Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1928)
- Date
- 1928-11-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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n v. b. b Zettmg vom Verleger versendet Journal expedte per Mdttenr Abonnementpreise: Für Oesterreich: Monat!. S füO, viertelj. S 4.20, ganzj. 16.— / Deutschland: Monatl. Goldmark 1.—. vierteil. Goldmark 3.— / Tschechoslowakei: Monatlich Kc 7.—, vierteljährlich Kc 19.— / Jugoslawien: Monatlich Dinar 14.—. vierteljährlich Dinar 40.— 1. Jahrgang Ersataeftntf |«den Donneer stf «net ütedaftHon lind jfdmhi^lriinon: Vigil, f„ JlnuAenflldn^aäSC I — (Tel. R 26-3 ÄA Wien, 8. November 1928 (25. Cheschwan 5689) Polen: MonatL Zloty 2.30, viertelj. Ztety 6.50 / Ungarn: Monatl. Pengö 1.50, viertelj. Pengö 420 / Rumänien: Monat!. Lei 45.—, viertelj. Lei 125.— / Bulgarien: Monatl. Lewa 30.—, viertelj. Lewa 80.— / Belgien: Monatl. Belga 2.—, viertelj. Belga 5.— / Uebriges Ausland: MonatL Schweizer Franken 1.50 Nummer 45 Sie wissen sich nicht zu helfen Werktätige und andere Programmlfigen im Kultuswahlkampf Zehn Jahre Republik Oesterreich Aus einem verlorenen Kriege geboren und durch vollendete Tatsachen, welche cjic Nationalitäten des Habsburgerreiches schufen, gezwungen,, entstand vor zehn Jahren die Republik Oesterreich, deren Nationalversammlung am 12. November 1918 zusammenträt. Der Ueberrest eines Staatsgebildes, das durch eine jahrhundertealte Wirtschaftsgemeinschaft / zueammengetfialten war, mußte num, nach Entfernung tebehswichtjg-er .Teile: dieses Wirtschaftsorganismus, eine Eigenexistenz fuhren.. Bis heute,'nach zehn Jahren, ist die Lebensfähigkeit dieses Stückes Bergland, das sich im Atjfianlg an eine Millionenstadt erstreck^, nicht stehen&ei&eirt;' die Dissoziation war zu stark, zu einschneidend. Am stärksten wurde vou dii-eser, Zerreißung ''Wirtschaftlich begründeter'formen die JudenSchäft .des neuen Staates betroffen, welche zum größten Teile in Wien konzentriert, iihr ökonomisches Fundament, das auf dem Begriff der großen Wirtschaftsstraße an der Donau beruhte, ins Wanken kommen sah. Die Juden Oesterreichs waren auch die ersten und am, stärksten betroffenen Opfer jener durch die. Verhältnisse erzwungenen Absperrung, die dann als politische und wirtschaftliche Autarkie in eine Methode gegossen wurde. Handel und Gewerbe; die hauptsächlichen Erwerbszweige der Juden Oesterreichs, bedürfen, sollen sie nicht zwerghaft verkümmern und zu jenem wirtschaftlichen Zerrbild werden, wo der Verkäufer nur wieder sich selbst zum Kunden hat,, einer entsprechenden Reichweite und diese ging verloren. Die Inflation verwandelte vollhältlge Substanz in wertloses Papier und die Juden, denen immer wieder die großen Inflationsgew'inne vorgehalten wurden, wären letzten Endes die größten Inflationsverlierer. - Als es dann darum ging, den Inflationsschutt wegzuräumen und Grundlagen einer existenzfähigen Wirtschaft zu schaffen, wurden Methoden eingeschlagen, die die Lage nicht besserten, aber gerade den wirtschaftlich regsamsten Teil der Bevölkerung dieses Staates, die Juden, am schwersten trafen. Eine einseitige Bevorzugung der schon durch die Bodenverhältnisse lebensunfähigen Landwirtschaft und der rückständigen, m der Uebergangszelt noch mehr verkümmerten Großindustrie, dagegen Vernachlässigung der naturgegebenen Möglichkeiten eines weitreichenden Transithandels, das sind die Wirtschaftsmethoden der österreichischen .Konsolidierung. Dazu kommt eine durch eine zu dünne und zu teuere Goktdeoke hervongermfeme Verteuerung des Geldes, eine aus alten unfruchtbaren Traditionen