Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1928)
- Date
- 1928-12-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 50 DIE STIMME Seife 9 scbt« Welt, and aus zwei jüdischen Vertretern, deren einer Professor Einstein, und der zweite ein von einer Art Weltrabbinerkongreß gewählter Delegierter sein könnte. Der vorsorgliche Verfasser gibt dieser überdimensionalen Jewish Agency natürlich auch recht viel Arbeit. Er bestimmt verschiedene Kommissionen, welche die Arbeitspläne für den Zionismus vorzubereiten hätten; sie hätten auch die sicherlich sehr leichte Arbeit, die Einigkeit und Einmütigkeit unter den Juden in dtie Tat umzusetzen und auch de Sympathien aller Nichtjuden zu verschaffen. Ein oberst'er Rat hätte, wie sich der Vertasser so schön ausdrückt, «die Bevölkerung von Morgen» und die künftigen Interessen Palästinas zu vertreten. Schon durch seine eigene Existenz allein müßte — so meint Cohen — ein solcher oberster Rat den Konflikten zwischen Juden und Arabern Vorbeugen. [Professor Leon Kellner | mmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmawmmvm Ein Freund Herzls, ein Vorkämpfer aus der Heroenzeit des Zionismus, ward von jäher Kranklu-.t dahingerafft. Am 5. Dezember verstarb Universitätsprofessor Dr. Leon Kellner plötzlich, als er eben erst von mehrtägiger Krankheit genesen schien. Ein Forscher von Weltruf, ein feinsinniger Essayist, ein gütiger, wertvoller Mensch, ein treuer Sohin seines Volkes ist dahingegangen; wir sind um eine vornehme Persönlichkeit ärmer geworden. Iin Jahre 1859 in Tarnow geboren, absolvierte Kellner seine Universitätsstudien in Wien, wo er als Schüler des bekannten Anglisten Prof. Schipper in seinen Arbeiten auf dem Gebiete der englischen Philologie bald weit über das Mittelmaß hinausragte. Sie fanden rasch nicht nur in Fachkreisen sondern auch in der breiten Oeffentlichkeit Beachtung. Vornehmlich widmete Kellner, der nach Beendigung seiner Studien lange Jahre in Wien als Mittelschullehrer wirkte, seine Studien Shakespeare und blieb diesem Gebiete bis an sein Lebensende treu. Seine «Geschichte der Shakespeare-Literatur», sein Shakespeare-Wörterbuch und insbesondere seine Studien «Restoring Shakespeare», in denen er den reinen Text der Werke Shakespeares wiederherstellte, sind grundlegende, geradezu epochale Werke der Shakespeare-Forschung, die ihn in der ganzen Welt berühmt machten. In seinen letzten Lebensjahren arbeitete Kellner an einer monumentalen Shakespeare-Ausgabe, an deren Vollendung ihn leider der Tod verhindert hat. Aber auch der neuen englischen Literatur galten die Arbeiten des Mannes, der, wie im Leben so auch Weihnachtsokkasion: Schwarzatlas, handgenäht von S 15.50 Lackpurnps „ „ 8 22.50 Schlangenlederschuhe „ S 40. — Ein Mann der Wahrheit Von E. G. Fried. Ich wci'ß nicht, ob man heute, wenn man 16 oder 17 Jahre alt ist, über Bücher tage- oder auch nächtelang debattiert; vor etwa 25 Jahren taten das d:e Sechzehn- oder Siebzehnjährigen. Inhalt einer solchen nie beendeten Debatte waren Max N o r d a u s «Conventionelle Lügen der Kulturmenschheit», die damals schon sichere vierzig Auflagen hinter sich hatten; und Anlaß bot ein unsäglich läppisches Pamphlet des seither zum Genie avancierten Bernard G. Shaw, das unter dem hochtrabenden Titel «Wie Shaw den Nordau demolierte» den Verfasser der «Lügen» und der «Entartung» als einen bösen, dummen Greis hinstellte, der etwa die Zustände einer schlechten Verdauung in derlei Schriften abreagiere. Die Sechzehn- und Siebzehnjährigen waren entrüstet über Shaw und sprachen ihm jedes Empfinden für menschliche Würde ab. Daß sie