Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3053752-3053753-3053796--0671-3055965- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 44 DIE STIMME Seite 3 ^;ad, wo ein Geseltschaftsabend des jüdischen Frauen wohltätigkeiisvereines stattfand, eine Bombe warfen, durch die drei Personen getötet und 25 schwer verletzt und zum Teil fürs Leben verkrüppelt wurden. Der Staatssekretär weigert sich aber, das Verfahren einzuleiten, weil es sich um Personen aus rassenschützlerlschen Kreisen handelt. Der Minister des Innern Szitovsky mußte zugeben, daß seit mehr als einem Jahre Angaben des Bürgermeisters von Csongrad Über die mutmaßlichen Attentäter von Csongrad dem Ministerium vorliegen und daß die Erhebungen, wie der euphemistische Ausdruck lautet, «noch nicht abgeschlossen» seien. Da also die Tatsachen zugegeben werden mußten, fühlten sich die Regierungsleute in ihrer Ehre beleidigt und es wurde eine Ehrenaffäre inszeniert. Durch sozusagen inoffizielle Drohungen mit Judenpogromen u. dgl. wurde der Abgeordnete Fabian zu einer «Erklärung» veranlaßt, in der er für seine «unbegründeten Anwürfe» Abbitte leistet, und daraufhin erklärten die Regierungsmänner die Angelegenheit für erledigt. Die Ehre der Nation ist gerettet und die Mörder von Csongrad bleiben amtlich geschützt. Juden dürfen nicht Militärflieger werden Aus Zagreb wird berichtet: Unter der Judenhebt Jugoslawiens herrscht große Erregung über einen jetzt erst bekannt gewordenen Geheimerlaß des Armeefliegerkommandos, in welchem vorgeschrieben wird, daß jüdische Soldaten nicht ais Fliegcreleven aufgenommen werden dürfen, daß Juden von der Miflitäravialik überhaupt ausgeschlossen bleiben und daß Fliegeroffiziere, die Jüdinnen heiraten, entlassen werden sollen. Der Verband der jüdischen Gemeinden Kroatiens hielt eine Protestversammlung ab, in der die Regierung auifgefordert wurde, diese Verordnung des Armeefliegerkommandos, die im Widerspruch mit der Verfassung steht, zu annullieren. Den Juden Rußlands werden ihre Wohnungen geraubt Die Politik des kalten Pogroms, die in Sowjetrußland gegen die Juden als «Träger der kapitalistischen .Wirtschaft» schonungslos geführt wird, geht ungehemmt weiter. Der bekannte jüdische Publizist B. S 1 u t z k y erhebt in dem Hauptorgan der jüdischen Sektionen der kommunistischen Partei, der Moskauer jüdischen Tageszeitung «Emeß», schwere Beschuldigungen gegen die lokalen Behörden in verschiedenen Teilen Sowjetrußlands, denen vorgeworfen wird, daß sie die Gesetze der Sowjetunion in der schimpflichsten Weise umbiegen bzw. mißbrauchen und ein grausames Regime gegen die deklassierten jüdischen Massen führen. U. a. zitiert Slutzky ein ukrainisches Gesetz, wonach jede Familie, deren Oberhaupt bis Juli 1927 sich mit Handel befaßt hat, k e i n R e c h t auf eine zwangsbewirtschaftete Wohnung hat. Das hieße also, daß die Wohnoingszwangswirtschaft allen früheren Kaufleuten nicht mehr ra.gum kommt und diese ihre Wohnungen, die sie seit einer unzähligen Reihe von Jahre bewohnen, räumen und sich Wohnungen, die nicht der Zwangswirtschaft unterliegen, neu kaufen müssen. Das Gesetz verursachte ungeheure Panik, es mußte deshalb dahin abgeändert werden, daß nur jene auf eine zwangsbewirtschaftete Wohnung keinen Anspruch haben, die noch heute dem Kaufmannsstande angehören und mindestens 3000 Rubel jährlich verdienen Die ausführenden Organe kehrten sich