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Die Stimme · 1928-11-01 · Heft 44 (1.11.1928) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 44 (1.11.1928)
Date
1928-11-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Nr. U DIE STIMME Seit« 9 das Land gewissermaßen als unbeschriebene Blätter. Vom Zionismus wissen sie bei ihrer Ankunft im Lande wenig oder gar nichts. Die Juden frage ist ihnen recht gleichgültig. Sie sind nicht darüber informiert, was die jüdische Emigration und Kolonisation in Erez Israel bedeutet, und haben kein Urteil über unsere Arbeit. Ich glaube aber, daß sie auch kein Vorurteil gegen sie haben. Möglicherweise hat ein Teil von ihnen gewisse antisemitische Instinkte, doch in keinem Falle kann gesagt werden, daß sie von diesen Instinkten beherrscht worden. Hier kommen wir zu den» unserer Meinung nach entscheidenden Punkt des Problems. Die große Masse der Beamtenschaft, von der wir sprechen, kommt nach Palästina, als käme sie nach dem Irak, nach Aegypten oder in ein anderes Land. Sie ist anfangs neutral aus Unwissenheit und tappt im Dunkel, uni Orientierung zu gewinnen, sie ist im Grunde genommen gleichgültig, obwohl sie im Amt den offiziellen guten Willen des überlegenen Kolonlaiverwalters gegenüber dem «natif» zeigt.. Das Pendel ihrer Meinungen, und Ueberzeugungen schwingt hin und her; einige Wochen gehört ihre Sympathie der einen Seite, einige Wochen der anderen. Nach ein paar Monaten ihres Aufenthaltes im Lande beginnt das Pendel nach einer Seite auszuschlagen; ihre Meinungen fangen an, sich zu festigen, und da beginnen viele von ihnen auf die nichtjüdiscfie Seite überzugehen und sien auf eine arabische Orientierung festzulegen. Das ist des Pudels Korn. Diese Entwicklung, in der es selbstverständlich Ausnahmen gibt, kann nicht durch die Beseitigung antisemitischer Beamter aufgehajten werden, denn sie würde das, was wir Antisemitismus nennen, immer von neuem produzieren. Dafür gibt es, soweit es uns scheint, eine ganze Reilie von Gründen. Ein großes Kontingent der palästinensischen Beamtenschaft kommt nach Palästina aus anderen Kolonialgebieten und hat sich dort eine ganz bestimmte Routine der Kolonialverwaltung angeeiignet. Jeder Beamte liebt die Routine und den glatten Gang des Verwaltungsapparates und sieht es. nicht gern, wenn Steinchen zwischen die Räder geraten. .Ueberdies kommt eine große Zahl der palästinensischen Beamten aus dem Dienst in den arabischen Ländern, aus dein Sudan, Aegypten oder Mesopotamien. Sie kennen die Sprache und die Gewohnheiten der Araber, doch in Erez Israel, gibt es noch eine jüdische Siedlung, die komplizierte Probleme der Verwaltung und Politik aufstellt, mit v/elchen die Routine gestört wird. Es darf aber nicht vergessen werden, daß der mittlere und niedere Beamte sein Leben lang von der Furcht bezüglich seiner «Subsidiars» beherrscht wird, denn, er ist in jedem Falle, wo die Maschine stockt, verantwortlich. Er muß seine Arbeit rechtzeitig durchführen und will dies so leicht und glatt wie möglich tun. Nun hat er es mit einem Element zu tun, das ganz anders ist, als er es gewohnt war, ein europäisches Element, jedoch nicht im allgemeinen großen Maßstab, sondern iin vielen Zügen, eine Kopie des osteuropäischen jüdischen Städtchens in seiner Enge, seiner Hast und ewigen Unruhe Dazu kommt auch, daß für den Beamten der Araber viel durchsichtiger ist. Sein Charakter ist primitiv, nach kurzer Zeit kann man seine Natur verstehen. Was man versteht, damit kann man sympathisieren. Dies gilt besonders für den Durchschnittsengländer, der kein raffinierter Psychologe ist. Im Vergleich mit dem Araber ist der Jude eine komplizierte, rätselhafte, geradezu unheimliche Erscheinung. Vieles, was für uns Tragik und Schicksal bedeutet, erscheint dem Engländer absurd. Und noch eines: Wenn der Zionismus in Verbindung mit den Engländern verwirklicht werden soll, was bedeutet dann — so fragt sich der Durchschnittsengländer in Palästina — die ständige heftige, geradezu feindselige Kritik, auf welche der englische Beamte stößt? Derti Engländer, der nach einem seiner Scliriftstellervvortc «Grenzen'anerkennt, welche selbst die Parteifeindschaft nicht überschreiten darf,» versteht nicht den noch aus dem Kampf gegen das zaristische Regime übernommenen traditionellen Stil der jüdischen Presse, nicht das