Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 44 Was sagt uns die Konferenz von New York? Von Dr. E. M. Zweig. Aus New York kommt Botschaft, die uns Zionisten zum Aufli •»rche.n zwingt. Die gute Beschickung der Konferenz nichtzionistischer Palästinafrcunde Amerikas, dann die Herzlichkeit, ja Begeisterung mit der dort die zionistischen Führer — wie Lord M e 1 c h e 11 als Präsident unserer English Federation, voran aber Dr. Chaim W e i z m a n n als Führer unserer demokratischen Weltorganisation — aufgenommen wurden, an denen man nicht gut Vorbeigehen kann. Warburg, Präsident des Joint-Distribution Com., fühlte sich gedrängt, die Hoffnung auszusprechen, daß nach Schaffung der erweiterten Jewish Agency alle Parteidifferenzen verschwinden und alle Juden einträchtig am Aufbau Palästinas Zusammenarbeiten werden. Und im Schlußwort zur Konferenz rief gar Louis Marsh all emphatisch aus: «Von heute ab sind wir nicht mehr in Nichtzionieten und Zionisten geteilt, wir sind nun eins!» Diese Tatsachen können und sollen uns Zionisten mit spontaner, naiver. Freude erfüllen, denn nach soviel — nicht immer zu vermeidendem — Hader ringt sich denn doch jene von den Vätern übernommene Leitidee von der Einigkeit des Gesamtjudentums siegreich durch. Und gerne geben wir uns der Hoffnung hin, welcher Weizmann mit den Worten Ausdruck lieh: «Die erweiterte Jewish Agency wird das leuchtende Symbol der geeinten jüdischen Front sein!» Denn, welcher warmherzige Jude darf den alten Spruch verleugnen!» Ko! Jisracl Chawerim.» New York ist aber auch ein Erfolg der Weizmannschen Versöhnungspolitik, wie sie von drei Zionistenkongressen und letzthin wieder in Berlin von der August-Tagung unseres Aktionskomitees gebilligt worden ist. Ohne Scheu sei hier unterstrichen, daß es die Politik Weizmanns ist, die da Erfolg hat. Denn e r war es, der uns über Balfour-Dekiaration und Mandat glücklich bis hieher führte, und i h m gilt aller Groll der Malkontenten. Freuen wir uns, daß die nach Berlin verstärkten Unkenrufe, welche neues Unheil prophezeiten, sich nicht bewahrheiten! Waren doch die mannhaften Beschlüsse, die das Aktionskomitee dort in seltener Geschlossenheit faßte und in denen es die Bedingungen der Zusammenarbeit mit den nichtzionistischen Palästinafreunden noch schärfer umriß als die Kongresse, zu einem Triumph der diversen Oppositionen umgedeutet worden und knüpfte man doch in einem Atem daran die Hoffnung, daß an diesen unseren Beschlüssen die weiteren Verhandlungen mit den anderen zuschanden werden. — Nun scheint wieder einmal Wcizmann Recht zu behalten, der in Benin nachdrücklichst empfohlen hatte, zionistische Grundsatztreue mit höflicher [Würde zu vereinen. Aber nicht nur um Stimmungen und Gefühle geilt es hier, sondern um Bedingungen und Paragraphen. Wie nun stellte sich die New Yorker Konferenz zu unseren Berliner Beschlüssen?! Marshall als Konferenzvorsitzender betonte in seinem Referat über die Vorschläge der Londoner «Joint Palesiine Survey Commission», daß die Differenzen zwischen deren Vorschlägen und den Berliner Beschlüssen zum Großteil auf bloßen Mißverständnissen beruhen und daß betreffs der Hauptziele Uebere Instimmung bestehe; er führte das auch im Detail aus. Da nun Marshall der führende Geist der Niclitzionisten oder, wie er selbst sie lieber nennen will, der «Unparteiischen» ist, hätte man erwarten dürfen, daß seine Meinung in der Hauptresolution der Konferenz