Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1928)
- Date
- 1928-11-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 «iw emniP UIE 31IIWIWC Seite 8 Kohlt«H0ttenfeoli8 OBERSCHLESISCH INDISCH UND ANItlKAUl WMfPHKLlfCH Qualtätssorten — Billigst BASCH, IV Mm** U-4A-40S ArgsntlMlsrstr. 99 Teisp«* y^t*9B7 Bsbsllssktion Bes KERiN-KAJBMBtN Thomas Mann Über das Judentum Ein Gespräch imt dem repräsentativen deutschen Schriftsteller. «Es war c'ne recht anregende, besinnliche Auseinandersetzung» — beendete Thomas Mann das während seines Aufenthaltes in Wien unserem G-Mitarbeiter gewährte Interview — denn es geschieht jetzt zum erstenmal seit langer Zeit, daß ich nicht danach gefragt werde, welche Zukunft dem Film beschieden ist, was ich über die Leistungen des «Grafen Zeppelin» denke und ob Ferdinand Bruckner ein lebendes Wesen oder eine mythologische Erscheinung ist.» Unsere Unterredung nahm von Thomas Manns neuester, noch ungedruckter Dichtung «Josef und seineBrüder», aus der der Dichter in zwei Wiener Veranstaltungen einige Kapitel las, ihren Ausgang — und aus der biblischen Welt des antiken Judentums, das nach Thomas Mann in der geschlossenen Einheit des Gottesgedankens lebte, eröffnete sich mühelos ein Ausblick auf das innerlich und äußerlich zersplitterte, mit sich selbst in ewigem Hader lebende Judentum von heute. Thomas Mann dachte da im besonderen an das deutsche Judentum, aus dessen Mitte er seit vielen Jahren zahlreiche liebe Freunde habe, und illustrierte an der Haltung des deutschen Judentums zum Problem der jüdischen Heimstätte in Erez Israel, dessen tragische Uneinigkeit mit sich selbst, die es unfähig macht, den ebenso einfachen wie großartigen Gedanken der Wiederbelebung der alten jüdischen Heimat zu fassen. Thomas Mann erzählte mir, daß er vor einiger Zeit ersucht wurde, einen Aufruf des unparteiischen, aus Juden und Nichtjuden zusammengesetzten deutschen Pro -Palästina-Komitees zu unterzeichnen und daß er dies natürlich, ohne Zionist oder auch nur Jude zu sein, im Hinblick auf den unbezweifelbaren, lauteren Menschheitswert der zionistischen Bestrebungen, gerne und ohne Bedenken getan hat. Umso überraschender — setzte der Dichter hinzu — wirkten aui ihn die gerade von jüdischer Seite in der linksorientierten deutschen Presse erfolgten heftigen Angriffe gegen die zionistischen Ziele, die man mit großem polemischem Aufwand in einen Gegensatz zu den Interessen des deutschen Judentums zu bringen, sich eitrigst bemühte. «Diese Angriffe» — erklärt Thomas Mann — «wären nur dann einleuchtend, wenn der Zionismus an der utopischen Idee festhalten würde, das Judentum der ganzen Welt und also auch Deutschlands, aus seinen bisherigen Wohnsitzen herauszureißen und in das kleine orientalische Land zu pferchen — was ich, wenn ein solcher Gedanke überhaupt faßbar wäre, als Deutscher und Kulturmensch tief beklagen würde. Den Juden Deutschlands, besonders den großen Juden des 18. Jahrhunderts, verdankt die deutsche Kultur schöpferische Ideen, die aus der deutschen Geisteswelt nicht mehr hinwegzudenken sind, und auch heute noch is: der jüdische Spiritualismus ein Element von höchster befruchtender Kraft auf verschiedenen Gebieten der Wissenschaft, der Kritik und des öffentlichen Lebens.» Wäre ein Exodus der deutschen Juden — wie ihn das Schundhirn gewisser antisemitischer Demagogen erdacht — wirklich durchführbar, es müßte sich dann jeder geistige Mensch in Deutschland in der nun «gereinigten» Gesellschaft der im doppelten Sinne Zurückgebliebenen zu Tode langweilen und es würde dann vermutlich das groteske Schauspiel erlebt werden, daß dieselben Kreise, die die Juden entfernten, sie wieder ins Land holen müßten, um die Gefahr der Verflachung und Verdorfung zu bannen. Denn der Jude ist das urbanisierende, weltgerichtete Element, dessen der versonnene, musikalische deutsche Mensch nicht entraten kann. Und er bedeutet überdies, rein anthropologisch betrachtet, eine eigenartige Bereicherung der pittoresken Gestaltengalerie der