pinskis Drama «Die Familie Zui» bearbeitetes Familienbild aus dem jüdischen Osten. Der bereits bekannte jugendliche Regisseur und in der jüdischen Jugend populäre Führer der «Zukunft»-Zöglirrge, Karinac- Köser, hatte in meisterhafter Weise dieses Drama künstlerisch ausgestaltet und ungemein wirkungsvoll in Szene gesetzt- Die Darsteller, durchwegs Zöglinge der Anstalt, Lehrlinge, die tagsüber beruflich schwer arbeiten, zeigten ein solches Können und spielten mit derart sicherem Verständnis und Empfinden, sei es als Zionist, Kommunist, AssimiJant oder Handeljudc, daß man vergaß, wer eigentlich unter dieser Maske steckte. Erschütternd war die Pogromszenc, man wurde förmlich hineingerissen in das wiiste Toben des Mo-bs. Tosender Beifall rief die Darsteller und den Regisseur immer wieder vor die Rampe. Die nachfolgenden Szenen wurden von den Jüngsten des Lehrlingsheimes drollig und munter gespielt. So zeigte diese Feier lebendigen jüdischen Geist und echtes jüdisches Leben. Das Chanukahfest des jüdischen Pfadfinderbundes Zirenu (die Veranstaltung fand am 11. d. M. im Hotel «Post» statt) war wieder einmal eine wirkliche Makkabäerfeier, wie wir sie in den rührigsten Zeiten des Wiener Zionismus gewöhnt waren: Ein kerniger Prolog von einem begeisterten Mitglied gedichtet und gut vorgetragen, jüdische Vorträge, jüdischer Gesang, jüdische Heiterkeit und jüdischer Ernst! Dazu eine wohltuende Pünktlichkeit und stramme Ordnung. Sämtliche Darbicturignen des Abends waren mit Sachkenntnis und Fleiß, mit Eifer und Liebe einstudiert, daß man sich wahrlich wundern mußte, wie diese brave Jungmannschaft und Jungmädchenschaft für ihre tatkräftige und erfolgreiche Unterstützung des Wahlauftaktes vor und am 2. Dezember noch die nötige Zeit und Muße aufbringen konnte. Es wat ein Ehrenabend des wen tf&otentuvm straße Jlr.22 ®ie Reste und Mlli&ste £infoaut$~ Quelle preise f.T.T.LL Mm Bundes, der entzückten Zuschauern und Zuhör^-u Kunde «ab von den edlen Bestrebungen der jüdisotull Jugend nach reiner Kunst, nach jüdischer Kunst Mit welchem Verständnis und mit weichem heiligen Respekt vor dem Stoffe und vor dem Genius des Dichters haben sich diese ernsten jugendlichen Menschen an die Aufführung des Vorspieles von Beer-Hofmanns «Jaakobs Traum» herangewagt! Und der absolute Erfolg stellt Ihnen das schönste Zeugnis aus. Der Abend hat dem Bund «Zirenu» viele Freunde unter der Elternschaft und viele Anhänger unter dem jugendlichen Publikum geworben. Das Bundesleben im «Zirenu» übt einen wunderbaren Einfluß auf die leibliche und seelische Gesundung unserer Großstadtjugend aus, zumal die Jugendlichen von selber dem Alkohol und Nikotin entsagen und spontan dem Gharleston und Shimmy Sport und Naturwanderungen vorziehen. Wenn überdies jene Eltern, welche ihre Generation jüdisch zu erhalten wünschen, den herrlichen Einfluß dieses Bundes auf die positive Einstellung der Kinder zum Judentum kennen lernen würden, dann möchten diese dankbarst ihren Nachwuchs defn «Zirenu» zuführen. Erklärung. Die hiesige poalc-zionistische «Zeitung», deren «Redakteur», Herr Genosse Mendel Singer, vom Schreiber dieser Zeilen seinerzeit für plumpe Angriffe auf die hebräische Sprache öffentlich als «Am Haärez» bezeichnet wurde, hat sich in einer Ihrer letzten Nummern Über einen zionistischen Wahlaufruf offiziell aufgeregt. Daß in jenem Aufruf die Poale-Zion gar nicht angegriffen wurden — tut nichts zur Sache. Der gewisse Gentleman, der in der jüdischen Anekdote «Aus’m Bod heraus», von niemandem angegriffen, aufgeregt hinausrennt, macht die Sache erklärlich. Auch wegen der Autorschaft jenes Aufrufes, die mir in Form eines Vorwurfs und ohne jeden Beweis zugeschrieben wurde, will ich mich mit jener «Zeitung» nicht näher