Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1928)
- Date
- 1928-11-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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DIE STIMME Nr. 47 Seit» 2 {Hirsch Üntrator und &rau laden alle Verwandten, {freunde und {Bekannten tur Vermählung ihrer Tochter <S m m y mit {Herrn {Doktor {Jtiaor {tohon le hotlichst ein, iDie Trauung findet Sonntag, den 25. SNoor. I. ff, am i Uhr nachm, im fsempel, Wien, /., Jeitenttetiengösse 4, statt. {Hoch der ^Stauung Gmptang in den Wettsälen des iHotelt m3Heiropolea, Wien, /., SHoreinplatt 4 die würdigen Union-Israeliten sollten sich doch darüber belehren lassen, wie der Geist der von ihnen negierten jüdischen Eigenart den Begriff des «Chflul Haschen» umschreibt! Die «Jüdischnationalen* haben es den .Unionisten überhaupt angetan und sie klammern sich an diese von uns gar nicht gebrauchte Bezeichnung, um ihrer geistigen Dürftigkeit die Schlagworte-Polemik zu erleichtern. Sie verstehen nicht oder wollen nicht verstehen, daß wir national, aber nicht nationalistisch sein wollen, daß jüdisches Volksbekenntnis grundsätzlich nur der Erhöhung der eigenen Art dienen soll, sich aber nie gegen andere Art kehrt und daß erst in einem national erfaßten Judentum, wie wir es sehen, der ewige jüdische Universalismus zum Aus* druck kommt. Diese Erkenntnis haben dreißig Jahre zionistischer Erziehungsarbeit zahllosen Juden vermittelt, sie und ihre Konsequenzen sind es, die befreiend und schöpferisch gewirkt und den besten Vertretern der nichtjüdischen Welt Achtung und Respekt vor jüdischer Art und Leistung errungen haben. Daß wir bei Herrn Kommerzialrat Moriz Reif, einem anderen «Union»mann, noch nicht so weit sind, mag nicht weiter verwunderlich sein. In einer Wählerversammlung der «Union» wp{ß er mit unionsphilosophischer Tiefe zur nationaljüdischeh Auffassung zu sagen, daß das Wort «national» immer einen häßlichen Beigeschmack gehabt habe, der Nationalismus führe u. a. immer zu Ungerechtigkeit gegenüber dem Andersnationalen; er finde weniger in der Liebe zu dem Volksgenossen, als vielmehr im H a ß gegenüber demjenigen, welcher einem anderen Volke angehört, seinen Ausdruck. Das sehe man z. B. an den Deutsch nationalen, mit denen uns also Herr Reif zu vergleichen so freundlich ist So weit, so dumm. Aberder Spaßhörtau f, wenn Herr KommerzialratReif zur Verdrehung und Entstellung s e i n e Z u f 1 u c h t nimmt, um uns in den Ruf der — Judenfeindschaft zu bringen! Hier hört jede Rücksicht auf Dummheit als Milderungsgrund auf und Herr Reif mag noch so unreif sein, im Interesse der von uns vertretenen Sache müssen wir behaupten: HerrReifhatgröblieh verleumdet. Er findet nämlich in dem zionistischen Wahlaufruf, dessen «ziemliche Zahmheit» ihn gewissermaßen enttäuscht hat, dennoch Stellen, welche zu Bedenken Anlaß geben, z. B. den Hinwejs «a u f d i e wirtschaftliche Eigenart des jüdischen Volkes». Und sagt dazu wörtlich: «Jeder österreichische Jude muß sich aufs tiefste verletzt fühlen, wenn er das, was die Judenfeinde aller Schattierungen von uns behaupten, daß wir uns nämlich im wirtschaftlichen Leben anders benehmen als unsere christlichen Mitbürger, in einem jüdischen Wahlaufruf liest.* Müßte man da nicht glauben, in unserem Wahlaufruf stehe, daß die Juden keine kaufmännische Ehrlichkeit kennen oder so ähnlich? Während wir verlangen, daß die Kultusgemeinde sich um die spezifische jüdische Wirtschaftsnot, eine Folge der abnormalen Wirtschaftsgliederung der Juden, zu kümmern habe?! Wirklich, die würdige «Union* entfaltet in diesem Wahlkampf ihre besondere Ethik, eihe, die nicht gerade aitbiblisch anmutet. Sie rechnet offenbar nicht mit dem Urteil des reichen jüdischen Wählers, sie operiert vielmehr mit Argumenten, die für den «dummen Kerl von Wien» berechnet scheinen. Auch der Hausethiker der «Union», ihr Präsident Herr Dr. Jakob 0 r n s t e i n, sagt unenwegt sein Sprüche! auf. Er kämpft unverdrossen für die «vollkommene Gleichberechtigung mit den nichtjüdischen Staatsbürgern», als ob w i r die antasten wollten, und sieht sie «in Gefahr, wenn