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Die Stimme · 1928-11-22 · Heft 47 (22.11.1928) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 47 (22.11.1928)
Date
1928-11-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite S DIE STIMME Nr. 47 Religiöse and religiös-nationale Wähler! stimmt und werbet rar die „Religiöse Liste MlsradU“! das Wahlrecht auch für Juden, die nicht österreichische Staatsbürger sind, und erwirkten die Abschaffung des Kuriensystems. Die Zahl der Wähler schnellte plötzlich von 19.000 auf 34.000 hinauf. Und da wagt man uns zu sagen, wir hätten das Wahlrecht verschlechtert! Die Werktätigen Juden, die in Wirklichkeit sozialdemokratische Juden sind, müssen nach ihrem Parteiprogramm gegen jede Religion, also auch gegen die jüdische ankämpfen. Die Zahl der konfessionslosen Kinder nimmt unter der Herrschaft der Sozialdemokraten in erschreckender Weise zu. Vor dem Kriege gab es in ganz Wien 60 konfessionslose Kinder, heute gibt es deren schon 7000. Hieße Kinder anvertrauen? Wir wollen unsere Jugend jüdisch cs nicht geradzu Selbstmord.begehen, wollte man diesen Leuten das Schicksal unseres Glaubens und unserer erziehen., wir wollen ihr neue Wege weisen in eine bessere jüdische Zukunft, wir wollen sie zu freien jüdischen Menschen erziehen; wollen das die Juden Wiens ebenfalls, dann können sie am 2. Dezember nur die zionistische Liste wählen. „Polische . . . Zuag’raste .. .“ «Polische Zuag’raste» — das waren die Worte, welche die sogenannten «Bodenständigen» für die jüdischen Flüchtlinge übrig hatten, die wahrhaftig nicht freiwillig, etwa weil sie Sehnsucht hatten, das Nachtleben der Hauptand Residenzstadt Wien kennen zu lernen, nach Wien gekommen waren. Zusammengepfercht wie das liebe Vieh, in Waggons, auf denen stand «40 Mann oder 6 Pferde», wurden 80 und oft mehr jüdische Flüchtinge tagelang umhergeschoben. Jüdische Frauen mußten in solchen Waggons ihre Kinder gebären! Vorft Haus und Hof vertrieben, ihres Hab und Gutes beraubt, standen sie nach unsäglichem Leiden endlich in der Stadt, die sie, statt sie als Märtyrer zu achten, mit den Schmährufen «Polische» empfing.» So beginnt Dr. Löwenherz, der 'Sich mit Stolz einen Ostjuden nennt, mit seinem ergreifenden Pathos, das stellenweise zu einem Orkan der Anklage anschwillt, vom Flüchtlingselend zu erzählen, von den schier übermenschlichen Leiden, welche die ostjüdischen Flüchtlinge hier zu erdulden hatten, während ihre .Väter, Söhne und Brüder auf den Schlachtfeldern zu tausenden und aber tausenden den Heldentod für ein Vaterland starben, das für sie statt Dank nur Verachtung hatte. In dieser schrecklichen Zeit waren es nur die Z i o n i s t e n, die au« wahrem, brüderlichem Mitgefühl die klaffenden Wunden schlossen, welche der Krieg geschlagen hatte. Dann kam der Umsturz und mit ihm die berüchtigten Heimatrechtserlässe eines Sever und eines Waber, die die brutalsten Judenausweisungen im Gefolge hatten. Und wieder waren es nur die Zionisten, die a!« einzige den Flüchtlingen beigestanden sind. «Ich selbst,» sagt Dr. Löwenherz, «bin stolz darauf, daß ich damals an der Spitze des Hilfskomitees stand, da« 8800 jüdischen Familien in würdiger Weise, nicht mehr wie lebende Menschenfracht in Viehwaggon«, in die Heimat beförderte. Und im Jahre 1920 waren es wieder die Zionisten, die auch für Ostjuden, die nicht die österreichische Staatsbürgerschaft erlangen konnten, in zähem Kampfe nach stürmischen Nachtsitzungen das Wah recht für die Kultus gemeinde erringen konnten. An Zahl zu schwach, konnten wir es aber nicht verhindern, daß das schändliche Zensussystem das Kultusw'ahlrecht schmälerte. Nur die Zionisten traten immer und überall auch für die Rechte der Ostj'Uden ein, die von den anderen Juden immer verleugnet und beiseite geschoben wurden. «Ich habe mich während meiner vierjährigen Amtsperiode als Vizepräsident der Kuitusgemeinde immer für die Reohte der Ostjuden eingesetzt und betrachte es als den größten Erfolg meines Lebens, daß ich die Pforten der Seitenstettengasse auch für unsere Brüder aus dem Osten öffnen konnte. Und wenn sie zu mir