Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1928)
- Date
- 1928-11-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3053753-3053798--0697-3055993- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 46 DIE STIMME Seffe 3 und verschiedenen nichtziontetischen Körperschaften, i deren Mitwirkung in der Vereinigten Jewlsh Agency | als wichtig angesehen werden kann, zur Kenntnis bringe; 4. daß in Vorwegnahme der Bildung der erweiterten Jewish Agency das Organisationskomitee ermächtigt ist, in Gemeinschaft mit den gebührend autorisierten Vertretern der Zionistischen Weltorganisation alle Differenzen beizulegen, die sich mit Bezug auf die Interpretation, Auswirkung und den Tätigkeitserfolg irgendeiner in dem Bericht der Joint Palestine Survey Commission vom 18. Juni 1928 enthaltenen Empfehlung ergeben haben oder sich noch ergeben mögen.» Louis Marshall hat nunmehr die Namen der M i tglieder des Organisationskomitees bekanntgegeben. Es sind: Felix M. Warburg (Vorsitzender), Dr. Leo K. F r a n k e 1, Cyrus Adler, James Becke r, David A. Brown, Herbert Lehman, Julian Morgenstern. Was wird weiter geschehen? Das Mitglied der Zionistischen Exekutive in Palästina, Dr. Harry Sacher, der der Konferenz der Nichtzionisten in New York beigewohnt hat, ist in diesen Tagen in London eingetroffen. Im Bureau der Zionistischen Organisation fand aus diesem Anlaß eine Pressekonferenz statt, in der Herr Sacher seine Eindrücke von der New Yorker Konferenz wiedergab. Er wies auf die einheitliche Stimmung der Konferenz und ihren erfolgreichen Verlauf hin. Keinerlei Opposition machte sich bemerkbar. Männer, die 20 Jahre lang im Kampf gegen den Zionismus gestanden waren, wie z. B. bekannte Reformraibbiner, gaben in ihren Ansprachen Ihrer Freude Ausdruck, an dem Aufbau des Jüdischen Nationalheims in Palästina mithelfen zu können. Die Delegierten verließen die Konferenz voll Wärme und Begeisterung für ihre neue Aufgabe. Das Organisationskomitee zur Durchführung der Beschlüsse der Konferenz wird noch vor derAbreise des Präsidenten Weizmann aus Amerika, die am 22. N o v e m b e r erfolgt, gebildet werden. Die Frage eines Pressevertreters, was die konkreten Resultate der Konferenz seien, beantwortete Sacher wie folgt: Die Konferenz kam zu dem definitiven Beschluß, a) daß der Aufbau eines jüdischen Palästina notwendig und möglich sei; b) daß die Jewish Agency das geeignete Instrument hierzu sei; c) daß die Amerikaner baldigst Schritte ergreifen sollten, in die Agency einzutreten und alle in der Agency enthaltenen Verantwortlichkeiten mit zu übernehmen. Auf die Frage, wie die Differenzen zwischen dem Bericht der Joint Palestine Survey Commission und den Berliner A. C.-Beschliissen ausgeglichen worden seien, erwiderte Sacher: Louis M a r s h a 11 habe gleich in seiner Eröffnungsrede auf die Berliner A. C.-Beschiüsse hingey/iesen und gesagt, er glaube nicht, daß sie irgendwelche besondere Schwierigkeiten bereiten werden. Ferner wurde auf die A. C.