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Die Stimme · 1928-12-06 · Heft 49 (6.12.1928) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 49 (6.12.1928)
Date
1928-12-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Sefte 2 DIE STIMME Nf. 49 ihre Macht ist gebrochen. Von den 36 Mandaten im Kultusvorstand konnten sie zusammen mit dem verbündeten Abschaum der agudistischen Trennungsorthodoxie nur 18 behaupten, und auch dies nur durch die Koppelung mit einem außenstehenden Bethausverein. Das Wiener Judentum hat sich durch die verlogenen Schlagworte nicht beirren lassen; es läßt sich von der deutschösterreichischen Union nicht einreden, daß sie die Hüterin des jüdischen Wien sei. Die Zionisten haben, nachdem sie vor vier Jahren um der Erhaltung der Gemeinde Willen eine Zusammenarbeit mit der Union versucht hatten, den Kampf allein aufgenommen, mit dem Ziel, die Wähler um ihre Entscheidung zu fragen, ob sie die Entwicklung der jüdischen Gemeinde, zu einem wahrhaften Zentrum des Wiener Judentums wünschen oder nicht.’ Diese Entwicklung war durch die Unionmajorität stets gehemmt worden. Die jüdische Bevölkerung Wiens hat diese Argumentation der Zionisten anerkannt und zugleich der Unionmajorität für das, was sie bisher in der Gemeinde zu leisten unterlassen hat, die entsprechende Antwort gegeben. Mit dem Machttraum, besser gesagt, mit dem Machtschlaf der umonistisch-agudistischen Majorität ist es vorbei und die Bahn wird frei für eine wahrhaft jüdische umfassende Gemeindearbeit. Das ist das Ziel des zionistischen Gemeindeprogrammes und die Wahl vom 2. Dezember hat dafür die Wege geebnet. Der zionistische Kampf ist in erster Linie gegen die Union gerichtet gewesen und er hat sie auch getroffen, tot wund getroffen. Dank hiefür gebührt in erster Linie dem klaren jüdischen Sinn der Wiener Judenschaft. Die Juden Wiens haben den unproduktiven Uniongeist abgewehrt. Wie sehr die jüdische Bevölkerung Wiens an der Erhaltung ihrer Gemeinde interessiert ist, ergibt sich aus der bedeutend gesteigerten Wahlbeteiligung, du-rch die diesmal um viereinhalbtausend Wähler mehr zur Urne gingen als im Jahre 1924, um 8000 Wähler mehr als im Jahre 1920. Dies beweist, daß unermüdliche Aufklärungsarbeit, methodischer Hinweis auf die Wichtigkeit jüdischer Postulate stets ihre Früchte trägt. Daran hat unser Organ «Die Stimme» bedeutenden Anteil; vom ersten Tage an, da «Die Stimme» erschien, begann die Aufklärungsarbeit über jüdische Gemeindeangelegenheiten; wir setzten unseren Ehrgeiz darein, der jüdischen Bevölkerung Wiens die ihr noch immer fremde Gemeinde näher zu bringen; das Ergebnis dieser Wahl zeigt, daß uns dies dank der rasch erlangten Popularität unseres Blattes in vollem Maße gelungen ist. Der Wahlkampf wurde für die zionistische Partei unter erschwerten Umständen geführt; früher stand uns eine jüdische Tageszeitung zur Verfügung; diesmal hat «Die Stimme» als einziges zionistisches Organ mit ihrer einmal wöchentlich erscheinenden Ausgabe ohne Unterstützung von irgend welcher anderen Seite den Wahlkampf publizistisch bestreiten müssen. .Unser Streit war ein Meinungsstreit, unsere publizistische Arbeit war Argumentation, von Ueberzeugung und Sachlichkeit getragen; und es hat sich gezeigt, daß Ueberzeugung und Sachlichkeit die besten Waffen sind. Der Union haben die Lügen ihres Vereinsbläftchens ebenso wenig genützt wie das Geld, das sie aus den