Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1928)
- Date
- 1928-11-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 47 DIE STIMME Seite 9 wurde, und daß dies aus Uebelwollen gegen deren Religiosität geschah. Die drei Typen zionistischer Volksschulen, allgemeine Misrachi- und Arbeiter- Gruppe, wurden im Vorjahr aus bloßer Oekonomie und wegen der unzureichenden Keren-Hajessod-Mittel zu einem einheitlichen Schultyp vereinigt, und zwar unter voller Rücksichtnahme auf die religiösen Bedürfnisse und bei Aufrechterhaltung des Mitaufsichtsrechtes durch die Vertrauensleute des M-israchi. Daß in jüdischen Kolonien trefeh gegessen wird, mag Vorkommen. Es wäre eine grobe Ungebühr, jenen Menschen, welche für den Wiederaufbau Erez Israels ihre Bequemlichkeit und ihre Karriere in Europa aufgaben, die ihre Gesundheit und oft ihr Leben zum Opfer bringen, durch äußeren Zwang wie etwa durch Höherhängen des Brotkorbes —, die Kaschruth aufzuzwingen. (Oder hat Herr Pappenheim schon sein Glückskleeblatt Kempler-Ticho-Ornstein kaschern können?) Ein derartiger Zwang — gemäß den berüchtigten Cherem - Methoden der Aguda — wäre nicht nur ungerecht, sondern auch unzweckmäßig, weil er bei ehr- und freiheitsliebenden Menschen? ur den entgegengesetzten Effekt hervorrufen muß. Die natürliche Entwicklung, gefördert durch die Vorsorge für rituelle Einrichtungen, hat schon bisher in Palästina nicht nur eine tiefe Versittlichung des Lebens durch die Hingabe des Einzelnen an das Wohl der Gesamtheit, an Klal Israel gebracht, sondern auch eine allmähliche Annäherung an religiöse Formeln und Bräuche. Und die Entwicklung zur Religion macht in Palästina Fortschritte, trotz des Abscheuesgegen das Treiben der Aguda, die dort, wie überall anderswo, gegen die Gemeinbürgschaft der Juden hetzt, auf Spaltung der jüdischen Gemeinden binzielt, sowie mit Verleumdungen und Denunziationen bei der Regierung und anderen nichtjüdischen Stellen arbeitet. Dabei hat dieselbe Aguda völlig versagt, wo es galt, Positives für den Aufbau des doch auch ihr und vor allem ihr heiligen Landes zu leisten. Einen einzigen kläglichen Anlauf machten sie, eine landwirtschaftliche Kolonie zu gründen. Es vergingen keine drei Monate und «Machne Jehuda» war gewesen. Ohnmächtige Wut erfüllt daher die Agudisten gegen die unvergänglichen Leistungen der Zionistischen Organisation, welche nicht nur vom Völkerbund, sondern sogar von — der «Union» anerkannt sind. An diesem Aufbauwerk haben d i e zionistischen Beamten ihr redlich Teil. Auch gegen sie spritzt der Verleumder Gift: «Der kleinste zionistische Beamte bezieht mehr an Gehalt als ein englischer Minister.» Das Gegenteil ist wahr: der kleinste englische Beamte ist in Palästina besser bezahlt als unsere Beamten, welche — Chaiuzim in ihrer Art — sich dem Dienst der Zionistischen Organisation und Ihrer Institutionen gewidmet haben, ln jedem Kongreßbenicht sind die Besoldungsschemen nachzulesen. Mit tiefer Beklommenheit wird sich mancher fragen, wie es denn kommt, daß gerade Menschen, welche sich als die patentierten Hüter der Religion ausgeben, so niedrig handeln und sich so verächtlich machen. Es sei uns zum Trost gesagt, daß nicht etwa die Religion diese Menschen erfaßt und beseelt hat, sondern daß vielmehr diese Menschen sich der Religion bemächtigt haben, um