niedergelegt und daß den zionistischen Bedingungen ausdrücklich beigestimmt werde. Das jedoch trifft leider nicht zu. Vielmehr nimmt die Resolution den Londoner Report zur Grundlage ihrer weiteren Aktion — mit dem unklaren Beisatz, daß man der erweiterten Jewish Agency bei etwa eintretenden geänderten Verhältnissen Aenderungen bezw. Ergänzungen der Aufbaupläne empfiehlt. Die Konferenz Hat weiters ein Organisationskomitee eingesetzt, das u. a. die Aufgabe hat, durch Verhandlung mit der Zionistischen Exekutive einen Ausgleich der Differenzen zwischen dem Londoner Report und dem Vorbehalten des Aktionskomitees herbeizuführen. Geben wir uns also keiner Täuschung hin! Jene Differenzen sind noch nicht bereinigt. Warum aber war die Konferenz von New .York in diesem Punkt so zu^ rückhaltend? Das läßt sich von hieraus nur erraten. Vielleicht war es verletzter Stolz der anderen, die in unseren Berliner Vorbehalten ein demütigendes Ultimatum sahen. Vergessen wir doch nicht, wie manch ein Mitglied des Aktionskomitees sich dagegen aufbäumte, der Londoner Report könne als Ultimatum gemeint sein! Ueberdies wurde ja von zionistischer Seite durch all die Jahre viel gesündigt, den guten Willen der anderen anzuzweifeln. Vielleicht aber auch schienen die Fragen zu kompliziert, um in einer Massenversammlung, wie die Konferenz es war, behandelt und gelöst zu werden. Hauptsache aber ist und bleibt der gute cm aas der ESttaftaersaSsweuaiBniB Tlcnna I., DoänerttaMC 41. Wille auf allen Seiten. Vertrauen und Vertrauen! Vertrauen vor allem zu unseren zionistischen Instanzen, die über den Prinzipien des Nationalheims treu den Kongreßbeschiüssen wachen, und nicht zuletzt Vertrauen zu unserem selbstgewählten Führer. Aber auch Vertrauen zum guten Willen der anderen! Es ist zwar nicht so, daß jene «parteilos» sind, wie sie das momentan in Ueberschwang der Gefühle glauben mögen. Gegensätze, die sich in Jahrzehnten herausgebildet haben, sind nicht mit der Hand wegzuwischen und werden — wenn auch allmählich gemildert — stets wieder hervorkommen, ln der/Arbeit für Erez Israel jedoch können wir und die anderen getrost ein Stück Weges gemeinsam gehen. Für den guten Willen der «Nichtzionisten» oder «Nochnichtzionisten» spricht außer dem eingangs Gesagten noch manch anderes Moment. So der Appell einer wirtschaftlichen Autorität, wie Dr. Lee K. Frenke!, der binnen zwei Jahrzehnten 500.000 Juden neu in Palästina angesiedelt haben will, und spricht ganz gewiß der Eifer der Konferenz, mit der sie den organisatorischen Aufbau der erweiterten Agency betrieb. Wir Zionisten brauchen daher mit den Ergebnissen der Konferenz von New York nicht unzufrieden sein. Tel. ü 25-2.37 TUCH HAUf MÜNZ WIENI ERTLGASSE Nr. 4 KRAMERGASSE II dmport Orig. englischer, schottischer u. irischer ZDamenu, ZKerrenstöffe ZDetailverkauf zu Engrospreisen Die Verhandlungen mit den nichtzionistischen Palästinafreunden sind auf gutem Wege und werden hoffentlich — zum Segen unseres Volkes und Landes *— zum vollen Abschluß führen unter der Devise: «Clara pacta, boni amici.» Regierungsschutz für Mörder Die ungarischen Studentenkrawalle im Parlament. — Die Bombenattentäter von Csongrad werden von der Regierung geschützt. Aus Budapest wird uns geschrieben: Die «Aktion» der antisemitischen Studentenschaft zur Aufrechter'haJtung des vollen Numerus clausus ist auch' in die Provinz getragen worden. In Debreczen und FünfkÜrchen wurden