kamen, von Sorgen und Kummer schwer bedrückt, dann fanden sie bei mir immer ein geneigtes Ohr. Sie konnten mit mir in Ihrer Muttersprache reden, denn ich brauche keinen Dolmetsch, wenn ich mit Juden spreche, wie so manche Herren der Union. Ich habe dafür gesorgt, daß ihre Bethäuser unterstützt werden, weil ich weiß, daß nur dort die wahre Frömmigkeit zu finden ist, nicht in der Religiosität der Union deutschösterreichischer Juden, die nur rein Ableger des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ist. Soweit sind diese Herren in Deutschland schon fortgeschritten, daß sie statt Sabbath am Sonntag in den Tempel gehen, daß sie statt Hebräisch, das sie nicht verstehen, Deutsch beten und daß sie aus ihren «Gebetbüchern» die uns heiligen Worte «JerusohoIaLm» und «Zion» entfernt haben. Soweit wird es auch bei uns kommen, wenn man die Pflege der Religion der Union deutschösterreichischer Juden überläßt. Jetzt aber kommen die Herren von der «Union» zu den lieben Ostjuden und buhlen um ihre Gunst, zu denselben Ostjuden, die sie noch ge / ,*n als «Polische» verlästert haben, die sie morgen wieder als «Zuag’raste» beschimpfen werden. Sie versenden Flugzettel in jiddischer Sprache, die kein einziger von den Herren der «Union» auch nur buchstabieren kann. Samstag lud man die Ostjuden mit solchen Flugzetteln unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu einer Versammlung in das Hotel New York. Als die irregeführten Wähler dor.hin kamen, da erwartete sie ein Wacheaufgebot, das mit Gummiknütteln auf die «Polischen» einhieb. In einer jüdischen Versammlung wird Polizei gegen jüdische Wähler aufgeboten! Das ist das wahre Gesicht der Herren von der Union. «Hütet euch vor euren Freunden I» ruft Dr. Löwenherz mit mächtiger Stimme im den Saal, und in den Ohren der vielen jüdischen Wähler, die aus dem Outen stammen, klingt es wider. Sie wissen, wo ihre wahren Freunde sind, sie wissen, daß sie nur bis zum 2. Dezember die lieben Brüder aus dem Osten sein werden. R. S. Die Wiener Aguda auf dem Kriegspfade Wahlkämpfe pflegen nicht veredelnd zu wirken. Schon Bismarck sagte, daß nie so viel gelogen wird als vor Wahlen, im Kriege und nach der Jagd. Was sich aber die Agudas Jisroel, Filiale Wien, im jetzigen Kultuswahlkampf leistet, ist wohl das Niedrigste dieser Art. Es läßt sich nicht als gelegentliche Verirrung entschuldigen, sondern’deutet auf eine ein-' gewurzelte Verrottung, die sich nur jetzt bei günstiger Gelegenheit offenbart. In einem jiddischen Aufruf verunglimpft die Aguda der Reihe nach alle Parteien, die sich neben ihr um Kultusmandate bewerben, mit einziger Ausnahme der «Schiffschul» und der «Union». Bei der unliebsamem Konkurrenz der Schiffschul, die doch auch stock-orthodox ist, hielt man sich mit der Ausrede, ihr Programm nicht zu kennen. Dafür werden die Trefniaks von der Deutsch-israelitischen und momentan Jüdischen Union, mit der die Agudisten auf Gedeih und Verderb liiert sind, über den grünen Klee gelobt. Wir wollen uns hier naturgemäß nur mit den ^oooeaoooooeooeeoegjseeMieooooeeooooooeo Wien I.. (ftotenturm* strmßeJlz.22 3He üeste und fälligste £inümMts~ quelle Siinheitspreise S 12' Angriffen, d. h. mit den Lügen und Verleumdungen befassen, welche von den Gottesmännern der Aguda gegen uns Zionisten gerichtet werden. Der Aufruf schreibt wörtlich: «Die Zionisten wollen aus der jüdischen Kehiila eine rein nationale Institution machen, die mit religiösen Angelegenheiten nichts zu tun haben soll,» so daß die Religiösen zur Versorgung ihrer rituellen Bedürfnisse werden extra sammeln müssen. Glatt erfunden I Wer die Stellungnahme der Zionisten in der Wiener Judengemeinde oder wo smst in der Welt durch drei Jahrzehnte nicht darüber begehrt hat, wie sehr uns — ob nun der oder jener vor uns persönlich mehr oder weniger religiös gesinnt ist — die Wahrung der religiösen Interessen am Herzen liegt, der kann in unserem Wah’programm nachlesen: «In den Pflichtenkreis und Wirkungsbereich der jüdischen Gemeinde gehören: a) Religiöse Aufgaben», worauf die Spezifisierung dieses Postulates folgt. Als einziger Beweis für ihre