Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1928)
- Date
- 1928-11-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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iJOO i. Ünivsx 15 Groschen Seftmtg vom Verheer versendet II V l| ft Journal expeOi nar rtätear II W ■ litt IV« Abonnementpreise: Für Oesterreich: Monatl. S 1.50, viertelj. 6 4.20, ganz). 16.— / Deutschland: Monatl. GoWmark 1.—, viertel]. Goldmark 3.— / Tschechoslowakei: Monatlich Kc 7.—, vierteljährlich Kc 19.— / Jugoslawien: Monatlich Dinar 14.—, vierteljährlich Dinar 40.— Jüdtsdie Zeltunit CrMfieintf Icden Donnertiotf (RceiaMion unef ^Iminlaiwation: ftftetd. V.t JlouAensIdntfijlie f — (Tel. St 249-3-8% Polen: Monatl. Zloty 2.30, viertel}. Zloty 6,50 / Ungarn: Monatl. Pengö 1.50, viertel}. Pengö 420 / Rumänien: Monatl. Lei 45.—, viertelj. Lei 125.— / Bulgarien: Monatl. Lewa 30.—, viertetj. Lewa 80.— / Belgien: Monatl. Belga 2.—, viertetj. Betga 5.— / Uebrlges Ausland: Monatl. Schweizer Franken 1.50 1. Jahrgang Wien, 29. November 1928 (16. Klsiev 5689) Nummer 48 Ein Mahnwort zum 2. Dezember. Am 2. Dezember wird die Wiener Judenschaft den Vorstand ihrer, Kultusgemeinde neu. zu wählen haben. Es geht um mehr als um eine bloße, durch das Gesetz vorgesohriebene Wahlhandlung; es geht, um die Entscheidung über das Schicksal einer der größten judengemeinden der Welt. > ’ Giß Wiener Kultusgemeinde wän*kt; ihr Haushalt :foat ein Defizit,.der wirtschäfökfre Standard threr- MH* glieder wird immer schwächer, die innerftl erhaltenden Kräfte der Wiener Judenschaft werden, abgesehen von der starken äußeren Gefährdüngl diifbh'A'b f a 1i unterwühlt. Diese düsteren Erscheinungen können nur durch verstärkte, aus der Gemeinschaft selbst herausgeholte Gegenwirkung ekigedämmt und um ihre zersetzende Wirkung .gebracht werden. Ein wichtiges Instrument dazu ist die Kultus g.e.m ,e i h d e, die g e s e t z I i c h a n er kan n f.e, a ut ono me Form der jüdisch en Gern e i nsch a f t in Wien. Aber ein durch Jahrzehnte währendes unheilvolles Regime, welches in seiner durch. Unverstand und Unfähigkeit hervorgerufenen Beschränkung den Aufgabenkreis der jüdischen Gemeinde auf tote Verwaltung von Kultus- und Matrikel angelegenh eiten einengte, hat es bewirkt, daß die Wiener Judengemeinde ihre wichtigen jtidtsch-soziaten Aufgaben, die ihr durch Gesetz und Leben des Judentums seit Jahrtausenden zugewiesen sind, nicht erfüllt hat. Die Folgen waren sofort sichtbar, als der erste krisenhafte Anstoß .von . außen her kam. Nach dem Kriege, als die Inflation ihre verheerenden Wirkungen zeigte, stand die Wiener Kultusgemeinde! vor dem Ruin. Leute, deren Wirtschaft den Organismus der Gemeinde so unterhöhlt hatte, daß sie beim ersten Sturm zusammenzubrechen drohte, wollten sich damals schnöde ihrer Verantwortung entziehen und die jüdische Gemeinde im Stich lassen. Nur unter dem moralischen Zwang der zionistischen Vertreter im Kultusvorstande wurden die Herren von der «Union»-Majo.rität. von der feigen Flucht abgehalten, die das Ende der Wiener Kultusgemeinde bedeutet hätte. Die Arbeit der Zionisten hat den Zusammenbruch abgewehrt, die Finanzen geordnet und die Bahn für eine produktive Neuarbeit freigemacht. In der Hoffnung,'diese im Einvernehmen mit der Vorstandsmajorität auf den wichtigsten