Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1928)
- Date
- 1928-12-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Sommer 1928 spielte sich im Zillertal ein Ereig-. nis ab, das in Dünke! gehüllt ist; im. Dezember 1928 geschah in . Innsbruck etwas, was jedem Unbefangenen geradezu furchtbar deutlich wird: ein Mord! Wir' wiederholen es mit vollem Bewußtsein: An dern 22jährigen Studenten Philipp Haisniamv, der des Mordes an seinem Vater, dem Zahn* arzt Mordechei Halsmantraus Riga*schuldig gesprachen ward, wurde ein Judehmord gegangen. Der alte Grundsatz «in dub.io jftöj.reo»;. den Angeklagten) wurde gerade in der letzten Zeit in zahlreichen Fällen angewendet,, wo es weit mehr Indizien für die Möglichkeit einer Untat gab, als ln dem Falle des Philipp Halsmartn; wir erinnern nur an die Fälle der Ka.röline Kudisch und . der Josefine P r u s c h a. Vor dem Gesohwomengericht von Innsbruck aber stand ein junger Student, dessen Vater an einer abschüssigen Wegstelle im Zillertal tot äufgefunden wurde, unter dem Verdacht, diesen Vater getötet zu haben, und die ganze Art, wie der Prozeß um Findung des wahren Sachverhaltes geführt wurde, läßt mehr als deutlich erkennen, daß jeder Zweifel, der für den Angeklagten hätte sprechen sollen und müssen, von vorneherein schwelgen mußte. Ein Mann stürzt an einer Stelle ab, die, wie allgemein .erklärt wird, nicht gefährlich ist; muß dann schon unbedingt eine Gewalttat erfolgt sein? Es sind schon Leute bei einem Sp aziergang auf dem. Le o,p o Id sberg abgestürzt! Und bei der Verhandlung in Innsbruck hat sich herausgestellt, daß an derselben Stelle Im Zillertal schon früher Personen und auch Tiere verunglückt waren. Doch die Gewalttat war feststehende Tatsache, und feststehend war, daß nur der Sohn des Toten sie verüibt haben konnte; ein unsympathischer «Zuag’raster», ein JudY nooh dazu aus dem östlichsten Osten — nur dem ist eine solche Tat zuzutrauen! Dem toten Vater haben die Zeugen im Gerichtssaal noch seinen fremden jüdischen Akzent in ihrer witzlosen Weise nachgemauschelt; der Sohn hat keinen Akzent (er hat in Deutschland studiert, ein Tagebuch, das im Prozeß verlesen wurde, zeigt einen jungen Menschen von beweglichem Geist, tiefem Empfinden und reichem Wissen), aber dafür ist er «unheimliche. Die Kellnerinnen, die Kuhhirten und die anderen biederen Aelpler, unter denen, wie man aus dem Geriölrtssaalbericht fast jede Woche erfährt, Vater- und Muttermorde, Bruder- und Schweshrmotde aus Habsucht um Grund und Boden geradezu gang und gäbe sind, Morde, die meist tückisch mit Gift begangen werden, diese biederen Aelpler haben es sofort gespijrt: Er ist ein Vatermörder, denn er Ist ein unheimlicher, zuag’raster Jud'l . t Wir sprechen es hier laut, aus: Vatermprd ist eine Untat, die unter den Juden weniger; als .vereinzelt vorkommt. Aber für das Zillertal und,sonstige Alpenlande ist der Jude der Inbegriff aller Schlechtigkeit; und es (Von unserem L.-H.-Berichterstatter.) ist auch so bequem, wenn man gleich einen Juden zur Hand hat, an dem man einmal alle, die niedrigen, durch : , Sommerfrischenerwerb mühsam niedergehaltenen Haß- , instirikte befriedigen, den man «ordentlich eintunken», kann, wie sich einer der Hauptzeugen vor und. während der Verhandlung geradezu lichtvoll ausdrückte. Mit der bloßen Antipathie allein aber kann man einen Juden,: i selbst wenn et das Unglück’hätfin''d&rZillertaler Alpen seinen Vater zu verlieren;,'inicht «eintunken»; dazu.muß man erst eine Begründung'haben: Die würde in diesem Prozeß mit geradezu .imposanter, Präzision vpn Mann zu Mann, von Kellnerin zur Kuhdirn’ vom Haltcrbuam . bis-?um Gendaimerieposten und zum Herrn Untersuchungsrichter (er heißt Dr. . Kasperer) wie eine Parole weitergegeben: «Das gibt cs nicht; da kann keiner abstürzen, da ist was nicht mit rechten Dingen zugegangen!» ■Und .der Herr Untersuchungsrichter/, der sofort diese Ueberzcugung