Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1928)
- Date
- 1928-12-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sefte 2 DIE STIMME Nr. 51 vergessen, als jeder der biederen 7:llertaler sein Sprüchel sagte: «Unheimlich, ansympathisch!» Mit einem Wort ein «Zuagraster» und ein Jud’ dazu, und die gezählten Entlastungszeugen waren ja ebenso verdächtige Gesellen, denn, wenn sie nicht Juden waren, waren sie wenigstens czuagrast». Diesen Reigen des Prozesses aber leitete der Vorsitzende Dr. L a r c h e r, der Präsident des Innsbrucker Landesgerichtes, nach Aussagen von Innsbrucker C-~- währsmännern ein prominenter Hakenkreuzler. Dieser Vorsitzende hat alle Anträge der Verteidigung abgelehnt, hat alles, was Halsmanns Verteidiger — es war eine, weit über Oesterreich bekannte Zierde des Barreaus, Dr. Richard Preßburger — im Laufe des Prozesses vorbrachte, geradezu höhnisch bagatellisiert. Im Zuge dieses Verfahrens wurde die Ungeheuerlichkeit festgestellt, daß der Angeklagte dem Lokalaugenschein nicht beigezogen wurde; aber mit Hast und Eile stürzte sich alles auf den, schon aus dem psychischen Zustand des Angeklagten erklärlichen Widerspruch in der Aussage Halsmanns, ob er vor oder hinter dem Vater gegangen war, als das Unglück geschah. In der Verhandlung dürfte ein Zeuge den Ausspruch des alten Halsmann «Ich tue meinem Sohn nicht den Gefallen abzustürzen», den er ln der Voruntersuchung als Scherz genommen zu haben angab, unbehindert und ohne jeden Vorhalt plötzlich ernst nehmen, einen Ausspruch, den auch andere Zeugen als scherzhaften auffaßten und der sich aus gutartigen touristischen Wettbewerb zwischen dem älteren Vater und dem jungen Sohn ohne weiters erklären läßt. Aber die Tat des Halsmann mußte doch irgend eine Begründung haben und so gab dieser Ausspruch sie ab, obwohl die Aussagen der übrigen Familienmitglieder, der Bekannten und Studienkollegen Halsmanns darlegten, daß der junge Student ein guter, ja zärtlicher Sohn war, obwohl vorgelegte Briefe dasselbe bekundeten. So war der Ring geschlossen: Philipp Halsmann mußte der Mörder sein. Wir kennen diese Fälle; sie sind durch die Namen Hilsner, Steiger, Jakubowskl, Slater seit langer Zeit unauslöschlich in unser Gedächtnis gegraben. Halsmanns Verteidiger sprach in Engelszungen; er wurde nicht gehört. Er konnte nicht gehört werden; sagte doch ein Geschworener noch kurz vor Schluß des Prozesses zum Angeklagten: «Mir können Sie nix weiß machen, dort kann man nicht absturzen». Der Geist des Hüttenwartes Eder beseelte den waokeren Alpenländler auf der Geschworenenbank. Und so wie der eine, waren sie alle vom' Geiste erleuchtet, denn sie brauchten knappe 20 Minuten zur Fällung ihres Verdiktes; und ihr Gewissen war beruhigt. «Hier ist Verbrechen» rief Philipp Halsmann in höchster Verzweiflung als ihm das Verdikt der 9 Schuldig bekannt wurde. Er hat zu wenig gesagt; denn im Zillertal ist ein Judenmord geschehen, Adolf Stand (Zar neunten Wiederkehr eines Todestages.) Von Dr. Israel Taubes. Am 20. Dezember 1919 erlag Adolf Stand, ehemals österreichischer Reichsratsabgeordneter, Parteichef der zionistischen Organisation in Galizien, seinem qualvollen Leiden, kaum 50 Iahre alt. Er liegt in Wien begraben. Dunkel war die «jüdische Gasse», als Adolf Stand sie betrat Die galizische Orthodoxie, in träger Passivität versunken, ein blindes Werkzeug des schlachzizischzaddikischen Willens; der jüdische Mittelstand, Arbeiter, Handwerker und Kleinhändler, ächzt und stöhnt unter dem Druck, lebt in den Tag hinein; die offiziellen israelitischen «Vertreter» — eine korrupte mandats- und ordenlechzende Clique. Die freiheitlichen Regungen der jüdischen