unter dem schützenden Mantel ihrer Heiligkeit der angeborenen Niedrigkeit besser fröhnen zu können. Gottlob, hat das Judentum Lebenskraft genug, um dieses Gift in seinen Adern zu überwinden und auszuscheiden. Und so schauen die Verbündeten der «Union» aus! «Es tut mir in der Seele weh ...» Michael. „Werktätiges“ oder jüdisches Wirken? Das Wiener sozialdemokratische Kultusgemeindeprogramm Die «Wahlvereinigung'» werktätiger Juden bringt in einem Aufruf, der die Wähler am 2. Dezember veranlassen soll, für ihre Liste zu stimmen, ihr «Programm» und es lohnt sich, einige Worte zu verlieren, um es cner Analyse ir d Charakteristik zu unterziehen. Auf die Lügen und bewußten Verdrehungen von Tatsachen, die in diesem Aufrufe enthalten sind, soll hier nicht reflektiert werden, das geschieht ohnehin an anderer Stelle. Schließlich ist es ja eine allgemeine Er? > inung. daß sich immer dort, wo Argumente fehlen \ erleumdungen, Verdrehungen und Lügen einzustellen pflegen. A'lan könnte das «Programm» dieser wahlwerbenden Gruppe mit einem Worte am besten charakterisieren: Die Kultusgemeinde soll eine Zentralstellejüdlscher Fürsorge werden. Die «Poale Zion» die in Oesterreich ebenso wie die hiesigen Sozialdemokraten eine Ausnahmsstellung dem jüdischen Problem gegenüber einnehmen, verhalten sich zum Zionismus ungefähr gleichartig, d. h. sie trauen sich nicht offen Farbe zu bekennen. In der Jubiläumsausgabe ihres Organs hebt K. S. >tiit Stolz hervor, daß Max Rosenfeld in seinem Referate im lahre 1908 auf dem Parteitag der öster- ERFOIQREICH werden Neuralgie. Gicht, Rheuma, Ischias Verdaungs« Störungen b handelt Im Therapeutischen 'nstltu’, Wie«. |., Au«'t< ilun 8* r » /4 Auskünfte kostenlos reichischen Poale Zion den Grund «zu den später genauest ausgeführten Forderungen der Umgestaltung der Kultusin Volksgemeinden gelegt hat. Seine grundlegende theoretische Arbeit und Forderung wurde schon von hier aus Programmteil sowohl der Poale Zion als auch anderer zionistischer Parteien». Er weiß es mit Recht zu würdigen, daß Max Rosenfeld das Postulat aufgestellt hat, «diese (die Kulutusgemeinde) müsse aber zur wirklichen Volksgemeinde tShgestaltet werden. Die religiösen Funktionen wären als Sache des Rabbinats von ihnen abzutrennen, hingegen ihre Kompetenz in nationaler und sozialen Hinsicht zu erweitern, die nationale Schule, die Gewerbeförderung, Volkswohlfahrt, Konsumordnung, Hygiene, Wohnbau und Emigrationswesen seien ihre Aufgaben». Was ist nun von diesem Programm in den Forderungen der Wahlvereinigung werktätiger Juden geblieben? Nichts! Die Poale Zion traut sich nicht einmal mehr das Wort «Voiksgemeinde» in den Mund zu nehmen, und begnügt sich mit vier Postulaten, die vage vorgebracht und in der abgelaufenen Tätigkeitsperiode des Kultusvorstandes von ihr entweder überhaupt nicht, oder nur, ut aliquid fecisse videatur, erwähnt worden sind. Sie hat das allgemeine Wahlrecht auf ihre Fahne geschrieben in einem Zeitpunkt, wo es den jahrelangen Bemühungen der zionistischen Mandatare gelungen war, den Steuerzensus Überhaupt wohl nicht zu beseitigen, ihn aber doch auf ein solches Minimum herabzusetzen, daß es uns gewiß gelingen wird, der Wählerschaft die Ueberzeugung beizubringen, es sei nur noch ein Schritt, der letzte, weiter zu machen Amerikanisches Kieider-Abonnement