Gebieten in die Wege leiten zu können, haben die Zionisten im Jahre 1924 mit den «Unions-Leuten sich zu einer Arbeitsgemeinschaft vereinigt, Abei die «Union»-Vcrtreter, die dank diesem Pakt ihre ziffernmäßige Majorität'erhalten konnten, hatten aiis den ersten Sturmzeichen nichts gelernt und setzten ihre unfruchtbaren Methoden fort. Inzwischen haben sich die äußeren und inneren Verhältnisse der Wiener Juden rapid verschlechtert und heute gibt es bereits eine latente Frise der Wiener Kultusgemeinde, die heute ou«r morgen zur offenen werden muß, wenn nicht ln zwölfter Stunde die richtigen Stützmaßnahmen getroffen werden. Die Wiener Judenschaft möge es wissen: bricht die Krise aus, so werden die Herren von der «Union» nichts anderes t u n, a 1 s w i e d e r d a v o n lau f e n, weil sie nicht den Willen und auch nicht die Fähigkeit haben, etwas anderes zu tun. i , - Sie sträuben sich, allen Gemeindemitgliecfern durch ein uneingeschränktes' allgemeines Wahlrecht das Mit-' bestimmungsrecht an der Verwaltung dfer Kultusgemeinde einzuräumen; Sie tut nichts/, um Abfall vom Jüdentüift, der infolge, von Mängeln der Erziehung lind ä&sUntefriohr tes besonders nuter der jüngeren Generation immer stärker Wird, entgegenzutreten;. . ,,, Sie wajgerri sich, jüdische soziale Fürsorge in umfassenderem Sinne zu treiben, obwohl sie wissen, daß die staatlichen und städtischen Institutionen (abgesehen von den in ihnen zumeist vorherrschenden jüdengegnerischen Tendenzen) einer großen Zahl der Wiener Juden, da sie nach dem Gesetz Ausländer sind, nicht zugufekommen; sie lehnen es ab, für die jüdische Erziehung der Jugend ausreichend zu sorgen; sie sabotieren sogar die verfassungsmäßig gegebene Gelegenheit, der jüdischen Gemeinde von Staat und Stadt Beiträge für die Erhaltung ihrer Institutionen zu verschaffen. Dafür aber spielen sich die «Uhioit»-Leute, welche die Wiener Kultusgemeinde durch Unfähigkeit und Unverstand. verdorren lassen, als Hüter der Religion auf; freilich nur im Wahlkampf und da nur für diejenigen, welche den wahren Stand der Dinge nur oberflächlich kennen; denn wer weiß, was es bedeutet,, mit den politischen Geschäftemachern von. der Agudah zusammenzugehen (und das tut die «Union», die mit der Agudah eine gemeinsame Liste hat), der muß die religiöse Wahllüge der «Union»-Leute sofort durchschauen. Die Agudah ist die Gruppe, welche die Zertrümmerung der Einheit der jüdischen Gemeinde anstrebt, sie wendet die übelsten Mittel an, um den Gedanken der Trennungsqrt’hodoxie zu verwirklichen, nämlich die Wiener Judengemeinde — auch um den Preis ihrer Autonomie — zu spalten. Mit diesem religionspolitischen Bodensatz der jüdischen Gemeinschaft zusammen wollen die «Unionv-Leute, die ihre Unfähigkeit, eine jüdische Großgemeinde der Zeit gemäß zu verwalten, bewiesen haben, die Herrschaft in der Wiener Kultusgemeinde weiterführen. Können dies, dürfen dies, wollen dies die Wiener Juden zulassen? poch die aus der Unfähigkeit der «Union» entstandenen und die aus der Böswilligkeit entsprungenen Unterminierungstendenzen der Agudah sind nicht die einzigen, wehche die Wiener Kultusgemeinde bedrohen. Mit dem sozialen Mäntelchen bekleidet, suchen die Wiener Sozialdemokraten, richtiger ihre jüdischen Führer, denen alles Jüdische ein Dorn im Auge ist, weil es sie