nicht nach dieser verbessernden Vorschrift und vertrieben rücksichtslos unzählige frühere jüdische K a u f m a n n s f a in i 1 i e n aus ihren alten Wohnungen, obwohl die Fainiiienoberihäuipter längst nicht mehr Kaufleute sind, sondern als Handwerker und Heimarbeiter sich ihr Brot verdienen oder arbeitslos sind. Ausnahmslos sind Juden Opfer dieser Maßnahmen. Viele hunderte jüdische Familien wurden durch diese Austreibungen vollkommen ruiniert. Zahlreiche Juden, die noch nicht fünf Jahre dem Arbeiterstande angehören, sind als Nichtarbeiter klassifiziert und aui s ihre n W o h n u n g e n vertrieben und dadurch an den Bettelstab gebracht worden. Das Ende des sibirischen Abenteuers Aus Moskau wird berichtet: Die jüdischen Kolonisten-Pjoniere in Bir-Bidscfian (Sibirien) haben vor kurzem in Chabarowsk eine Konferenz abgehaltcn, in der schwerwiegende Beschuldigungen gegen ' die Gesellschaft für jüdische Kolonisation «Ozet» erhoben worden waren. Die Verwaltung, so wurde erzählt, funktioniert.schlecht, es hätten etwa 50 Prozent der Neusiedler liir-Bklschän wieder verlassen. «Ozet» hatte einen Tageslolm von fünf Rubel für Arbeiten in den Wäldern und in den Reispiautagen in Aussicht gestellt, statt dessen verdient ein Arbeiter 75 Kopeken, zuweilen 50 oder 60 Kopeken. Der von «Ozdt» gestellte Apparate erwies sich ais unzureichend. Man bekam Boden zugeteilt, aber w e d e r totes noch lebendes Inventar. Das Pferdamaterial wurde vernachlässigt. Die Neuankömmlinge niuäten eine Zeitlang in Eisenbahnwagen wohnen. Diesen Klagen trat in idier Versammlung der Bevollmächtigte von «Ozet» in Bir-Bidsphan, Robinson, entgegen und warnte vor Uebertreibungen. Er gab aber zu, daß Fehler gemacht wurden und daß die Pioniere nicht genug zum Leben verdienen. Die katastrophale Ueberschwemmung dieses Sommers und die infolge der Überschwemmung aufgetretene sibirische Pest haben die Arbeit gestört und viele Pläne zunichte gemacht. Gewisse Fehler in der Verwaltung seien gemacht worden. Der Verwalter B a s k i n, der der brutalen Behandlung der Siedler bezichtigt worden war, ist von seinem Posten entfernt worden. Die Moskauer Zentrale von «Ozet» hat beschlossen, eine Untersuchungskommission zur Prüfung der von den Bir-Bidschan-Siedlern vorgebrachten Klagen einzusetzen. Weltkongreß der jüdischen Christen Jüngst fand, wie bereits kurz berichtet, in der Hamburger Jerusalem-Kirche der zweite «Weltkongreß» der« Internationalen Allianz der jüdischen Christen» statt. An den Tagungen, die den zweifellos jüdischen «Christen» Leib Levisohn zum Vorsitzenden hatten, nahmen nach einem offiziellen Bericht 153 Delegierte aus 18 Ländern teil, die in 25 Sprachen verhandelten, zumeist aber hebräisch und jiddisch. Wien war durch einen Herrn Ginzburg vertreten, der in der Seegasse eine Seelcnfängergreißlerei betreibt, während aus Palästina ein Herr namens Ewig auftrat und aus dem religionsfeindlichen Sowjetrußland «Johannes» Feitelmann Grüße iiberbrachte. Dieser erhob laute Klage Uber den Untergang der Religion hei Juden und Christen, äußerste sich aber im allgemeinen mit Anerkennung über die loyale Haltung der S o w j et b e h ö r d e n, die die «jüdischen Christen» ruhig gewähren lassen und ihre Propaganda in keiner Weise stören. ('Nichtchristliche Juden dagegen werden, wenn man sie. beim Talmudstudiuni «ertappt», in den Kerker gesetzt. Die Red.) Die Schmach in Permanenz Das