recht behalten haben, dafür ist bestes Zeugnis eine Aufnahme des Shaw am Strande von Cap Antibes, die erst vor wenigen Wochen durch alle illustrierten Blätter ging, diese jämmerlich-lächerliche Photographie ist der Gipfel dunmv-drehter Würdelosigkeit. Max Nordau aber hat, mag er in den «Lügen» und seinen anderen soziologischen Büchern manchen Fehlgriff getan haben, vor der Geschichte Recht behalten: die «Krankheit des Jahrhunderts», die Knechtung der Menschheit durch leere Formen und Formeln, hat eine Weltkatastrophe heraufbeschworen, die, noch lange nicht zu Ende, unsäglichen Jammer für Generationen gebracht hat. Wenige Monate vor dem Ausbruch dieser Katastrophe hat Max Nordau mit flammendem Wort gewarnt und schonungslos das wahre Antlitz der Welt, den Zweck der Schlagworte und «geheiligten» Formeln enthüllt: «ln jedem Lande verkünden tobende Minderheiten, denen die eingeschüchterte Mehrheit nicht zu widersprechen wagt, mit wüstem Geschrei ein Kannibalenicieal der Vorherrschaft, der Eroberung, der Aufteilung von Weltteilen . . .» Niemand hörte und cs waren doch Worte, aus dem Erz reinsten Begriffes gehämmert. Warum verhallten sie wie so viele, die dieser unaufhörliche Mahner und Eiferer durch drei Jahrzehnte zu eine* aufhorchenden Menschheit gesprochen? Weil in seinem Forschen, stets den Blick auf Gegenwart and Zukunft richtete. Seine «Englische Literatur im Zeitalter der Königin Viktoria», seine «Geschichte der amerikanischen Literatur», Studien, Essays und Monographien über moderne englische uhd amerikanische Dichter (wie Wells, Galsworthy, Dreiner u. a.) waren wegweisend. Kellners Ruf als Kenner der englischen Sprache und Literatur war in England selbst, wo auf diesem Gebiete gründlich gearbeitet wird, geradezu autoritativ. Seine Lehrbücher der englischen Grammatik und Syntax sind an den englischen Schulen ln Verwendung. Dennoch hatte Kellner, der Jude war und Jude blieb, lange Zeit das übliche österreichische Dozentendasein fristen müssen, bis er endlich eine Lehrkanzel in der abseitigsten Universität der österreichischen Monarchie, in Czernowitz, bekam. Nach dem Kriege kam Kellner nach Wien, wo er an der Technischen Hochschule lehrte und dem Translatinnsbureau des Bundespräsidenten zugeteilt war. Professor Kellner, der mit sehr vielen Gelehrten und hervorragenden Persönlichkeiten Oesterreichs und anderer Länder in Verbindung stand, war auch mit dem früheren Bundespräsidenten Dr. Hainisch gut befreundet. Innige Freundschaft verband Kellner mit Theodor Herzl und Max Nordau; als Herzls Arbeit für den politischen Zionismus begann, war Kellner einer seiner ersten und treuesten Mitarbeiter und blieb zeitlebens dem Zionismus mit vollem Herzen ergeben. Der Jugend seines Freundes Herzl, dessen literarischen Nachlaß er verwaltete, hat er vor mehreren Jahren ein von inniger Liebe durchwehtes biographisches Denkmal gesetzt. Dem zionistischen Ideal stand Kellner stets mit Wort und Wirken zur Verfügung. Er bereiste noch in den letzten jahren mit seiner Gattin Anna Kellner, die sich als einfühlende Uebersetzerin englischer Literatur einen Namen gemacht hat, Palästina, wo sein Sohn, Chemiker von Beruf, als Landwirt lebt. Auch in Wien hat Professor Kellner für die Propaganda des Zionismus in Wort und Schrift viel getan; er war ein interessanter Vortragender, der seine Zuhörer stets zu fesseln wußte. Noch vor wenigen Monaten konnte «Die Stimme» ihre Leser mit einem schönen Essay aus seiner Feder über Beaconsfield und Balfour erfreuen. Ueberall, in der jüdischen wie in der nichtjüdischen Welt löst Professor Kellners Hinscheiden echte Trauer