Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1928)
- Date
- 1928-11-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 48 reaukratie; und als eine große Krise Lebensmut und Lebenswillen auszulösen halle, da gab es für dieses Regime nur feige Flucht. Will die Wiener Judenschaft ein solches System weiter walten lasssn oder will sie jene Männer berufen, welche als einzige dem jüdischen Lebenswillen in der Gemeinde ein organisches Zentrum schaffen wollen? Es geht um Sein oder Nichtsein für die Wiener Kultusgemeinde und darum geht die Wahl vom 2. Dezember alle Juden Wiens an. Jede Stimme ist wichtig und jede Stimme fiir die zionistische Liste sichert den Bestand und die Entwicklung der Wiener jüdischen Gemeinde! Gedenkbiatt für Chajes (Zur ersten Wiederkehr seines Sterbetages.) Am 3. Dezember jährt sich der Tag, an dem die Zionisten Oesterreichs, die Gemeinde Wien und die gesamte Judenheit den Mann verloren haben, der seit langer Zeit wieder ein geistiger Führer war. Ein Jahr nach seinem Tode — und alle, die einen Hauch seines Geistes verspürt haben, sprechen von ihm wie von einem Heros, einer einzigartigen und unwle- Dr. Zwi Per« Chajes f. A. (Nach dem Leben gezeichnet von Clara Epftein für die Wiener Monatsfchrift „Menorah“). derbringiiehen Erscheinung, einer überlebensgroßen Gestalt; denn er war für uns der Erhcller unseres Geistes, der Erwecker unseres Gemütes, der Erwärmer unseres Herzens. Er war der geistige Führer der Wiener Gemeinde und der ganzen jüdischen Gemeinschaft; denn wie im jüdischen Denken Gemeinde und Gemeinschaft ineinanderfließen, so war in seinem Denken, das durch und durch jüdisch war, der Gemeinschaft der erste Platz eingeräumt; sein Denken, Fühlen und Empfinden gehörte der neuen Gemeinschaft, zu der wir auf dem Wege sind. Er war in allem Vorbild, geradezu vorweggenommenes Idealbild des Menschen, des Juden dieser neuen Gemeinschaft. Auf platter Erde und harter Schofle hielt es sein von Realitäten wenig beschwerter Geist nicht lange aus. Sehr bald erhob der höhenge wohnte Aar seine Schwingen wieder zum Fluge. In dem Zwiespalt zwischen seinem Ideal und den Anforderungen der drückenden Wirklichkeit, denen er sich niemals entzog, lag ein harter Konflikt, unter dem er aber nur vorüberiNeu ertffl cif Splelwarenabtellmig im A lichluß an unsere Ju^e^dbüch*^;.,sehr billige flttftdtK, I 4. ■-:-Fgehend gelitten haben ki&n: denn sein Wesen lebte jetzt schon die neue jüdische Wirklichkeit, die aufzurichten unser Ziel isL Sein Denken bewegte sich in den jüdischen und menschheitlichen Gedanken, die durchzudenken wir erst im Begriffe sind. Seine Arbeit, für deren Vielfältigkeit und Hingabe wir keine Worte finden können, um sie aufzuzähien und zu erklären, sie war getragen von jenem Geiste der Unbedingtheit, die nur einer reihen und von keiner Alltäglichkeit verdunkelten Seele eigen ist. Diese Arbeit diente der Dauer und nicht dem Tag; er wurde daher von jenem Lebensgleichmaß durchsonnt, das nur denen eigen Ist, die ihren Lohn nicht von Mensohengun-st, sondern von der beglückenden Anerkennung des eigenen Gewissens empfangen. Das enthebt uns aber nicht, ihm für all das, was ewiges Beispiel bleiben wird, zu danken und zu geloben, sein Beispiel in allem nachzuahmen; der jüdischen Gemeinschaft zu leben, die jüdische Würde zu wahren, für die jüdische Dauer zu wirken; denn nur so bleiben wir mit ihm verbunden für immer, bis in die Zeit der größten Erfüllung. , ^':mmTmnm.itunmittRrimnimirininnnntmittnfiii!Ei!!iimmmmri!miii{mi!mtmTtHmnmn)iim!ifiiinmftfa ff Tel. U35-2.57 B TUCH 1 HAUf i MÜNZ WiENI ERTLGASSE Nr. 4 KftAMcRGasSE ff Dmport Orig. englischer, schottischer u irischer 3)amenu. ÜCerrens'offe Detailvei kauf zu Engrospreisen SiitiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiininiiiiiiiniiHii'iHi! Die 