nach' dem Budapester Muster die jüdischen Hörer aus den Hochschulen hinausgeprügelt. Darauf wurden die Hochschulen geschlossen. In Budapest haben die Behörden Razzien auf demonstrierende Hochschüler veranstaltet, bei denen, wie zu erwarten war, nicht die Prügelstudenten, sondern gänzlich unbeteiligte Arbeiter und auch einige geprügelte Juden «gefaßt» wurden; so hat man wieder das Gesicht gewahrt. Die von den Oppositionsparteien unternommene padamcntafrische Erörterung -der Ausschreitungen hat zu einer bemerkenswerten Affäre geführt, welche wieder einmal das wahre Antlitz der ungarischen «Ordnung» zeigt. Der demokratische Abgeordnete F a b i a n wart dem Staatssekretär im Innenministerium S t r a n j asky vor, er habe seit April 1927 Kenntnis davon, wer die Personen waren, die im Jahre 1923 in den Ballsaal eines Hotels in Cson- Bei jüdischen Pionieren in Brasilien Von Akiba Ettinger. Schon in Rio de Janeiro erfuhr ich einiges über die neuen jüdischen Pflanzer in Mogy im Staate San Paolo. Und in der gleichnamigen Hauptstadt dieses wichtigsten brasilianischen Pflanzerstaates hörte ich Dinge über die Siedler in Mogy, die mich zu einem Abstecher dorthin bewogen, ich hatte später keinerlei Grund, diesen Besuch zu bedauern. Die Autofahrt durch tropische Wälder, unterbrochen von weiten, versumpften Strecken, war alles eher als langweilig. Ab und zu sauste das Auto an einem schmucken, zumeist von italienischen Kolonisten bc- 'wuhnten, ^isenbahnstädtchen vorbei. Reiches, regenreiches Klima. Tiefe, rotgefärbte, dankbare Erde. Herrlicher Baumwuchs, dichte Sträucher und Gräser. Europäische Besiedlung in den ersten Anfängen. Die großen Güter — im Stadium der Zerbröckelung. Schilder straßenentlarag mit Angeboten kleiner Anteile zu günstigen Zahlungsbedingungen. In Lusano und St. Miguel, zwischen San Paolo und Mogy, haben sich Juden solche Anteile gekauft. Und mm Mogy! Das Auto bringt mich am Städtchen mit etwa 10.000 Einwohnern vorbei, direkt hinein in die jüdischen Gärten. Die hügelige Gegend — waldlos hier — erinnerte mich lebhaft an ähnliche Hügeltandschaften am Dnjestr. Und nicht mehr allzu überraschend war daher die Einfahrt durch ein nach südrussischer Art gebautes Tor, nicht allzu erstaunlich die Begrüßung seitens der Siedler in reinem südrussischem Jiddisch. Nicht allzu überrascht war ich auch — ich hatte mich in Südamerika bereits daran gewöhnt — alte Bekannte von mir aus der alten Heimat hieranzutreffen. Diesmal war es mein alter Freund Israel Gr inberg, Weinbauer aus Jaruga, mit seinen drei, erst einige Jahre verheirateten Söhnen, die einst vor 15 bis 20 Iahren Lehrlinge un i Praktikanten bei mir waren. Einer der Söhne ijißm noch vor dem Kriege hieher und hat sich vom Geschäfte eines Peddlers — liier von den neu eingewanderten Juden «Klientelsohtschik» genannt — zu einem offenen Manufakturwarengeschäft hinaufgearbeitet und hat dann seine zwei Kinder und vor sechs Jahren auch seine Eltern nachkommen lassen Die Kinder haben sich hier verheiratet. Einer von ihnen holt sich eine Kolonisten tochter aus der argentinischen Kolonie Hasadilbaso. Sie träumten alle von einem Wein- und Obstgarten, wie sie ihn in Jaruga hatten, wo sie ihn durch Krieg und Revolution verloren. Als der Vater kam, wurde der Plan reif. Bei Mogy wurde ein passendes Terrain gekauft — und das Pflanzen hob an, nach den Regeln und Lehren, die sie sich am Dnjestr angeeignet hatten, inmitten der