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Die Stimme · 1928-11-29 · Heft 48 (29.11.1928) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 48 (29.11.1928)
Date
1928-11-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 48 DTE STIMME Sette 3 Chajes über sich selbst Die bisher unveröffentlichte Rede des verew gten Oberrabbiners vor der Versammlung der Vertrauensmänner der Wiener Kultusgemeinde am 23. April 1918 Meine sehr geehrten Herren! Sie haben ein Recht darauf, in mein Denken und Fühlen, in mein Schaffen und Wirken einen Einblick zu gewinnen. Die nachfolgenden Ausführungen sollen Ihnen diesen Einblick ermöglichen. Ich glaube allerdings nicht, für mich das talmudische Wort in Anspruch nehmen zu müssen: «Kommst du in eine fremde Stadt, so mag es dir nicht als Unbescheidenheit ausgelegt werden, wenn du Näheres über deine Person mtfteilst.» Ganz unbekannt hoffe ich Ihnen, meine Herren, nicht zu sein. Hat ja doch das Präsidium, haben doch die von der Gemeinde freigewählten Männer, die seit Jahren ihr Vertrauen genießen, spontan und ohne mein Zutun die Frage an mich gerichtet, ob ich bereit wäre, an leitender Stelle an der geistigen Führung der Wiener Juden'heit teilzunehmen. Ein derartiges Vertrauen wird und darf man einem völlig Unbekannten nicht entgegenbringen. Im übrigen stehe ich seit gut sechzehn Jahren im Lichte der Oeffentlichkeit durch meine wissenschaftliche Arbeit und meine berufliche Tätigkeit. Gewiß, ich habe nie versucht, mich in den Vordergrund zu drängen, habe aber auch nie mein Licht unter den Scheffel gestellt und nicht in einem verschwiegenen Winkel zu rücken gesucht. Aber die für mein Leben entscheidende Phase meiner Entwicklung hat sich fern von Ihnen abgespielt, guten Teiles in dem uns jetzt leide^feindlich verschlossenen Auslande, deshalb glaube K$», daß as nicht möglich sein . wird, ohne Kenntnis dieseS Abschnittes einen richtigen Einblick in mein Wesen, in meine Eigenart, in meinen Charakter zu gewinnen. Hierin möchte ich Ihnen heute ein Führer sein und ich hoffe, ein nicht ganz unverläßlicher Führer. Es kann hiebei von mir vollste lückenlose Objektivität sicher nicht verlangt werden. Soll sich ja mein Persönlichstes durch die heutige Mitteilung Ihnen teilweise erschließen. Seit frühester Jugend außer mit anderen weitaus interessanteren Dingen auch eingehend mit meinem eigenen Ich beschäftigt, glaube ich mit einiger Sachkenntnis und wohl auch Unbefangenheit über mich urteilen zu können. Ich gehöre einer alten Gelehrtenfamilie an. Schon im 14. Jahrhundert kamen meine Vorfahren als Opfer einer Judenverfolgung aus der sonnigen Provence nach Mitteleuropa; seit Ende des 15. Jahrhunderts lebte meine Familie in österreichischen Ländern. Seit 1500 bis zur Gegenwart habe ich eine lückenlose Liste meiner Ahnen, die zieml’ch ohne Ausnahme der jüdischen Wissenschaft, d. h. nach alten Begriffen dem Rabbirat ihre Kraft gewidmet haben. ln einem solchen Milieu aufgewachsen, hat auch mein Vater, ein Mann von ungewöhnlichem Geiste, nach dem Ableben seines weitaus berühmteren Erzeugers, ein Rabbinat bekleidet; in einem solchen Milieu aufgewachsen, war es für mich das Natürlichste, das aus den Verhältnissen heraus Erwachsende, daß auch ich meine Begabung, soweit sie vorhanden war, dem Dienste der jüdischen Wissenschaft, der rabbinisohen Karriere zu widmen entschlossen war. Als ich jedoch nach Absolvierung meiner Hochschulstudien in Wien vor die Möglichkeit gestellt wurde, ein Rabbinaf zu bekleiden, da konnte ich mich dazu nicht entschließen, so jung schon in den Dienst der Oeffentlichkeit zu treten und zog es vor, mich der akademischen Karriere zu widmen. Im Jahre SCKIRME w <w1 mmn I , Hoher Mär hl 9 1902 kam ich mit Freude dem an mich ergangenen Kufe