Erde, die man einfach nicht missen möchte.» «Glauben Sie, Herr Professor, an die Möglichkeit trvfd Wünschbarkeit der A $ s i m i 1 a 11 o n?» «Ich glaube — antwortet Thomas Mann — an die historische Notwendigkeit der jüdischen Mission, ein Ausglefchungsfaktor in der Weit zu sein und durch die verbindende Kraft des jüdischen Wesens nationale Gegensätze innerhalb der Menschheit aufzuheben. D:es bedingt freilich, in unserer hergebrachten Terminologie gesprochen, ein gewisses Opfer an nationaler Eigenart, das das Judentum trotzdem, in der exzeptionellen Art seine Diasporaexistenz in einem besonderen Sinne des Wortes fruchtbar gemacht hat.» «Jede Mission — versuche ich einen Einwand — ist h e r o i s c h betont und man kann nach meinem Gefühl wohl von einzelnen Auserwählten, nicht aber von einem Volksganzen, von einer Masse, die von einem natürlichen Lebensdrange beherrscht und getrieben wird, heroische Handlungen und Leiden fordern und erwarten.» «Ja — entgegnet Thomas Mann — dies ist wohl auch die Grundidee der modernen jüdischen Nationalbewegung, der eigentlichen, neuen Emanzipation des Judentums und Ich zögere nicht zu bekennen, daß sich die Bemühungen des Zionismus, in Palästina, auf dem alten Qottesboden der heiligen Wüste, einen erdnahen, jüdischen Menschen erstehen zu lassen, der der Welt die neue Vorstellung von einem Volke der Juden wieder geben soll, zu Ehrfurcht und Bewunderung nötigen. Allerdings müßte sich dieses neu erstandene jüdische Volkstum von dem üblen völkischen Getriebe, das alle Länder Europas besonders nach dem Kriege so sehr von liquidiertem Enyros-Lager «•h.. HERRLICHE PELZMANTEL tief unter dem Prel» nbgeqeoen BOFFMANN WiEN. VI.. WACLQA^SE KR. 27 CUgandbsr d«m R«imu»d-Th*at*r Kain Qaaaaa adanl beunruhigt, möglichst fernhalten. Hiezu ist vor allein notwendig, daß sich die Juden, die die Assimilation perhorreszieren, auch in der Gestaltung ihres nationalen Lebens nicht an die vorhandenen chauvinistischen Vorlagen anlehnen, sondern, daß sie sich auf ihre Vergangenheit, auf ihre wundervolle Mythosnähe besinnen, «Ich habe erst kürzlich, gelegentlich einer Aufführung des hebräischen Theaters «Hatoimah», die heiligen Schauer erlebt, die von den bibelschweren Wörtern «Adonai» und «Jisrael» ausgehen, und mir ging dabei die tiefere Beziehung dieser zwei exotischen Einheiten ZIONISTISCHES IAHDESKOMITEE FÜR ÖSTERREICH Große Giajes-Gedenkfeler 4. Dezember, halb 8 Uhr abends i GROßER SOFIENSAAL III., Merxergasse 17 in der absonderlichen Existenz des jüdischen Gottesvolkes auf. Diese Beziehung; meine ich, dürfte erst recht den jüdischen Menschen erschüttern und auf die Gestaltung seines nationalen und individuellen Lebens entscheidend ein wirken.» «Ich bin kein Jude, aber schwören darauf möchte ich nicht» Im New Yorker «Moming-Journal» lesen wir: Der Kommandant des «Graf Zeppelin», Dr. E c k e n e r, wurde vom Berichterstatter des «Morndng-Journal» befragt, ob die Behauptung, amerikanischer Blätter, daß er Jude sei, auf Wahrheit beruhe. Dr. Eckener antwortete: «Ich bin kein Jude, ich stamme von skandinavischen Eltern, aber» — fügte er lächelnd hinzu — «schwören möchte ich doch nicht darauf, daß ich nicht von Juden stamme. Solche Dinge kann man in den heutigen Zeiten niemals bestimmtwissen...» Oesterreichische Tabakregie Die aus der Erstlingserzeugung des ös>terrviehischen Tabakregiebetriebeis in München (Gauting) stammenden Virginier-Zigarren, die während der Anlernung der Arbeiterschaft aus billigerem Tabak hergestellt wurden, gelangen ab 5. November l. J. in Oesterreich zum Preise von 14 Groschen per ein Stück aiwn Ausverkauf* Diese Virginier sind zum Unterschied von den in Oesterreich erzeugten Zigarren um 20 mm gekürzt worden. (Entgeltlich.) LLOYD RIESTINO DIREKTE L.TNIE TRIEST JAFFA UND RETOUR Abfahrten jeden zweiten Donnerstag mit den vorzüglichen Salonschiffen „Adria" und „Carnaro" . Fahrtdauer mit Berührung von Brindisi 5‘/* Tage Fahrpreise: I. Kl. Lst. 22.—.—, II. Kl. Lst. 15.—, IIi. Kl. Lst. 5.—.