Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1928)
- Date
- 1928-11-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 2 DIE STIMME Nr. 45 mMMT erklärt nunmehr diesen Programmpunkt, den die Zio^ nisten schon vor 30 Jahren aufgesteüt haben, als einen außerhalb des Rahmens der Kultusgemcindc fallenden, der das Hineintrn;i der Politik in die Kultusstube bedeutet und somit die Zerstörung derselben herbeizuführen geeignet sei. Das ist dieselbe Union, die in dem Bericht über die Tätigkeit des letzten Kultusvorstandes mit Stolz darauf hinweisen wird, daß der Vorstand mit aller Energie gegen die hakenkreuzlerischen Exzesse an der Wiener Technik, den Numerus clausus an der Wiener Universität und die Ausschreitungen in Rumänien aufgetreten ist. Bilden die Fragen des Studiums an einer Technik oder einer Hochschule, oder die antisemiti-schen Ausschreitungen in irgendeinem Land der Welt tatsächlich einen Teil der Religion, die nach Ansicht der «Union» in die ausschließliche Kompetenz des Kultusvorstandes gehör# Seit Jahren fordern die zionistischen Mandatare, daß der Kultusvorstand jene Rechte in Anspruch nehmen soll, die den Juden durch Aufnahme der diesbezüglichen Paragraphen des Friedensvertrages in den Staatsgrundgesetzen gewährleistet sind. Die Herren der Majorität haben diese Forderung immer mit der Begründung zurückgewiesen, daß der Kultusvorstand niemals unter Berufung «auf den Schandvertrag von St. Germnin» Rechte in Anspruch nehmen werde. Nun kam der einstimmige Beschluß vom Mai 1928 zustande und in Vollführung dieses Beschlusses hat der Kultusvorstand von der B u n d e s r e g i e r u n g die Gewährung der uns zukommenden Beiträge verlangt. Und womit "wird dieses Verlangen in der Eingabe an die Bundesregierung begründet? Mit dem Hinweis darauf, daß § 68 des Friedensvertrages von St, Gennain in unserer Verfassung Aufnahme gefunden und söhiit zum integrierenden Bestandteil desselben geworden ist, so daß wir diese Beiträge verlangen, damit unsere volle Gleichberechtigung mit den anderen Bürgern dieses Staates herbeigeführt werde. Diese von dem Präsidenten der «Union» Dr. O r fisteln in seiner Eigenschaft als Vizepräsident der Kultusgemeinde gefertigte Eingabe an die Bundesregierung hindert ihn aber nicht, Ln den Wählerversammlungen zu erklären, daß wir niemals Rechte in Anspruch nehmen werden, die sich auf den Friedensvertrag gründen. Diese Unaufrichtigkeit wird soweit getrieben, daß in dem Programm der «Union» von den Forderungen nach Beiträgen von Bund und Gemeinde, für die die «Union» gestimmt hat, kein Sterbenswörtchen erwähnt. Wir halten es nicht bloß für eine demokratische Forderung, sondern für ein der jüdischen Bevölkerung nicht vorzuenthaltendes Recht, wenn ihr das allgemeine, direkte und geheime Wahlrecht gewährt wird. Mit Verlogenheit und Demagogie wird demgegenüber erklärt, daß jeder, der für die Gemeinde auch nur den geringen Beitrag von 60 Groschen leistet, das Wahlrecht besitzt, wo doch die Herren es wissen müssen, daß der Erlag von 60 Groschen noch lange nicht die Erwerbung des Wahlrechtes bedeutet, sondern erst die Annahme dieser 60 Groschen und daß diese geringfügigen Beiträge bisher in fast allen Fällen zurückgewiesen wurden. Der Budgetreferent der Kultusgemeinde scheute sich nicht, die Behauptung aufzustellen, daß er indirekte Steuern bei der Kultusgemeinde überhaupt nicht kennt; was sind dann eigentlich die Taxen für Koscherfleisch usw.? Die unerhörteste Verdrehung aber und gleichzeitig die größte Beleidigung, die der jüdischen Bevölkerung 2ugefügt werden kann, ist die Behauptung des Dr. O p p c n s t e i n, daß «diejenigen, welche für unsere Gemeinde überhaupt nichts leisten wollen, über die Leistungen anderer zu entscheiden haben». Wissen die Herren der Majorität denn nicht, daß aus direkten Steuern kaum ein Drittel des Gesamtbedarfes der Gemeinde gedeckt wird, und daß za den mehr als zwei Drittel Ihrer Einnahmen gerade jene Teile am meisten beitragen, die in bezug auf Steuerleistung die schwächsten sind? Die Herren von der Majorität werden doch nicht behaupten wollen, daß ausschließlich die Höherbesteuerten alle jene Institutionen der Gemeinde in