überkommene und von Tag zu Tag mehr verschärfte Zünftlerei, mit der Hand in Hand die Unterbindung nicht nur der wirtschaftlichen, sondern auch der rein personalen Freizügigkeit geht. Durch alle diese Erscheinungen aber sind die Juden, welche weder in der Großindustrie nennenswert vertreten sind, deren Existenz mit Handel, Gewerbe und mittleren Industrien verbunden ist, am schwersten betroffen. Diese Zustände sind zunächst auf das Konto der Partei zu setzen, weiche heute dje Entwicklung des Landes bestimmende Parlamentsmajorität und damit die politische Macht inne hat; diese Partei ist in ihrem Programm antfcem#isch, und wenn sie sich auch bei Wahlen um die Stimmen der jüdischen sogenannten bürgerlichen Wählerschaft bewirbt, so kann sie in keiner Weise als die Vertreterin der Interessen jenes Teiles der Bevölkerung, angesehen werden, der durch ihre Wirtschaftspolitik von Tag zu Tag mehr geschwächt wird. Aber auch die Errungenschaften der heute oppositionellen Sozialdemokratie Ni« Österreichs, die den hiesigen Verhältnissen gemäß immer wieder durch Pakt und Kompromiß gewahrt werden können, haben den Je mehr wir uns dem 2. Dezember, dem «Lostage» für alle Parteien nähern, destomehr. kommt die Programmlosigkeit unserer Gegner zum Vorschein; sie äußert sich in einer merkwürdigen Nervosität und der durch dieselbe hervorgerufenen Unaufrichtigkeit, Verlogenheit und, bewußten Verdrehung von Tatsachen. i Das Organ' der «Poale Zioh»i die diesmal wieder aus' > dferiv B^wd'ß|seih; ihrer' Sch^äfehe heraus eiu; Anhängsel" ■ eines Tciiesder «wefktätig^d:''füden» bilden, verkündet mit EmpharS:e: «Die Hoffnungen der arbeiterfeindlichen Gruppen des.jüdischen Bürgertums, daß die'Werktätige jüdische’ Bevölkerung bei: den .' bevorsteh enden Kultus-, wählen gespalten aiiftfeten wird, haben sich nicht erfüllt.» Fast gleichzeitig mit dieser Enunziatiön aber verkündet das offizielle Blättchen der «Werktätigen» mit der gleichen Emphase: «Die Einigung ist gescheitert, wir kandidieren unter dem Titel «Partei werktätiger Juden, n-ichtnationaie Liste», getrennt von der Poale Zion und ihrem Anhang in den Kultusvorstand.» Die eine Gruppe also, an deren Spitze der «werktätige» Mazzothbäcker Vortrefflich steht, erklärt die andere Gruppe der Werktätigen für «chomez» und sich allein für die einzige koschere werktätige Gruppe. Nach, den Wahlen vom Jahre 1924 verkündeten die Werktätigen:-«Am 9. November hat sich in aller Stille ein Eieignis vollzogen, das für die Entwicklung unserer Kultusgemeinde und der Kuitusgemeinden überhaupt von entscheidender Bedeutung werden kann. Zum ersten Male, seit es Kultusgemeinden gibt, haben Männer ihren Einzug in den Vorstand der Kultusgemeinde gehalten, die den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit auf das soziale Gebiet verlegen wollen; diese Vertreter, getragen von einem sozialen Pflichtbewußtsoin, werden dahin trachten, daß die Wünsche der Angestellten zumindest gehört und behandelt werden. Beruhigt können PHI nimm im III«- mmimrnm .. ■ Juden dieses Staates Gott weiß nicht jenes Heil gebracht, von dem werktätige und andere Propaganda faselt. Das rote Wien ist der Hort der Zünftlerei und die gewerkschaftliche Abschnürung des Arbeitermarktes mit eine Ursache dafür, daß die Umschichtung der m tausenden und aber tausenden erwerbslosgewordenen Juden Oesterreichs erschwert wird. Der Endeffekt ist, daß in den zehn Jahren, da das neue Oesterreich besteht, die Juden dieses Staates erschreckend rasch pauperisiert wurden, die Folge Geburtenrückgang, erhöhte Sterblichkeits- und Krankheitsziffer, Schwächung des wirtschaftlichen