um einen geistig hochstehenden und lauteren Menschen aus. * Kellner der Zionist Noch in früher Jugend schieß sich Leon Kellner der Chrwewe-Zion-Bewegung an. Die in Wien geknüpfte Freundschaft miit Theodor Herzd führte ihn sofort in die ersten Aktionen des politischen Zionismus. Neu eröffnet I Englische Restenhalle Stoffreste englischer Provenienz io Prima-Qualitäten und modernen Dessins für Herrenanzüge, Modehosen, Knabenanzüge und Mäntel, Kostüme usw. zu sehr billigen Preisen Wer sich gut, gediegen und billig kleiden will, kaufe nur in der Englischen Restenhalle Neuerairnet! Wien, I.» Frans Josefs-Kal Nr. 49. Eine Zeitlang leitete Leon Kellner auch dias von Herz! begründete zionistische Zentralegun «Die Welt». Er nahm an den ersten Kongressen teil und widmete s-ich während seiner Czernowitzer und seiner Wiener Jahre eifrig der zionistischen Propaganda. Im Bukowinaer Landtag saß er einige Jahre als jüdischer Vertreter. Nach Herzls Tode gab Kellner die zionistischen Schriften Herzls heraus und hat auch an der Ausgabe von Herzls Tagebüchern mitgawirkt Das Leichenbegängnis. Am 7. Dezember vormittags fand dte Bestattung Prof. Kellners statt; die Leiche wurde unter außerordentlich großer Beteiligung von der Aufbah-rungshalle in das Krematorium überführt. Die hohe Wertschätzung, die Prof. Keiner gefunden hat, zeigte sich in der überaus zahlreichen Teilnahme aller Gesellschaftsschichten. So waren zugegen Bundespräsident H a i n J s ch„ Bürgermeister Se itz, die ehemaligen Professoren der Czernowsifczer Universität Dr. Petschek, Dr. Last und Dr. Vahl, zahlreiche Professoren der Wiener Universität und Technik, viele Vertreter studentischer Korporationen u. a. m. Die israelitische Kultusgemeinde war durch ihren Präsidenten Generalstabsarzt Dr, Pick vertreten. Die zionistische Organisation Oesterreichs vertrat Präsident Dr. Goldhammer Auch die zionistischen Fonds waren vertreten. Ueberdtie? erwies eine gewaltige Zahl von Freunden! dem Verstorbenen die letzte Ehre. Der Magistrat von Bromberg bleibt fest Wir haben kürzlich berichtet, daß der Magiftrat der Stadt Bromberg in Pofcn fcincrzcit das Legat der aus Bromberg {lammenden Frau Lena Cohen, die in Amerika geftorben iß; und ioo.ooo Dollar für jüdifchc Greife ihrer Heimatftadt vermacht hat, zurückwies mit der Begründung, es gebe in Bromberg keine armen alten Juden, j Nunmehr hat Geh auf Intervention mtereffierter Kreife, die nachwiefe’' daß in Bromberg zahlreiche arme jüdifche Familien wohnen und daß es fogar ein jüdifches Greifena f y 1 in der Stadt gibt, das finanziell fchwer zu kämpfen hat, der Magiftrat von Bromberg wieder mit dem erwähnten ii m direkt ln der Fabrik VII., Kaiserstraße se* im stock der Philosoph, Soziologe und Kulturhistoriker Nordau das tragische Schicksal aller großen Realisten teilte: ewiger Mahner zu sein und keinen Umschwung, keine Revolution hervorbringen zu können; denn um die Menschheit umiiuformen, genügt der reine Begriff nicht; sie bedarf eines Idols für ihre Phantasie, um mitgenssen zu werden und den Babelturm ihrer Irrtümer niederzureißen. Nordau war kein Phantast; er war ein fanatischer Kämpfer für die reine, reale Wahrheit . . . Und doch wurde Max Nordau zum Apostel. Er lernte Theodor Herzl kennen und die Schrift vom Judenstaat, die jener in Paris in einer Art von — selbstbekaimtern — Dämmerzustand hingeworfen hatte. Und Nordau, der jahrzehntelang mit dem Volke, dem er und Herzl entstammten, nicht in Verbindung gewesen war, glaubte an die Botschaft, die Herzl kündete; wohl zum ersten und einzigen Male kam Nordau nicht auf dem Wege des Evidenzurteils