Seele werden mit Skepsis und Mißtrauen aufgenommen. «Magid» und «Badchen» sind noch Förderer der «Aufklärung», predigen Moral, führen in die aktuellen Fragen des Lebens ein und beherrschen noch die jüdisch-galizische Welt. Doch bald verschafft sich die ganze russisch-jüdische Aufklärungs- und zionistische Literatur in Galizien ihren Zutritt. Mapu, Lilienblum, Gordon, Smolenski, Slonimski, Harkawy, Pinsker und andere Werden bekannt, Krochmals und Perls Ideen nimmt die jüdische Gasse jetzt aufrichtiger und ernster auf. Die Ideale der nationalistischen Haskalah revolutionieren die Jugend und das zionistische Ideal tritt intensiver und schärfer in den Vordergrund. Es reift immer mehr die Ueberzeugung, die Juden seien überall Fremde; unbeschadet aller Fortschritte der Zivilisation werden sie nirgends geliebt und überall verfolgt; wenn wir nicht physisch untergehen oder ein schmähliches Scheindasein fristen wollen, dann bleibt uns nur ein Mittel — die Renaissance im Lande unserer Väter. Jüdischer Wille und jüdische Tat erstarken zusehends, die jüdische Jugend tritt voll Begeisterung in das jüdische Leben ein, das einem ununterbrochenen Kampfe gleicht. Die Mittelnach dem alpenländisch-antisemitischen Ritual. Diese Schande, die Oesterreich vor der ganzen Welt bloßsteflt, darf nicht bestehen bleiben und wird es nicht, der Nichtigkeitsgründe dieses Urteils — 10 Jahre schwerer Kerker, jenes — tückisch milde Strafmindestmaß, gegen das nicht berufen werden kann, sind zu viele. Der «sichere» Weg im Zillertal hat zwei Opfer gefordert; die «sicheren Wege», welche der alpenländische Geist der bodenständigen Gesinnung einschlägt, werden noch mehr Opfer fordern, wenn die «Fremden» und insbesondere die zwiefach, als Fremde und als Juden Stigmatisierten, nicht so vorsichtig sind, das Zillertal und die anderen Täler und Berge der österreichischen Alpenländer sich selbst zu überlassen. Wir aber haben die traurige Pflicht, das, was das vielgerühmte Zillertal und das viel angepriesene Innsbruck über ganz Oesterreich gebracht haben, ln die Welt hinauszuschreien, ihr zu sagen, daß es heute bereits genügt, als Fremder und als Jude in die schönen Alpenlande zu kommen, um hinter Kerkermauem sein Leben zu beschließen. * Aus diesen Darlegungen unseres Berichterstatters geht mit furchtbarer Deutlichkeit hervor, daß die Indizien des Innsbrucker Prozesses mehr als zweischneidig sind. Welche Gefahr dies in sich birgt, geht mit furchtbarer Deutlichkeit aus den Darlegungen hervor, welche Philipp Halsmanns Verteidiger, Dr. Richard Preßburger, einem unserer Mitarbeiter gab und die wir in ihrer vollen Wucht hier sprechen lassen: Was Ich im Halsmann- I Prozeß sah Von Dr. Richard Preßburger. (Ein Gespräch mit unserem R. S.-Berichterstatter.) Der Prozeß wurde veranlaßt, durchgeführt und entschieden durch die Stimmung, vorgefaßte Meinung und in aufdringlicher Weise geäußerte Schlußfolgerungen derjenigen Personen, die am Tatort die Spuren aufgestöbert haben. Allen voran war es der Hüttengastwirt Eder, der sich eine Art Polizeigewalt arrogiert hat und bei der ersten, durch den Hirtenburschen R i e d e r e r ihm gemachten Mitteilung von dem Absturze, die Aeußerung tat: «Das gibt es nicht, dortkann keinerabstürzen, da ist was nicht mit rechten Dingen zugegangen.» Charakteristisch, daß er diese Aeußerung machte, bevor er noch die Stelle kennen konnte, wo sich das Unglück ereignet hatte. Es ist festgestellt, daß wenige Gehminuten vor der indizierten Absturzstelle der Abhang, c\~r den Weg begrenzt, sehr stell ist, so daß sich dort Unfälle sehr leicht ereignen können und auch tatsächlich schon ereignet haben. Das Motiv, aus dem heraus der