und Lebensstandards der Juden. Bei solchem Stand der Dinge haben die Juden von außen her nichts zu hoffen. Sie können ihre bedrohte Existenz nur retten, wenn sie Kraft genug aufbringen, sich selbst zu helfen, solange ihre Verelendung noch nicht so weit fortgeschritten ist, daß sie auch zur Selbsthilfe unfähig werden. Konzentration in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht, um dip Gefahren verfehlter Wirtschaftspolitik und programmatischen oder unprogrsmmatischen Antisemitismus abzuwehren, sind die einzigen Mittel, welche* die Judenheit Oesterreichs anwenden kann, um dem immer stärker in Erscheinung tretenden Verfall zu begegnen. Die organische, organisatorische Form, aus der diese Selbsthilfe gestaltet werden kann, ist gegeben: die jüdische Gemeinde. Sie kann und muß in Oesterreich zu einem Instrument für die Festigung und Erhaltung des Judentums gemacht werden» in wenigen Wochen finden In der größten jüdidie Angestellten der Zukunft entgegensehen.» Gltd heute, nach vierjähriger glorreicher Tätigkeit dieser werktätigen Fünf faßt das offizielle Organ der Werktätigen das Resultat dahin zusammen, daß diese «sich sehr wenig um ihre sozialen Pflichten gekümmert habenj sie haben nichts getan, um den Kultus an ges teUten zu heIfen.» Es genügt eben nicht, Forderungen, die fortschrittlich erscheinen, auf- ' zügreifen und sie zu den semigen zu machen, wenn Menschen, die diese Forderungen durchführen sollen, nicht gewillt und nicht geeginet sind, dies zu tun, sondern lediglich dein mehr oder minder deutlich ausgedrückten Wunsche dienen, der roten Assimilation Zutreiberdienste zu leisten. Auch die «Union» fühlt, daß ihrer Stellung als Majoritätspartei im Kultusvorstande die letzte Stunde geschlagen hat. Sie traut sich nicht einmal mehr mit ihrem richtigen Namen aufzutreten, weil sie weiß, daß das fortwährende Betonen des Deutschtums und eines. Patriotismus, der nichts anderes als eine Denunziation derjenigen, die nicht der Ansicht der Union sind, bedeutet, keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlockt. Sic nennt sich diesmal «Jüdische Union» und lim doch zumindest einen Programmpunkt der Wählerschaft bekanntzugeben, «Vereinigung zur Abwehr der Politik in der Kultusgemeinde». Die Union, die in ihrem .Kultusgemeindeprogramm vom Jahre 1908 im Punkte 3 als Aufgabe des Kultusvorstandes erklärt, hat, «seinen festen Willen zu bekunden, auch in seinem statutarischen Wirkungskreise sich jederzeit und überall für die volle bürgerliche Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung einzusetzen» (vide Monatsschrift der österreichischen israelitischen Union Nr. 11 vom November 1908), dieselbe «Union» sehen Gemeinde Oesterreichs die Vorstandswahlen statt und die Judenheit Wiens hat es in der Hand, so zu wählen, daß ihre Gemeinde eine Zelle werde, aus der für das in seiner Existenz arg bedrohte Wiener Judentum jene Lebenskräfte dringen, die Ihm in den letzten zehn Jahren immer stärker abgeschürt wurden. S p e c t a t o r. Beachten Sie in dieser Nummer u. a. folgende Aufsätze und Berichte: Die jüdische Frau in die jüdische Gemeinde! Der werktätige Israelit. Von B e d a. Nikolaus I. und Moses Montefiore. Von S. An-ski. Der letzte Waldjude. Von Arthur Freud, Die Juden in China. Von N. E. B. Esru (Shanghai). Thomas Mann über das Judentum. (Ein Gespräch mit dem Dichter.) Was geht <U* vor? (Ein merkwürdiges Interview Lord Melchetts.) Politische Klagemauer-Offensive der Araber. Die „Ica“ um 1% Millionen Franc betrogen* Ein zionistisches Romanprojekt Emil Zolas. Von J. Rosenberg (Paris). Sport, Schach, Rätsel.