zu einer Erkenntnis, sondern sie wurde ihm, dem großen Zerstörer von Illusionen, durch den Glauben. Er glaubte an sein Volk, einfach weil — es Herzl hervorgebracht hatte, und blieb Herzls Apostel in der zionistischen Bewegung bis an sein Ende. Er selbst schreibt in seiner Autobiographie, Herzls idec habe ihm das Bewußtsein gegeben, daß sein Leben einen Zweck und einen Inhalt habe. Dieses beglückende Bewußtsein gab dem schon gereiften Nordau die Kraft zu einem gewaltigen Alterswerk: seinem Volke die logische Begründung seiner Gegenwart und Zukunft zu schaffen. Denn Max Nordau hat immer wieder, in seinen Reden auf den Kongressen, in unzähligen Kundgebungen in Wort und Schrift, die begrifflichen Grundlagen für die Existenz des jüdischen Volkes, für eine Existenz mit realer Gegenwart und realer Zukunft, formuliert. Hier wandelt sich die Tragik dieses ein ganzes menschheitliches Denken umfassenden Lebens in glückliches Geschick: Max Nordaus jüdisches Wirken h a t einen großen Umschwung herbeigefUhrt, indem es dem jüdischen Volk das Rüstzeug für seinen Kampf um Gegenwart und Zukunft schmiedete. Vielleicht kam diese Begnadung gerade deshalb, weil Nordau in diesem Teil seines Wirkens ganz auf Glauben, auf Ideal, auf Phantasie baute. Eine Episode aus dem Hamburger Kongreß taucht auf: Der Kampf zwischen «politischem» und «praktischem» Zionismus war nach dem jungtürkischen Umschwung besonders heftig geworden und die «Praktiker»,, die in scharfer; Opposition gegen Wolffsohn standen, waren stark gerüstet zum Kongreß gekommen. Die Atmosphäre war mit Elektrizität geladen. Nordau hielt das politische Expose; er sprach über die durch das jungtürkischc Regime gesenaffene Lage in Palästina, interpretierte das Baseler Programm gewissermaßen für den äußeren und inneren Gebrauch; was er sagte, war mit glänzender Dialektik aufgebaut, ohne jedoch zu überzeugen;; ein ausgezeichneter Rhetor ließ ein blendendes Feuerwerk steigen. Dazu noch Worte, die in den Ohren dec «Praktischen» einen schlechten Klang hatten, wie etwa: «Die Zionisten haben lange gewartet, sie werden weiter warten ...» Auf dem ganzen Kongreß lastete ein unheilvoller Druck, so sehr auch der Redner Nordau in Bann hielt, der jedes einzelne Wort, das er sprach, geradezu formte und ihm damit schon eine sozusagen phonetische Autorität gab. Dann kam Nordau wieder auf das Baseler Programm, das er ja formuliert hat, zurück; und sagte mit seiner hellen, beherrschenden Stimme: «Ich bin ein Zionist, der seine Fahne nie und nimmer in die Tasche stecken wird; wenn andere Zionisten bereit sind, ihren Zionismus zu verheimlichen oder gar ihn zu verleugnen, dann trennen sich unsere Wege . .. Erinnern wir uns daran, daß wir eine Heimstätte für das jüdische Volk erstreben, nicht für tausend arbeitsuchende jüdische Taglöhner, nicht für hundert stellungsuchende jüdische Intellektuelle!» Einen Augenblick stockte jeder Atem. Und dann — der ganze Kongreß e i n Aufschrei, befreit, glücklich, jubelnd. Drnmals war die Opposition geschlagen; sie siegte erst zwei Jahre später. Wie die Dinge für den Zionismus sich später entwickelten, haben die «Praktiker» weit mehr Recht behalten als die «reinen Politiker». Aber Max Nordaus Worte auf dem Hamburger Kongreß haben heute mehr Geltung denn je. In den Erinnerungen,*) welche die Witwe Mas Nordaus herausgegeben hat und in denen der, dem sie gelten, zumeist selbst in Briefein und Gesprächen zu Worte kommt, zieht das Leben eines großen Kämpfers *) Max Nordau. Erinnerungen. (Erzählt voii Ihm selbst und von der Gefährtin seines Lebens.) 1928. RcnuisfanoM Verlag, Wien-Leipzig.