Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1928)
- Date
- 1928-11-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 WH STIMME Nf. 48 Religiöse und religiös-nationale wanicr! Stimmt and werbet iflr die „Religiöse Liste fflsradH! tusgemeinde erobern wollen, und wünschen nur, daß es uns durch diesen Wahlkampf gelingen möge, mm Segen der Wiener judeirgemeinde. Der Vizepräsident der Kultusgemeinde, Dr* Löwenherz, der bei seinem Erscheinen von den Versammlungsteilnehmern stürmisch akklamiert wurde, besprach die bisherigen Leistungen der Zionisten in der Kultusgemeinde und warnte insbesondere die ostjüdischen'Wähler davor, dem falschen Liebeswerben der Union vor den Wahlen. Glauben zu schenken. Dr. Jakob Ehrlich setzte sich mit der Gruppe der «Werktätigen Juden» auseinander, die unter falscher Flagge Klassenkampfund sozialdemokratische Parteipolitik »n die Kultusgemeinde bringen wollen. Die Sozialdemokraten, die die Religion als Privatangelegenheit erklären, haben in einer jüdischen Gemeinde nichts zu suchen. Kommerzialrat Markus befaßte sich mit dem Fürsorgewesen der Kultusgemeinde und forderte Maßnahmen zu einer Vermehrung der Freiplätze im Spital und im Versorgungshaus der Kultusgemeinde. Es ist ein unerträglicher Zustand, führte er aus, daß rm jüdischen Spital nur 37 Gratisbetten bestehen und daß nur ein Drittel der alten Männer und Frauen im Versörgungshaus auf Kosten der Gemeinde verpflegt werden. Die nötigen Mittel kann man auf Grund der Minderheitsreohte von Bund und Gemeinde in Anspruch nehmen, eine Forderung, die die zionistische Partei seit Jahr und Tag erhebt. Als letzter Redner sprach Dr. N. M. Gelber, der steh in jiddischer Sprache an die ostjüdischen Wähler wandte, um sie vor den Gefahren zu warnen, die ihnen von der «Union» und von den «Werktätigen Juden» drohen. Auch er trat für die Geltendmachung der M i n o r i t ä t s r e c h t e ein und erklärte, daß auf der zionistischen Liste vom ersten bis zum letzten Kandidaten mir Männer stehen, deren Wirken im jüdischen Leben seit einer Reihe von Jahren schon bestens erprobt sind. Miszellen Einand Auswanderung im Auguft. Im Auguft d. J. find laut der offiziellen Statiftik 355 Perfonen, darunter z57 Juden, nach Paiäftina cinge wandert; im gleichen Zeitraum find 317 Perfonen, darunter 2x1 Juden, ausgewandert. ♦ Neuer Nationalfondsboden in der Haifa-Bucht. Aus jerufal cm wird berichtet: Die Verwaltung des Jüdifchen 'Nationalfonds (Keren Kajerocth le-Jifrael) hat Kaufverträge über den Erwerb von 22.000 Dun am Boden an der Haifa-Bucht in der Nähe des Tales von Acco abgefchloffen. Durch diefc Erwerbungen erhöht fich der Bodenbefitz des Jüdifchen Nationalfonds längs der Haifa-Bucht zwifchen Haifa und Acco auf insgefamt 33.000 Dunam. * Wladimir J a b o t i n f k y, der feit kurzem feinen Bändigen Wohnfitz in Paiäftina hat, hat die Leitung der Redaktion der in Jerufalem erfcheinenden hebräifchen Tageszeitung „Doar hajom“ übernommen. * In Irbid wurde vor kurzem eine Konferenz der Vertreter der Beduinenftämme von Trans Jordanien und Dfchebel-Drus abgehalten, der auch Vertreter der fyrifchen •jt.ul der p ä 1* ft t n e n f i f ch e 1 Regierung b .