verschiedensten Quellen sich zu fließen ließ. Am 2. Dezember wurde bewiesen, daß man mit Geld und Lügen allein keine Wahl machen kann. Dies ist der inneren J Qd r 8 c h e n Kraft 2U verdanken, welche der Judenschaft Wiens die Wege wies. Zu verdanken ist es auch der zionistischen Stoßkraft, welche konzentriert auf das Ziel gerichtet wirkte. Methodische und produktive Arbeit war die zionistische Devise für diesen Kultuswahlkampf. Sie wurde dadurch gefördert, daß die unproduktiven Elemente, welche, wie bei jeder Partei, sich auch bei uns finden, ausgeschaltet wurden, vielmehr sic'», selbst ausschalteten; dadurch wurde, wie das Ergebnis beweist, nicht zum geringen Teil der Erfolg gesichert und gefördert. «Produktive und methodische Arbeit» — das war die Devise des zionistischen Wahlkampfes, das'bleibt die Devise der zionistischen Mandatare im neuen Kultusvorstand; sie wird zum wichtigen Endziel führen, dem die Wahl vom 2. Dezember die Bahn geöffnet, zur Schaffung der wahren jüdischen Volksgemeinde. Wie das Wahlergebnis aufgenommen wurde Das große Interesse, insbesondere der Zionisten, an dem Ausgang der Wahlen war besonders deutlich in den ununterbrochenen telephoniochen Anrufen im Zionistischen Zentralwahl-Komitee zu erkennen und an der ungeheuren Menschenmenge, die sich in der Seitenstettengasse vor dem Amtsgebäude der Kultusgemeinde ansammelte und gegen 9 Uhr stürmisch nach den zionistischem Mandataren verlangte, um die Resultate zu erfahren. ' Um ihnen die Wahlergebnisse, die gegen 9 Uhr bereits bekamt [geworden waren, zur Kenntnis zu brin- Größte Auswahl moderner Bücher zu & I.-. 2.-. 3.- in der Bücher§chw**iiune Vienna Bo^neritaase 4 gen, begab sich Präsident Dr. G o 1 d h a m m e r in die Seitenstettengasse, woselbst er von Tausenden von Menschen stürmisch akklamiert wurde. Er wurde auf die Schultern einiger gehoben und mußte eine kurze Ansprache halten, in der er u. a. ausführte: «Getragen von dem Geiste Theodor H e r z 1 s und Prof. Chajes’ und gestählt durch die zionistische Disziplin, ist es uns gelungen, die Macht der «Union» zu brechen. Kaum 15 Mandate von den zu besetzenden 36 sind ihr ausschließlich dank der ungeheuren Geldmittel un dem Terror, den sie* auf die reichen Kreise der Judenschaft ausgeübt hatte, zugefallen. Unser Erfolg bedeutet den ersten Schritt, dem nunmehr innerhalb unserer Organisation die weiteren zu folgen haben, die zu einer Konsolidierung der Partei und Erweiterung und Stärkung ihrer Reihen notwendig sind. Auch dieser Kampf hat uns gelehrt, daß 30 Jahre zle[bewußter Arbeit nicht umsonst sind, wenn die Jugend in unserer Mitte ist.» Gegen halb 10 Uhr abends konnten Dr. Löwenherz und Dr. Friedmann das endgültige Resultat s Tel. U 25-2-57 TUCH HAUf MÜNZ WIENI ERTLGASSE Nr. 4 KRAMfcRGASSE II dmport Orig. englischer, schottischer u irischer 2)amenü. Üierrenstoffe 3)etailverkauf zu Engrospreisen SS enunzieren. Begleitet von Tausenden von Menschen, begaben sich beide in das Caf6 Arkaden, wo schon vorher eine Siegesfeier improvisiert worden war, in welcher von den Herren Kommerzialrat Markus, Dr. Z w e i g, Josef M a y, W a 11 u c h und Dr. Löwenfoerz zündende Ansprachen gehalten wurden. Zorn Schluß dankte Dr. Desider Fred mann, der Obmann des Klubs der zionistischen Mandatare, allem für die ausgezeichnete Mitarbeit. Er kennzeichnet« die Bedeutung des heutigen Tages dahin, daß er den B eginnde o neuen A uf s t i e g e s d e r