maßlose Temperament dieser an sich durchaus nicht schlecht. gemeinten Angriffe. Es gibt noch eine Reihe anderer Gründe; vielleicht zählt dazu auch etwas von dem arabischen «S p o r t g e i s t», das die Engländer, welche nach Erez Israel kommen, anzieht. Natürlich spielt auch der Einfluß, welchen die christlichen Organisationen auf die Beamten, speziell auf die Katholiken und Anglikaner, üben, eine Rolle. Wir sehen also, es gibt genug Ursachen, und ihre Fuige ist immer dieselbe: Das Pendel beginnt stärker nach einer Seite zu schwingen, und das ist nicht unsere Seite. So erhebt sich die Frage, was zu tun ist. Es ist wenig wahrscheinlich, daß die Engländer in Erez Israel ihre natürlichen Anlagen und ihren, Charakter ändern werden. Der Gegensatz der Temperamente kann noch schwere Reibungen und Konflikte schaffen. Die Aufgabe, die wir^fn Erez Israel haben, verlangt, daß diese Konflikte auf ein Minmum reduziert werden. Das beste Mittel dazu wäre unter den heutigen Verhältnissen ein Parlament, dem die Beamtenschaft verantwortlich wäre. Der englische Zivilbeamte hat einen gut erzogenen Instinkt für parlamentarische Verantwortlichkeit. Heute Ist die Palästinaverwaltung eine selbstherrschende koloniale Bürokratie. Doch die heutigen Verhältnisse erlauben es nicht, zu diesem Mitte! zu greifen, und so gibt cs nur zwei, vielleicht schwache Möglichkeiten, die jedoch allmählich von immer stärkerem Einfluß werden könnten: Die Schaffung eines Organes der öffentlichen Meinung, eines Presseorganes von hohem und repräsentativem Niveau, welches gewissermaßen eine;; Ersatz bietet für ein Organ der Selbstverwaltung und Einfluß auf die englische Administration hat; es müßte als Verbindungsmittel zwischen einer sachlichen und reifen politischen öffentlichen Meinung und der öffentlichen Meinung in England dienen. Die zweite Möglichkeit wäre die Schaffung eines starken gesellschaftlichen Kontaktes zwischen der jüdischen Bevölkerung und der englischen Beamtenschaft. Die Ausnützung solcher Möglichkeiten ist für die Lösung unserer politischen Aufgabe in vieler Hinsicht vielleicht wichtiger aJs viele politische Deklarationen. ■ Noch immer behauptet der H gesündeste aller Sports ■ sein Recht! I DER HERBST IST ■ DIE SCHÖNSTE ZEIT FÜR TENNIS ■ ERSTKLASSIGE I TENNISPLÄTZE H II., TABORSTRASSE NR. 63 a, AUGARTEN Rj TELEPHON NR. R-46-1-44 H Hochmodern ♦ Zentralheizung ♦ Garderoben ♦ H Schließkästen ♦ Kalte und warme Duschen ♦ Park* M klub-Trainer ♦ Sorgfältigster Unterricht H Bei Berufung auf die „STIMME" Begünstigung Neuwahlen und neue Wahlordnung-in Tel-Äviv Die «Official Gazette» der palästinensischen Regierung veröffentlicht für die bevorstehenden Neuwahlen zur Stadtverwaltung von Tel Aviv eine neue Wahlordnung, die die bisher in Geltung befindliche außer Kraft setzt; sie hat im wesentlichen folgende Bestimmungen: Das a k t i v e W a h.l r e c h t erhalten alle Einwohner Tel Avivs im Mindestailter von 21 Jahren., die wenigstens 12 Monate in der Stadt wohnen, entweder G f u n d b e s i t z in der Stadt haben oder wenigstens ein Jahr lang an die Stadt Steuern im Mindestbetrag von 500 Milliem bezahlt haben. Das passive Wahlrecht ist an das Alter von 25 Jahren gebunden und wird allen denjenigen verliehen, die an die Stadt an S t e u e r n den Mindestbetrag von 1 Pfund \cjf<eii4d4ws Richard Herzog, II, Kleine Pfarrg. 28 / Tel. R 23-4-90 2SH jährlich abfiihren. Ein Unterschied der Geschlechter wird bezüglich des aktiven und passiven Wahlrechtes nicht gemacht. Durch den Bezirksgouverneur wird eine W a h 1 k o m in i s s i o n eingesetzt, die ihrerseits gemeinsam mit dem Bezirksgouyerneur einen Wahla u ss c h u ß aus 10 bis 15 Mitgliedern für die Leitung der Wahlen cinsctzt. Außer diesem Wahlausschuß wird von dem Bezirksgouverneur ein Wahlkommissär ernannt, der die Leitung der Wahlen übernimmt. Die Stadtverwaltung hat die Vorwahlen auf den 18. Dezember festgesetzt. Miszellen 600 Einwandererzertifikate für Palästina. Die Palästina-Regierung hat soeben 600 Einwandererzertifikate, darunter 100 für Frauen, für jüdische Einwanderer ausgegeben. Die Zertifikate gelten für die nächsten sechs Monate, wobei bemerkt wird, daß die männlichen Einwanderer das Recht habend ihre Frauen und Kinder mit nach Palästina zu bringen. * Die Palästina-Regierung gegen die Zwangs- Sabbatruhe. Aus J e r u s a 1 