Dauer 2 Jahre Kleider bleibea Ihr Eigentum Monatlich S 60. - 1 Frühjahrs-Anzug 1 Sommer-Anzug 1 Herbst-Anzug 1 Frühjahrs-Ulster 1 Winter-Ulster 1 Modehose Instandhaltung kostenlos Verlangen Sie Prospekt! Bei Einzelbestellung Zafelungserlelchterung American TaiSor* Brüder Koch g. m. b. m. Nachfolger Max Altar VS., Mariahilf« rstr. 17 (Mezzanin) Fernruf B-29-4-84 und ausschließlich die zionistischen Mandatare seien geeignet und berufen, diesen Schritt zu tun. D i e d r e ijährige Seßhaftigkeit, die — was hier unterstrichen sein soll — gegen die Stimmen der zionistischen Mandatare von der Majorität beschlossen wurde, kann und wird nur mit Hilfe derjenigen zu Falle gebracht werden, die bisher zielbewußt ihre Arbeit in der Kultusstube entfaltet haben, der Zionisten. Was besagt weiters in dem «werktätigen» Programm die Entbureaukratisierung des gesamten Verwaltungsapparates? Was soll sich irgendein vernünftiger Mensch darunter vorstellen? Soll auch da das Muster der Wiener Gemeinde herangezogen werden? «Wir haben unterstützt die Förderung des Palästina-Aufbauwerkes durch die Gemeinde» — heißt es in dem erwähnten Aufruf weiter. «Wessen Initiative und wessen energischer und zielbewußter Arbeit ist es überhaupt zuzuschreiben, daß die Gemeinde Wien als erste Kultusgemeinde einen Betrag dem Palästina-Aufbauwerk gewidmet hat, der unserer Ansicht nach sicherlich nicht voll entsprechend, aber immerhin der erste Schritt ist. Die Freunde der Poale Zion in der Wahlvereinigung, insbesondere der Verfasser «seines Programms», gebrauchen bis zur letzten Minute noch immer ein Argument gegen diese Forderung der Zionisten, das sie im eigensten Interesse unterlassen sollten. Herr Leo Ra'th hat es doch urbi et orbi verkündet: «Solange es noch jüdisches Elend, jüdische Not und jüdischen Kummer in Wien gibt und von der jüdischen Kultusgemeinde nicht im mindesten gelindert und beseitigt wird, ist es ein ausgesprochenes Verbrechen. 50.000 S, sage fünfzigtausend Schilling, die von verarmten, am Boden darniederliegenden und um ihre nackte Existenz kämpfenden jüdischen Kaufleuten und Gewerbetreibenden, Angestellten und Arbeitern an Kultussteuer hereingebracht werden, nach Palästina für den Keren Hajossod und andere palästinensische Institutionen zu spenden.» Wissen es die Herren nicht, daß das gleiche Argument der sozialdemokratischen Gemeindeverwaltung Wiens entgegengehalten wird? Herren- und Domen-KieMer nach HoH Bileh» 3t»ffaBi«»b'. Zihlaoft nseb Oeb»r»la<»mmn. Johann laclna Wien, TL, Mariahilferstrafie 107, Tel. B 27-2-88 Die Wiener Bevölkerung leidet im allgemeinen vielleicht beinahe so stark wie die jüdische Bevölkerung Wiens und diese Notlage hat die Gemeindeverwaltung Wiens nicht gehindert, Millionen Schilling für den Bau des Amalienbades auszugeben, weil sie — und unserer Ansicht nach mit Recht — die Schaffung solcher Anstalten trotz des herrschenden Elends für eine Notwendigkeit angesehen hat. Für uns Zionisten — und wir glauben, es gilt auch für die «Poale Zion» — ist das Palästina- Aufbauwerk im Interesse des jüdischen Volkes die allernotwendigste Aufgabe. In bezug auf das Fürsorgewesen begnügt sich die Wahlvereinigung damit, daß sie darauf hinweist, daß wir in einer Stadt leben, deren allgemeines Fürsorgewerk für viele Staaten der Welt als mustergültig betrachtet