Anspruch SdMenäcei Biidaer «aus cficsB* SMficfi&flBrvclawcssnacB« Vüenna K„ B«»8imergass«5 4k nehmen, die die Einnahmequelle für zwei Drittel unseres Budgets bilden! Unsere Gegner mögen es sich gesagt sein lassen: noch so viele Lügen, noch so viele Verdrehungen und Entstellungen werden ihnen absolut nichts nützen. Wir sorgen dafür, daß noch vor dem entscheidenden 2. Dezember alle Wähler die reine und volle Wahrheit erfahren. Wieder eine Synagogenschändung in Deutschland Die Synagoge in L ü n e b u r g, die vor einiger Zeit von Hakenkreuzlern in der rohesten Weise geschändet und beschmutzt wurde, ist nun neuerdings das Opfer von Vandalen geworden. In der Nacht drangen, wie aus Lüneburg gemeldet wird, unbekannte Täter durch ein Fenster in die Synagoge ein, b rachen die Schränke auf, rissen die Vorhängevor den heiligen Laden herunter und beschmutzten das Innere der Syna- Tel. U 25 -2* 57 HAUf MÜNZ Hfl CHI I MTLOASSE Nr. 4 WIE 1^1 I KRAMERGASSE fl dmport Orig, englischer, schottischer u. irischer 3)amena, dierrenstojje 3)etailverkaaf za Engrospreisen g:ge in geradezu unglaublicher Weise. Es ist der Polizei bis jetzt noch nicht gelungen, der Täter habhaft zu werden. Die polnischen Staatssubventionen für jüdische Zwecke. In der am 31. Oktober stattgefundenen Eröffnungssitzung des polnischen Sejm wurde das Staatsbudget vorgelegt, das u. a. eine Summe von 2 1 3.5 7 2 Z1 o t v für jüdische religiöse Zwecke vorsieht. Die jüdische Religion erscheint gegenüber den anderen der katholischen Staatskirche nicht angehörenden Glaubensgemeinschaften stark zurückgesetzt. Die im Memorandum des jüdischen Sejmklubs aufgestellten jüdischen religiösen Forderungen wurden nicht berücksichtigt. Im Budget sind ferner die folgenden Subventionen für jüdische kulturelle und Fürsorgezwecke vorgesehen: 135.000 Zloty für die j ü d i s’c h e n Handwerke schulen, 45.000 Zloty für die «0 r t» - S c h u 1 e n, 10.000 Zloty für das Judaistische Institut, 60.000 Zloty für die jidd’i sehen Schulen,. 525.000 Zloty für die Zentrale der Talmud Thora- Schulen, 49.770 Zloty für die SchulenderjüdU; sehen Gemeinde, 22.155 Zloty für die hebräischen Tarbuth-Schulen, 50.000 Zloty für den ie „Zionistische £iste“ ist die einzig nahte jüdische Jtiste Am 2. jüezemhet wählt Jeder Jude die „Zionistische Jfiste“ Nikolaus I. und Moses Montefiore Eine Volkslegende, nacherzählt von S. An-ski. Die Reise, welche Moses Montefiore vor zirka 80 Jahren nach Rußland unternahm, um durch seinen persönlichen Einfluß die Lage der Juden zu verbessern, ist in der jüdischen Masse des Ostens Gegenstand Vieler Legenden geworden, wie denn überhaupt Montefiores Leben und Wirken den Juden des Ostens zur Legende wurde. Eine dieser Legenden, die eines satirischen Beigeschmackes (gegen den «befohlenen» Fortschritt) nicht entbehrt, hat der am 8. November 1920 verstorbene S. An-ski, durch sein Legendendrama «Der Dybuk» weltberühmt geworden, nachenzählt. An-ski war bekanntlich ernster Forscher und Sammler auf dem Gebiete der jüdischen Volkskunde. Als die Königin von England den Thron bestieg, wurde am Kön-igshof ein großes Fest veranstaltet, zu dem alle Könige und Fürsten der Welt geladen waren. Außerdem erhielten zu dem Festmahl die englische Aristokratie, die Männer der Regierung sowie alle angesehenen PersörkMchkeUen, d»ie als Ratgeber der Krone und der Regierung bekannt waren, eine Einladung. Unter ihnen befand sich auch Moses Montefiore. Während des Festmahles herrschte gehobene Stimmung. Der gute alte Wein machte die Gäste gesprächig und die Monarchen begannen Geschichten aus ihren Reichen zu erzählen. Der eine brüstete sich mit der Größe und der Ausdehnung seines Landes, der andere prahlte mit seinem Gold und Silber, der dritte sprach hochmütig von seiner Macht und seinen Kriegsmitteln und der vierte verriet, daß er stolz sei —auf seine Weisheit. Da sprach Nikolaus der Erste von Rußland: «Mein Reich ist das größte der Welt. Das Volk, das ich beherrsche, ist zahlreich wie der Sand am Meere und ich bin reich an allen Gütern der Welt. Nur einen Mangel hat mein Land: es sind zu viel Juden darin und ich weiß nicht, wie ich mich ihrer entledigen soll.» Moses