Versuche unternommen werden, uns von den übrigen Bürgern dieses Staates zu trennen!» W e r w i 11 d a s? Offenbar wir, indem wir fordern, daß im Sinne des Friedensvertrages der Staat, der zur Erhaltung des evangelischen Kultus etwa fünf Milliarden jährlich beiträgt, auch in angemessener Weise für die spezifisch jüdischen Bedürfnisse beitrage 1 Eine Forderung, deren einhellige Annahme die Zionisten im Kultusvorstande durchgesetzt haben, der also endlich auch die «Union» mit Herrn Dr. 0 r n s t e 1 n zugestimmt hat! Aber, sagt weiter Herr Dr. Ornstein. «fern sei es Bevor Sie Bücher kaufen besichtigen Sie nnser Schaufenster! „Vienna“, I., föognergasse % daher von uns, uns auf den Vertrag von St. Germain zu stützen und aus ihm Minderh e i t s r e c h t e für uns ableiten zu wollen, die,» . . . man weiß schon, was da folgt. Diese Berufung auf den Friedenlvertrag sei s o f e r n v o n u n s, daß Herr Dr. Ornstein eigenhändig eine Eingabe der Kultusgemeinde an die Regierung mitunterfertigt und mitüberreicht hat, die sich auf den Friedensvertrag beruft und eben jene Forderung enthält! Hier hat der Wähler ein leuchtendes Beispiel von Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe, von Mut und Ueberzeugungstreue — und all das verkörpert in der einen Person des Präsidenten der wahlwerbenden «Union»! « Wenn die bürgerliche «Union» zu Lügen und Verleumdungen greifen muß, um in der Kultusstube die «Ethik der Propheten» gegen die zionistischen «Chauvinisten» zu schützen, so können — was das Lügen aniangt —* die proletarischen «Werktätigen» nicht Zurückbleiben. Die «Vereinigung werktätiger Juden» — das ist die Gruppe A der gespaltenen Werktätigkeit — hat eine Wahlnummer ihrer «Jüdischen Volkszeitung» ausgesandt, in der versucht wird, ein paar faustdicke Lügen über die Zionisten zu ver- Tel. U25-2.57 TUCH HAUf ♦♦ IIIIEAI I BRTlflASSE Nr. 4 WlRnl 1 KRAMER«ASSE fl III IIIFM'/Mirti "El TffflMI 'f“‘ ■SHIMft dmport Öri%. englischer, schottischer u irischer 2)amenu. SKerrenstoife 2)etai(verkauf zu Engrospreisen breiten. So lügen die «Werktätigen», die «Union* habe gemeinsam mit den Zionisten «das Wahlrecht noch verschlechtert, indem sie einen dreijährigen Steuerzensus eingeführt haben». Dem werktätigen Lügner ist es sicher nicht unbekannt, daß die Zionisten im Kultusvorstand schon vor Jahren die Einsetzung einer besonderen Kommission erzwungen haben, die über den zionistischen Antrag auf Einführung des allgemeinen Wahlrechts beraten sollte. Wohl scheiterten alle zionistischen Bemühungen an dem reaktionären Geist der «Unionisten», aber immerhin gelang es, den nichtösterreichischen Steuerzahlern das bis dahin verweigerte aktive Wahlrecht zu sichern, so daß die Zahl der Wähler, die 1920 die Ziffer von 19.300 erreichte, im Jahre 1924 auf 35.126 stieg. Ebenso erlogen ist natürlich die Behauptung, die Zionisten hätten f ü r den dreijährigen Zensus gestimmt; eine freche Lüge, die einen von Lügen und Verdrehungen strotzenden Artikel als Schlußeffekt krönen soll. Ueberhaupt erfährt man da noch allerlei von der großartigen Tätigkeit der «Werktätigen». So haben sie z. B. die Gemeindeangestellten «vor Benachteiligung und Schikanierung geschützt». Aber Zionisten und Unionisten, der «Bürgerblock» also, habe die werktätige Anträge niedergestimmt oder sie einer Behandlung überhaupt nicht unterzogen. In Wahrheit haben die Werktätigen — was wir ihnen nicht weiter verdenken — den Schutz der Angestellten den Zionisten überlassen, ihr Vertreter hat an keiner einzigen Sitzung der paritätischen Kommission teilgenommen und der «bürgerliche» Zionist Dr. Friedmann war es, der die Gleichstellung des Pensionsnormales der Angestellten mit dem der Beamten der Kommune durchgesetzt hat! IfldCB! V Rachehochzeit (Ein Bild aus dem Beduinenleben in Palästina.) Au« dem Hebräischen de« A. B. Gelimann. Auf Mauleseln, an deren Hälsen Glöckchen klangen, /Uten wir an einem Sommertage die Straße entlang, die zum Salzmeer führt. Wir waren unser etliche junge Leute aus einem Jüdischen Dorf. Es dunkelte bereits, als wir zu einer Siedlung kamen. Vor unseren