Zionisten inauguriere. Er fordert alle Gesinnungsgenossen auf, mit der im Wahlkampf bewiesenen unverminderten Kraft sich der Organisation und der zionistischen Idee zu widmen. Er erinnerte daran, daß dieser Abend mit dem Vorabend der Jahrzeit nach Oberrabbiner Ohaj.es Zusammenfalle und führte aus, indem er der unvergänglichen Verdienste Ohajes’ für die Zionisten -und das Wiener Judentum gedachte, daß dem errungenen Sieg der Geist nach wirke, den C h a j e s in die Wiener zionistieche Organisation gepflanzt hat. Er forderte die Anwesenden auf, sich des Sieges zu freuen und zu vergessen, was in MißheHlgkeifen und Erschwernissen hinter uns Hege. Der Sieg, den wir errungen haben, sei ein Sieg über unsere Widersacher, ein Sieg der zionistischen Sache. Der Wahltag habe bewiesen, daß unsere Bewegung ungebrochen dastehe mit der alten Kraft und mit der unbeugsamen Energie, die aus der Kraft unseres zionistischen Erkenntnisses entspringt Wir rufen alle auf, mögen sie in diesem Kampfe mit uns gewesen sein oder abseits gestanden haben, zur Arbeit für dais gemeinsame Ziel; alle, die zu uns kommen, sind Brüder, die mit offenen Armen empfangen werden.» Gegen 4 Uihr früh war diese erhebende Feier m Ende. Wiener Chanukah vor zehn Jahren (Ein Erinnerungsblatt.) Von Ludwig Bato. Zum heran nahenden ersten Todestage unseres unvergeßlichen Führers Z. P. Cbajes geben wir die nachfolgende Darstellung seiner ersten, noch immer aktuellen Chamikahrede in Wien wieder. Sanft steigt man die alte, enge Seitenstettengasse hinan und befindet sich ganz unversehens irt einer schier unübersehbaren Menschenmenge. Man «stellt sich an», genau so wie vor den Lebensmittelläden, und doch wartet die Menge nur auf geistige Kost. Es ist 4erst 3 Uhr nachmittags, ein ganz gewöhnlicher Werktag. Doch die da warten, wissen, daß es der Rüsttag des Chaiitukahfestes ist, und daß im Tempel Oberrabbiner Dr. Ohajes sprechen wird. «Chajes!» Man hört in der Menge überhaupt nur diesen Namen. Menschen verschiedenster sozialer Stellung, verschiedensten Alters und verschiedenster Herkunft sind da versammelt und alles spricht nur von ihm, seinem mannhaften Auftreten, seinen Ansprachen, seinen tatkräftigen Aktionen. Plötzlich wird das Tempeltor geöffnet und die Menge strömt in den wundervollen intimen Raum der alten Synagoge. Der Gottesdienst nimmt seinen Anfang. Nach einer Weile betritt «er» die Kanzel. Alles reckt und räuspert skh, dann tiefste Stille. Chajes hebt zu sprechen an, ehrfach, als ob er mit dir oder mit mir an einem Tische säße, ohne Phrasen, ohne jedwede Spur von Salbung oder pfäffischem Wesen. Er spricht auch nicht zu «andächtigen Zuhörern», nein, er richtet seine Worte a n sein Volk. Er spricht von den Makkabäern, die im Laufe der Jahrhunderte durch die Sage vom Oellämplein allmählich in den Hintergrund gedrängt wurden und deren Gestalten nur durch das Verdienst des jungen, mutigen, selbstbewußten Geschlechtes wieder in ihrem vollen Glanze vor uns erscheinen. Auch andere haben sich während des verflossenen Weltkrieges auf j die Makkabäer berufen. Juden, die sonst immer erklären, es gäbe kein jüdisches Volk, die Juden seien Deutsche, Engländer, Franzosen, Polen und so weiter, wiesen auf die jüdische Jugend hin, die im Kriege ihr Leben in die Schanze schlug, und riefen aus: «Ihr seid die Söhne der Makkabäer!» Mit welchem Rechte sagten sie dies? Hätten sie nicht, die das jüdische Volk verneinen, folgerichtig ausrufen sollen: «Ihr seid Söhne Napoleons oder Radetzkys oder Kosciuszkos!»