Minaret auf der Tempelmauer — Araber mißhandeln jüdische Beter — Geringe Wirkung der Proteste Aus Jerusalem wird uns berichtet: Die Jom- Kippur-Attacke der britischen Polizei gegen die jüdischen Andächtigen an der Tenipeiniauer hat bisher keine Sühne gefunden. Die Palästina-Regierung schweigt und dieses schwelgen macht den Hetzern Mut. Da die britischen Behörden sich um den Artikel 13 des Palästina-Mandats, welcher der Mandatarmacht ausdrücklich die Verantwortung dafür überträgt, daß der freie Zutritt zu den heiligen Stät-, ten sowie die freie Ausübung der Andacht an denselben gesichert seien, nicht kümmert, sind Störungen der Gebete van Juden an der Teinpdmauer an der Tagesordnung. Am Sabbat des 20. Oktober -hat sich wieder ein empörender Vorfall abgespielt. Am frühen Morgen. als sich die ersten jüdischen Andächtigen vor der Klagemauer zmn Gottesdienst einfanden, erschien eine Gruppe Araber und forderte die Juden auf, Stühle md andere an der Mauer befindliche Gegenstände zu entfernen. Als die Juden sich weigerten, der Aufforderung Folge zu leisten, Sielen die Araber über sie her und verprügelten sie. Ein Jude namens Isaac Misrachi wurde so schwer mit einer Eisenstange geschlagen, Daß er schwere Kopfwunden davontnig. Zwei der angreneiideii Araber wurden verhaftet und vom Geiricht sofort zu je sechs Monaten Gefärig- I Hämorrhoiden sind heilbar! I I wenn sie Haimalan-Sallw und Zäpfchen verwenden i I Keine Sohmerzan! Keine Kirnungen! | I Rathaus-Apotheke, Wien, L, Rathausstraße 3 i H In »llcn Apetheken eiblltlich! fl rui-s verurteilt. Sie legten gegen das Urteil Berufung ein- Die Araber bauen an der Klagemauer weiter. Auif dem obersten Teil der Mauar wurde ein kleines Gebäude errichtet, das offenbar die Basis für ein Minaret bilden soll. Wie hier verlautet, beabsichtigen die Araber den Z u g a n g zur Klag etnauer durch ein Eisengitter zu sperren und den Juden nur za gewissen Stunden den Zutritt zu gestatten. Gegen die Bauarbeiten hat der Vorsitzende der -Zionistischen Palästina-Exekutive, Colonel Kish, beim stellvertretenden Qberkommissär von Palästina und auf telegraphischem Wege beim brit i s c h e n K o 1 o n i a 1 a ui t in London Protest eingelegt. Die Palästina-Regierung stellt auf dem Standpunkt, •sie habe kein Recht, die Bauairlbeiten an der Klagemauer zu verhindern, da es sich um »ein rein moslemitisches Heiligtum handle. Offenbar in sehr weitherziger Auslegung dieses Standpunktes hat der Distriktskommissär von Jerusalem, K e a th - R o a c h, vor einigen Tagen den Auftrag gegeben, daß die sechs an der Klagemauer befestigten Lampen, die an den Freitagabenden und an den Vorabenden der hohen jüdischen Feiertage den betenden Juden Licht spenden, en tfernt werden sollen. Als es aber wegeit dieses Befehls zu scharfen Protesten seitens der jüdischen Bevölkerung kam, hat die Regierung den Befehl zur Entfernung der sechs Lampen zurückgezogen. Sonst haben d;>e jüdischen Proteste gegen diesen Skandal in Permanenz bisher sehr wenig Wirkung gehabt. Die Erregung unter der J-udenheit Palästinas hält umvermindert an. Der von Öberrabbiner Kook für den 22. Oktober proklamierte Fasttag wurde 4n ganz Palästina eingehalten; auch Frauen und Kinder fasteten; in den Synagogen und an der Klagemauer wurden Trauerpsalmen gelesen. Ober-, rabbiner Kook hat an die Judenheitder ganzen Welt appelliert, ihre Stimme gegen das Unrecht zu erheben. Bisher