Montefiore hörte di'e Worte des Kaisers aller Reußen, trat auf Nikolaus zu, verbeugte sich vor ihm und sprach: »Wie ich Eurer Majestät Worten entnehme, sind Sie unzufrieden, weil sich in Ihrem Reiche so viele Juden finden. Trifft das zu, so ist nichts leichter, als sich von ihnen zu befreien.» «Wie wäre das möglich?» fragte Nikolaus. «Ganz einfach: verkaufen Sie mir Ihre Juden! Ich bezahle Ihnen für jede jüctisehe Seele, jung oder alt, männlich oder weiblich, drei Rubel in baren Assignaten.» «Und Sie nehmen die Juden auch aus meinem Land?» «Natürlich, bi« auf den letzten Mann.» Nikolaus schien überglücklich, denn es war Ln der Tat ein glänzendes Geschäft, das sich ihm da bot: alle Juden los zu werden und dafür noch eine schöne Summe Geldes zu bekommen. Der Zar willigte sofort ein, das Geschäft wurde abgeschlossen, und es wurde vereinbart, daß Montefiore binnen drei Monaten nach Rußland kommen, den Kaufschilling für die Juden erlegen und sämtliche Juden aus Rußland mitnehmen werde. Als Nikolaus wieder heimkehrte, berief er alle seine Minister und Ratgeber und teilte ihnen die frohe Botschaft mit, «Ich habe ein glänzendes Geschäft abgeschlossen. Sämtliche Juden habe ich zu drei Rubel Assignaten bar pro Kopf verkauft.» Als die Minister und Ratgeber diesen Bericht des Kaisers hörten, griffen sjp sich an den Kopf und riefen unisono: «Um des Himmels willen, Herr, was hast du da angerichtet?! Heute haben wir von jedem Juden, ob Mann, ob Kind oder Frau durchschnittlich jährlich einen reinen Nutzen von zwanzig Rubeln. Du mußt verarmen, wenn du deine Juden so billig hergibst.» Nikolaus sah ein, daß er eine Dummheit gemacht hatte, und fragte seine Ratgeber, wie die Sache rückgängig gemacht werden könnte. Die Minister sannen nach einem Ausweg, wie man die Juden für den Kaiser retten könnte, ohne daß der Zar vertragsbrüchig werden müßte. Da rief plötzlich einer der Minister: «Majestät, ich hab's! Bekanntlich kann man den Juden daran erkennen, daß er Bart und Pajes und lange Kleidung trägt. Der Kaiser möge einen Befehl erlassen, daß alle Juden Bärte und Pajes scheren lassen und fortab kurze Kleider tragen sollen. So wird sie niemand als Juden erkennen. Kommt dann Montefiore sich seine Juden holen, so lieferst du ihm die Karäer aus und erklärst ganz einfach, daß es keine Juden mehr im Lande gäbe. Dieser Rat gefiel dem Kaiser und er erließ sofort den Befehl, daß alle Juden Bart und Stirnlocken scheren lassen und kurze Kleider tragen müßten. Als Moses Montefiore innerhalb der vereinbarten Frist Ln Petersburg ankam und im kaiserlichen Schloß seinen Vertrag präsentierte, wurde er von einem Minister mit der Mitteilung empfangen: «Für uns gelten die Karäer als die wirklichen' Juden, willst du, so nimm sie dir und bezahle für sieden vereinbarten Preis.» Montefiore begriff sofort, daß man Ihm die Juden nicht mehr ausliefern wolle. Erzürnt über den Wortbruch, trat er sofort, ohne Abschied, die Rückreise an. Vor Sabbateingang hielt er in Wilna. Zu jener Zeit war Graf Potocki Herr von Wilna. Als dieser erfuhr, daß Moses Montefiore in Wilna angekommen, stattete er ihm in seinem Gasthof einen Besuch ab. Während sie so saßen und miteinander sprachen, erschien ein Kurier aus Petersburg und überreichte Moses Montefiore ein geschlossenes Handschreiben des Zaren Nikolaus. Montefiore übernahm den Brief, betrachtete ihn von allen’ Seiten und legte Ihn auf den Tisch. Da meinte Graf Potocki: «Warum öffnen Sie nicht das Kuvert und lesen das kaiserliche Handschreiben? Die Ehrfurcht vor der: Krone gebietet es, ein kaiserliches Handschreiben gleich nach Empfang zu öffnen und zu lesen.» Moses Montefiore antwortete: «Ich kann das kaiserliche Handschreiben nicht öffnen, weil heute Sabbat ist und am Sabbat ist es verboten, eine Arbeit zu verrichten.» Nun schickte sich Graf Potocki an, selbst das Sie* gei zu lösen, aber Montefiore hält ihn davon ab, indem er sagt: «Sie sind ein zu hochstehender Herr und dazu noch mein Gast, ich kann es also unmöglich zugeben, daß Sie sich dazu herablassen, meine Briefe zu öffnen.» Graf Potocki ruft hierauf einen seiner Diener herein und befiehlt ihm, das Kuvert zu öffnen. Kaum hatli <$C|