Augen tauchten kleine niedrige Beduinenhütten auf, aus dicken Fellen mit ineinander geflochtenen Stäben gebaut. Zwischen den Hütten bemerkten wir im Dunkel ein brausendes, sonderbares Gewirr von Pferden, Kamelen, Ziegen, Weibern, Kindern und Hunden. Wir blieben stehen, um das Bild zu betrachten. Es dauerte nicht lange, da kam ein dunkler Beduine auf uns, aus dessen Gesicht zwei glänzende Augen und zwei große Nasenlöcher leuchteten, in seine schwarzgestreifte Abaje gehüllt, den Nagal (Kopftuch) auf dem Kopfe, musterte er uns neugierig. Er schien Gefallen an uns gefunden zu haben: ein Lächeln brachte hundert Falten auf seinem braunhäutigen Gesicht hervor und zwei Reihen mächtiger weißer Zähne blitzten in seinem angegrauten kurzen Bart auf. Er trat näher und begrüßte uns mit einem freundlichen «Salem Alejkum». Anfangs waren wir über den freundlichen Empfang ein wenig überrascht, dann aber wurde uns der Grund bald klar: Der uns so freundlich begrüßte, war der Scheich des Dorfes mit Namen Abu-Tor (Vater des Stieres), und er verheiratete in dieser Nacht seine Tochter; wir als angesehene Gäste würden gewiß seiner Tochter ein Bak$chisch anläßlich ihrer Hochzeit schenken. Auf des Scheichs Einladung traten wir in seine Hütte, um auszuruhen. Die Hütte des Scheichs Abu- Tor, in der er allein saß, war schön und geräumig, mit Zierat und Festschmuck behängen. Ehe wir das Innere der Hütte betraten, mußten wir die Schuhe ablegen und unsere Füße aus einem ehernen Wasserkrug benetzen, der neben dem Eingang stand. So fordert es der Brauch für alle Wanderer, die dem Beduinen als Gäste willkommen sind. Auf einem breiten, buntfarbigen Wollteppich, der den Boden bedeckte, setzten wir uns mit gekreuzten Beinen nieder. In der Hütte hingen allerhand Waffen, Schwerter in riesigen Scheiden, Messer und Dolche. Alles war mit einer dicken Lage Staub und Schimmel bedeckt und gab Zeugnis davon, daß diese Dinge ein Stück Siegesgeschichte des Stammes auf sich tragen. Die Hochzeitsgäste begannen sich einzufinden. Beduinen in verschiedenfarbigen Abajen zogen die Schuhe von ihren nackten Füßen und traten in die Hütte; sie setzten sich neben uns nieder und die Begrüßung begann. Der Scheich Abu-Tor teilte den Gästen mit, daß wir aus der heiligen Stadt El-Kuds (Jerusalem) kamen. «Gesegnet seien sie von Allah!» antworteten die Beduinen. «Wir und die Jahtid (Juden) sind Brüder, eng verbundene Freunde. Groß ist MohammedI» bekräftigte einer von ihnen den Segensspruch. «Ahalan usahaian — die Söhne des Nobl Ibrahim (Propheten Abraham) seien willkommen I» fügte ein dritter hinzu. Die Gesichter der übrigen, welche damit beschäftigt waren, die Bernsteinperlen ihrer Rosenkränze zu zählen, bezeugten leuchtende Freude. Der Scheich Abu-Tor lud uns nochmals offiziell ein und bat, wir möchten heute nachts nicht fortziehen, dies wäre eine Schande für ihn. Wir müßten bleiben, um der großen «Fantasia» (Hochzeitsfeier) willen, welche heute nachts seine 15jährige Tochter Dura begehe. «Sie wird dem Mehmed Ali angetraut.» Dabei wies Abu-Tor auf einen großen alten Beduinen, der mit dem Turban geschmückt, behaglich dasaß und Datteln kaute. «Mehmed All», erklärte uns Scheich Abu- Tor weiter, um seinen künftigen Schwiegersohn zu rühmen, «ist Dattelhändler; er fährt sehr oft nach Scham zum Dattelkauf u.nd verdient sehr viel Geld. Abu-Tor fügte hinzu, daß der Bräutigam die Braut von ihm um einen Spottpreis erhalte, für 25 Silber-Gilal, einen Sack Dattel und drei Esel; so billig habe er die junge, 15jährige Dura gekauft. Indessen hatten sich alle Beduinen des Dorfes versammelt, um die Hochzeitszeremonie zu beginnen. Draußen war schon tiefe Nacht, Der Mond stieg, in sein Strahlenhemd gehüllt, am Rande des Salzmeeres auf und blinzelte zu den funkelnden Sternen hinüber, die ihn auf seiner Bahn begleiteten. Alle Hütten des Dorfes waren mit dichten Palmzweigen geschmückt, zwischen denen Gewehre, Revolver, Schwerter und verschiedenfarbige alt« Fahnen mH heiligen Inschriften staken. In eine besondere Hütte wurde die Braut geführt) zwei ihrer Freundinnen, denen dichtes schwarz«« Hut