ihrer Meinung nach kompromittiert, durch ihre Werkzeuge Einfluß auf die Wiener Judengemeinde zu gewinnen; die wahre Absicht isj, diese Gemeinde, den sichtbaren Ausdruck jüdischen Lebens, zu zerstören. Unter den diversen Gruppne der «Werktätigen Jaden» verbirgt sich, offiziell und offiziös, die sogenannte Kulturkampftruppe der Sozialdemokraten, welche unter den Juden Lorbeeren für ihre Sendung zu erringen hofft, wenn die Wiener Kultusgemeinde zertrümmert wird. Die «werktätigen» Werkzeuge der rot assimilierten Kulturkämpfer wollen der Wiener Judensohaft ein re den, die Kultusgemeinde sei bloß eine Fürsorgeinstitution. Damit wollen sie erreichen, daß sich die.Wiener Judengemeinde Ihrer wichtigsten Funktion, organische Zusammenfassung der Juden Wiens , za sein,. ■selber begeben und sq gewissermaßen vo q i h r e m j ü d is eben Inhalt frei willi g ab z i e f ei Hier iiegt die Gefahr, über die sich die Wiener Judenschaft klar sein muß. Kein Titeichen von dem jüdischen -Inhalt der: Kultusgemeinde darf preisgegeben werden, will man die Gefahr eines Zusammenbruches abwenden. Im Gegenteil — die Wiener Kultusgemeinde muß alle Möglich* ketten aasnutzen, die ihr das Gesetz gibt, um den speziellen Bedürfnissen ihrer Mitglieder in religiöser, kultureller, sozialer Hinsicht gerecht zu werden. Das ist der Sinn des Wortes «Voiksgemeinde», das die Zionisten in ihrem Kuitusgemeindeprogramm anwenden. Und gegen diesen klaren Sinn, der nach den Gesetzen der Logik unverrückbar ist, wird nun das Getriebe der Verdrehung und Verleumdung an ge wendet. Der Wiener Jude Wird vor der «Politik» gewarnt, als ob die Wahrung .der Existenz der Juden ein gefährliches Politikum, , als ob die Förderung der uns staatsbürgerlich gewährleistet«! Rechte und die Abwehr von Bedrohung derselben ein Frevel wäre. Die «Unions-Leute und die «Werktätigen» entblöden sich nioht, den Juden Wiens einreden zu wollen, daß die zionistische Forderung auf Erfüllung der in der Verfassung verankerten religiösen und kulturellen MinderheitSTechte die Jude« staatsbürgerlich entrechten, den Numerus clausus einführen und Leben und Existenz der Judenschaft gefährden würde. Die zionistische Tätigkeit spielt sich seit Jahrzehnten im vollsten Lichte der Wiener Oeffentlichkeit, ja der der ganzen Welt ab, im Gegensatz zu der der Vereine und Grüppchen von der Art der «Union»; sind jemals die Zionisten für eine Schmälerung jüdischer Rechte eingetreten; haben sie je etwas getan oder gefordert, was die Juden in ihrer Existenz gefährden könnte? Wer solche — es gibt kein anderes Wort — blödsinnigen Verleumdungen gegen die zionistischen Forderungen ausstreut, hat wenig Achtung vor dem gesunden jüdischen Verstand. Die Zionisten haben in ihrem nun fast dreißig Jahre währenden Kampf uni die Wiener Kultusgemeinde nur ein Ziel: Stärkung der jüdischen Gemeinde und Stärkung der in dieser Gemeinde vereinigten Judepscbäft Die bisherigen Methoden der Verwaltung der Wiener Kultusgemeinde haben das Gegenteil erreicht: sie haben die Gemeinde geschwächt und haben altes verabsäumt, um den dieser Gemeinde angehörenden Juden wirksame Hilfe in ihrer schweren Existenz zu geben, Wo Fürsorge nötig ist, hatte dieses System nur A l m o~ sen, wo Initiative gefordert wird, nur Gleichgültig keit, wo Organisation gebraucht wird, Bu-