-Beschlüsse ln einer d e r R e s o 1 u t i o n e n der Konferenz direkt Bezug genommen und das Komitee, welches die Beschlüsse der Konferenz durchzuführen haben wird, definitiv ermächtigt, gemeinsam mit Vertretern der Zionistischen Weltorganisation alle Angelegenheiten zu ordnen. Die Frage, welches die nächsten Schritte zur Verwirklichung der Idee der Agency sein werden, beantwortete Sacher wie folgt: Das amerikanische Komitee hat die Vollmacht erhalten, nach Ordnung der Angelegenheiten mit der Zionistischen Organisation die amerikanischen Vertreter im Rate der Agency zu ernennen. Gleichzeitig unternimmt die Zionistische Organisation Schritte, um weitere sechs L ä n d e r für die Beteiligung an der Agency zu gewinnen, bevor sich diese endgültig konstituiert. „Eine schwere, aber heilige Bürde“ Weizmanns Ansp ache in der New Yorker Konferenz der Nichtzionisten Nachdem die Konferenz 4er amerikanischen Niohtzionisten, die am 20. und 21. Oktober unter dem Vorsitz Louis Marshalls in New York statt.gefanden hat, die an anderer Stelle angeführten Resolutionen gefaßt hatte, bestieg der Präsident der Zionistischen Weltorganisation Professor Ghaim Weizmann, von herzlichem Beifall begrüßt, die Tribüne und hielt die folgende Ansprache an die versammelten amerikanisch-jüdischen Repräsentanten: «Da« Votum, das Sie soeben abgegeben haben, bedeutet die Krönung fünfjähriger Anstrengungen. loh glaube, nicht zu übertreiben, wenn ich ©age, daß dieses Votum eine bedeutungsvolle historische Wendung im Leben der amerikanischen Judenheit und in dem Schicksal der zionistischen Bewegung bedeutet. Wir waren In all diesen Jahren uns tief bewußt, welche Bedeutung ein Votum, da« den Weg für die Bildung einer gemeinsamen Organisation von Zionisten und — lassen Sie mich, weil mir ein besserer Ausdruck fehlt, sagen — Nichtzionisten freimacht, für die Entwicklung der Judenheit und für den Aufbau Palästinas haben könnte. Und wenn ich heute den Vorzug genieße, zu Ihnen zu reden, ■so stehe ich hier nicht im Gefühl eines Triumphators; ich fühle nur, daß wir nun miteinander verbunden sind: wir haben auf uns eines c h were, aber heilige Bürde .genommen, die wir — des bin ich sicher — mit den in der Judenheit und besonders in der Judenheit Amerikas vorhandenen Kräften zu einem erfolgreichen Ende tragen werden. Ich will nicht versuchen, die verschiedenen Abarten von Nichtzionisten, die hier repräsentiert sind, zu analysieren. Ich möchte nicht andere Menschen lehren, wie sie sich zu Palästina beziehen sollen, aber eine bedeiiitungi-rvO'l'le Wahrheit ist während der Aussprache fest ausgesprochen worden: Tatsachen, lebende Tatsachen sind stärker als tote Formeln. Und eine Tatsache ist es, daß Palästina heute JcleftXSs LPorrlfepFflute Qualiti ■ ■ Preis ln alten seinen Drangsalen ein lebender Organismus ist, eine Forderung an Sie, an mich, eine Forderung an die jüdische Welt, vielleicht auch an die nicht jüdische Welt. In dieser feierlichen Sitzung wollen wir jener gedenken, die Palästina zu einem lebenden Organismus gemacht haben; jener, die mit dem Spaten und mit der Kraft ihrer Körper und -ihres Geistes Fd- ~sen und Sümpfe in Gärten verwandelt haben; jener, die alles eingesetzt haben, was die Natur ihnen verliehen hat: Idealismus, Intelligenz; jener Pioniere, die vor 50, vor 20, vor 10 Jahren in das Land kamen, in dem Glauben, daß einst der Tag kommen wird, an dem die gesamte Judenheit sich vereinigen wird, ihr Werk fortzusetzen. Ich brauche kaum zu sagen, daß der lieutige Tag ein Anlaß zur Beglückwünschung fiir Sie, Herr Louis M a r s h a 11, im besonderen -ist. loh, als ein jüngerer Freund von