-.wohnt.-1 Zwi fchen den Beduinen-Schcichs wurde ein A b k o m m e n . getroffen, wonach alle gegenfeitigen Angriffe von jetzt ab zu unterbleiben haben. * In Paiäftina hat fich ein Komitee gebildet, welches den Bildhauer Melnikoff mit der Ausführung eines großen Denkmals für den im Februar 1920 bei der Verteidigung der Chaluz-Kolome Tel Chai gegen einen angreifenden arabifchen Schwarm gefallenen Jofcph Trumpeldor betraut hat. Das Denkmal wird am 10. Jahrestage des Todes Trumpeldors über feinem Grabe und den Gräbern feiner gefallenen Mitkämpfer enthüllt werden. -f Abermalige Verminderung der Kcren-Hajeffod-Eingänge. Im Verlaufe des Oktober d. J. find beim Hauptbureau des Keren Hajefiod in Jerufalem im ganzen 21.661 Pfund (gegen 31.234 Pfund im September d. J.) cingegangen. * Der orthdoxe Oberrabbiner von Jerufalem Rabbiner Chaim Jofef Sonnenfeld hat am 19. November fein io. Lebensjahr vollendet. % Nach Meldungen der paläftinenfifchen Prelle hat Lord « M e 1 ch et t (Sir Alfred Mond) durch feinen Vertreter in laifa $o.coo Quadrat-Pik Boden für die Errichtung von Bureaus und Lagerräumen der Nitran-Gefellfchafr um den Preis von 22.000 Pfund erworben. Religion und Volksgemeinde Von Ludwig Bato. Im Kampfe um die Wiener jüdifche Gemeinde geht es hoch her, die Wahibewegung fchlägt hohe Weilen. Die Bezeichnung „hoch“ trifft aber auf das Niveau der Parolen einzelner Parteien durchaus nicht zu. Vor allem nicht auf die Parole der „Union' deutfchöftcrreichifcher Juden“ oder, wie fie fich jetzt verfchämt nennt, der „Jüdifchen Union“. Ihr verwäffertes, dürftiges Judentum, ihr altorthodoxcr Liberalismus aus dem Jahre 1848, der jetzt nach 80 Jahren etwas drollig wirkt, ihr Bekenntnis zum Deutfchtum laiTen allzu deutlich die Programmlofigkeit diefer Gruppe erkennen. Sie felbft hat ein Gefühl der Unlieber heit und glaubt daher, bei jeder Wahl chamälconartig Farbe und Namen wedifeln zu follen. Waren ihre Führer 1920 noch ftolz als patentierte „Deutfchöfterreicher“ und als „Nichtjiidifchnationale“ in den Wahlkampf gezogen, fo find fie heute etwas befcheidener, ftreifen das Deutfchöfter reicher tum einfach ab, kehren das Jüdifche auf dem Aushlngefchild etwas mehr hervor und fügen dann noch eine langatmige Gefchichte von einer Entfernung der Politik aus der Kultusftube hinzu. Nun, da der Gefchäftsfdiild der Unionfirma dergeftalt frtfeh gellrichen wäre, gehen die Gefchäftsinhaber daran, die Schaufenfter neu zti arrangieren. Ja, was geben wir nur in die Auslage? Es foll etwas Anziehendes lein, das die Wähler heranlockt und der Konkurrenz abfpenftig macht. Mit den Minderheitsrechten allein wird's diesmal nicht, gehen. Vor acht Jahren haben die Schreckgefpenfter: „Fremdfein in Ocftcrreich" und „Verluft der Staatsbürgerrechte“ noch ausgezeichnet gewirkt. Dicfe Krampusfiguren allein ziehen aber nicht mehr. Es müden daher neue Attraktionen heran, als da find: „Hilfe, rettet die Religion I“ (wird fich fehrvgut machen) und „Gefahr der Volksgemeinde“ (fehr wirkungsvoll). Betrachtet man nun diefe Argumente etwas näher, fo muß man fich fagen, daß