Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1928)
- Date
- 1928-12-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 DIE STIMME Sette 3 Wen erftllneil «MM»« Me— erfllfnei! Englische estenhalle Stoffreste englLcher Provenienz in Prima-Qualitäten und modernen Dessins für He renanzüge, Modehosen, Knabenanzüge und Mäntel. Kostüme usw. zu sehr billigen Preisen Wer sich gut, gediegen und billig kleiden will, kaufe nur in der Englischen Restenhalle Neu eröffnet! Wien, I., Frans Josets Kai Nr. 49* eignet waren, wurde abgelehnt Im Laufe der Verhandlung mußte ich immer deutlicher die Stimmung der Geschwornen erkennen, die kongrent war der Stimmung jener Zeugengnuppe, die ich als Zillertaler Zeugen bezeichnen möchte. Es schien mir ein deutlicher Kontakt zwischen dem Zeugenführer (ich wähle mit Absicht diese Bezeichnung), dem Gastwirt Eder und den Geschworenen zu bestehen. Wenn darüber nur ein leisester Zweifel hätte bestehen können, so liegt der Beweis in einer mir leider erst nach Schluß der Verhandlung bekannt gewordenen Aeußerung eines Geschworenen gegenüber dem Angeklagten, der einen Rechtfertigungsversuch Halsmanns mit den Worten abtat: «Mir machen S’ nix weiß. An der Stell’ k a n n ma net abstürzen.» Ein die Stimmung ungünstig beeinflußender Faktor war zweifellos auch das ungeschickte Benehmen des Angeklagten. Ich habe in meiner ganzen Praxis nie einen Angeklagten gesehen, der so alles unternommen hat, um sich die Gunst seiner Richter zu verscherzen, wie der junge Halsmann. Er stand da wie ein Rechtfordernder, schien häufig das Verhör an sich zu reißen, stellte Fragen an den Vorsitzenden, Staatsanwalt und die Geschworenen, statt sich befragen zu lassen, und das alles in einem wenigstens scheinbar herausfordernden Tone.» Hier fragte unser Berichterstatter: «Haben Sie, Herr Doktor, den Eindruck gehabt, daß die ungünstige Stimmung gegen den Angeklagten durch den Umstand, daß dieser Jude ist, bedingt war?» Dr. Preßburger antwortete: «Mit Rücksicht auf die delikate Natur dieser Frage wild ich nicht von Eindrücken sprechen, sondern Tatsachen bringen. Ich habe mir Beweise darüber gesichert, daß das konfessionelle Moment in diesem Verfahren eine gar gewichtige Rolle gespielt hat. So wurde mir durch unparteiische Personen aus dem Publikum der verschiedensten Konfessionen bestätigt, daß der Angeklagte wegen seines Judentumswiederholt beschimpft wurde. Von einem einwandfreien Zeugen wurde mir mitgeteilt, daß ein Akademiker, der als Zeuge geführt worden war, zu dem zwölfjährigen Hirtenburschen Riederer die Aeußerung tat: »Wenn Du einen Juden siehst, so weich’ links aus!’ Dabei befand sich in der Nähe dieses Spötters die Mutter des Angeklagten. Aehnliche Beispiele könnte, ich Ihnen eine Fülle anführen, und will auch nicht verschweigen, daß sich diese Feindseligkeit eines allerdings sehr kleinen Teiles des Publikums auch gegen den Verteidiger gerichtet hat. Es wurde mir von verläßlicher Seite mitgeteilt, daß Studenten im Auditorium meine Ausführungen wiederholt mit höhnischen Bemerkungen begleiteten und immer, wenn ich zu Worte kam, sagten: ,Der Jud red’t schon wieder, der Jud red’t überhaupt zuviel.