kecke These wird im Aguda-Aufruf angeführt, daß «die Zionisten auf Kosten der Wiener armen jüdischen Bevölkerung für Pal ästina 25.000 S herausschleppten», eine Subvention, die sie nach ihrem Siege gewiß noch verdoppeln und verdreifachen würden. Abgesehen davon, daß n i em a n d im Wiener Kultusvorstand gegen die Subventionierung des Kerem Hajessod gestimmt hat — was bedeuten 25.000 S, ja sogar die vorausgeahnten 75.000 gegen ein Gemeindebudget von 600.000 S? 0.03 bis 0.1 Prozent! Was soll übrigens das Ausspielen der lokalen Not gegen die Not Erez Israels? Wissen unsere Frommen nicht, daß der große Rabbi Meir von Rothenburg und andere Gaonim für den Fall einer solchen Pflichtenkollision dem heiligen Lande den Vorzug geben? Und weiß die Aguda nicht, daß sie für ihren palästinensischen «Keren Hajischuw» beim gleichen Anlaß 7500 S behoben hat? Aber die Keren-Hajessod-Gelder sollen angeblich für unheilige Zwecke verwendet werden, vor allem zur Erhaltung der Jerusalemer Hebräischen Universität, die den Agudisten zu kostspielig scheint. Faktisch steuert der Keren Hajessod zu ihrem Jahresbudget von 50.000 Pfund bloß 5000 Pfund bei, während das übrige von den Freunden der Universität aus allen jüdischen Lagern, dem Wiener und Pariser Rothschild und vielen anderen, gedeckt wird. Richtig ist hingegen, daß vom Keren Hajessod die zionistischen Schulen Palästinas erhalten werden. Wo steckt nun das Unglück? Der Aguda-Aufruf beklagtes, daß die Zionisten im Wahlkampf «nur von Thora und Religion sprechen». Paar Zeilen weiter oben hieß es doch, daß wir die Volksgemeinde als rein nationale, also areligiöse Institution verlängert. Welcher Vorwurf wird also aufrechteihalten? Unwahr ist der eine wie der andere. Nun hält die Aguda «dieses religiöse Getue der Zionisten für lächerlich, weil sie im heiligen Lande alles, was nur mit Thora zusammenhängt, mit Füßen treten und öffentlich den Sabbath entweihen; weil in den zionistischen Schulen Bibelkritik ärgster Sorte gelehrt wird, so daß die Absolventen in der ganzen Welt Freigeisterei und Atheismus verbreiten; weil den misrachistischen Schulen Palästinas, die den Zionisten noch zu religiös waren, die Keren-Hajessod-Subvention entzogen wurde und weil man in den zionistischen Kolonien öffentlich trefeh ißt». Alles unwahr oder doch gröblich entstellt! Die Zionistische Organisation h„ält nach wie vor an dem Kongreßbeschluß fest, nichts zu unternehmen, was eine religiöse Richtung im Judentum verletzen könnte. Daher schließt sie und alle ihre Institutionen die Bureaus an Sabbat- und Feiertagen. Hingegen hat die Organisation nicht die Macht und wohl auch nicht den Willen, in das Privatleben der Juden in Palästina zwingend einzugreifen, um ihnen ein bestimmtes religiöses Verhalten aufzunötigen. Nicht roher Zwang, sondern liebevolle Erziehung kann eine in jeder Hinsicht gesunde Judenschaft heranbilden. Deshalb die großen Anstrengungen der Zionisten für das jüdis.che Schulwesen Palästinas. Von den insgesamt 25.000 jüdischen Schülern im Lande besuchen nicht weniger als 20.000 die zionistischen Schulen und hievon wieder entfällt ein gutes Drittel auf jene der Misrachi, Auch in den allgemein-zionistischen Volksschulen und den unteren Mittelschulklassen wird Bibelkritik überhaupt nicht getrieben, während in den höheren Klassen der Mittelschulen nur jene grammatische Erklärung ge- ’bt wird, welche zum Verständnis des Gelesenen unbe- ’ingt nötig ist; auch wird kurz erklärt, wie die eineinen Teile der Bibel historisch entstanden. Jeder lenner Palästinas weiß, daß die Absolventen der dorgen zionistischen Schulen ein hohes Maß von Bibelenntnis besitzen und durch eine Innigkeit des jüdichen Gefühles ausgezeichnet sind, mit der sich die Zöglinge, welcher Galuthschule ’mmer, nicht messen (Oppen. Eben deshalb vertrauen viele jüdische Eltern., wenn es ihnen schon nicht selbst vergönnt ist, nach Erez Israel zu Ubersiedeln, wenigstens ihre Kinder zur Abbildung den dortigen zionistischen Schulen an. Unwahr ist auch, daß den Misrachlschuien die Subvention tataogeo

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