Wirt von vornherein einen Unfall als ausgeschlossen und ein Verbrechen als gegeben err/Vete, scheint mir in seiner Interessesphäre als eine Art Wegins p e k t o r gelegen zu sein. Er wollte nicht zugeben, daß der Weg nicht in Ordnung sei und schloß deshalb die Möglichkeit aus, daß dort überhaupt jemand verunglücken könne. So hat Eder, am Unfalisort angekommen, sofort Polizei gespielt, nach Spuren des vermeintlichen Verbrechers gesucht, seinen Hund losgelassen und Dispositionen getroffen, wie sie nur einer strafgerichtlichen Behörde zustehen. Eder hat sämtlichen am Tatort gleichzeitig und später erschienenen Personen und behördlichen Organen suggestiv seine Meinung über die Kausalität der Ereignisse beigebracht und seine Meinung ist es, die sich in den Akten der Voruntersuchung, in der Anklage, bei der Hauptverhandlung und im Verdikt der Geschworenen spiegelt. Ich kann das Gefühl nicht los werden, daß selbst das Gutachten der Sachverständigen, die ich als gewissenhafte Männer ihres Faches kennengelernt habe, unter der Suggestion jenes Mannes zustanclegekonimen Ist, der für sich die besondere Kenntnis der in Frage kommenden touristischen Verhältnisse in Anspruch nimmt. Die Voi Untersuchung ist im allerstrengste* nquisitorischen Geiste geführt w o r d e n. Da ich zunächst selbst in Innsbruck nicht intervenieren konnte, wurde meinem dortigen Substituten der Zutritt zu dem Angeklagten noch längere Zeit hindurch verwehrt. Dem Augenschein an Ort und Stelle, der vielleicht wichtigsten Episode im Strafprozeß, wurde der Angeklagte entgegen der gesetzlichen Vorschrift nicht zugezogen. Er konnte also die wichtigsten gegen ihn geführten Indizien nicht selbst widerlegen. Nach Zustellung der Anklageschrift standen der Verteidigung ungefähr zehn Tage zur Vorbereitung derHauptver- Handlung zur Verfügung, was insbesondere mit Rücksicht auf meine Entfernung vom Verhandlungsort viel zu gering ist. Eine Gegenuntersuchung zu führen war schon im Hinblick auf die Witterungsverhältnisse und insbesondere darum nicht erfolgversprechend, weil inzwischen derWeg, aufdemsich derUnfall ereignethatte, ausgebessertworden war. Ein wichtiges Moment! Die von mir angebotenen Entlastungsbeweise konnten sich daher hauptsächlich nur in subjektiver Riohtung bewegen, d. h. dem Beweise dienen, daß das Vorleben des Angeklagten und sein Charakter so tadellos sind, daß ihm das Verbrechen nicht zu getraut werden kann und daß ein Motiv für dasse’be bei den ausgezeichneten, zärtlichen Beziehungen zwischen ihm und seinem Vater, bei dem durch den Sohn stets geäußerten Dankbarkeitsgefühl gegenüber dem immer opferwilligen Vater, ausgeschlossen ist. Von diesen durch mich angebotenen Entlastungsbeweisen ist nur ein geringer Teil zugelassen woirden. Als ich den Ablehnungsbeschluß des Gerichtes erhielt, habe ich Veranlassung getroffen, daß 15 Personen aus dem Kreise der Verwandten, Freunde und Lehrer des Angeklagten zur Verhandlung nach Innsbruck kommen, um über seinen Charakter und sein Vorleben Zeugenschaft abzulegen. Diese Zeugen rekrutierten sich aus den verschiedensten Berufen, Konfessionen und Nationen. Von allen wurden im ganzen vier zugelassen und die Verlesung zahlreicher Korrespondenzen zwischen Eltern und Sohn, die das ungetrübte Familienleben darzutun geschulprofessoren werden zu Spionen, das Studium jüdischer Geschichte wird mit Ausschluß bestraft, die Assimilation soll mit Gewalt durchgeführt werden. Der sechzehnjährige Mittelschüler Stand kommt Ende der achtziger Jahre mit den vier Progonen des galizischen Zionismus zusammen. Dr. Josef Kobak, Dr. Wilhelm Holzer, Dr. Rüben Bierer und Oser kofoatyner nehmen den jungen Schwärmer mit