* Die agressive Stimmung gegen mich gjing so weit, daß ich durch einige mir befreundete Herren am zweiten Verhandlungstage gefragt wurde, ob ich bemerkt hätte, daß mir einige Burschen auf dem Wege vom Verhandlungssaal in mein Hotel in verdächtiger Weisegefolgt seien. Ich mußte zugeben, daß ich diese Beobachtung tatsächlich gemacht hatte. Die betreffenden Herren warnten mich nun in sehr ernster Weise, allein zu gehen, und legten mir dringend nahe, polizeilichen Schutz zu verlangen. Ich habe dieses Ansinnen mit dem Hinweis darauf abgelehnt, daß ich mich in Erfüllung meiner Pflicht sicher fühle. Es ist mir auch nichts zugestoßen und Ich konnte auch persönlich keine Invektiven gegen mich hören; doch glaube ich, beobachtet zu haben, daß jene gutgesinnten Herren, die mich gewarnt hatten, aus einer gewissen Entfernung, eine freiwillige Eskorte zu meinem Schutze gebildet hatten, um mich in mein Hotel zu geleiten. Alle diese Momente und verschiedene andere Symptome, die mir Beobachter der Geschworenenbank berichtet hatten, festigten in mir die Ueberzeugung, daß ich au feinem verlorenen Posten stand. Dies war der Grund, weshalb ich am vorletzten Verharvdlun'gstag im Freundeskreise den ungünstigen Ausgang des Prozesses als Einziger vorausgesagt habe. I c h habemirdeshalbdurchStellungschwerw iegender Anträge, die vom Gerichtshof ab gelehnt wurden, Nichtigkeitsgründe gesichert, die mir eine Wiederaufrollung des Prozesses möglich machen werden. Ich bin fest davon überzeugt, daß es bei diesem Fehlurteil der Geschworenen nicht bleiben kann und werde mich bemühen, bei der neuerlichen Durchführung des Prozesses gegen Halsmann die Delegierung eines anderen Schwurgerichtes durchzusetzen, um die Unschuld des Angeklagten lückenlos dartun zu können.» Reihen schließen! Von Michael. Die um ihr Landeskomitee gescharten Wiener Zionisten haben bei der Kultuswahl einen schönen Erfolg errungen. Sie verdanken das der mutigen, zielbewußten Führung u-nd der Pflichttreue, mit der Zionisten aller Schatierungen nach Art braver Soldaten dem Kampflärm zuliefen. Die organisationstreuen Wiener Zionisten haben die hämische Erwartung ihrer offenen und geheimen Gegner zuschanden gemacht. Unser Besitzstand in der Judengemeinde wuchs über das 1924 kn Ko«mprom>ißwege erzielte Maß um zwei Mandate, und die Mehrheit der verbündeten «Union» und «Aguda» wurde gebrochen. Damit ist ein entscheidender Schritt getan auf der vor drei Jahrzehnten durch Herzl gewiesenen Bahn zur Aufrichtung der jüdischen Volksgemeinde. Dennoch dürfen wir uns von dem Rausche berechtigter Freude nicht zur Unterschätzung unserer Gegner kn jüdischen Lager verleiten lassen. Gerade jetzt, im Zeichen des Sieges, steht es uns wohl an, nüohternen Blickes unsere und die Kraft unserer Gegner zu messen. Die Union voran, bewies eine größere Lebenskraft, als ihr bei der Ueberalterung ihrer Führer und ihrer Ideen zuzumuten war. Zwar klaffen breite Risse im Gefüge der Union. Schon die beständige Aenderung des Firmennamens verrät innere Unsicherheit. Doch auch von dem «Programm», mit dem die Altliberalen, Filiale Seitenstettengasse, seit Herzls Tagen und bis in den Krieg hinein gegen uns Zionisten mobil machten, mußten sie Stück für Stück aufgeben. So wurde der Schlager von der Gefahr, Wiener Steuergelder an Palästina zu verschleudern, als zu anrüchig den Troßknechten von der Aguda überlassen. Auch das früher von der Union gehätschelte «Deutschtum» hält man jetzt lieber unter der Rockfalte versteckt, teils in Angst vor den Wählern aus Galizien und den anderen exdeutschen Provinzen Altösterreichs, teils aus Erkenntnis der Lächerlichkeit