auscinandcrsetzen, da der «Schklduch mir nicht ganz gefallt» . . . Ich will bloß hervorheben, daß die erwähnte «Zeitung» kein Recht hatte, mich als den Autor zu bezeichnen, du nicht ich unter dem Aufruf unterschrieben war, und daß überhaupt keine Notwendigkeit vorlag, den Namen eines Autors zu erwähnen, wo es nicht auf den Namen, sondern auf den Inhalt ankam. Wenn aber trotzdem jeder logischen und sachlichen Voraussetzung die Sache anders ausfiel, so kann die Ursache nur eines von beiden gewesen sein: Unüberlegtheit eines unfähigen Schreibers, oder — gutiiberlegte Denunziation. Mayer Chartiner. Dankfagung. Schaufpieler Markus Herfchkowit» dankt auf diefem Wege den Herren Kandl, Teller, Schwarz und Holzfchlag in Graz herzlichft für die freundlichen Bemühungen, durch die fic feinen am 8. Dezember d. J. in Graz ilattgefundcnen jüdifchcn Rezitationsabend zu beftem Gelingen gebracht haben. Spende. Herr Moriz Sprecher hat anläßlich des erfteft Jahrestages des Todes feines Verwandtet!, Oberrabbincr Dr. Chajes f. A., dem Chajes-Realgymnafium einen Betrag von ioo S gewidmet. Jizchak Grünbaum über die Jewish Agency. Als Nr. 2 der von der J. A. V. «Barissia», Prag, edierten «Stbriften zur Diskussion des Zionismus» erscheint eine Publikation des bekannten zionistischen Führers und Sejmdeputierten Jizchak Grünbaum (Warschau). «Das Problem der Jewish Agency.» Der Standpunkt des Verfassers ist zwar bekannt, doch gewinnt die Schrift als summarische Kritik des befehdeten Projekts besondere Bedeutung. Grünbaum unterzieht nochmals alle Pro- und Kontragründe einer sehr t’tagehenden und immer ganz sachlichen Untersuchung. LI« Broschüre ist bei den J. A. V. «iBarissia», Prag, Is Prfkopy 17, Cafö «Contineaial», zu beziehen. Vereinsnachrichten Gedenkfeier. Ueiber Einladung des Jüdisch-akademischen Philosophenveneines hält Herr Hofra/t Prof. Dr. S. Frankfurter Donnerstag, den 20. Dezember, um %8 Uhr abends, im Hörsaal 19 der philosophischen Fakultät der Universität eine Gedenkrede für die im Laufe des Jahres 1928 verschiedenen Professoren Leon Kellner, Oppenheim und Kreidl Beginn %8 Uhr albends. Zionistische Arbeitsparte] «Hitachduth», II., Ausstellungsstraße 19. Heute Donnerstag, den 20. d. M., präzise 8 Uhr abends, findet im Heim eine Chajesgedenkfeier statt. Referenten Oberbaurat Ing. Stricker und Dr, Chaim Tartakower. Rezitationen. — Samstag, dien 22. d. M., präzise 6 Uhr abends, Heimabend. — Mittwoch, den 26. d. M., 8 Uhr abends, Meeting «Die Stellungnahme der Hitachdiuth zu den stattgefundenen Kultuswahlen». Vorher Vorlesung aus dem Hapoel Hazair (Herr Stadtmauer). Verein für jüdische Geschichte und Literatur. Montag, den 24. Dezember 1928, Uhr abends, im Klubsaal dler Hakoah, Wien, I., Wipplingerstraße 24-26 (Cai'd «Altes Rathaus», Eingang durchs Haustor), Vortrag von Herrn Oberrabbiner Dr. Denes Friedmann (Neupeet): «Hauptrichtungen der jüdischen Literatur». Eintritt frei. Gäste willkommen. Verein zionistischer Hochschüler «Theodor Herzl». Samstag, den 22. Dezember, pünkich 8 Uhr abends, im Heim IX., Gdasergasse 4, Vortrag des A. H. Dr. Leo Goldhammer «Die Wirtschaftstendenzen der Gegenwart und ihre Wirkung auf die ökonomische Lage der Juden». Jüdische Hochschiiler als Gäste willkommen! Jüdischer Bet- und UnterstiHzungsverein Zwischenbrücken. Der Vorstand des Vereines stattet auf diesem Wege dem hochverehr. Präsidium der israelitischen Kultusgemeinde wie auch allen anderen Gönnern, drie unserem Verein durch größere Spenden ermöglicht haben, eine Thora-Rolle anzukaufen, den herzlichsten Dank ab. Wer sich rm* Ankauf dieser Thora-Rolle noch beteiligen will, möge sieb bei unserem geschäftsführenden Vizeobmamn, Herrn Dawfcl Kalle r, XX., AJIerheiiigenplatz 12, melden. Diie F®tef anttÖNch