hat auch eine Reihe von jüdischen Organisationen eindringliche Protestkundgebungen veranstaltet, so der Board of Deputier der britischen Juden, der deutsche orthodoxe R a b b i n e t v e r b a n d, die Alliance Israelit© Universelle, die Weltuniou der jüdischen Jugend (Zentralkomitee in Paris) u, va. Der Waad Leumi (jüdischer Nationalrat von Palästina) hat beschlossen, eine Proklamation am die Araber zu veröffentlichen und darin, sowie in mündlich»« Verhandlungen »mit arabischen Ver-: t r e t e r n zu erklären, daß, wenn auch di© westliche. Terrapehnauer als jüdischer Besitz betrachtet wird,' dies keineswegs eine Verletzung einer moslemitischen’ heiligen Stätte 'bedeutet. Der Waad Leumi beschloß; ferner, an die Regierung Palästinas die Aufforderung zu richten, gegen die antijüdische Verhetj z u n g s t ä t i g k ei t gewisser Kreise wirksame Mittel zu ergreifen, da die Regierung für alle Konsequenz zen jetzt und in Zukunft verantwortlich gemacht! werden muß. ' Der Oberste Rat der Moslemiten hat eine Konferenz von Delegierten ganz Palästinas einberufen, in welcher das Problem der Klagemauer,' behandelt werden soll. Man sieht dem Ausgang dieser Kontertn-A ■< großem Interesse entgegen und ist 'insbesondere j _ spannt darauf, wie die Kreise des moslemitischeli, Rates auf den an das Moslemitentum ergangenen1; friedlichen Appell des Waad Leu m i reagieren werden. Ein großes Protestmeeting in London In der Kingsway-TIall in London fand am. 23- Oktober ein von der Zionistischen Weltexekutwe’’ einberufenes großes Protestmeeting wegen der Vor-1 fälle am Jom Kippur vor der Klagemauer statt. Der Riesensaal war überfüllt. Den Vorsitz führte Dr. M. D. Eder, der ungefähr ausführte: Uns britischen Juden, die Vertrauen zuihrer Regierung haben, fällt es nicht leicht, gegen ihre Handlungen zu protestieren. Dennoch hat es di© englische zionistische Föderation für notwendig gefunden, die öffentliche Aufmerksamkeit darauf hinzulenkcn, daß die britische Beil ö r d e i n P a 1 ä s i i na die jüdischen religiösen Gefühle verletzt hat. Das Vorgehen der britischen Polizeibeamten war nicht nur brutal, sondern auch im tiefsten Sinne ungerecht. Wir appellieren, schloß Dr. Eder, an das britische Volk als an den Vorkämpfer für religiöse Freiheit und Töle ranz, wir appellieren an das Volk, das als erstes unter den modernen Nationen unser Recht auf ein Nationa lheim anerkannt hat. Nach Dr. Eder sprachen noch der Öberrabbiner: ■des britiscen Reiches Dr. H e r t z, das Mitglied der Exekutive Prof. S. B r o d e t z k y, Rev. J. K. G o 1 db 1 o o m und Chefredakteur Maurice M y e r, worauf die Versammlung cinmiitig folgende Resolution an na hm: 1. Dieses Massenmeeting der britischen Juden erhebt schärfsten Protest gegen die gottesläs-, t e r 1 i c h c H a n d 1 u n ,v d © r Boa m t e n, die sich j der Störung des heiligen Gottesdienstes an der west-, liehen Tempehtiauer am Versöhne ngstage schuldig; gemacht haben. Die Versammlung ist zu tiefst erregt über diesen Angriff auf die heiligsten äüdii-j sehen Gefühle an dem heiligsten Tage der jüdi-j sehen Religion an einer Stätte, die geheiligt ist von’ Gottesahbetung und Andachten unzähliger Ge*1 schlechter. 2. Die Versammlung ibedauert es, daß die Palä-; stina-Rcgierung den Ernst und die Auswirkungen^ dieser Beleidigung gegen das Haus Israel nicht b&w grafen hat, ste fordert im Einklang mit dem tfytdttgp