dieses Schlagers zu einer Zeit, da man iim verjüngten Teutschland seit Kriogssohluß die 69ste Schändung jüdischer Gräber zählt. Weihnachtsokkasion: Delailmtal zu Eifospri m-r. iii nmiiNun w ' v r nuumjir Wü|, direkt in der Fabrik Schwarzatlas, handgenäht von S 15.50 T 9 7*f jTTr m* jP VII. KaisersfrdDe Lackpumps „ „ S 22.50 &G Schlangenlederschuhe „ S 40. — int stock Sonnlotf, cB&b& 23L ®€52E«m&fo«Br, den ganzen V«Hg§ d^dfifinel? nana tausende Jijden, aus Ihren bisherigen Wirtschaftsverbänden gerissen, ergreifen den Wanderstab. Physische und moralische Qualen ohne Ende. In den verlassenen jüdischen Häusern feiern Russen jjnd Allpolen ihre Verbrüderung. Stand — der Flüchtling — wird in Wien Präsident des «Exekutivkomitees der Zionisten Oesterreichs» des «Jüdischen Nationalrates für Osfgalizien» und leitet die Agenden der österreichischen und galizischen Zionisten. Die galizisch-jüdische Welt kommt in Wien wieder mit ihrem Führer zusammen. Das Leben in Wien wird stärker, jüdischer. Es erfolgt die räumliche Verschiebung des ostjüdischen Ideengehaltes. Stand gründet in Wien jüdische Tageszeitungen, hält unzählige Versammlungen ab, leitet die Flüchtlingsfürsorge. Die nationale Bewegung gewinnt immer mehr Anhänger. Die Leopoldstadt entsendet in die deutschösterreichische Nationalversammlung und den Wiener Gemeinderat ihre Abgeordneten. Stands Arbeit trägt Früchte. Während des Weltkrieges bricht der «Vierunddreißigste Krieg» aus; der polnisch-jüdische Öoykottkrieg, der zur Zeit der vierten Duma entbrannt war, artet im Jahre 1918 und 1919 in Pogrome aus. Die am 2. März 1861 stattgefundene jüdisch-polnische Annäherung, welche Dow Beer Meiseis, Dr. Jastrow, Isak Kramsztyk, Matthias Rosen, Jakob Natanson und Leopold Kronewberg an der Spitze des jüdischen Demonstratlonszuges an den Gräbern der bei Grochow gefallenen polnischen Aufständler mit Polens angesehensten Repräsentanten gefeiert hatten, wunde durch Dmowski, Grabski und Niemojewski in den blutigen Pogromtagen von Lemberg im November 1918 zu Grabe getragen. Jüdisches Blut fließt in Strömen, zerrissene und geschändete Thorarollen verbrennen zu Asphc. Die polnlsohe Judenfrage wird Gegenstand einer internationalen Diskussion . . . Stand spricht das ietztemal auf einer Protestversammlung gegen die Pogrome in Wien, Er spricht — wie immer — mit Wuchl und Schärfe, atembeklemmend und zu Tränen rührend. Er bricht ab, seine Stimme zittert, sein Körper bebt . . . Das jüdische Unglück ist zu groß . . . Und die jüdische Oeflentlichkeit sah ihn nie wieder, denn sein Herz versagte. Palästina und Galuth — die ganze jüdische Welt — Ist tief erschüttert ... Heute, wie vor neun Jahren an der Bahre, trauern wir, unseres unvergeßlichen Meisters treue Schüler. Mit der Filmkamera durch Erez-lsrael Von Josef Gal-Eser. Im nachfolgenden berichtet der Regisseur des neuen Kulturfilms «Frühling in Palästina», der als gemeinsamer Propagandafilm des Keren Hajessod und Keren Kajefneth laufen wird, über die Erlebnisse, die er zusammen mit dem Kameramann J. Ben D o v auf seiner Fiimrese hatte. Ais wir wieder einmal die Filmkamera zur Hand nahmen, um Erez Israd zu durchwandern, ließen wer uns,von neuen Gesichtspunkten leiten. Wir wollten diesmal keinen großen zusammenhängenden und abendfüllenden Lehrfilm schaffen, sondern verschiedene Themen zu kurzen Kulturfilmen verarbeiten, die, voneinander unabhägig, in