e m wird berichtet: Die Palästina-Regierung hat ihren Beschluß kundgegeben, die vom Stadtrat von Tel-Aviv erlassene Verordnung über strenge Arbeitsruh’e an den Sabbattagen nicht gelten zu lassen. Zur Begründung gibt die Regierung an, daß die Einführung eines Zwangs - Sabbatruhe - Gesetzes Komplikationen zur Folge haben und in der öffentlichen Verwaltung Schwierigkeiten hervorrufen würde. # Wie aus Jerusalem gemeldet wird, wurde eine neue arabische landwirtschaftliche Ges e 11 s c h a f t mit einem Grundkapital von 3 0.00 0 Pfund begründet. « Sergeant Kaspi von der palästinensisch-transjordanischen Grenzschutztruppe hat den Offiziersrang erhalten. Er ist der erstejüdische Offizier dieser Truppe. (Als das Korps 1926 begründet wurde, wurden in dasselbe aus der damals aufgelösten palästinensischen Gendarmerie nur 70 Juden mit übernommen, von denen kein einziger Offiziersrang hatte. Die Red.) * In Kürze wird in Jerusalem eine neue landwirtschaftliche Siedlung für Arbeiterinnen errichtet werden. Der Boden hieflir im Umfange von 50 Dunam wurde bereits durch den Keren Kajemeth, seitwärts von der Vorstadt Talpioth, in der Nähe des Grundstückes, das für den Regierungspalast bestimmt ist, erworben. Mit den ersten Arbeiten für die Anlage der Siedlung ist bereits begonnen worden. Die Wirtschaft wird anfangs etwa 25 Arbeiterinnen umfassen. WISSEN / KUNST / LITERATUR Zur Pflege des jüdischen Chorgesanges Von Ing. I. Steindiing. In Nr. 41 Ihres geschätzten Blattes hat Herr Joachim Stutsehewsky mit Recht die bedauernswerte Tatsache festgestellt, daß der in den letzten Jahren immer mehr aufblühenden jüdischen Musik vom jüdischen Publikum und auch von jüdischen Künstlern noch viel zu wenig Interesse entgegengebracht wird. Trifft diese traurige Tatsache, in bezug auf das jüdische Publikum im allgemeinen zu, so wird sie bei Anwendung ausf das Wiener jüdische Publikum direkt zur Binsenwahrheit. Auf ein Beispiel, wie notwendig es ist, das Wiener jüdische Publikum waclizurlitteln, möchte ich hier die Autinerksamkeit lenken: Einer der wichtigsten Zweige der musikalischen Kunst ist zweifellos der Chor ge sang. In Würdigung dieser Tatsache finden wir bei anderen Völkern und insbesondere beim deutschen Volk, eine große Zahl von Gesang- und Cho-rvcreinen. Wie steht es aber diesbezüglich mit uns? Pflegen w i r den Choigelang? Ich weiß nicht, wie die Verhältnisse hi anderen jüdischen Zentren sind, und will mich daher auf die Schilderung der Wiener Verhältnisse beschränken: Vor ungefähr zehn Jahren hat eine kleine Gruppe von aufrechten Juden und musikalisch empfindenden Menschen den gänzlichen Mangel einer jüdischen Vereinigung zur Pflege des Chorgesanges schmerzlich empfunden und, um diese Lücke irn jüdischen Kulturleben auszufülien, einen Gesangverein ins Leben gerufen. Seit damals besteht auch in Wien ein j üdi sch e r Chorvere i n, aber er führt ein bescheidenes Dasein abseits vom jüdischen Publikum. Aus kaum 40 Damen und 20 Herren besteht die Schar der Unentwegten, die mit großen physischen und finanziellen Opfern den Bestand dieses einzigen jüdischen Chorvereines in Oesterreich sichern. Aber soll das j ü d i s c h e Volkslied, soll der jüdische Chorgesang immer und immer nur von insgesamt 60 Juden und Jüdinnen in Wien repräsentiert bleiben? Soll man wirklich glauben, daß die anderen Hunderte von Juden und Jüdinnen dieser Aufgabe, das ist die Pflege des jüdischen Chorgesanges, nicht gewachsen sind? Nein! Viel näher liegt die Annahme, daß die anderen nicht wollen! Abe.r doch! Sie wollen schonl Denn wir finden sie zum größten Teil ln anderen Gesangvereinen, wo sie vielleicht mit noch größeren Opfern der Musik anderer Völker dienen, ich möchte nicht mißverstanden werden! Es bleibe jedem Menschen unbenommen, diejenigen Lieder zu singen, die ihm behagen, denn die Musik ist ein internationales Kulturgut. Aber wo sonst hat man die Gelegenheit, unter anderen auch der jüdischen Muse zujJienen, als in einem jüdischen Gesangverein? Hoffentlich sind es aber nicht alle Juden, die nicht wollen! Es wird bestimmt noch ein Großteil vorhanden sein, denen diese Pflicht noch nicht zum Be- Herren- und Damen-Mielder nach NaO Ralcbe Sttffaanrihi. Zahltag nach Uebtrelnkomnan. Johann laclna Wien, VI., Marialillferstraße 107, Tel. B 3V-2-S8

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