tropischen Landschaft. Warum nicht? trägt Ford im seinem Buche «Today und to-morrow». Warum sollten andere nicht gleich ihm handeln und mit den gleichen Erfolgen wie er? Warum nicht? fragen mich die drei, vier Grinbergs. Warum sollte nicht der Weingarten, den sie nach allen guten Regeln europäischen Weinbaues auf Draht spaliermäßig heranziehen, wobei sorgfältig die Sorten airsgewählt wurden und die Behandlung eine liebevolle ist — warum sollte er hier nicht ebenso guten Ertrag haben, wie dort am Dnjestr, wo sie vor dem Kriege eine Jahreseinnahme von 5000 bis 6000 Rubel hatten? Warum sollten sie nicht hier die ihnen gut bekannten Methoden anwenden, wie ihrerseits ihre italienischen Nachbarn ihre Art zu bauen und zu pflanzen mitgebracht haben? Die Orinbergs halben in ihren ganz dnjestrmäßig aussehenden Pflanzungen auch ein nach Dnjestrart erbautes, strohgedecktes Haus gebaut, obgleich hier Stroh recht rar ist. Sie haben mit viel Liebe auch Bienenzucht eingeführt — ganz in denselben Bienenstöcken, wie sie sie einst in Jaruga besaßen. Man spürt die innige Beziehung dieser richtigen Pioniere zu jeder gepflanzten Rebe, m jedem veredelten Pfirsichbaum. Sie sind stolz darauf, die ersten Huden im Staate San Paolo zu sein, die vom Handel zur Landwirtschaft übergehen. Sie wissen, daß sie «Rebbegeid» zu zahlen haben. Die Italiener zahlen ja auch, aber es lohnt doch. Sie selbst haben bereits am Dnjestr viel Rebbegeid gegeben — und es lohnte damals sehr. Hier sind sie in der Umgegend die ersten, die Tafeltrauben und europäische Obstsorten angepflanzt haben. Sie fragen nun, ob hier, im Staate San Paolo, etwa 900 Meter über dem Meeresspiegel, die Reben, die Birn- und Apfelbäume gute Ernten zeitigen werden Wie sollen sie weiterhin formieren? Wie die Termitenplage los werden? Mit tiefster Betrübnis werden die entsetzlichen Verwüstungen der unterirdischen Maeterlinokschen «Heiden« an den für die Rcbspaliere benützten Holzpfählen demonstriert. Soll man denn wegen der kleinen weißen Tierchen diese bequeme Form der Rebzucht, die am Dnjestr so vortreffliche Resultate gegeben hat, hier aufgeben? Die Grinberg's merkten von Anfang an,, daß ich sie zum Experimentieren auf eigene Faust nicht animieren wollte. Ich habe ihnen dann beim Kaffee, der hier — ln seinem bedeutendsten Anbauzentrum der Weit *— entzückend aromatisoh war, deutlich meine Ansicht über die Notwendigkeit der Anpassung an Kulturen und Methoden dargelegt, die seit längerem durch andere Landwirte in dieser Gegend ausprobiert und entwickelt worden sind. Als dabei wieder von Rebbegeid gesprochen wurde, sagte die Kolonistentochter, die einen prächtigen zweijährigen Buben auf dem Arm trug, es wäre schon besser, das Rebbegeid in Palästina zu zahlen, als hier unter den Italienern und Schwarzen die Kinder aufwachsen zu lassen. Dieser Gedanke, der in den vier Familien sicher nicht zum erstenmal auftauchte, wurde von den Brüdern weitergesponnen und von dem Vater mit sichtlicher Sympathie verfolgt. Die in Mogy unterdes erworbenen Mittel würden eine Uetoerfahrt gestatten und die Anlage von Farmen für die vier Familien ermöglichen. Ich mußte die unermüdlichen Wanderer und Pioniere wieder zur nötigen Vorsicht gemahnen. Auf dem Rückwege nach San Paolo wünschte kli uns neben unseren Ghaluzim die Ueberwanderung und Ansiedelung solcher Grlnbergs. Sie werden, so glaubt ich, zu uns kommen, auch wenn man sie vor Umw» sichtigkeit warnt.