65. und 66. Friedhofsschändung in Deutschland Aus Berlin wird gemeldet: In vandalifdier Weife Hl in der Nacht vom 22. auf den 23. November der j ü d i f ch e Friedhof von Köpenick bei Berlin von unbekannten Tätern gcfchändet worden. Die Täter haben einen großen Grabflcin umgewor/en und drei Grabileine auf Kindergräbern zertrümmert. Die Kriminalpolizei hat umfangreiche Unterteilungen angefteJIt und das ganze Gelände abfuchen laden. Die Ermittlungen befchränken lieh auf einen verhältnismäßig kleinen Perfonenkrcis, und cs Hl damit zu rechnen, daß die abfchculiche Tat in fehr kurzer Zeit ihre Aufklärung finden wird. Auf dem jüdifchen Friedhof zu Borgentreich in Weftfalen, wo eine jüdifche Gemeinde nicht mehr exiiliert, find drei Grabtleine umgeworfen und zum Teil arg befchädigt worden. Von den Tätern fehlt bis jetzt jede Spur. Hochschüterverein sucht Lokal, möglichst in Hauptmiete. Offerten unter «1 oder 2 Räume» an die Administration unseres Blattes. laden! Wählet die .llonlstiMhe Liste Aus Chajes’ Synagogenreden Die Synagogenreden des verewigten öberrabbiners Dr. Chaies waren tiefgründige Erörterungen des jüdischen Lebens, seiner Tagesfragen und Zeitprobleme: sie sind daher ein wertvolles Mittel . um den großen jüdischen Menschen Chajes kennen zu lernen. Im folgenden veröffentlichen wir eine kleine Auslese markanter Aussprüche aus diesen Reden, die wir den zumeist wortgetreuen Aufzeichnungen von Herrn Professor Dr. M. R o s e n f e 1 d verdanken. Zu Lech-lecha (1922): Abraham ging freiwillig aus Babylonien, wo er ganz gut verbleiben hätte können, nach Kenaan, weil er die Berufung in sich fühlte; Durch dich sollen gesegnet werden alle Völker der Erde. Dieses Wort wird das Nationalprogramm für seinen Stamm.' Wo gibt es noch solch ein Nationalprogramm? Sonst baut sich Nationalkultur auf dem Kampf gegen alles Fremde auf. Hier Ist es Ziel und Weg, ein Segen für alle zu sein. Für diese Idee zu wirken, geht er nach Kenaan. ln Babylonien wäre er verkümmert und sein Stamm hätte das Schicksal des babylonischen Volkes teilen müssen. So auch später. Als Israel Aegypten verließ, geschah es bejad chasaka, gegen den Willen des Volkes. Wäte es n-ach diesem gegangen, er wäre gerne geblieben. Darum mußte das «Geschlecht der Wüste» aussterben, ehe die erzogen waren, die freiwillig in das Land der Verheißung zogen. Und so auch heute: Es Ist eine Herabsetzung der Palästinabewegung, sie als eine Bemühung um ein Asyl für solche anzusehen, die die Not zwingt, sich eine neue Heimat zu suchen. Nein, freiwillig muß es seinl Für solche, die, wie Abraham, ebensogut in ihrer Heimat weiterleben könnten.- , * Zu Toledoth (nach einer Mitteilung des Herrn Kuno Trau): Auffallend ist die Stellung der Teile des Satzes (Geneses 26, 12): «Und Isak säte aus in diesem Lande und er gewann ln diesem Jahre das Hundertfache und Gott segnete ihn.» Man sollte ln logischer Aufeinanderfolge erwarten, daß erzählt würde: Isak säte aus und Gott segnete ihn und so gewann er das Hundertfache. Die Bibel will uns aber gerade ln dieser Form eine fiele Wahrheit andeuten: Reichtum an sich ist noch lange kein Segen. Er ist zumeist das Ergebnis von zahllosen Zufällen. Er selbst ist niemals ein Segen. Ein Segen ist erst die Verwendung des Reichtums, wenn sie seinen Besitzer und die Menschen, die von ihm abhängen, glücklich macht. Wie die Verwendung des Reichtums auch anderseits diesen zu einer Quelle des Unheils machen können. Darum heißt es von Isak: Er wurde reich. Er säte aus und gewann das Hundertfältige. Doch nun, als der Reichtum da war, da hatte er erst den Segen Gottes nötig. Darauf: Und Gott segnete Ihn, das will sagen: Sein Reichtum wurde ihm und arideren zum Segen. Zu Wajjiggasch (1926): Der Abschnitt berichtet uns von der ersten diplomatischen Verhandlung mit einer