nach, an dem neugegründeten Rabbi.nersemi.nar in Florenz eine Lehrstelle für Geschichte und Bibel anzunehmen. Was mich dazu bestimmte, war nicht der Zauber, der für jeden Kulturmenschen von dem begnadeten Arno- Athen ausgeht, sondern vielmehr mein reines, inniges und starkes jüdisches Gefühl. Es hieß allgemein, daß das italienische Judentum irn Aussterben begriffen sei, es fehlte auch nicht an Historikern, die mit Gewißheit den Todestag des italienischen Judentums vorauszubestimmen sich erdreisteten. Ich konnte mich dem nicht anschließen; was ich von jüdischer Geschichte wußte, lehrte mich, daß Unsterblichkeit sich auf jedes Glied und jede Gruppe der Judenheit ausdehnt. So weit meine geschichtlichen Kenntnisse reichten, war noch keine, jüdische Gruppe in den Jahrtausenden unseres Exils an natürlicher Schwäche gestorben. Und da sollte das italienische Judentum, das so viele Begabungen dem Judentum und der Welt geschenkt hatte, da sollte das italienische Judentum eine Ausnahme bilden? Das konnte ich nicht glauben. Und an der schweren Aufgabe wollte ich im Vereine mit meinem bewährten Freunde Dr. M a r g u I i e s in Florenz meine Kraft erproben. Der Erfolg gab uns recht; es war mir vergönnt, die Saat aufgehen und reifen zu sehen und als ich nach zehn Jahren nach schwerem inneren Kampfe mich entschloß, mein Amt an Universität und Seminar aufzugeben und nach Triest zu gehen, konnte ich mir sagen: deine Mission ist, wenn auch nicht beendet, jedenfalls gesichert, die von mir auferzogenen Männer werden das weitere tun, um das Judentum Italiens einer neuen Blüte zuzuführen. Der von mir erzogenen Jugend ist es zu danken, wenn jetzt im Kriege das wohlorganisierte italienische Judentum seinen Ehrenplatz im Kampfe um die jüdische Zukunft einnimmt. Aus Florenz folgte ich dem Ruufe, der durch vier Jahre in immer dringender werdenden Form an mich erging, dem Rufe der Gemeinde Triest Was mich nach Triest führte, war im Wesen eigentlich im Gefühle verwandt mit dem, was mich nach Florenz lockte. Es hieß allgemein und nicht ohne Grund, daß das Judentum in Triest dem Verfall entgegengehe; i« der Tat, seit etwa 50 Jahren hatte dort das Judentum, trotzdem Triest eine große Hafenstadt ist, und immer neue Elemente einwanderten, nicht nur ar. Zahl nicht zugenommen, sondern abgenommen. Auch da wollte ich meine Kraft erproben, wollte sehen, ob es nicht möglich wäre, aus den Ruinen neues Leben erblühen zu lassen. Bis zum Ausbruch des Krieges war die herrschende Klasse in Triest das liberale Bürgert u m, das mit Kraft den Kampf gegen den Klerikalismus aufnahm. Ich habe zehn Jahre in Italien gelebt, diesem Paradiese der Juden, wo Juden Ministerpräsidenten und Kriegsminister werden, aber ich habe keine Stadt gekannt, in der der Antisemitismus so wenig vorhanden war wie in Triest. Der Liberalismus öffnete den Juden weit seine Arme im Kampfe gegen den Klerikalismus, Juden waren die Führer der sozialen Bewegung in Triest, aber eben dies hatte für uns die verhängnisvolle Folge, daß sich eine vollständige Abkehr vom Judentum anbahnte. Man wollte nicht der Gemeinde angehören, weil sie als Hort des Klerikalismus, man wollte nicht in die Synagoge kommen, weil sie als Hochburg des Klerikalismus galt. Da galt es einzugreifen; ich sagte mir: meine Aufgabe in Triest wird es sein, der Jugend zu beweisen, daß das Judentum vieles dem molemen Menschen zu sagen hat, daß dos Judentum keine Mumie, daß es eine lebendige Gegenwart und eine starke Hoffnung, für die Zukunft ©EIS? _ daj) fuere Jtfuflus^emelnde enthaften thfeiöe flfl/IMAl tfffllr, und «BUS einem te» fasen ßdvoftvaliscAen Jt&Mnnwat zu einem wiwf&fiefken Zentrum nies itidi&e/ken £ethens werde, daß £toere Jfuftusttevneinde siefh niefht 6I0/BI 9 um £uer Hüe&rMmis