— inklusive Verpflegung und Kabine. Chaluzlm besondere Ermäßigung. Eine Fahrt Triest—Jaffa—Haifa und zurück kostet ln der III. Klasse Inklusive Kabine und Verpflegung bloß österr. Sch. 345 —. Familien erhalten überdies noch eine 10-, beziehungsweise löprozentige trmäßigung. Auskünfte: Lloyd Triestlno, Wien, I., Kärntnerring 6 Telephon U 46-0-53 bis U 46-0-55. Die Juden in China Von N. E. B. Ezra (Gründer und Herausgeber des «Israels Messenger», Shanghai.) Die folgenden Ausführungen über die gegenwärfeige Situation der Juden wn China sind einer größeren Arbeiten des Führers der Juden fin China entnommen. Bevor ich die Verhältnisse in den jüdischen Gemeinden in China beschreibe, möchte ich ganz kurz einiges über ihre Vergangenheit sagen. Die Juden haben mehrere Jahrhunderte hindurch in China gelebt und es durch ihre Geschäftsverbindungen mit den Eingeborenen zu blühendem Wohlstand gebracht. Bekannt ist eine große jüdische Kolonie in K a i - f e n gf u, deren Bewohner vor etwa 400 oder 500 Jahren nach China eingewandert waren und vom Kaiser die Erlaubnis zur Ansiedlung erhalten hatten. Diese Juden lebten in voller Freiheit und nirgends ist eine Spur von Antisemitismus gegen sie zu finden. Sie besaßen eine nach dem Muster des Tempels in Jerusalem gebaute prachtvolle Synagoge. In Shanghai siedelten sich Juden vor etwa 75 Jahren an, als die Stadt selbst noch in den Kinderjahren war. An der Entwicklung der Stadt haben Juden hervorragenden Anteil genommen. Es gibt auch Gemeinden in Tientsin, C h a r b i n und M u k d e n, die reichsten und einflußreichsten Juden von China leben jedoch in Shanghai. Dort besitzen wir zwei schöne Synagogen, eine Schule und eine Wohlfahrtsgesellschaft. Die zionistische Arbeit wird in ganz C Hi n a, wo Juden Gemeinschaften bilden, in starkem Maße geleistet. Aber im allgemeinen gibt es in ganz China kein lebendiges und gesundes jüdisches Leben. Keine einzige jüdische Zentralgemeinde besitzt einen den Bedürfnissen entsprechenden Rabbiner. Die Juden sind zu seht; in ihren Geschäften vertieft, als daß sie sich Zeit nehmen, für ihre historische Glaubensgemeinschaft etwas zu tun. Das religiöse Leben läßt viel zu wünschen übrig, obgleich sowohl die sephardischen als auch die aschkenasischen Gemeinden das orthodoxe Rituale haben. Hingegen wird in der letzten Zeit für das jüdische Schulwesen mehr als früher geleistet. Die jüdische Schule von Shanghai hat heute 120 Scüler und Schülerinnen. Nach Absolvierung dieser Tagesschulen besuchen unsere Kinder die höheren Schulen in Hongkong oder Cambridge. I-m nächsten Jahre wird die ständige jüdische Schute errichtet werden, welche aus einem Legat des verstorbenen J. S. P e r r y, einem Großkaufmann aus Hongkong, errichtet werden soll. Perry hat der jüdischen Gemeinde von Shanghai für Schulzwecke 150.000 Dollar unter der Bedingung vermacht, daß bis zum 9. März 1929 die gleiche Summe aufgebracht werden wird. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß diese Bedingung rechtzeitig erfüllt werden wird. Was nun das Verhältnis der Juden in China zur nationalistischen Bewegung betrifft, so ist feoizustellen, daß zu Beginn dieses Kampfes die Ansichten unter den Juden geteilt waren. Ein Teil begünstigte die Nordgruppe, ein anderer wieder die nationalistische. Als später einigermaßen Ordnung ins Land kam und die Nationalisten alles aufboten, um das Vertrauen der Ausländer zu erwerben und damit auch Vertrauen in die Ordnung im Lande zu erwecken, wandte sich die Sympathie der Juden den Nationalisten zu, welche für, Fortschritt und Liberalismus eintraten. Die Haltung der neuen Partei war für die jüdischnationalen Bestrebungen durchaus günstig. Solange Dr, Sun Y a t s e n lebte, erwies er sich als außerordentlicher Freund und Förderer des Zionismus. In letzter Zeit erschienen bedeutende führende chinesische Staatsmänner, so z. B. der Außenminister der Nanking-Regierung, in jüdischen Wählet die »Zionistische Liste«, die für die wahre Demokratie und Neubelebung der Kultusgemeinde eintritt