Freuden auf. Es kommen auch Salomon Schiller, Abraham Korkis, Neumark, Ehrenpreis. Sie kommen alle, si£ melden sich, sie wollen nach Palästina. Siegmund Bromberg-Bytkowski fährt doch schon morgen oder vielleicht noch heute mit den Chowewe-Zion nach Erez-Israel. Die Begeisterung wird immer stärker, intensiver, ehrlicher. Stand ruft die erste zionistische Zusammenkunft nach Lemberg ein. Es kommen 18 Delegierte, 17 aus Lemberg, Löbel Taubes wird von der Provinz entsendet. Diese jungen, jüdischen Menschen beraten in dem kleinen Stübchen im Lemberger Ghetto und dort wird der Grundstein zur galizisch-zionlstischen Partei gelegt Stand beginnt die «Przyszlosc» (Die Zukunft) zu .*edigieren, sie sagt in polnischer Sprache jeden Samstag den polnischen Assimilanten rückhaltlose Wahrheiten und rollt das jüdische Problem auf. In dieser kritischen Zeit erscheint Theodor Herzl! Der Sohn der westlich-jüdischen Bourgeoisie gewinnt den jüdischen Osten und die Wilnaer jüdische Gemeinde überreicht Herzl eine Thora als Symbol der Verbrüderung zwischen Ost und West. Adolf Stand sieht in Herzl den künftigen Lenker der jüdischen Geschicke, wird zu dem eifrigsten Enthusiasten und Anhänger des Führers, entwickelt eine lebhafte Korrespondenz und sitzt im Jahre 1897 als Vertreter der galizischen Zionisten in Basel. Der Träumer Stand wird zum aktiven jüdischen Politiker. Er kommt zu allen Gruppentagungen, Landeskonferenzen, Kongressen, er wird der beste, hinreißendste Redner, der eifrigste Agitator, der packendste, gedankenreichste Essayist, redigiert den «Wschod» (Osten), «Rocznik zydowski» (Jüdisches j Jahrbuch), das Lemberger «Tagblatt», sein Name J klingt allerorten. Jedes kleine Nest in Galizien und der Bukowina hört ihn sprechen, er kommt zu den breifen Schichten der jüdischen Bevölkerung, sie kommen zu ihm. Die «jüdische Gass'e» lebt auf, sie fühlt :iud denkt, braust und stürmt, wie Stand selbst! Er gibt ihr jüdischen Inhalt, Ehrgefühl und Würde, Stolz und Kraft wieder. Das polnische Assimilantentum sah sich ii» seinen Grundfesten erschüttert. Die jüdischen Massen wollten jüdisch bleiben, sie wurden stark in ihrem Wollen, leidenschaftlich in ihrem Lieben und Hassen. Die Bedrückungen werden systematisch, jüdische Geschäfte werden geschlossen, Juden verlieren ihre schwer erworbenen «Parnußes». Aber etwa 30.000 jüdische Stimmen wählen im Jahre 1907 ihre Kandidaten. Adolf Stand wird Abgeordneter der Haskalahstadt B r o d y, der polnische Assimilant fällt. In Wien entwickelt Stand eine fieberhafte Tätigkeit, das österreichische Parlament bekommt seinen «jüdischen Klub» und hört zum ersten Male Worte über die Wiedergeburt des jüdlscnen Volkes. Das Wiener Parlament gewinnt durch Stands Reden im Ausland mehr Interesse, Stand erzwingt sich auch bei den polnischen Gegnern durch seinen lauteren Charakter Achtung und Sympathie. Das heute aktuelle Minoritätenproblem und nationale Seibsfebestimmungsrecht werden aufgerollt. Die Regierung wird aber Imntet judenfeindlicher, die Ukrainer stellen ihre nationalen Forderungen in Ostgalizien, wo sie auf das jüdischnationale Element angewiesen sind, doch die Regierungstaktik siegt. Bei den nächsten Wahlen wandern die Stimmzettel mit dem Namen Adolf Stand ln den Ofen des Wahllokales und am nächsten Tage finden Mittelschüler angebrannte, zerrissene Wahlzettel In dem gestern so arg umstrittenen Lokal, das heute wieder für Schulzwecke verwendet wird. Der feindliche Terror erstickt die jüdische Stimme . . . Das österreichische Parlament sieht keinen gallzisch-zlonistischen Abgeordneten mehr! ... Es kam der Krieg mit seinem unbeschreibliche* Jammer urui jüdischen Verzweiflungsschrei. Hiitai»