ftdmmete, sondern aueft um £uer JCetben und fuerc Existenz: daP^uere Muftns&emeinde wiwüsam &e&enJtß» /aff und Saufe auftrete, daß in £uever ttuttus&emeinde affe Juden 9 'Wiens das freie Jftttfbestimmun&sweetkt fkafhen, dann wi&ltlei am 58. Dcszember die Zionistische listet Woiit Mr, Die Kandidaten der „Zionistischen Liste": Ein Tag, das will sagen, eine große Idee, ein Gedanke, der dem Leben Inhalt gibt, hat die Kraft, viel Wertloses und Verfehltes zu sühnen, viel Unvollkommenes gutzumachen. So in unseren Tagen die Idee des Palästinaaufbaues. * Aus einer Rede am 1. Sukkothtage (1926): Die uralte Einrichtung, den Unterricht der jüdischen Kinder mit dem dritten Buch der Thora zu beginnen, einem augenscheinlich höchst ungeeigneten, trockenen Stoffe, statt mit dem ersten, so überaus intercosanten, Gemüt und Phantasie anregenden Bereschith, ist seit je befremdend. Auch beim Unterricht im Talmud gewahren wir einen ähnlichen Vorgang. Statt mit der herrlichen Agada zu beginnen, die Heine den Garten des Talmud nennt, beginnt man den Unterricht nach altem Herkommen mit trockenen, juristischen Dingen, mit dem Rechtsstreit zweier Menschen, die ein gefundenes Kleidungsstück ergreifen und ihre Besitzansprüche erheben. Aber das hat einen guten Sinn, der mir heute (beim Anblicke der zur Feier der Enthüllung des Luegerdenkmals aufmarschierenden Jugend) klar geworden ist. Wir Juden haben uns davor gehütet, die Kleinen in früher Jugend rnit Dingen zu belasten, die romantischer Natur sind, ihrer Phantasie die Richtung geben und die Freiheit des eigenen Denkens aufheben oder beeinträchtigen. Man kann Romantisches, wenn rpan es in jugendlichem Alter empfängt, nicht mehr ablegen. Darum sollte die jüdische Jugend zunächst trockene Materien lernen und erst mit wachsender Reife sich den gesinnungsbildeqden Stoffen zuwenden * Chanukkah (1926): Die große Tat deir Makkabäer war, daß sie das Unglück, das über das jüdische Volk hereinbrach, die Bedrückungen durch Ant-iochus nicht als Folge der Sünde angesehen haben. Das Martyrium hat sicherlich Großes in sich. Aber die Sünden suchen, die eigene Schuld, von der sich das Unheil herleitet, Ist unfruchtbar. Die revolutionäre Idee der Makkabäer war, nicht die Sünde in uns zu suchen, sondern das Gute, das Göttliche in u n s, und daraus Kräfte ziehen, die das Unheil belegen. 1. Dr. Desider Friedmann, Rechtsanwalt. 2. Dr. Josef Löwenherz, Rechtsanwalt. 3. Dr. Leo Goldhammer, Rechtsanwalt. 4. Dr. Jakob Ehrlich, Rechtsanwalt. 5. Moses Rath, Kaufmann. 6. Komm.-Rat Max Markus,. Kaufmann. 7. Dr. Isjdor K1 a b e r, Arzt. 8. Dr. J. H. Körne r, Reisebureaulnbaber. 9. Dr. Sanel Beer, Arzt, Abteilungsvorstand. 10. J. H. Waltuch, Börsenbesucher. 11. Dr. Bernhard Geiger, Univ.-Professor. 12. Moses Weiner, Prokurist. 13. Arthur A 1 b e r s, Kaufmann. 14. Dr. Robert Will heim, Univ.-Dozent, Arzt. 15. F. G 0! d f a r b, Regierungsrat i. P. 16. Sigmund Haber, Journalist. 17. Moritz Kohn, Kaufmann. 18. Dr. Franz Kobler, Rechtanwalt. 19. Dr, Oeoj£ Weiner, Rechtsanwalt. 20. Adolf Hecht, Bankier. 21. Dr. Emil K r a s n y, Rechtsanwalt. 22. Arthur Holzer, Vertreter. 23. Ludwig B a 10, Präsidia!s£kretär der I. Donau» Dampfschiffahrts-Gesellschaft. 24. Norbert Rappaport, Bezirksrat, Kaufmann. 25. Jehuda Schmied, Kaufmann. 26. Dr. Emst Schubert, Rechtsanwalt. 27. Julius Goldfinger, Kaufmann. 28. Dr. Sigmund F i n k e 1 s t e i n, ReohtsanwaW. 29. Medizinalrat Dr. Samuel Ruß, Arzt. 30. Dr. Oskar K a r b a c h, Fabrikant. 31. Salo Schmerler, Kaufmann. 32. Dr. Salomon B 0 h i n, Zahnarzt. 33. Ing. Josef Fischmann, Kaufmann. 34. Wilhelm K rum holz, Prokurist. 35. Lazar K r e s t i n, akad. Ma»er. 36. Dr. Dagobert Rybaczewsky, Rechtsanwalt.

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