teilte, nahm sich. den. iebengebliebenen Juden vor. und versuchte ihn mürbe zu machen. Er wies den Beistand des Verteidigers ab mit der famosen Begründung: «Ich will ihn nicht moralisch stützen durch Rücksprache mit seinem Verteidiger; er muß zusammenbrechen und ein Geständnis machen.» Dieses «muß» ist geradezu ein Mordindizium.für die Ankläger Halsmanns. DerWeg, auf demm an nicht abstürzen kann, wird geradezu zum Angelpunkt für das ganze Verfahren. Es ist ein merkwürdiger Weg, ein Weg, der geradezu Versicherungsprämien erspart. So ein Weg, wie der im Zillertal War, Beachten Sie in dieser Nummer u. a. folgende Aufsätze und Berichte: Was ich im Halsmann-Prozeß sah. Von Dr. Richard Preßburger. Adolf Stand. (Ein Gedenkblatt.) Von Dr. Israel Taubes. Was wollen die Revisionisten? Von Dr. Norbert Hoffman n. Mahnende Kinderhändchen. Von Robert Schreier. Mit der Filmkamera durch Palästina. Von Josef Gal-Eser. Der militante Antisemitismus in Rußland. Reihen schließen! Von Michael. «Kommunisten, Zionisten und loyale Bürger.» Emanuel Lasker 60 Jahre alt. Sport, Schach, Rätsel. Wegen der durch die Feiertage bedingten Arbeitsruhe erscheint die nächste Nummer unseres Blattes Freitag, den 28. Dezember ist in der ganzen Welt nicht da; man sollte dtort <ftee Tafel anbringen mit der Aufschrift: «Hundertprozentige Sicherheit garantiert.» Und siehe — dieser unfehlbar sichere Weg wurde nach dem ■ «Mord» — ausgebessert! Damit war ein objektiver Lokalaugenscheln nicht mehr möglich..Ein solches Uebermaß an Vorsicht, das gerade vor dem Prozeß Halsrnann fiel,, ist zum mindesten Verdächtig. Es scheint, daß auf diesem Wege nicht nur niemand abstürzen lconnte, Sondern auch niemand abstürzen durfte. Gerade in diesem Zusammenhang ist die ungeheure Regsamkeit auffällig, die der Hüttenwart Eder, welcher für die Sicherheit dieses von ihm seltest angelegten Weges verantwortlich war, in dieser gänidh Begebenheit an den Tag gelegt hat. Von ihm ging die Parole aus; daß der Weg unbedingt ungefährHeh sei. Und, wenn Hüttenwart Eder derlei über seinen Weg sagt, so in u ß er es wohl sagen. Der zuag’raste Jud’ Haismann gab dem Eder willkommene Gelegenheit, daß er das, was er sagte, sagen konnte; denn vom Juden glaubt man alles. Hüttenwart Eder .war auch mit Eifer bemüht, alles festzustellen, was man. vom Juden glauben könnte. Er wies auf . Spuren, er führte Zeugen herbei und vermutlich ist auch ihm : . die Auffindung des Steines zu verdanken, mit dem Philipp Halsmann seinen. Vater tötgeschlagen haben muß,:jenes eigentümlichen Steines, der . für die Sachverständigen eine so große Rolle spielte; mit seiner breiten Seite wurden, so stellten die Gutachter fest, dem Mordechei Haismann «He drfii schweren Verletzungen am Kopfe beigebracht; und — oh Wunder an seiner spitzen Seite wurden Haare und Blut festgestellt. Der Stein ist ein prozessuales Unikum und wir sagen es schon jetzt voraus: er wird später einmal ein Dokument für das Walten der Justiz in Oesterreich werden. Nach seiner geradezu imponierenden Kriminalistischen Betätigung kam Hüttenwart Eder mit dem ganzen Stolz seines Zillertaler guten Gewissens in den Gerichtsaal, als der Mann, zu dem die anderen" Zeugen geradezu andächtig aufblickten, der den Geschwornen, von denen , er sehr viele als Ansassen aus dem Zillertal kannte, grüßend zulächelte, sicher seines «sicheren Weges» und seiner sicheren Sache. Und seinem sicheren Wege wurde im Gerichtsaal das beste Zeugnis ausgestellt; mußten doch nurzwei juden daran glauben, einer vor dem Prozeß, der andere — durch den Prozeß. Nachdem — ein Unikum in «ier Führung von Kapitalprozeßen — die Entlastungszeugen (es waren nur vier zugelassen) zuerst vernommen \yprden waren, marschierte dann, einer nach dem anderen, die wackere Schar der Belastungszeugen aus dem Zillertal auf, geleitet von Hüttenwart Eder. Was Angehörige und Bekannte des Philipp Hateaim aussagten, wac 1&0*