die Union die geiftigen Fähigkeiten der Wiener Juden nicht allzu hoch einfehätzt. Sie hat fich ein fehr einfaches Rezept zurechtgelegt: „Ich male den Teufel an die Wand*, um dann als. Retter auftreten zu können", das jedoch zu einfältig ift, uro wirken zu können. Vor allem die angebliche Gefährdung der Religion. Ungeftüm gebärden fich die Herren der Union, wenn fic in ihren Verfammlungen auf diefes Thema zu fprechen kommen. Da werfen fie fich in die Bruft und geben ihren Zuhörern Schauergefchichten von der furchtbaren Gefahr zum Beilen, die der Religion von feiten der Zioniften drohe. Und erfl, wenn Herr Dr. Jofef Ticho in der ihm eigenen "urbanen Art davon erzählt, was fich die Zioniften zu tun „erkühnen“! JHary-Jtiite Wien I.. ffiotenturm~ sttaßeJli.22 :-,.f .«, &ie beste und billigste j ^Ankaufs- Quelle tintkeitspreise S r- S9‘- SW- Nach dem jüdifchen Volksglauben leben jeweils 36 Fromme auf Erden. Zieht nun die „Union“ zum Kampfe für die Religion auf und läßt ihren Schlachtruf ertönen, hat man den Eindruck, als ob diele 36 Zaddikim allefamt in ihrem Lager Bünden, ja identilch mit ihren 36 Kandidaten wären. Meint es aber die „U wirklich ernft m** dem Schatz«, der Religion? Iß. nicht ein billerl Falfchheit dabei? Tatlache ift, daß in den achtzig Jahren liberaler Herrfchaft, in denen die. Gcfinnungsfrcunde des Herrn Dr. Tic’ . nach Herzensluft fchalten und walten konnten, die Wiener jüdifdie Gemeinde dahin gebracht wurde, daß fie. heute an der Spitze der Abfallbewcgung marfchiert. Vor einigen Wochen hat in den Spalten diefes Blattes Dr. Goldhammer einen ftatiftifchen Vergleich der Wiener Austrittsbewegung mit ähnlichen Erfcheinungen in Berlin und Budapeß veröffentliche, der geradezu erfdiüttcrnd ift. Jeder Jude,. der fich auch nur einigermaßen mit dem Judentum und feiner Gefdiidtee befaßt hat, weiß, daß der Weg in die Synagoge durch die jüdifche Schule führt. , Ohne jüdifche Schule gibt es keinen Synagogenbefudt. Die Religionskämpfer der „Union“ mögen fich einmal am Freitag abends die. Tempclbefudier daraufhin anfehen. wie viel von ihnen in Wien geboren find und hier jüdifchen Unter* rieht genollen haben. Sie. werden — nach Abzug der Kaddifchfager — auf einen Pcrzentfatz kommen, der fich in der Nähe von Null bewegt. Wohin foll das führen? Die jüdifche Zuwanderung hat feit einem Jahrzehnt aus policifchen und wirtfchaftlichen Gründen zur Gänze aufgehört, der Abfall nimmt weiter feinen Lauf, und es läßt, fich leicht der Tag berechnen, an dem die Wiener Tempel, wenn die „Union“ weiter die Herrfchaft in unfercr Gemeinde behalten wird, leer flehen werden. Wien ift die einzige namhafte jüdifche Gemeinde der Welt, die kein eigenes Schulwerk unterhält. Die Be r 1 i n e r jüdifche Gemeinde hat eine .ganze Reihe ypn öffentlichen Schulen, er ft in der letzten Zeit hat fie wieder eine Mädchenfchule eröffnet. In Budapeß, wo die jüdifche Gemeinde gewiß nicht von den Zionißen beherrfcht wird,, ift dasielbe der Fall. Erft jüngft ift in Ofen eine neue jüdifche Volksfchule. eingeweiht worden, und die Judenheit des. 8. Bezirkes der ungarifchcn Hauptftadt geht jetzt . ebenfalls daran, eine jüdifche Volksfchule ins Leben zu rufen. Berlin und. Bud^r peft wißen die Bedeutung der. judifjehen Schule für das Judentum vollauf zu würdigen, die „Union“ hingegen. bcharrt auf ihrer Feindfchaft der jüdifchen Schule gegenüber.. Die jüdifche Schule bedeutet für fie noch immer die ,;Rückkehr ins Ghetto“. Und gerade die Stellungnahme zur jüüifüiea Schule ift der Prüfftein für die Aufrichtigkeit des K*—*■'; j| die Erhaltung des Judentums und der jüdifchen Religion. . ■ Eine Parieigruppierung, die die jüdifche Schale ablchnt; die Arbeiten der Schulkommifiion der Kultusgemeinde Händig fabotiert und die jüdifchen Kinder auf die geiftige Schmalkoft von zwei Wochenftunden fetzt, meint es nicht ernft mit dem Judentum und am allerwenigften mit feiner Religion. Die wenigen Bibelfchulen, in ddaen die Kinder jahrelang mit automatifchen, ihnen unverftäridlichen Lefeübungen gequält werden, kommen doch nicht ernftlich in Betracht. Daj Eintreten der „Union“ für -die Religion ift daher nicht ernft zu werten. Die Religion ift ihr gut genug, um fie als Wahlparole zu benützen. Die Feinde der jüdischen Schule haben nicht die Aktivlegitimation, als Hüter' und Verfechter der jüdifchen Religion aufzutreten. Das Argument von der Gefahr der Volksgemeinde reiht fich dem von der Rettung der Religion würdig an. Sein Verfechter, Herr Medizinalrat Dr. Haafc von der „Union“, macht fich die Sache befonders leicht. Er erklärt nämlich: „Das Gefetz vom 21. März 1890 umfehreibt klar und deutlich den Wirkungskreis der Kultusgemeinde und der zur Vertretung derfelben berufenen Organe: Ihnen obliegt die Befriedigung der religiöfen Bedürfnifle der jüdifchen Bevölkerung Wiens und die Förderung der' für diefen Zweck bereits beftehenden Einrichtungen und Anftalten, fowie nach Möglichkeit dje Gründung neuer, welche dem gleichen Zwecke dienen. Es ift daher unverftändlich, was hier eine nationale Politik zu fehaffen hat.“ Seit 2500 Jahren, feit das jüdifche Volk nach der erften Zcrftörung der Heimat in die babylonifche Gefahgenfchaft zog und fein Leben in der Diafpora einzurichten gezwungen war, gibt es jüdifche Gemeinden in der Welt. In diefen Gemeinden hat fich flets das ganze jüdifche Leben, Welcher Art immer es auch gewefen fein' mag, abgefpielt. Alle IncercUen der Judenheit haben hier ihre wirkfamfte Förderung gefunden. Ich darf anführen, was ich anderen Ortes in ganz anderem Zufammcnhang über die jüdifche Gemeinde fchrieb: „Die Gemeinde ift gleichfam die Heimat, fie tarnet den Erdgeruch Paläftinas und ift das fchützende Dach über dem Haufe Jakobs, das den Stürmen der Jahrhunderte Trotz bietet, in ihr führen die Juden, geächtet von der mißgünftigen Außenwelt, ihr eigenes Leben, in ihr leiden fie Widerftand allen Verfolgungen in der Hoffnung auf die Rückkehr in die alte Heimat, in ihr find fie ein einig Volk von Brüdern. In ihr wird das Gefühl der Gemeinbürgfdwh gehegt und gepflegt.“ Alle Intereßcn des jüdifchen Volkes wurden von der jüdifchen Gemeinde gewahrt. Audi die policifchen. Denn drohte der Gemeinde irgendeine Gefahr, fo fudite fie durch politifchc Maßnahmen die Gefahr