Ihn-en, glaube, nicht zu viel zu sagen, wenn ich feststelle, daß es der krönende Rnh-m einer großen Laufbahn ist, wenn Sie Ihren Namen in da« Buch eint ragen, das heute auf den Hügeln und in den Tälern dieses kleinen Landes geschrieben wird. Ich werde nicht in eine Diskussion der Möglddft« keiten Palästinas eintreten. Wer kann heute Voraussagen, was für Möglichkeiten gegeben sind, wenn eine starke, blühende, jüdische Gemeinde auf dem kleinen Territorium vereinigt sein wird, das wir heute als Mandatsland Palästina bezeichnen? Palästina ist zentral gelegen und von weiten Ländern umgeben, die im Erwachen begriffen sind. Wir werden in Palästina ein Kraftzentrcm schaffen, das alle Länder, die die heutigen politischen Grenze» Palästinas umgeben, mit Energien überfluten wird. Wer kann heute Voraussagen, welche Formen das jüdische Leben im zukünftigen Palästina annehmen wird? Heute wollen wir nur das eine: eine solid*» Grundlage schaffen, auf der das neue Leben aufgebaut werden kann. Wenn, meine Damen und Herren, N a t i o n a 1 -i« m u s die politische Verwandtschaft Palästinas mit den Juden außerhalb bedeutet,. wenn Palästina bedeuten sollte, daß die Juden außerhalb Palästinas ihres Status’, für den sie gekämpft haben, beraubt werden sollen, dann bin ich kein Nationalist. j Wir wollen uns weder direkt noch indirekt in politischem Sinne in das Leben der Juden außerhalb Palästinas einmfechen. 99 A#4 st an das bekannte Zitat aus Jesaia e-nnneri, der im siebenten Jahrhundert vor Christus lebte: «Dann werden Sie umschmieden ihre Schwerter in Sicheln und ihre Lanzen zu Rebenmessern: Ein Volk wird nicht fürder erheben gegen das andere das Schwert und sie werden nicht mehr das Kriegführen lernen.» Es würde zu weit führen, noch einmal die alte Diskussion über die Entwicklung des Christentums vom Judaismus aufzuwärmen. Wir wollen noch zum Schluß einen Zeugen anrufen, der sicher nicht zu den Apologeten des Judentums gehört. Am 14. Dezember 1914 sagte in einem Vortrage der «Bibel-Babel»- Delitzsch folgendes: Die Psalmen sind jüdische Lieder von und für Angehörige des jüdischen Volkes gedichtet, aber sie sind seit nun bald zwei Jahrtausenden auch für die christliche Kirche das geistliche Liederbuch in eminentem Sinne geworden. Mit Recht, insofern das Christentum seinem Ursprung nach mit dem Judentum eng verwachsen ist und di~e Christenheit sich alsdas «geistliche Israel» auch ihrerseits zu dem Gotte bekennt, wie ihn die führenden Geister Israels in immer reinerer Weise geschaut, als den einigen Gott aller Völker des Erdkreises . . . den höchsten Gesetzgeber und gerechten Richter der Menschheit. Und an diesem Gottes,glauben nebst seinen Verpflichtungen urod Verheißungen halten wir fest.» Sapients sat . . . . Doch wird das Mauschel nicht aus dem Gleichgewicht bringen, da es ihm doch nicht tun die Wahrheit geht. Er leidet an Ueberwertigkeit da Judentumsaffektes, den er ins Unbewußte verdrängt hat, «Das Unbewußte ist aber in seinem ganzen Wesen nach Trieb und nicht Gedanke.» (Blüher. J. Z. F Psych. 3. 