? Der Oberrabbiner spricht weiter, er greift die Assimilierten an, die eine Scheidewand errichten zwischen der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart und die kein Recht haben, die Anwälte des Judentums zu sein. Unter den vielen jüdischen Kriegsopfern gibt es eines — sagt er —, dem wir keine Trän« nachweinen werden. Es ist dies di« Auffassung, daß wir kein Volk bilden, bloß ein« Konfession, daß wir Deutsche, Franzosen, Engländer, Polen und Magyaren seien und nur in den Kultusstuben, Synagogen und Wohltätigkeitsvereinen Juden sein dürfen. Diese Auffassung ist tot, wir tragen sie zu Grabe. Wir wollen Juden sein, Immer und überall: nicht nur in der Kultusstube, auch im Parlament, nicht nur in der Synagoge, auch im öffentlichen Leben, nicht nur in Wohltätigkeitsvereinen, auch im Staatsratei In diesem Sinne ist auch das Wort des Psalmisten zu verstehen: Lo hametim jehalleluja, nicht die Toten, die lebenden Leichname haben das Wort, waanachnu newarech, ja, wir, die uns zum lebendigeri Volke bekennen, wir werden sprechen! Leuchtenden Auges und mit zurückgehaltenem Atem, gespannt folgt die ganze Zuhörerschaft der Rede des Meisters, wie sie der Stadttempel während seines 94jährigen Bestehens wohl noch nie zu hären bekam. Fast ist zu befurchten, daß sich die Begeisterung in einer Applaus -e Luft zu machen suche. Nur die alten Kultusvorsteher sitzen obenan, steif und kühl, Innerlich empört und denken wohl darüber nach, ob auch sie zu den Kriegsopfern zählen? Unveröffentlichte Briefe von Dr. Adolf Fischhof (Zur Erinnerung an seinen 92. Geburtstag, 6. Dezember 1816.) Von Hofrat und Oberbibliothekar Dr. Michael Holzmann. Unter den verschiedenen Persönlichkeiten, die seit dem schicksalsvollen Jahre 1848 im öffentlichen Leben Oesterreichs gestanden sind und die den Beobachter der geschichtlichen Entwicklung zu nachbildender Gestaltung verlocken, fesselt wohl kein Mann so sehr den Blick, wie Adolf Fischhof, der zwar viel genannt, doch wenig verstanden wird. Er hat ln Oesterreich, wo sich alles ins Einzelne verliert, unverwandt das Ganze verteidigt. Immer wieder lenkte er, ein treuer Bürger des Staates, die Aufmerksamkeit auf das Einigende, weil di« anderen fast nur auf das Trennende hin wiesen. Während man ringum ungestüm die Notwendigkeit des Kampfes verkündete, betonte er 6tets zweckbewußt die Unerläßlichkeit einer Verständigung Über die Grundlagen eines friedlichen Zusammenlebens der Völker. Fischhof erstrebte niemals einen persönlichen Vorteil; immer diente er selbstlos der Öffentlichkeit, ohne sich durch harte Enttäuschungen beirren oder durch zeitweilige Erfolge blenden zu lassen; keine Parte! kann ihn bloß für sich in Anspruch nehmen; alle aber freudig für ihr Vaterland und für ihr Volk einstehen, alle modernen Menschen überhaupt werden aus dem Wirken «dieses Mannes in reichem Maße Anregung und Aneiferung schöpfen». Diese, von seinem Biographen Richard Charmatz entworfene Schilderung des «Weisen von Emmersdorf» dürften auch seine bisher ungedruckten Briefe an die Familie Lucka-Prager beweisen. Von den Adressaten der Briefe ist Dr. Samuel Benedikt Lucka (Lucca), dessen Biographie und Stammbaum ich in meinem Aufsatze «Aus dem Ahnensaal der Pauline Lucca» («Jüdisches Archiv», 1928, N. F. 1—2)

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