wird. Das ist richtig; aber für uns Zionisten gilt die frühere historisch gewordene jüdische Gemeinde auch in bezug auf die Fürsorgetätigkeit als das bessere Muster, weil die jüdische Gemeinde in bezug auf die Fürsorgetätigkeit der Gemeinde Wien weit voraus war. Geradezu lächerlich ist das Postulat der «werktätigen» Wahlvereinigung in bezug auf die kulturellen Aufgaben der Kultusgemeinde. Glaubt diese wirklich, durch die Ausgestaltung des Religionsunterrichtes irgendeine positive Besserung herbeiführen zu können? Glaubt sie wirklich, daß ein noch so guter, aber höchstens zweistündiger Religionsunterricht in der Woche in der Lage sein wird, jüdische Werte der Jugend zu geben, die in der Lage sind, der immer mehr um sich greifenden Abfallbewegung Einhalt zu gebieten? Und glaubt schließlich die Wahlvereinigung wirklich, daß durch die Schaffung eines eigenen Gemeindeorgans aller Not der jüdischen Bevölkerung Einhalt geboten werden wird? Fragt man sich zum Schlüsse, was diese wahlwerbende Gruppe selbst in bezug auf diese mageren und vagen Forderungen auszurichten in der Lage ist, so erhält man aus dem Ergebnis der letzten. vier Jahre ihrer Tätigkeit die klarste Antwort. Zur Durchsetzung von Forderungen gehört ein doppeltes: Zunächst Menschen, die geeignet und fähig sind und den Willen haben, etwas Positives zu leisten; und dann, daß die Forderungen nicht bloße Gedankenkonstruktionen darstellen, sondern sich als eherne Konsequenz der gegebenen tatsächlichen Verhältnisse bilden. Beide Voraussetzungen mangeln der Wahlvereinigung. Daß ihre Menschen nicht geeignet und nicht gewillt und nicht fähig sind, irgend etwas Positives zu schaffen, haben sie in den letzten vier Jahren bewiesen. Schließlich waren die Zionisten ebenso eine Minderheit wie die Wahlvereinigung, und dennoch sind die zionistischen Mandatare in der Lage, auf eine Unzahl von positiven Erfolgen hinzuweisen. Daß die zweite Voraussetzung nicht gegeben ist, geht schon daraus hervor, daß in keinem einzigen Punkte auch nur im geringsten der Weg gezeigt wird, wie die «vverktätigen» Forderungen durchzusetzen wären. Es ist für uns kein Zweifel, daß die jüdische Wählerschaft am 2. Dezember jenen Männern ihr Vertrauen schenken wird, die nicht aus egoistischen und Ambitionsgründen ein Mandat erlangen wollen, sonder» die auf dem Wege fortzuschreiten beabsichtigen, den sie bisher gegangen sind, auf dem Wege wahrhaften jüdischen Wirkens, auf dem Wege der zielbeYvußten Umwandlung der Kultusgemeinde in eine Voiksgemeinde. L. G. Wählerversammlungskalender der „Religiösen Liste Misrachi“ Donnerstag, den 22. November, um 8 Uhr abends, im Souterrainlokai des Cafe «Rembrandt», II., Untere Augartenstraße 11. Samstag, den 24. November, um W Uhr abends, im großen Saale «Die Scholle», 11., Lilienbrunngasse 1; im Gasthaus Moser, XX., Dresdnerstraße 51 (Zwischenbrücken). Sonntag, den 25. November, um y25 Uhr nachmittags, in den Bethauslokalen «Schomre Hadath», XX., Olhmargasse 34; «Oseh Tow», III., Radetzkystraße 27; «Machsike Thora», IV., Wiedner Hauptstraße 83. Montag, den 26. November, y28 Uhr abends, im großen Saale der Gastwirtschaft, II., Venedigerau Prater 176. Dienstag, den 27. November, y28 Uhr abends, in; Saale der Gastwirtschaft Pankl, I., Hoher Markt 9 Richard Herzog, II, Kleine Pfarrg. 28 / Tel. R 23-4-90