fremden Regierung. Auf der einen Seite Josef, der VoHägypter, der in seinen Verhandlungen mit seinen Brüdern den Juden ganz ausschaltet. Mit dem ägyptischen Volk hätte es sich leichter und wirksamer verhandelt. Aber Verhandlungen von Volk zu Volk hat es bis auf den heutigen Tag noch nicht gegeben. Eine solche brächte immer einen friedlichen Ausgleich; da hätte es einen Krieg nie geben können. So auch hier nur eine Verhandlung mit Josef, als dem diplomatischen Vertreter Aegyptens. Das Eigentümliche an diesen Verhandlungen ist, daß di« Anschuldigung (Benjamin hätte den Becher des Josef gestohlen) völlig sinnlos Ist. Ja, daß er die Söhne Israels als Spione verdächtigte, hat noch einen Sinn; es war zwar falsch, aber es wäre denkbar. Aber hier, das Geld, das man Ihnen in den Sack gelegt hat, bringen sie zurück. Es ihnen noch einmal hineinlegen und sie, und gerade den Benjamin, des Diebstahls beschuldigen, ist ganz ungeheuerlich sinnlos. So war es auch ln der ganzen Folgezeit. I m m e r waren die Beschuldigungen gegen uns Juden das Sinnloseste vom Sinnlosen; nicht, daß wir keine Fehler hätten und uns nichts vorzuwsrfen wäre, aber man warf uns immer das Sinnloseste vor. Pharao befürchtet, die Israeliten wären nicht genügend gute Patrioten; sie könnten bei Kriegswirren dem Lande Aegypten den Rücken kehren. Darum beschloßt er, sie — unmenschlich zu bedrücken. Das soll sie zu guten Patrioten machen und an das Land Aegypten ketten! Haman. Gerade die Juden waren, wie w*ir aus zuverlässigen geschichtlichen Berichten wissen, die einzigen Patrioten im persischen Reiche, von den Königen auf die politischen Stellen berufen, für die das größte Vertrauen Voraussetzung war. Und doch glaubt der König dem Haman, wenn er von den Juden sagt: An die Gesetze des Königs halten sie sich nicht. Die Beschuldigung, den Stifter des Christtums getötet zu haben und gleichzeitig, — er wäre unser Messias gewesen. Sinnlos. Die Römer beschuldigten uns Juden — der Gottlosigkeit und selbst die Gebildeten unter ihnen, die den Glauben an die Götter längst verloren hatten.. Sinnlos. Und so auch ln unseren Tagen. «Die Welsen Zions.» Der ganze Zweck des ersten Zionistenkongresses ln Basel lag ln seiner Oeffentllchkelt. Und da will man Geheimnisse der Weisen Zions erfahren haben . . . Ueberal! ist, wenn es sich um Juden handelt, das an sich Sinnloseste gerade gut genug, um geglaubt zu werden. * Zu Schemotih (1923): Unsere Alten bemerken, daß die wiederholte Anführung der Namen der Söhne Jakobs auf ihre Treue hin weisen will, die sich unter anderem auch darin bekundete, daß sie ihre Namen nicht geändert haben. Eine Namensänderung, die Annahme fremder Namen Ist ein Zeichen der Assimilation, wenn sie mit Absicht und Bewußtsein erfolgt. Es gibt aber auch eine natürliche, unbewußte Assimilation, die von selbst zur Folge hat, daß wir fremde Namen tragen. So 'sind die Namen Jason und Meneiaos zur Zeit der Hasmonäer von der ersteren Art; während wir Antigonos u. a. bei den Rabbinern des Talmuds, zur Zeit der Torsaslsten sogar einen Rabbi Peter, antreffen, ohne daß dabei an eine derartige Absicht gedacht werden könnte. Es gibt eben zwei Arten der Assimilation. Eine natürliche, unbew-ußte, durch die geschichtlichen Verhältnisse bedingte, und eine gewollte, beabsichtigte, frevlerische. Gefährlich ist die erstere. Denn die zweite hat immer noch Schiffbruch gelitten. Die erste aber kann irritieren. Vor allem in der Erziehung und im Leben überhaupt. So das Mitfeiern fremder Feste. Da ist es nicht am Platze, zu schimpfen und zu fluchen. Dagegen gibt es nur ein Mittel: Das Jüdische in unsstärken, so daß wir von innen heraus dieser Assimilation Widerstand entgegensetzen. Zu Haftarah ßehaalotcha, Secharja 3,9: «Ich lasse welchen die Schuld dieses Landes an einem Tage.» (1927.)