ihrer Gesamtheit doch den «Frühling in Palästina», das heißt das Erwachen des Landes in verschiedenen Erscheinungsformen und auf verschiedenen Gebieten zeigen. Mit dem ersten Früihlingsbeginn, zur Zeit der Mandelblüte, haben wir unsere Frühilingsreise aufgenommen und haben damit schon unseren ganzen Film unter de Devise des Frühlings und Aufbatis gestellt. Die Mandelblüte und das Neujahrsfest der Bäume, das Fest des FrüJilingserwachens, dann aber die Orangen, diese bedeutungs- und verheißungsvolle Exportmdustrie Erez Israels, bilden den Inhalt des ersten Aktes unseres Films. Dann folgen in einem weiteren Akte Bilder aus Jerusalem und Tel Aviv an festlichen Tage«. «Heldinnen des Aufbaus» heißt der dritte Teil unseres FHms. Er zeigt di e F r au als P ionier bei Feldarbeit und Straßenbau, in der Fabrik und bei Heimarbeiten, und die große Hingebung, mit welcher die Kleinen, de Träger unserer Hoffnung, in Erez Israel gepflegt werden. «Chederah und Haifa» heißt der vierte Akt; er zeigt eine der ältesten, heute eine der schönsten Kolonien, unter den größten Opfern von den Bilu, diesen ersten Pionieren Erez Israels, aufgebaut, und Haifa, die auf blüh ende Stadt der Zukunft. Der fünfte Teil des Films führt uns «den Jordan aufwärts», von der Einöde des Toten Meeres den Jordan entlang durch die Jordanöbene bis zum großen Werk der Elektrifizierung bei Gescher und dann durch die Keren Haj essod-Siedilnmgen nach Tiberias, zum Tempel von Kfar Naihum, zum malerischen Hulehsee und zu den Huileh-Bediuänen, bis wach Metullah, zur Nordgrenze Palästinas. Nicht leicht ist es, durch Erez Israel mit der Kamera zu wandern. Die primitive orientalische Jüdin oder die Araberin wie der Beduine fürchten das Auge der Kamera wie den «bösen Blick». Einfacher ist es m.t denjenigen «Statisten», die nur eine Bedingung steilen: daß sie mit sämtlichen Freunden und Verwandten zur Erstaufführung des Films geladen werden müssen. Freilich störe» sie dann meistens bei den Aufnahmen durch Uebereifer und diurch das Bestreben, dem Regisseur unbedingt bei der Aufnahme helfen zu wollen. Auch Versprechungen muß der Regisseur geben, bei denen er niemals weiß, ob er sie wirklich wird erfüllen können. Der jüdische Fischer in Tiberias will sich nur filmen lassen, wenn wir ihm bestimmt Zusagen, daß der Film in Lodz aiufgeführt werden wird, wo ihn alle Freunde bewundern sollen. Und die Chaluxah am Kwisch ist «prinzipielle Gegnerin» von Filmaufnahmen? Sie ist nur dann zu gewinnen, wenn wiir ihre Mutter in Kischenew zur Aufführung unseres Films ein laden. Eine berechtigte Forderung! Dazu kommt aber noch so manchmal üble Stimmung in der Siedlung infolge von Mißernte, vor allem aber die Schwierigkeit des Rasens durch ungangbajres Gebiet und der glühende Sonnenbrand, dem so manche schöne Aufnahme zum Opfer fäKit. Aber die Mühe darf Filmregisseur und Kameramann nicht abschrecken und es ist doch klar: Palästina ist eia Land m t großen Filmmöglichkeiten, die kaum noch entdeckt wurden. Wenn der neue Füm «Frühling in Palästina» nicht nur den Zweck erfüllt, von dem neuen Leben in Palästina zu berichten, sondern auch mit hilft, Palästina für den dramatischen Kunstfilm aus Bibel und jüdischer Geschichte, aus modernem jüdischen wie allgemein orientalischem Leben zu entdecken, dann hat dieser en*le gemeinsame Film des Keren Hajesod und Keren Kaj«taotti «eine Aufgabe voll erfüllt. *