348.) | Sentimentale Täuflinge Jedes Land bringt einen eigenen Typus von Täuf- | lingen hervor, deren charakterloses Renegatentum in jedem Lande einen spezifischen Charakter und Stil aufweist und die Abtrünnigen in Polen sind durch ein besonders sentimentales Verhältnis z-um Judentum, aus dem sie ausgetreten sind, gekennzeichnet. Sie können von ihm nicht lassen, auch nachdem sie es verlassen haben, und besonders während der jüdischen Feiertage, deren erhabene Schönheit aus ihrer Erinnerung nicht auszu-löschen ist, beschleicht eine große Wehmut ihr neuadaptiertes Christenherz. Sie möchten sich es wohl am liebsten mit keiner der zwei Religionen verscherzen und da ihnen die neu erworbene in materieller Beziehung größere Vorteile zu bieten vermag, während die alte, abgelegte metaphysisch leistungsfähiger zu sein scheint, schleichen sie sich von Zeit zu Zeit an diese heran, um an ihr gefühlsmäßig zu schmarotzen. . So ereignete es sich jüngst in Warschau, daß ein Täufling, Sohn eines bekannten jüdischen Kaufmannes, am Kol Nidre-Abend das brennende Verlangen verspürte, an den weihevollen Gebeten des heiligen Tages im Tempel, in der Mitte der andächtigen jüdischen Betgemeinde teilzunehmen. Es ist ihm natürlich nicht eingefallen, aus dieser plötzlich erwachten Sehnsucht nach dem alten jüdischen Erlebnis die geistige Konsequenz zu ziehen, sondern er versuchte einfach mit den schäbigsten Mitteln, sich für den Bedarf dieses heii'gen Tages religiöse Stimmung zu erschwindeln, damit er auch als Renegat* der Segnungen beider Religionen teilhaftig werde. Freilich hatte er mit dieser Spekulation wenig Glück. Denn die Tempelverwaltung lehnte die! «Ehre» seines Besuches energisch ab und er mußte sich nun entschließen, sein sentimentales Erbauungsbedürfnis anderweitig zu befriedigen. Mit einer ähnlichen jüdischen Sentimentalität ist ein anderer prominenter Tä u f l i ng behaftet, ein Enkel des berühmten chassidischen Zaddik, Rabbi E1 i m elech von Lizensk. Dieser «Judenchrist», der selbst wie ein frommer, mystisch verzinkter junger Rabbi aussieht und einer der erfolgreichsten Missionsprediger der polnischen Provinz ist, wurde in jüngster Zeit öfters dabei ertappt, als er sich während der Abendgebete heimlich in die kleinen jüdischen Bethäuser schlich, wo er mit großer Inbrunst betete und sich in die Lehre der heiligen Bücher versenkte. Man kann cs dem abtrünnigen Enkel des heiligen Rabbi Eiiinelech schon glauben, daß er das aufrichtige Bedürfnis fühlte, sich von der widerlichen Heuchelei des Seelenfängerbetriebes in der reinen Sphäre wahrer jüdischer Frömmigkeit zu erholen. Aber auch er mußte seine sentimentalen Jüdischkeits-Regungen, denen er seinen neuen Erwerb natürlich nicht opfern wollte, bald unterdrücken, da die fromme jüdische Bevölkerung der polnischen Provinz diesem sentimentalen Täufling mit einem klaren und harten «Entweder — oder» begegnete. Es gibt allerdings auch anders geartete Täuflinge, die gegen bestimmte wirtschaftliche Zugeständnisse neue Liebe zum Judentum zu empfinden, sich verpflichten. Ein bekannter antisemitischer Hetzjournalist in Warschau, ein getaufter Jude, dessen abstoßende Judenfresserei nicht mehr prosperieren wollte, wandte sich jüngst mit einem Vorschlag an eine große jiddische Tageszeitung in Polen, ihm für den Preis seiner Rückkehr zum Judentum eine gutdotierte R e d a k t e u r s t e 11 e bei der erwähnten jiddischen Zeitung zu sichern. Der Herausgeber des Blattes, ei« praktischer Mann, bekundete jedoch gar kein Verständnis für diese bedingte Judenliebe und ließ den enttäuschten Täufling ziehen.